Die größte Sensation der Olympischen Spiele von London misst 1,53 Meter und wiegt 44 Kilogramm. In Badelatschen kommt sie zum Gespräch, der ganze Körper steht aber unter Spannung. Wie Kabel laufen Adern über die Muskeln an Unterarmen, Bizeps und Waden, um sie mit Energie zu versorgen. Und für den Bauch, der später zwischen Top und Hose zum Vorschein kommt, würden Millionen Frauen jenseits der 35 töten.

37 ist Oksana Chusovitina, wenn sie am 29. Juli den Millennium Dome am Ufer der Themse zu ihrem Wettkampf betritt. Das allein wäre noch nicht der Rede wert, es hat schon Schützen, Curler und Dressurreiter im Rentenalter gegeben. Aber Oksana Chusovitina turnt, eine der schwierigsten, härtesten, trainingsintensivsten Sportarten überhaupt. Die meisten Turnerinnen hören schon auf, wenn sie noch nicht mal erwachsen sind. Mehr als zwei Olympiaden übersteht kaum eine. Und wer kann zudem von sich sagen, für drei verschiedene Nationen bei Olympia angetreten zu sein?

Oksana Chusovitina, geboren 1975 in Buchara, Usbekistan, Goldmedaillengewinnerin 1992 in Barcelona mit der Mannschaft der postsowjetischen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, 1996 in Atlanta für Usbekistan am Start, seit 2006 als deutsche Staatsbürgerin. Sie wird in London ihre sechsten Spiele erleben. Und im Sprung kann sie, die aktuelle Vizewelt- und Europameisterin, eine Medaille gewinnen.

Was ist das Geheimnis dieser einmaligen Karriere? »Ich weiß nicht«, sagt sie. Ratlos sieht ihr Mädchengesicht jetzt aus, beinahe entschuldigend lugt sie unter dem Pony ihres dunklen Pagenkopfes hervor. »Ich mag es einfach. Und dann mache ich einfach. Ich esse alles, was ich möchte. Ich lebe wie jeder andere auch.«

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn wer hat schon von Kindesbeinen an acht Stunden am Tag trainiert? Obwohl ihre Eltern mit Sport nichts zu tun hatten, verfügt Oksana Chusovitina über das, was man Turnergene nennt: Sie ist klein, kräftig, schnell, hat ideale Hebelverhältnisse. Zudem kann sie Schmerzen aushalten. In Peking vor vier Jahren gewann sie Silber – mit einer gerissenen Bizepssehne, die sich im Gelenk verkeilt hatte. Auch beide Achillessehnen waren schon durch; die Operationsnarben sind nicht zu übersehen. »Beim ersten Mal, 1997, hab ich ans Aufhören gedacht. Fast zwei Jahre habe ich wie ein normaler Mensch gelebt, ohne Sport. Dann bin ich in die Halle, nur zu Besuch, und dabei ist es geblieben. Eigentlich komme ich bis heute nur zu Besuch...«

Ziel ihrer täglichen Stippvisiten ist die Halle des Olympiastützpunkts Gerätturnen in Bergisch Gladbach, ein Paradies für Turner. Alle paar Meter wechselt die Bodenbeschaffenheit, mal sinkt man knöcheltief ein, mal geht es federnd voran, je nachdem, was an dieser oder jener Stelle trainiert wird. Jeder Quadratmeter ist vollgestellt mit Schwebebalken, Stufenbarren, Pauschenpferden, Trampolinen. Dicke Matten stapeln sich stellenweise bis unter die Decke; an einer Stirnseite wartet die Schnitzelgrube auf tollkühn heranfliegende Athleten.

Chusovitina hat unter Turnern einen Namen; fünf Übungen im offiziellen Punktebuch heißen nach ihr. Während sie am lederbespannten Sprungtisch einen Chusovitina übt – Überschlag vorwärts, Salto vorwärts gestreckt mit anderthalbfacher Drehung in der zweiten Flugphase –, wuseln die Vierjährigen der ersten Talentgruppe zwischen den Geräten herum. »Oksi« ist hier eine Sportlerin unter vielen.