PersonenrätselLebensgeschichte

»Taugenichts!«, mag der Vater gewettert haben, als sein ältester Sohn mit kaum 16 Jahren von zu Hause ausriss, um dem ihm bestimmten Platz in der Welt zu entkommen. Nicht Förster wollte er werden, wie alle in der Familie, sein ganzes Sinnen und Trachten galt einer brotlosen Kunst. So wanderte er davon, verschaffte sich singend und auf der Maultrommel musizierend bei Bauern und in Pfarreien Nahrung und Unterkunft und hielt sich, »für den glücklichsten Burschen der Welt«. Immerhin kam es durch pfarrherrliche Vermittlung zu einer Versöhnung, der Vater versprach Unterstützung für ein Studium. Aber außer seiner Einschreibung für Mathematik und Philosophie findet sich keine Spur einer akademischen Ausbildung, hingegen tauchte der junge Mann bald in einer Metropole auf. Er bekam eine untergeordnete Tätigkeit im Ausland, wo er durch praktische Arbeit das Geschäft seiner Kunst lernte. Zehn Jahre später trat er zum ersten Mal mit einem eigenen Werk hervor, der Erfolg zog eine Serie schnelllebiger Auftragswerke nach sich.

Vielleicht war er die Anpassung an den konventionellen Stil schon leid, als er vertragsbrüchig wurde und eine lange Reise antrat, um seinem großen Vorbild zu begegnen. Dessen Wohlwollen mag ihn darin bestärkt haben, andere Wege zu gehen. Er schloss sich einer Wandertruppe an und machte bei gesellschaftlichen Ereignissen von sich reden. So kam es zu einem ersten Auftrag an dem Ort, der bei allen Auslandsaufenthalten seine Heimat werden sollte. Das unerhörte »erzvandalische« Werk wurde ein »himmelstürmender« Erfolg. Allerhöchste Herrschaften wurden auf ihn aufmerksam, und geschmeidig bediente er sie mit Werken nach ihrem Geschmack. Dennoch arbeitete er beharrlich an einer Reform des Genres, das anstelle des oberflächlichen Sinnenkitzels, des »Schwulstes und Flitterwitzes«, mit dem wahrhaftigen »cri de la nature« auf die Seele wirken sollte. Es gelang ihm, selbst den Philosophen, der das zum Postulat erhoben hatte, davon zu überzeugen, dass die Sprache des Herzens auch nationale Stile überwinden konnte. Die Schwierigkeiten, zunächst die Ausführenden seiner Kunst mitzureißen, schildern zahllose Anekdoten über die Temperamentsausbrüche des »genialen, feurigen Mannes«, so fürchteten Beobachter, dass » ihnen Geigen und andere Instrumente an den Kopf fliegen würden«.

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Im Dienst kultureller Diplomatie begab er sich in die Höhle der Löwen. Unter allerhöchster Protektion seiner ehemaligen Schülerin machte »der Diktator der Kunst« sich daran, den Geschmack in der selbst ernannten Hauptstadt des Virtuosentums zu reformieren. Es kam zum Krieg. »Man formiert sich, man attackiert sich, als ginge es um eine Frage der Religion«, schrieb sein royaler Fan über die ästhetische Revolution. Die politische, ein Jahrzehnt später, erlebte der umstürzlerische Patriarch der Musik nicht mehr. Wer war’s?

Lösung aus Nr. 28:

Peter Rühmkorf (1929 bis 2008), einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren und Ausnahme-Lyriker, ließ sich von allem inspirieren. Klopstock und Heine, Gossen- oder Werbesprache. Von 1950 an studierte er Germanistik und Psychologie, gab gemeinsam mit Werner Riegel die Zeitschrift »Zwischen den Kriegen« heraus. 1964 wagte er den Sprung ins freie Schriftstellerleben. Schon im Lyrik-Debütband »Irdisches Vergnügen in g« zeigte er sich als Sprachjongleur. 2008 erschien sein lyrisches Vermächtnis, »Paradiesvogelschiss«. Neben Gedichten verfasste er auch Essays, aufgeklärte Märchen und viel gelobte Tagebücher. Geboren in Dortmund, lebte der vielfach preisgekrönte Dichter seit 1950 gemeinsam mit seiner Frau Eva in Hamburg

 
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