Wer für das italienische Unternehmen Equitalia arbeitet, hat in diesen Tagen einen lebensgefährlichen Job. Unbekannte warfen Brandflaschen auf eine Equitalia-Filiale in der Toskana. In Rom verletzte eine Briefbombe einen Mitarbeiter. Eier, Flaschen und Steine flogen gegen die Eingangstür eines weiteren Büros. Eine Gruppe linksextremistischer Anarchisten hat zur Gewalt aufgerufen, aber auch ganz normale Bürger protestieren zu Hunderten.

Equitalia, das ist kein Unternehmen wie jedes andere: Der italienische Staatskonzern treibt im Auftrag der Finanzämter Steuern im Lande ein. Und so ist es zurzeit in Südeuropa. Die Wut über die schlechten Zeiten entlädt sich auf der Straße, und am Pranger stehen ausgerechnet diejenigen, die die Haushalte zu sanieren versuchen – die kürzen, einsparen oder wie Equitalia höhere Steuern eintreiben wollen.

Doch kaum jemand erregt sich über das andere Phänomen, das heimlich und im Stillen genau in die entgegengesetzte Richtung wirkt: Reichere Mitbürger aus Südeuropa ziehen seit vielen Monaten lautlos ihr Erspartes ab. Sie deponieren es in anderen Teilen Europas, in steuerlich günstigeren. Sie kündigen die Solidarität auf und machen damit die ganze Krise noch schlimmer.

Da gibt es zum Beispiel Homer Varouxakis. Der 29-jährige Grieche hatte am vergangenen Freitag schon wieder einen Termin mit seinem Makler in Bayswater, mitten in London. Eigentlich führt Varouxakis das Reedereibüro seiner Familie, »nur ein paar Tanker, mehr nicht«, sagt er bescheiden. Neuerdings macht er auch in Immobilien: Vor drei Jahren kaufte er sich ein Haus in der Moscow Road, zum Preis von 4,5 Millionen Pfund, und seit Jahresbeginn ist er für seinen Clan auf dem Londoner Immobilienmarkt unterwegs. Für Geschwister und Eltern hat er seit März fünf Wohnungen in Bayswater und im benachbarten Notting Hill gefunden. Jede für mehr als zwei Millionen Pfund. Gerade sucht er eine Geldanlage für eine Cousine seiner Mutter. »Griechenland ist ein sinkendes Schiff«, sagt er. »Jetzt gilt nur noch die Devise, rette sich, wer kann.«

Längst hat das große Geldverschieben begonnen

Lucian Cook von der Maklerfirma Savills berichtet, dass sich die Zahl griechischer Kunden, die Immobilien zu Preisen über 1,5 Millionen Pfund suchen, seit Weihnachten mehr als verdoppelt habe. Das liegt an den Steuervorteilen: Wer wie Varouxakis nur zeitweise in Großbritannien wohnt oder in Immobilien investiert, zahlt lediglich auf die in Großbritannien erwirtschafteten Gewinne Steuern. Die Firma des Griechen ist in der Karibik gemeldet. Erst nach sieben Jahren müsste er einen Pauschalbetrag von 30.000 Pfund im Jahr abführen. Für einen, der Häuser für Millionen kauft, ist das wahrscheinlich ein Witz.

Das sind keine Einzelfälle. Längst hat das große Geldverschieben aus dem Süden begonnen – aus einer Fülle von Motiven.

Griechen, Spanier und Italiener ziehen im Augenblick Milliarden von ihren Konten ab. Zwischen Januar und Mai sanken beispielsweise die Einlagen bei spanischen Banken um 86 Milliarden Euro. Ein großer Teil davon wurde nicht ausgegeben, sondern anderswo wieder deponiert, vielfach in der Schweiz. Dorthin bringen das Geld vor allem Reiche, die ihrer Heimat nicht mehr ganz trauen, die Sicherheit suchen.