Die Chinesen kennen China. Sollte man meinen. Doch chinesische Zukunftsforscher sind vollkommen uneins, wie es mit dem Land weitergehen wird. Die einen sagen, das politische System werde in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren implodieren, zu stark seien die sozialen Spannungen, zu diktatorisch seine Herrscher. Die anderen prognostizieren, immer mehr Menschen werde es gut gehen unter einer straffen Führung. Tatsächlich ist China auf der Suche nach seiner Identität: Ist es noch kommunistisch oder schon wieder konfuzianisch? Ist es noch ein Dritte-Welt-Land oder schon eine moderne Nation? Wie lässt sich die enorme wirtschaftliche Dynamik politisch und intellektuell einholen?

Die vernichtende Diagnose der Soziologen lautet, es gebe jetzt, in einer Übergangsgesellschaft, die aus dem politisch verordneten Atheismus kommt und sich erst vorsichtig ihrer großen Traditionen erinnert, ein geistiges Vakuum. Gu Xuewu, Direktor des Zentrums für globale Studien an der Universität Bonn, sagt: »China braucht eine Erneuerung, um dieses Vakuum zu füllen.« Vakuum heißt hier Geist-Leere und Sinn-Leere. Die entscheidende Frage lautet, ob die Religion als traditionelle Sinnstifterin künftig eine Rolle spielen wird. Wie religiös ist China noch? Und wie tief muss man schürfen, um auf die verschütteten Fundamente des alten Glaubens zu stoßen?

Es ist nicht leicht, der Religion auf die Spur zu kommen. Seit 60 Jahren herrscht die Kommunistische Partei, und seit 30 Jahren durchläuft das Land eine Transformation hin zu einem gnadenlosen Turbokapitalismus, da sind in den Megacitys nur noch wenige Inseln geblieben, wo sich Glaube manifestiert. Theologische Fragen kommen im öffentlichen Diskurs nicht vor. An Schulen und an Universitäten spielt das Thema Religion kaum eine Rolle. Zivilgesellschaftliche Debatten zum Thema gibt es nicht, schon deshalb, weil Grundvoraussetzungen wie Versammlungsfreiheit fehlen und weil in einem Volk von mehr als 1,3 Milliarden Menschen, von denen rund 90 Prozent als Atheisten gelten, selbst die Gebildeten extreme Wissenslücken haben.

»Vatikan?« – »Noch nie gehört.« – »Katholische Kirche? Papst?« – »Was ist das?« Ein 21-jähriger Student, der demnächst von seiner Hochschule in Shanghai wegen seiner exzellenten Leistungen auf die Elite-Universität Tsinghua in Peking wechselt, kennt diese Begriffe nicht. Erst nach einer Weile des Nachdenkens fragt er, ob Vatikan und Papst irgendetwas mit Jesus Christus zu tun hätten. Dabei spricht er den Namen Jesus Christus so zögerlich aus, dass klar ist: Er weiß nicht, wovon er redet. Es ist etwa so, als ob ein Student im Westen unsicher wäre, ob der große chinesische Gelehrte Konfuzius oder Konfitüre heißt. Die Unkenntnis des Studenten ist kein Einzelfall. Selbst Gläubige wissen oft nicht Bescheid. Eine junge marienfromme Katholikin antwortet auf die Frage, ob sie einmal den Papst besuchen wolle: »Ja, ich würde gern nach Jerusalem fahren.« Außerdem sei da ja auch Jesus geboren worden.

Viele Glaubende können nicht erklären, woran genau sie glauben

Doch auch die eigene, östlich spirituelle Tradition ist im Bewusstsein der Chinesen nicht mehr tief verankert. Die 28-jährige Akademikerin Wang Yuan überlegt nicht lange, wenn man sie fragt, woran sie glaube. »Eigentlich an nichts«, sagt sie. Sobald sie aber über die Schwelle eines buddhistischen Tempels tritt, wird sie andächtig. Es überkomme sie ein Gefühl des Friedens. Ihr Blick ist auf den großen Buddha gerichtet, der den Raum füllt. Verehrt sie hier einen Gott? Spricht sie im Geist ein Gebet? »Eigentlich genieße ich nur den Moment. Mehr will ich nicht.«

Es ist wie so oft mit der Religion überall auf der Welt: Viele Glaubende können nicht erklären, woran genau sie glauben. Sie suchen nach einem höheren Sinn ihres kleinen Lebens und haben ein unklares Bedürfnis nach einer transzendenten Welt. Friedrich Schleiermacher hat dies in seinem am menschlichen Gefühl orientierten Religionsverständnis als »Sinn und Geschmack für das Unendliche« bezeichnet.

Für dieses Bedürfnis gibt es heute durchaus ein Angebot in China. Der Staat verteufelt die Religion nicht mehr im Sinne von Karl Marx als »Opium des Volkes«, wie es noch zu Lebzeiten Mao Zedongs geschah. Denn seit dem »Großen Sprung nach vorn« 1958 hatte die Partei Religion nicht nur verboten, sondern auch bekämpft: In den knapp 20 Jahren bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 wurden 70 Prozent der Tempel, Kirchen, Moscheen und Klöster zerstört.