"Shades of Grey"Knallharte Zweisamkeit

Warum ereifert sich nur jeder über den Softporno "Shades of Grey"? Warum kaufen Millionen ein todlangweiliges Sado-Maso-Buch? Weil der Sex wieder eine Utopie geworden ist. von 

Harry Potter und der Da Vinci Code? Längst abgehängt! Kein Buch wurde in den ersten Wochen öfter verkauft als dieses. Fünfzehn Millionen Exemplare waren es nach nur eineinhalb Monaten allein in Nordamerika. Die Filmrechte sind schon verkauft, für fünf Millionen Dollar. In 37 Sprachen wird sie übersetzt: die Softporno-Trilogie Shades of Grey, die in den USA nur noch »das Buch« genannt wird. Der Bestseller aller Bestseller, die neue Anti-Blümchensex-Bibel mit der rosa Orchideenblüte auf dem Cover. Nun kommt sie also auch über Deutschland und setzt hier ihren Erfolg fort. Alle reden darüber, von der Bild bis zu den Feuilletons.

Muss dieser Triumph als Enthüllung gelesen werden? Outet sich hier, in der Masse begeisterter Leserinnen, eine Armee moderner Schmerzensfrauen? Frauen also, die, zumindest in der Theorie, also beim Lesen, den Lustgewinn durch die masochistische Unterwerfung unter den Mann suchen? Und wenn ja, ist dies nun als Rückschritt, Fortschritt oder schlichte Privatsache zu sehen?

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Dass der Hype nichts, aber auch gar nichts mit Literatur zu tun hat, dürfte spätestens mit der nun erschienenen Übersetzung des ersten Bandes Geheimes Verlangen (Goldmann, 608 S., 12,99 €) bewiesen sein (die eigentliche sadomasochistische Erfahrung, dies sei nur am Rande bemerkt, besteht sonst in der qualvollen Lektüre von geschlagenen sechshundert schlecht geschriebenen, über lange Strecken todlangweiligen Seiten). Wir haben es mit einem andersartigen Phänomen zu tun.

Anders als viele ihrer historischen Vorgänger von Sacher-Masochs Venus im Pelz bis zu Pauline Réages Geschichte der O. beschreibt E. L. James nie eine wechselseitige Dominanzausübung. Bei der britischen Autorin, die, bevor sie von ihren Fans zur Sex-Prophetin geadelt wurde, ausschließlich Fangeschichten zur Vampirsaga Twilight online publizierte, bleibt es bei einem klaren Schema. Im Gegensatz zu Marquis de Sades 120 Tagen von Sodom kennt diese arztromanartige Story zwischen der 21-jährigen Literaturstudentin »Ana«, Anastasia Steele, und dem düster-unnahbaren Multimillionär Christian Grey (»Christian ist reich, reich wie Bill Gates«) kein Hin und Her der Rollen. Es ist ausschließlich Ana, die Reine, Naive, die sich ihrem pedantischen Herrscher unterordnet und seine Bestrafungen dafür, dass sie wieder einmal so sinnlich an ihrer Lippe gekaut hat, erwartet.

In einem unerträglich mädchenhaften Tagebuchstil à la Bridget Jones dokumentiert die Protagonistin fortan in ewiger Selbstbeobachtung ihre Gefühlswallungen für den angebeteten »Adonis«, ihren »Mr. Grey«, den »schwarzen Ritter«, der sie in ominöser Düsterkeit sogar noch vor seiner eigenen Gefährlichkeit gewarnt hatte (»Lass die Hände von mir, ich bin nichts für dich«). Doch es ist viel zu spät, um Ana, die noch nie einen Freund hatte, noch nie Händchen mit jemandem gehalten oder jemanden geküsst hat, vor sich selbst zu retten.

Die Obsession der beiden nimmt ihren Lauf. Grey (»Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke... hart«) legt Ana einen akribischen Vertrag vor (»Wir haben noch eine Menge Papierkram vor uns«), in dem ihre Intimbeziehung von erlaubtem Sexspielzeug über eine strikte Kleiderordnung bis hin zu den Reisekosten (er übernimmt sie) bürokratisch geregelt wird. Die perplexe, laufend zwischen angeturnter Euphorie und ängstlichem Zweifel oszillierende Ana (»Mein Unterbewusstsein fächert sich hektisch Luft zu, während meine innere Göttin in einem lustvollen Rhythmus vor Erregung zu zucken beginnt«) wird in das »Spielzimmer«, eine biedere Lustgrotte mit Reitgerten und Peitschen, gelockt. Und Grey, der im Alter von fünfzehn Jahren einer Freundin seiner Mutter selbst als Sexsklave diente und aufgrund seiner »abgefuckten« Kindheit nur lieben kann, wenn er dominiert, überredet sie zum Ausprobieren. Während er ihr noch hilft, das sadomasochistische Fachvokabular seines Vertrages zu googeln (»Man fängt immer bei Wikipedia an«), kauft er bereits Kondome und reibt seine Untergebene, nachdem sich diese schon beim allerersten Geschlagenwerden durch ihren »Sir« einem Orgasmus nach dem anderen hingegeben hat, fürsorglich mit Babyöl ein, damit sie auch am nächsten Tag wieder »fit« für ihn und seine dunkle Welt ist. Die naive Jungfrau und der böse Schläger, es ist das uralte Motiv.

Und trotzdem kann die Annahme, dass es sich bei dem Erfolg von E. L. James’ Wiederauflage weiblicher Unterwerfungsfantasien um Retrosex und damit um einen gefährlichen Rückfall in den Präfeminismus handelt, bei der Analyse dieses neuen SM-Erfolges getrost übersprungen werden.

Denn Sex ist nun einmal Sex. Und kein Raum der Geschlechterpolitik. Im Gegenteil: Es ist ein Raum des freiwilligen und freien Spiels mit den Rollen. Und dass die Fantasien von formaler Unterwerfung bei gleichzeitigem Lustgewinn gerade zu historisch paradoxen Zeitpunkten Konjunktur erfahren, ist ebenso wenig empörenswert wie neu. Luis Buñuels Kultfilm Belle de Jour, in dem die bürgerliche Séverine (Catherine Deneuve) sich nach Fesselspielen sehnt und deshalb ein Doppelleben im Freudenhaus beginnt, in dem sie dominiert und benutzt wird, bevor sie abends wieder zu ihrem braven Ehemann ins Bett kriecht, feierte 1967 parallel zur Frauenbewegung seinen größten Erfolg. Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.

Leserkommentare
  1. Und mag der Inhalt auch altbacken sein und nichts mehr Neues aufzeigen, gekaugt wird trotzdem

    Vielleicht eine englische Antowrt auf deutsche "Feuchtgebiete" die auch nur egomanische Selbstinszenierung waren.

    2 Leserempfehlungen
  2. klärt auf über .. andere, sich selbst oder andere über sich selbst?

  3. ...wundert es mich nur wenig, dass dieses "böse" Buch dort so erfolgreich ist.

    Was mich wundert ist, dass es noch nicht zu Buchverbrennungen kam.

    Ansonsten ist das ganze viel Lärm um nichts. Zumindest habe ich bisher noch keine positiven Rezis entdecken können.

    4 Leserempfehlungen
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    ob das buch auch so erfolgreich in deutschland wird?
    zweifel ich drann.
    ich habe einige zeit in den usa gelebt-das buch entspricht sehr dem zwangscharakter der amerikaner alles unter kontrolle zu haben.
    und eben besonders in diesem fall: sexuelle handlungen.
    mit neiner waffe rumrennen-normal
    zwei sechsjährige geben sich ein küsschen-
    schulverbot.

    • hairy
    • 19. Juli 2012 11:58 Uhr

    sowas wird in USA genau WEGEN der Prüderie umso intensiver konsumiert. Und es wird genug Leute geben, die meinen, mit solcher Lektüre etwas Farbe in ihr (dann offenbar farblosen Lebens zu bringen. Und dann setzt noch der Effekt ein: "Alle reden davon, da muss ich es auch haben." Das ist dann wie mit dem IPad.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/ls

  5. Das Standardargument aus der Phrasenkiste: Sie meinen also, weil die Zeit in Deutschland am 12.7. einen Artikel über das Buch veröffentlicht, ist es seit Monaten ein Bestseller in den USA? Hätten Sie nicht stattdessen ein paar plausible Gründe, warum ausgerechnet ein solcher Roman einen solchen Erfolg hat? Müssen es immer die bösen, sexgeilen Medien sein, die etwas künstlich hochpushen?

    Eine Leserempfehlung
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    Entfernt. Die Redaktion/ls

    "...Hätten Sie nicht stattdessen ein paar plausible Gründe, warum ausgerechnet ein solcher Roman einen solchen Erfolg hat?..."

    Ich glaube, dass es purer Zufall ist, dass um ein Buch so ein Hype entsteht.

    Ich glaube hingegen nicht, dass urplötzlich die halbe Nation ihr Interesse an einer SM Anleitung für Anfänger, garniert mit einer seichten Story nahe an der Kinderpornographie ("die 21-jährige Jungfrau") entdeckt hat.

    Ich hab jetzt drei Rezensionen gelesen und das reicht mir.

    Ich hab aber von der mittelprächtigen Harry Potter Kindergeschichte auch nur ca. 5 Seiten ertragen können.

    Andererseits ist es mir aber auch egal, was andere lesen. Sollen sie doch...

  6. 6. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/ls

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Da ist es wieder:"
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    Entfernt. Der Kommentar, auf den sie sich beziehen, wurde bereits moderiert. die Redaktion/ls

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

  7. 7. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  8. Ach verdammt, dann muss ich mir das halt doch kaufen, wenn alle darüber reden... Natürlich ist das ein Faktor. Neugier ist eine starke Antriebskraft. Und gerade wo meine Mit-Amerikaner doch sonst öffentlich so prüde sind... Ich habe dummerweise den zweiten Teil zuerst gelesen.. auf Englisch.. und bin wenig begeistert. Die erotische Spannung ist zwar hoch, aber ansonsten ist es eher ein ziemlich klassischer Liebesroman mit (immerhin!) deutlichen, aber gut geschriebenen Sexszenen. Von SM ist allerdings wenig zu lesen, das ist nur noch Hintergrund. Na dann, werde ich mir übers WE wohl den ersten auch noch zumuten müssen.

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