Deutsch soll eine schwere Sprache sein? Kein Vergleich mit Yagua, gesprochen im peruanischen Amazonas-Gebiet: Sie kennt fünf Grade der Vergangenheit, nach denen sich die Endungen der Verben unterscheiden. Jeder Sprecher muss somit differenzieren, ob seit einem Ereignis Stunden, Tage, Monate oder noch längere Zeitspannen vergangen sind. Oder das australische Dalabon: Seine Regeln erfordern, jeweils die Hierarchie- und Verwandtschaftsverhältnisse der Personen, über die geredet wird, in ein kompliziertes System von Silben zu übersetzen, die den Wörtern vorgeschaltet werden. Zu Präzision zwingt auch die »Evidenzgrammatik« mancher Sprachen in Amerika und Neuguinea: Bei jeder Aussage muss man eine Form wählen, die signalisiert, ob man etwas selbst gesehen hat, ob man davon hörte oder ob man es nur annimmt.

Je tiefer Linguisten in außereuropäische Weltgegenden vordringen, desto klarer wird: Viele Sprachen sind, grammatikalisch betrachtet, extrem kompliziert. Sie funktionieren ähnlich wie das Zauberwort »Mutabor«, das im Märchen vom Kalifen Storch diesen verwandelt. Denn in dem einen lateinischen Wort stecken gleich vier deutsche Ausdrücke: »Ich werde verwandelt werden.« Sprachen, die nach dem Mutabor-Prinzip arbeiten, packen möglichst viele Informationen wie Zeitstufen, Aktiv und Passiv, Möglichkeitsformen, Mengenangaben, logische Beziehungen, Besitzverhältnisse und anderes mehr in die Endungen und Vorsilben ihrer Wörter. Wer eine solche – »synthetisch« genannte – Sprache in der Schule lernt, muss sich mit komplizierten Deklinationen und Konjugationen abplagen, um auch nur einfache Sätze äußern zu können.

Dabei übertreffen viele Sprachen auf der Welt den Schwierigkeitsgrad des Lateinischen bei Weitem. Auch das Indogermanische, der Urahn des Deutschen und der anderen germanischen Sprachen, spielte vor mehreren Jahrtausenden in dieser Komplexitätsliga: Das Substantiv hatte acht Fälle, neben Singular und Plural gab es den Dual für Paare von Personen und Gegenständen, und auch die vertrackte Konjugation der Verben brächte heutige Indogermanisch-Schüler ins Schwitzen. Den Großteil dieser Formenvielfalt haben die Nachfolgesprachen – Deutsch eingeschlossen – eingebüßt.

Kleine Sprachen sind oft komplizierter aufgebaut als die großen Weltsprachen

Warum hält sich in anderen Sprachen ein großes Arsenal an verzweigten Strukturen und komplizierten Regeln? Wer Antwort auf solche Fragen sucht, kann mittlerweile in einer einmaligen Datenbank nachschlagen, im Weltatlas der Sprachstrukturen, der seit einigen Jahren am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig heranwächst und unzählige linguistische Studien in globale »Sprachkarten« integriert.

Mithilfe der in diesem Atlas verfügbaren Informationen haben die amerikanischen Sprachforscher Gary Lupian und Rick Dale auch die Frage nach den Sprachen mit der komplexesten Grammatik beantwortet: Die verzweigtesten Strukturen und ausgefeiltesten Regeln besitzen in der Regel die kleinen und relativ isolierten Sprachen.

Lupian und Dale haben dazu die Morphologie – die Konjugationen, Deklinationen und Wortbildungen – von über 2.236 Sprachen in Beziehung zur Zahl ihrer Sprecher und zur geografischen Verbreitung gesetzt. Ergebnis: Kleine Sprachen mit nur einigen Tausend, oft auch nur wenigen Hundert Sprechern zeigen im statistischen Vergleich eine kompliziertere Morphologie als Millionensprachen wie Deutsch, Englisch, Chinesisch oder Suaheli.

In den kleinen, eng verwobenen Sprachgemeinschaften, wo jeder jeden kennt, würden die filigranen Schnörkel der Grammatik länger bewahrt als in großen, urbanen Gesellschaften mit ihren vielen Außenkontakten, erklärt der Soziolinguist Peter Trudgill von der norwegischen Universität Agder, der ebenfalls den Zusammenhang von grammatischer Komplexität und Gesellschaft erforscht. Der entscheidende Punkt: Kleine Sprachen werden fast nie von Außenstehenden als Fremdsprachen gelernt. Anders als Kinder, die in die Grammatik ihrer Muttersprache ziemlich mühelos hineinwachsen, tun sich Erwachsene schwer, wenn sie die Deklinationen und Konjugationen einer fremden Sprache lernen sollen. Sie neigen deshalb dazu, komplizierte Formen zu verkürzen oder zu vermeiden.