LinguistikKurze Sätze gut

Manche Sprachen haben extrem komplizierte Regeln, andere ganz einfache. Woran liegt das? von Wolfgang Krischke

Deutsch soll eine schwere Sprache sein? Kein Vergleich mit Yagua, gesprochen im peruanischen Amazonas-Gebiet: Sie kennt fünf Grade der Vergangenheit, nach denen sich die Endungen der Verben unterscheiden. Jeder Sprecher muss somit differenzieren, ob seit einem Ereignis Stunden, Tage, Monate oder noch längere Zeitspannen vergangen sind. Oder das australische Dalabon: Seine Regeln erfordern, jeweils die Hierarchie- und Verwandtschaftsverhältnisse der Personen, über die geredet wird, in ein kompliziertes System von Silben zu übersetzen, die den Wörtern vorgeschaltet werden. Zu Präzision zwingt auch die »Evidenzgrammatik« mancher Sprachen in Amerika und Neuguinea: Bei jeder Aussage muss man eine Form wählen, die signalisiert, ob man etwas selbst gesehen hat, ob man davon hörte oder ob man es nur annimmt.

Je tiefer Linguisten in außereuropäische Weltgegenden vordringen, desto klarer wird: Viele Sprachen sind, grammatikalisch betrachtet, extrem kompliziert. Sie funktionieren ähnlich wie das Zauberwort »Mutabor«, das im Märchen vom Kalifen Storch diesen verwandelt. Denn in dem einen lateinischen Wort stecken gleich vier deutsche Ausdrücke: »Ich werde verwandelt werden.« Sprachen, die nach dem Mutabor-Prinzip arbeiten, packen möglichst viele Informationen wie Zeitstufen, Aktiv und Passiv, Möglichkeitsformen, Mengenangaben, logische Beziehungen, Besitzverhältnisse und anderes mehr in die Endungen und Vorsilben ihrer Wörter. Wer eine solche – »synthetisch« genannte – Sprache in der Schule lernt, muss sich mit komplizierten Deklinationen und Konjugationen abplagen, um auch nur einfache Sätze äußern zu können.

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Dabei übertreffen viele Sprachen auf der Welt den Schwierigkeitsgrad des Lateinischen bei Weitem. Auch das Indogermanische, der Urahn des Deutschen und der anderen germanischen Sprachen, spielte vor mehreren Jahrtausenden in dieser Komplexitätsliga: Das Substantiv hatte acht Fälle, neben Singular und Plural gab es den Dual für Paare von Personen und Gegenständen, und auch die vertrackte Konjugation der Verben brächte heutige Indogermanisch-Schüler ins Schwitzen. Den Großteil dieser Formenvielfalt haben die Nachfolgesprachen – Deutsch eingeschlossen – eingebüßt.

Kleine Sprachen sind oft komplizierter aufgebaut als die großen Weltsprachen

Warum hält sich in anderen Sprachen ein großes Arsenal an verzweigten Strukturen und komplizierten Regeln? Wer Antwort auf solche Fragen sucht, kann mittlerweile in einer einmaligen Datenbank nachschlagen, im Weltatlas der Sprachstrukturen, der seit einigen Jahren am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig heranwächst und unzählige linguistische Studien in globale »Sprachkarten« integriert.

Mithilfe der in diesem Atlas verfügbaren Informationen haben die amerikanischen Sprachforscher Gary Lupian und Rick Dale auch die Frage nach den Sprachen mit der komplexesten Grammatik beantwortet: Die verzweigtesten Strukturen und ausgefeiltesten Regeln besitzen in der Regel die kleinen und relativ isolierten Sprachen.

Lupian und Dale haben dazu die Morphologie – die Konjugationen, Deklinationen und Wortbildungen – von über 2.236 Sprachen in Beziehung zur Zahl ihrer Sprecher und zur geografischen Verbreitung gesetzt. Ergebnis: Kleine Sprachen mit nur einigen Tausend, oft auch nur wenigen Hundert Sprechern zeigen im statistischen Vergleich eine kompliziertere Morphologie als Millionensprachen wie Deutsch, Englisch, Chinesisch oder Suaheli.

In den kleinen, eng verwobenen Sprachgemeinschaften, wo jeder jeden kennt, würden die filigranen Schnörkel der Grammatik länger bewahrt als in großen, urbanen Gesellschaften mit ihren vielen Außenkontakten, erklärt der Soziolinguist Peter Trudgill von der norwegischen Universität Agder, der ebenfalls den Zusammenhang von grammatischer Komplexität und Gesellschaft erforscht. Der entscheidende Punkt: Kleine Sprachen werden fast nie von Außenstehenden als Fremdsprachen gelernt. Anders als Kinder, die in die Grammatik ihrer Muttersprache ziemlich mühelos hineinwachsen, tun sich Erwachsene schwer, wenn sie die Deklinationen und Konjugationen einer fremden Sprache lernen sollen. Sie neigen deshalb dazu, komplizierte Formen zu verkürzen oder zu vermeiden.

Leserkommentare
  1. Danke für die Informationen. Macht irgendwie Lust, sich intensiver mit dem Thema zu beschäfigen.

    Anders ausgedrückt: Gut, mehr!

    11 Leserempfehlungen
  2. 2. Genial

    "Bei jeder Aussage muss man eine Form wählen, die signalisiert, ob man etwas selbst gesehen hat, ob man davon hörte oder ob man es nur annimmt."

    DAS sollten wir im Deutschen einführen!

    16 Leserempfehlungen
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    Das sollte - in egal welcher Sprache - v.a. im Internet zum Grundsatz werden!

    • Formel
    • 21. Juli 2012 16:43 Uhr

    Dass die grammatikalische Regel besteht, heißt noch lange nicht, dass sich auch jeder daran hält. Habe ich selbst erlebt ;)

    • Puka
    • 21. Juli 2012 17:19 Uhr

    Das haben wir im Deutschen bereits. Nennt sich Konjunktiv I. Mit Konjunktiv II kann der Sprecher sogar noch sein Verhältnis zum gesagten ausdrücken.

    Leider Gottes zeigt auch dieser Artikel, dass Sprachen tatsächlich bedroht sind: d.h. dass die Komplexität von Sprachen in ihrer Historie fast ausschließlich im Rückgang ist. Ich frage mich deshalb, woher diese Komplexität eigentlich kommen kann. Der Artikel macht außerdem klar, dass auch Spracheinflüsse von Außen tatsächlich die Sprachsubstanz zerstören. Es ist die Kritik der Sprachüberfremdung, die so gerne als haltlose 'Früher war alles Besser'-Kritik bezeichnet wird, die hier empirisch bestätigt wurde.

    Toller Artikel!

  3. Zitat: "Heute hat Englisch unter den germanischen Sprachen die einfachste Morphologie".

    Ich halte Afrikaans für deutlich einfacher. Man vergleiche nur:
    I am - you are - he is - we are - you are - they are
    vs.
    ek is - jy is - hy is - ons is - julle is - hulle is

    http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leserempfehlung
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    Dafür muss man sich bei Afrikaans an die doppelte Verneinung gewöhnen. Ek praat ongelukkig nie Afrikaans nie (net so 'n klein bietje).

    Aber Afrikaans ist schliesslich keine Sprache, sondern das tradierte Krüppelniederländisch von Bauern aus dem 17. Jahrhundert. Quasi ein Dialekt des Holländischen - nur mit noch weniger Grammatik und einer grausligen Aussprache. Aber meine Afrikaansen Freunde wollen mir das auch nicht glauben... :-)

  4. Du meinen Tag gemacht! - Vielen Dank für diesen Artikel, der mir beim Lesen viel Freude bereitet hat.

    Interessant: Ich war 10 Jahre in den USA. Ich habe nun mein Deutsch keinesfalls verlernt, aber beim Schreiben passieren mir mehr Fehler bei der Konjugation der Verben, insbesondere zwischen Singular und Plural (die ja im Englischen nicht so kompliziert ist) und beim Geschlecht der Relativpronomen (die sich im Englischen ja nicht unterscheiden). Ach, und die Wortstellung wird auch immer Englischer, z.B. hole ich gern das Verb nach vorn. Oder vielleicht bin ich nur nachlässiger geworden?

    3 Leserempfehlungen
  5. Das sollte - in egal welcher Sprache - v.a. im Internet zum Grundsatz werden!

    Antwort auf "Genial"
  6. wird gerne gelernt, vor allem, wenn sie schon viele Sprecher hat, und breitet sich dadurch aus. Positive Rückkopplung, Evolution.
    Kommunikation ist in den letzten Jahrhunderten immer wichtiger und schneller geworden, da müssen Konzentrationsprozesse stattfinden.
    Und was viel verwendet wird, wird auch stärker verschliffen. Deshalb sind auch z.B. die am häufigsten verwendeten Verben die unregelmäßigsten (sein, haben, tun).

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    "Und was viel verwendet wird, wird auch stärker verschliffen. Deshalb sind auch z.B. die am häufigsten verwendeten Verben die unregelmäßigsten (sein, haben, tun)."

    ... wird aber eben nicht stärker verschliffen. Die nicht so häufig verwendeten Verben sind nicht so gefestigt - früher: buk; heute: backte.
    Die viel verwendeten Verben hingegen hab sich kaum verändert und haben dadurch eine uneinheitliche Morphologie - to go, went, gone; sein, ich bin, Du bist...

  7. Dafür muss man sich bei Afrikaans an die doppelte Verneinung gewöhnen. Ek praat ongelukkig nie Afrikaans nie (net so 'n klein bietje).

    Antwort auf "Afrikaans"
  8. Deutsch ist keine schwere Sprache, zumindestens nicht das Deutsch vor 1980.

    Was man heutezutage las Deutsch bezeichnet ist grausam.

    Die Anzahl der verdeutschten Englischen Woerter die man jetzt findet in der Sprache ist unertraeglich.

    Warum soll man als Auslaender Deutsch lernen? Das Deutsch von heute liest sich und hoert sich an wie Englisches Kauderwelsch.

    Meine Deutschen Woerterbuecher sind jetzt fast nutzlos weil man das Kauderwelsch dort nicht finden kann.

    Was wuerden Goethe und Schiller darueber denken??

    Zum Glueck ist mein FAUST eine Uebersetzung die ich ich vor Jahrzehnten kaufte.

    Whatever happened to Hochdeutsch??

    5 Leserempfehlungen
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    Check ich nicht, ihr posting.

    Es steht allerdings zu bedenken, ob nicht die Menschen vor 200 Jahren genau so über damals aktuelle Veränderungen der Sprache dachten.

    Was an Sprache "Kauderwelsch" ist, ist immer nur das, was sich von den Gewohnheiten unterscheidet.

    @Autor: Ein richtig schöner und informativer Artikel. Weiter so!

    lol n00b alta

    ...werden diese englischen "Kauderwelsch"wörter genauso Deutsch sein wie heute: Adresse, Adjutant, Anekdote, Affäre, balancieren etc...etc...
    Gegen Gallizismen gab es früher ebenfalls große Widerstände, heute sind sie Teil des von Ihnen gepriesenen Hochdeutsches...

    http://de.wikipedia.org/w...

    http://www.stuttgarter-na...

    Deutsch ist schon seit beträchtlicher Zeit eine Sprache, in der in großem Umfang Wörter aus Nachbarsprachen aufgenommen worden sind.

    Das Französische (wie schon von jemandem zuvor kommentiert) ist da ein Paradebeispiel, es wurde von der deutschen Elite in der Napoleonischen Zeit übernommen und wird daher wohl auch heute noch eher auf einem etwas elevierteren Niveau parliert.

    Oder nehmen wir Latein und Griechisch: es gibt unzählige Wörter, die es in doppelter Ausführung gibt, nur dass man deutsche Wörter in der Alltagssprache benutzt, lateinische/griechische eher in wissenschaftlichen Nischen. All diese Einflüsse haben dazu beigetragen, dass Deutsch eine sehr nuancenreiche, vielwendige Sprache geworden ist.

    Wieso sollte das mit dem Einfluss des Englischen anders werden? Geben wir der Entwicklung ein, zwei Generationen Zeit, dann werden auch die Anglizismen ihren Platz in Lexik und Vokabular gefunden haben.

    Grammatische Deutschheit

    Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
    Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sei.
    Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich:
    Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.

    Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
    Deutscheren Komparativ, deutschesten Superlativ.
    "Ich bin deutscher als deutsch." "Ich deutscherer." "Deutschester bin ich."
    "Ich bin der Deutschereste oder der Deutschestere."

    Drauf durch Komparativ und Superlativ fortdeutschend,
    Deutschten sie auf bis zum - Deutschesteresteresten,
    Bis sie vor komparativistisch- und superlativistischer Deutschung
    Den Positiv von deutsch hatten vergessen zuletzt.

    • Narses
    • 02. April 2013 7:51 Uhr

    ...ich kann Ihre Argumentation schon ein Stück weit nachvollziehen, sehe das aber nicht so dramatisch mit dem "Kauderwelsch", da sich das auch wieder abschleifen wird.

    Viel schlimmer ist der exzessive Gebrauch des Wortes "irgendwie" zu jeder sich bietenden Gelegenheit.
    Abscheulich !
    Mal drauf achten !

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