ReligionChinas Sinn fürs Unendliche

Zwischen politisch verordnetem Atheismus und Rückbesinnung auf die Religion: Besuch bei einer Übergangsgesellschaft von 

Ein tibetanischer Mönch in Peking

Ein tibetanischer Mönch in Peking  |  © Diego Azubel/dpa

Die Chinesen kennen China. Sollte man meinen. Doch chinesische Zukunftsforscher sind vollkommen uneins, wie es mit dem Land weitergehen wird. Die einen sagen, das politische System werde in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren implodieren, zu stark seien die sozialen Spannungen, zu diktatorisch seine Herrscher. Die anderen prognostizieren, immer mehr Menschen werde es gut gehen unter einer straffen Führung. Tatsächlich ist China auf der Suche nach seiner Identität: Ist es noch kommunistisch oder schon wieder konfuzianisch? Ist es noch ein Dritte-Welt-Land oder schon eine moderne Nation? Wie lässt sich die enorme wirtschaftliche Dynamik politisch und intellektuell einholen?

Die vernichtende Diagnose der Soziologen lautet, es gebe jetzt, in einer Übergangsgesellschaft, die aus dem politisch verordneten Atheismus kommt und sich erst vorsichtig ihrer großen Traditionen erinnert, ein geistiges Vakuum. Gu Xuewu, Direktor des Zentrums für globale Studien an der Universität Bonn, sagt: »China braucht eine Erneuerung, um dieses Vakuum zu füllen.« Vakuum heißt hier Geist-Leere und Sinn-Leere. Die entscheidende Frage lautet, ob die Religion als traditionelle Sinnstifterin künftig eine Rolle spielen wird. Wie religiös ist China noch? Und wie tief muss man schürfen, um auf die verschütteten Fundamente des alten Glaubens zu stoßen?

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Es ist nicht leicht, der Religion auf die Spur zu kommen. Seit 60 Jahren herrscht die Kommunistische Partei, und seit 30 Jahren durchläuft das Land eine Transformation hin zu einem gnadenlosen Turbokapitalismus, da sind in den Megacitys nur noch wenige Inseln geblieben, wo sich Glaube manifestiert. Theologische Fragen kommen im öffentlichen Diskurs nicht vor. An Schulen und an Universitäten spielt das Thema Religion kaum eine Rolle. Zivilgesellschaftliche Debatten zum Thema gibt es nicht, schon deshalb, weil Grundvoraussetzungen wie Versammlungsfreiheit fehlen und weil in einem Volk von mehr als 1,3 Milliarden Menschen, von denen rund 90 Prozent als Atheisten gelten, selbst die Gebildeten extreme Wissenslücken haben.

»Vatikan?« – »Noch nie gehört.« – »Katholische Kirche? Papst?« – »Was ist das?« Ein 21-jähriger Student, der demnächst von seiner Hochschule in Shanghai wegen seiner exzellenten Leistungen auf die Elite-Universität Tsinghua in Peking wechselt, kennt diese Begriffe nicht. Erst nach einer Weile des Nachdenkens fragt er, ob Vatikan und Papst irgendetwas mit Jesus Christus zu tun hätten. Dabei spricht er den Namen Jesus Christus so zögerlich aus, dass klar ist: Er weiß nicht, wovon er redet. Es ist etwa so, als ob ein Student im Westen unsicher wäre, ob der große chinesische Gelehrte Konfuzius oder Konfitüre heißt. Die Unkenntnis des Studenten ist kein Einzelfall. Selbst Gläubige wissen oft nicht Bescheid. Eine junge marienfromme Katholikin antwortet auf die Frage, ob sie einmal den Papst besuchen wolle: »Ja, ich würde gern nach Jerusalem fahren.« Außerdem sei da ja auch Jesus geboren worden.

Viele Glaubende können nicht erklären, woran genau sie glauben

Doch auch die eigene, östlich spirituelle Tradition ist im Bewusstsein der Chinesen nicht mehr tief verankert. Die 28-jährige Akademikerin Wang Yuan überlegt nicht lange, wenn man sie fragt, woran sie glaube. »Eigentlich an nichts«, sagt sie. Sobald sie aber über die Schwelle eines buddhistischen Tempels tritt, wird sie andächtig. Es überkomme sie ein Gefühl des Friedens. Ihr Blick ist auf den großen Buddha gerichtet, der den Raum füllt. Verehrt sie hier einen Gott? Spricht sie im Geist ein Gebet? »Eigentlich genieße ich nur den Moment. Mehr will ich nicht.«

Es ist wie so oft mit der Religion überall auf der Welt: Viele Glaubende können nicht erklären, woran genau sie glauben. Sie suchen nach einem höheren Sinn ihres kleinen Lebens und haben ein unklares Bedürfnis nach einer transzendenten Welt. Friedrich Schleiermacher hat dies in seinem am menschlichen Gefühl orientierten Religionsverständnis als »Sinn und Geschmack für das Unendliche« bezeichnet.

Für dieses Bedürfnis gibt es heute durchaus ein Angebot in China. Der Staat verteufelt die Religion nicht mehr im Sinne von Karl Marx als »Opium des Volkes«, wie es noch zu Lebzeiten Mao Zedongs geschah. Denn seit dem »Großen Sprung nach vorn« 1958 hatte die Partei Religion nicht nur verboten, sondern auch bekämpft: In den knapp 20 Jahren bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 wurden 70 Prozent der Tempel, Kirchen, Moscheen und Klöster zerstört.

Leserkommentare
    • Effbeh
    • 19. Juli 2012 14:29 Uhr

    der Artikel zeigt worum es eigentlich bei der Frage nach der Religion geht. nicht um Macht, nicht um Wahrheiten, nicht um Dogmen, nicht um Rituale, nicht um Bindung an eine bestimmte Gruppe, nicht um übernatürliche Phänomene.
    Sondern um Sinn. Die Konfuzianische Lehre war ein Sinnsystem. Etwas um das wir auch im Westen wieder mehr ringen sollten, nach dem Scheitern der postreligiösen Ideologien und dem abzusehendem Scheitern der aktuellen Political Correctness Religion.

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    Man sollte sich dann doch zweimal überlegen, ob man einer Gesellschaft, die scheinbar die Religion von ihrer überhöhten Stellung genommen hat, wieder zurückführen will.

    In den meisten Ländern der Welt sind die Menschen geistig durch die Religion verarmt. Einfach logische Schlussfolgerungen fallen ihnen schwer, wie zum Beispiel den Unterschied zu benennen zwischen "Ich glaube X ist wahr" und "X ist wahr". Daraus resultiert dann auch der sinngebende Charakter von Religion, denn nur einem Einfallspinsel kann egal sein, ob das Fundament, auf dem er den Sinn seines Lebens baut existiert, oder nicht :D

    Christus spricht: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Joh. 14)

    Religion handelt von den letzten Dingen, von Sinn und Zweck meines, ja allen Daseins. Wenn ich an Christus glaube (und das tue ich), heißt das, dass ich sein Leben und Wirken, seine Lehre, sein Tod und seine Auferstehung für WAHR halte.
    Glaubensinhalte, die ich nicht für wahr halte, können mir auch keinen Sinn geben.

    Sinn und Wahrheit bedingen einander.

  1. Mit der Wiederbelebung des Konfuzianismus stünde die KP nicht nur in philosophischer, sondern auch in politischer Hinsicht ganz in der chinesischen Tradition. Auch viele Revolutionäre der republikanischen Zeit haben nach anfäglichen ikonoklastischen Tendenzen Konfuzius wieder entdeckt. Klar, da steckt eine instrumentalisierende Absicht dahinter, aber vielleicht auch mehr: zumindest ein Hang zum Traditionellen. Den gibt es auch bei den "Kommunisten".

    • Suryo
    • 19. Juli 2012 14:42 Uhr

    Interessant, daß das Christentum dort anscheinend Lifestyle-Religion ist - denn im westen ist es ja der Buddhismus. Und hie wie dort scheint das Wissen über die jeweilige Religion bei den meisten "Gläubigen" zum teil äußerst lückenhaft. Wer nicht mal zwischen Protestantismus und Katholizismus unterscheiden kann, ist meiner Meinung nach ähnlich einzustufen wie jemand, der den Buddhismus für "sinnlicher" oder gar "körperfreundlicher" als das Christentum hält. Und wer den Papst in Jerusalem veroret, hat ähnlich viel Ahnung wie jemand, der den Dalai Lama für "den" Vertreter "des" Buddhismus hält.

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    Hallo Suryo, woran glauben denn ihrer Meinung nach Buddhisten? Ganz allgemein versteht sich, nicht in der Tiefe. Auf dem Weg Buddhas habe ich gelernt meinen Glauben versuchen abzulegen und Wissen zu erlangen. Möglicherweise sollte man aber auch zwischen Buddhismus und dem Weg Buddhas unterscheiden. Buddhismus ist meines Erachtens eher eine Philosphie, eine Weisheit, als eine Religion. Ich betrachte mich als Buddhist und gleichzeit Atheist, da ich an keinen Gott oder ein Gottähnliches Wesen glaube und zu nichts und niemandem bete.
    Gruß

  2. Sie gibt Halt, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Regeln, Pflichten, Halt und Rechtfertigung. Viele brauchen sie um sich selbst zu orientieren.
    Der Rest sind Utopisten, darum muss ich jetzt dringend zum Arzt.

    Schöner Artikel, aber das nur am Rande. .)

  3. zur Bildunterschrift:
    Es heißt tibetisch, nicht tibetanisch :-)

  4. Also das ist wirklich höchst bedneklich, dass ein Chinese nicht wirklich was von Jesus Christus, unserem Erlöser gehört hat und weiß, wo der Papst residiert!!
    Dieses Heidenpack.

    Wenn wir hierzulande mal durch die Stadt gehen und nach den heiligen Stätten des Buddhismus fragen, werden sicher alle sofort wissen, um was es geht.

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    Tut mir leid, aber das gehört meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung. Ich weiß auch, wo der Dalai Lama sitzt, was die drei "Fahrzeuge" des Buddhismus sind, wo Mohammed herkommt usw.
    Und das kann man von Leuten, die entweder sich selbst als christlich bezeichnen, oder aber auf Eliteunis gehen, durchaus erwarten.

  5. Hallo Suryo, woran glauben denn ihrer Meinung nach Buddhisten? Ganz allgemein versteht sich, nicht in der Tiefe. Auf dem Weg Buddhas habe ich gelernt meinen Glauben versuchen abzulegen und Wissen zu erlangen. Möglicherweise sollte man aber auch zwischen Buddhismus und dem Weg Buddhas unterscheiden. Buddhismus ist meines Erachtens eher eine Philosphie, eine Weisheit, als eine Religion. Ich betrachte mich als Buddhist und gleichzeit Atheist, da ich an keinen Gott oder ein Gottähnliches Wesen glaube und zu nichts und niemandem bete.
    Gruß

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    • Suryo
    • 19. Juli 2012 16:07 Uhr

    Ich weiß, das Buddhismus in seiner "Reinform" den Atheismus vertritt und sich als Philosophie begreift. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist er aber in der Regel als Religion einzustufen, insbesondere in seinen "Alltagsausprägungen", wie etwa in Thailand oder Tibet, wo für die Gläubigen zwar vielleicht kein allmächtiger Schöpfergott existiert, aber dennoch eine Fülle von übernatürlichen Wesen, was sich ja zumindest mit der westlichen Definition von Atheismus recht schwer verträgt. Ich denke aber, gerade Sie als jemand, der sich offenbar wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, weiß, in welche Richtung ich abziele: im Westen wird der "Buddhismus" leider allzu oft als eine Art Wellnessprogramm angesehen. Viele, die ganz begeistert vom dalai Lama sind, scheint nicht bewußt zu sein, daß die meisten Buddhisten in Thailand oder Sri Lanka den tibetischen Vajrayana nicht als Buddhismus anerkennen würden, oder daß Meditationspraxis in den meisten buddhistischen Kulturen als Privileg des Sangha und nicht als spirituelle Übung für Laien angesehen wird.

  6. Tut mir leid, aber das gehört meiner Meinung nach zur Allgemeinbildung. Ich weiß auch, wo der Dalai Lama sitzt, was die drei "Fahrzeuge" des Buddhismus sind, wo Mohammed herkommt usw.
    Und das kann man von Leuten, die entweder sich selbst als christlich bezeichnen, oder aber auf Eliteunis gehen, durchaus erwarten.

    Antwort auf "Blasphemie"
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    jetzt einfach mal, dass Sie sich auch persönlich dafür interessieren.
    Ob es Allgemeinbildung ist, die "drei Fahrzeuge" des Buddhismus aufzusagen (für einen Europäer) bezweifel ich - aber eine solche Diskussion ist mühsam.

    Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/mk

    also ich habe grad mein abitur gemacht und gelte jetzt also als jemand, dem allgemeinbildung zuteil wurde.
    wo der dalai lama sitzt, bzw saß, weiß ich.
    leider weiß ich jedoch nicht, was die drei fahrzeuge des buddhismus sein sollen? lkw, zug und fahrrad? ;)
    wo mohammed herkommt weiß ich ebenfalls nicht.
    das liegt aber auch zum größten teil daran, dass ich selbst agnostiker bin und mich deshalb bis jetzt nicht besonders tiefgreifend mit der materie beschäftigt habe.
    (was nicht heißt, dass mich nicht für solche dinge interessiere, ich habe nur keinen primären fokus darauf)
    als ungebildet würde ich mich aufgrund dieser wissenslücken nicht bezeichnen. schließlich lernt man sein ganzes leben und wird niemals "alles" wissen.
    hinzu kommt noch, dass religion/spiritualität für mich nicht unbedingt mit bestimmten personen/ereignissen zusammenhängen muss. ich bin sogar der meinung, dass diese strikten vorgaben von dem eigentlichen "sinn" ablenken. für mich geht es dabei eher, wie im artikel sehr gut dargestellt, um das gefühl für das unendliche, die schönheit und komplexität der welt.

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