SchwangerschaftFinger weg!

Unsere Autorin ist schwanger – ein wunderbares Gefühl. Nur leider wollen dauernd irgendwelche Leute ihren Bauch anfassen

Am Anfang meiner Schwangerschaft, als noch nicht mehr zu sehen war als eine kleine Wölbung über dem Hosenbund, starrten mir alle verstohlen auf den Bauch. Sie sagten nichts und blickten schnell wieder weg, als hätten sie etwas Unanständiges erspäht. Schließlich gibt es nichts Peinlicheres als die Frage: »Bist du schwanger?«, und die Frau sagt: »Nein, das ist nur eine Plauze.« Aber sobald offensichtlich ist, dass der Bauch auf keine Gewichtszunahme zurückzuführen ist, gibt es kein Halten mehr.

Ich bin jetzt im fünften Monat schwanger und stelle fest, dass der Spruch »Mein Bauch gehört mir« zwar zu Recht für Frauen gilt, die kein Kind wollen, nicht aber für Frauen, die eines erwarten. Mindestens einmal pro Woche fasst mir jetzt jemand an den Bauch. Neulich erst wieder ein Bekannter, den ich zuletzt vor zwei Jahren gesehen habe und mit dem ich nie so eng war, dass es zu spontanen Berührungen gekommen wäre. Als wir uns zufällig beim Einkaufen begegneten, zeigte er auf meinen Bauch, ich sagte, ja, ich bin schwanger, und schon lag seine flache Hand fünf Zentimeter über meinem Schambein. Aber Scham ist offenbar ein Luxus, den man Schwangeren nicht zugestehen will.

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Meist sind es Kinderlose, und da vor allem Männer, die einem an den Bauch fassen. Die Männer fragen üblicherweise auch nicht, als gäbe es nichts Normaleres, als den Bauch einer Schwangeren zu berühren. Vielleicht rechtfertigen sie sich insgeheim damit, dass die Frau so offensichtlich vergeben ist und sie deshalb auch mal eine Berührung riskieren können, die sonst zumindest als heikel einzustufen wäre. Am liebsten möchte ich ihnen den bereits erwähnten Schlachtruf der Frauenbewegung zurufen: Mein Bauch gehört mir! Aber will ich andererseits im weiblichsten aller Umstände dastehen wie eine verbissene Emanze, die Bauchgrapscher zurechtweist, als seien sie Busengrapscher? Die Geste des Handauflegens hat ja auch etwas Segnendes, ist gut gemeint, da will man nicht die Stimmung verderben. Typisch weiblich ist das – und sicher haben Feministinnen ganz recht, die beklagen, dass Frauen, die nicht Nein sagen können, der Ursprung allen Übels sind.

Mein Körperzustand ist jetzt für alle sichtbar, jeder weiß, wie es dazu gekommen ist. Trotzdem will ich meine Privatsphäre nicht aufgeben, und mein Bauch gehört definitiv dazu. In den neunziger Jahren gab es eine Zeit, da waren bauchfreie Shirts und Hüfthosen in Mode. Mittlerweile ist die Kleidung zwar alles andere als züchtig geworden, aber auffällig ist: Zumindest der Nabel bleibt bedeckt. Der Bauch ist eine der empfindlichsten Zonen des Körpers, dort hat das Innerste seinen Sitz, das Bauchgefühl. Hunde, die sich einem Gegner unterwerfen, legen sich auf den Rücken und geben ihr Verletzlichstes preis, den Bauch. Kürzlich konnte man bei der Fußball-EM eine Spanierin im Publikum sehen, die sich »España« auf den Bauch geschrieben hatte, dort wo die Intuition zu Hause ist. Das wirkte seltsamerweise noch intimer, noch ehrlicher als bei der Frau, die sich das Dekolleté über dem Bikini in den Nationalfarben bemalt hatte.

Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass ein Bauch mit einem Kind darin Allgemeingut ist, weil da ein Spross der Menschheit heranwächst, sozusagen unser aller Rentennachwuchs, den man auch vor der Geburt schon mal streicheln darf. Manche tragen dabei ein Leuchten in den Augen, als sei so ein Schwangerenbauch etwas ganz und gar Mystisches. Die meisten haben eben einfach keine werdenden Mütter mehr um sich. Ich frage mich, was sie erwarten, wenn sie den Bauch berühren: dass ein Funke auf sie überspringt, weil sie das Wunder des Lebens quasi mit Händen greifen? Demnach wäre der Bauch der Schwangeren die Klagemauer der Atheisten, hier steckt man Zettel rein in der Hoffnung, von Gott erhört zu werden, dort berührt man etwas, worin sich das Göttliche manifestiert.

Kollegen rieten mir, ein T-Shirt bedrucken zu lassen mit dem Spruch »Bitte nicht berühren« – vermutlich die einfachste Lösung. Es könnte ein Bestseller in den Umstandsmode-Läden werden.

 
Leserkommentare
  1. "Die meisten haben eben einfach keine werdenden Mütter mehr um sich."

    Bingo!

    Das wird sich wohl mit der weitersinkenden Geburtenrate in den nächsten Jahren nicht bessern. Zunehmend wird Schwangerschaft, vorallem unter Nicht-Eltern, als "magisch" wahrgennommen...
    Das mit dem T-Shirt ist somit eine gute Idee und wirklich zum Verkaufschlager geeigent. Distanzlose Menschen, die glauben, Schwangere ankrabbeln zu können, würden vielleicht bewusster über ihre Handlung nachdenken ;)

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  2. darf nun, am eigenen Leibe erfahren, wie sich der "Mutterschaftsbetrug in Deutschland" auch handgreiflich auswirkt."
    Meist sind es Kinderlose, und da vor allem Männer, die einem an den Bauch fassen. Die Männer fragen üblicherweise auch nicht, als gäbe es nichts Normaleres, als den Bauch einer Schwangeren zu berühren."

    Warum ausgerechnet deutsche Frauen dem Staat das Kinderkriegen verweigern und auch in Zukunft nicht gewillt sind, ihre Gebärverweigerung aufzugeben, lese frau im gleichnamigen Buch " Der Mutterschaftsbetrug" Vom Unwert zum Mehrwert des Mutterseins in Deutschland, Christa Mulack, 2008,2.bearb.

    Diese schonungslose Analyse scheint in ihrer Brisanz immer aktueller zu werden, dank völlig gescheiterter Familien- und Sozialpolitik

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  3. das Nein-Sagen.

    Wenn Ihr Kind dann nämlich auf der Welt ist, wird keiner mehr Sie begrabschen wollen, sondern Wildfremde werden ihre Köpfe in den Kinderwagen stecken und Kopf, Händchen und Füßchen Ihres Babys tätscheln und begrabbeln.
    Mein Mann war in solchen Situationen dann männlich direkt und knurrte bei herannahender fremder Hand gleich: "Vorsicht, sie ist bissig!"

    k.

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    Ja, kassandra, es gibt ja deshalb für Neugebore schon Bodys mit der Aufschrift "nicht anfassen, nur gucken!".

    Von daher wundere ich mich, wenn es sowas (aus dem Artikel)

    "Kollegen rieten mir, ein T-Shirt bedrucken zu lassen mit dem Spruch »Bitte nicht berühren« – vermutlich die einfachste Lösung. Es könnte ein Bestseller in den Umstandsmode-Läden werden."

    nicht schon geben würde.

    als kind hab ich mal gelernt, man guckt mit den augen und nicht mit den fingern.

    wir haben die betreffenden, teilweise wildfremden personen auch gerne mal gefragt, ob sie mit dem ice durch die kinderstube sind, weil nix hängengeblieben ist.

    ein nein ist nicht anstößig sondern weist lediglich eine anmaßende person in die schranken.

    Ja, kassandra, es gibt ja deshalb für Neugebore schon Bodys mit der Aufschrift "nicht anfassen, nur gucken!".

    Von daher wundere ich mich, wenn es sowas (aus dem Artikel)

    "Kollegen rieten mir, ein T-Shirt bedrucken zu lassen mit dem Spruch »Bitte nicht berühren« – vermutlich die einfachste Lösung. Es könnte ein Bestseller in den Umstandsmode-Läden werden."

    nicht schon geben würde.

    als kind hab ich mal gelernt, man guckt mit den augen und nicht mit den fingern.

    wir haben die betreffenden, teilweise wildfremden personen auch gerne mal gefragt, ob sie mit dem ice durch die kinderstube sind, weil nix hängengeblieben ist.

    ein nein ist nicht anstößig sondern weist lediglich eine anmaßende person in die schranken.

  4. "Demnach wäre der Bauch der Schwangeren die Klagemauer der Atheisten, hier steckt man Zettel rein in der Hoffnung, von Gott erhört zu werden, dort berührt man etwas, worin sich das Göttliche manifestiert."

    Ähem, Atheisten, die hoffen, von einem Gott erhört zu werden, sind offensichtlich keine Atheisten, weil sie dann ja anscheinend an einen oder mehrere Götter glauben. Eine reichlich sinnlose und inhaltsfreie Metapher...

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  5. "sicher haben Feministinnen ganz recht, die beklagen, dass Frauen, die nicht Nein sagen können, der Ursprung allen Übels sind."

    Gut erkannt. Sie schreiben also einen Artikel, um sich über sich selbst zu beklagen?
    Ihr eigenes Verhalten zu ändern, wäre vermutlich sinnvoller!

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  6. Warten Sie mal ab - die Babygrapscher stehen schon bei Fuß! Gerne ältere Damen, die keinerlei Gespür für Verhältnismäßigeit haben. Und wenn ihr Kind dann in dem Alter ist, in dem manche Kinder keinen Schnuller mehr brauchen, werden Sie regelmäßig von wildfremden Personen darauf hingewiesen werden, daß der/die 'Kleine doch schon zu alt für den Dutzi' sei - wobei gern am 'Dutzi' gewackelt wird! Das ist aber noch nichts gegen die Leute, die Müttern ungefragte Ratschläge zu jedem, das Baby betreffendem Thema, Ratschläge geben wollen. Ohren auf Durchzug und 'Nein' sagen üben ist nicht das Schlechteste :-)

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  7. Aus dem Artikel:

    "Als wir uns zufällig beim Einkaufen begegneten, zeigte er auf meinen Bauch, ich sagte, ja, ich bin schwanger, und schon lag seine flache Hand fünf Zentimeter über meinem Schambein. (...) Meist sind es Kinderlose, und da vor allem Männer, die einem an den Bauch fassen."

    Beim Lesen dieser Passage war ich wirklich peinlich berührt und fragte mich, meine Güte, was für einen Bekanntenkreis muß die arme Frau haben, aus dem soviele kinderlose Männer nicht an sich halten können? Ich (Mann und noch kinderlos) käme im Traum nicht auf die Idee eine Frau (schwanger oder nichtschwanger) in dieser Weise zu begrabschen (es sei denn sie wäre meine Partnerin, und dann aber auch nicht vor dem Lebensmittelkühlregal), und ich habe auch noch nie eine schwangere Frau oder ihren Partner (da gab und gibt es viele in meinem Bekannten- und Freundeskreis) sich darüber beklagen gehört. In meinen Augen ein absolutes No Go.

    Ich frage mich allerdings trotzdem leicht verunsichert nach Lesen des Artikels, ob tief in mir vielleicht doch ein geheimer Schwangerenbegrabscher wohnt und auf ein geeignetes Opfer lauert. Einmal der unterdrückten Sehnsucht nach Nachwuchs durch einen beherzten Griff an einen Bauch, in dem neues Leben wächst, Ausdruck verleihen? Vielleicht passender Gegenstand für eine wissenschaftliche Untersuchung.

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    das steckt zumindest scheinbar wirklich in mehr Menschen, als man denkt. Kann den ganzen Artikel nur unterschreiben.

    das steckt zumindest scheinbar wirklich in mehr Menschen, als man denkt. Kann den ganzen Artikel nur unterschreiben.

  8. gibt es meiner Meinung und Beobachtung nach in vielen Gebieten, wo sie wirklich unangebracht ist.

    Nicht falsch verstehen, ich möchte mich nicht für eine steife Höflichkeit und zementierte Mauern zwischen Individuen ausprechen.
    Überhaupt nicht.
    Nur sollte man wissen, wen man vor sich hat und sein Verhalten dementsprechend anpassen.
    Offenheit bedeutet für mich, jedem, den man trifft, eine Chance einzurämen, ein enger Freund zu werden. Was natürlich nur bei den Wenigsten passiert. Es heißt nicht, von Anfang an jede Distanz fallen zu lassen.

    Und manchmal gibt es Konstellationen, die es sehr schwierig machen, ein tiefes freundschaftliches Verhältnis zu erhalten. Ich halte zum Beispiel nichts von Chefinnen und Chefs, die einen auf Kumpel machen. Sicher, eine Führungskraft sollte nicht das unnahbare A....loch geben, sondern höflich, freundlich und verständnisvoll sein, aber sie muss auch manchmal Entscheidungen treffen, die unangenehm sind. Und das ist schwierig, wenn man eng befreundet ist. Es gibt bestimmt Menschen, mit denen das funktioniert, aber im Allgemeinen wird das wohl kaum gut laufen, auch in Hinblick auf weitere Teammitglieder.

    Eine Leserempfehlung

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