Walter Pichler: Der Bergheilige von St. Martin
Zum Tod des Bildhauers und Architekten Walter Pichler (1936–2012)
Er war der Einzige seiner Art. Eines Tages, angeklagt von Widersprüchen und von ruhelosen Utopien, sass er über sich selbst zu Gericht. Da er nicht zur Barmherzigkeit neigte, fällte er ein gerechtes Urteil: lebenslänglich zähe Arbeit, ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung oder auf Begnadigung von der Fron. Fortan begrenzten Sorgfalt und Konzentration, Geschicklichkeit und Ausdauer sein Geviert. Er gestand sich ein, dass er wider bessere Einsicht arbeite, seine Beschäftigung verloren und fragwürdig sei.
Es sei seine Aufgabe, begründete der Verurteilte den Richtspruch, in weiter Entfernung von der Macht zu leben, mit größter Skepsis alles zu beurteilen und seine Erkenntnis schließlich in langwierigen Arbeitsprozessen zu formulieren. Sein Beruf, bekannte der Bildhauer Walter Pichler schließlich, sei absolut »todeswürdig«.
Er war gleichviel ein Mann von zufriedener Fröhlichkeit, zwar knorrig in seiner Erscheinung, doch zugleich ein Herr von weltläufiger Eleganz. Er verweigerte sich zunehmend dem Karneval des modernen Kunstbetriebes, wollte allerdings auch nicht bekehren, sondern war nur präsent wie das schlechte Gewissen.
In Sankt Martin am Berg (das liegt auf einem steilen Hügel im südlichsten Burgenland) scharte dieser Einschichtkünstler Bewacher um sich, ein kleine, ausgewählte Gruppe zuverlässiger Figuren, denen er trauen konnte.
Sie sind streng und unnahbar, Männer und Frauen und einige geschlechtslose Wesen, wie Roboterreptilien anmutende Fahrgeräte etwa oder scheinbar im Flug erstarrte Sturmvögel. Manche sind auf meterhohen Holzsäulen postiert, andere verschlossen hinter schimmernden Körperpanzern, weil sie in ihrem Innersten, das Pichler aus Holz, Stroh und Lehm geformt hatte, sehr verletzlich sind. Diese Wächter waren seine liebsten Geschöpfe, es hatte ihn viel Plage gekostet, ihnen zur Gestalt auch ein Wesen zu geben. Er hegte und pflegte sie, polierte ihre Bronzehaut und errichtete ihnen eigene Unterkünfte. »Das Handwerkliche ist nur eine Krücke«, sagte Walter Pichler fast entschuldigend, als müsste er die kompromisslose Perfektion, für die er unter seinen Kollegen berüchtigt war, rechtfertigen.
Nur selten trennte sich Pichler von seinen Skulpturen, entließ sie aus dem heimatlichen Gehöft in eine fremde Museumswelt. »Daheim geht es ihnen gut, da bin ich ja da und passe auf«, begründete er seine Sorge. »Sie sind wie Kinder, die noch jemanden brauchen, der ihnen das Gesindel vom Leib hält.« Ohne diese Fürsorge, fürchtete Pichler, wären seine Figuren einer Willkür namens Kunst ausgesetzt: neugierigen Blicken, man würde sich Beurteilungen anmaßen, nach Sinn und Zweck fragen, sie vielleicht sogar berühren wollen. Ihrer natürlichen Umgebung und ihrer Behausung beraubt, hätten sie im Museum keinerlei Funktion mehr; lediglich als Schauobjekt, und dies sei zu wenig zum Überleben: »Sie stünden dort nur im Weg herum, und nach einer Weile wären sie tot.«
»In welchem Auftrag kann man schon arbeiten?«, fragte sich der Bildhauer selbst. »Die Religion ist kein Auftraggeber mehr, die sogenannte öffentliche Hand kommt für einen ernsthaften Menschen nicht infrage.« Seit Langem weigerte sich der Künstler, seine Skulpturen zu verkaufen; aus der Hand gab er lediglich konstruktive Zeichnungen, die seine Arbeit vorbereiteten und begleiteten. »Der einzige Auftraggeber, den ich akzeptieren kann«, sagte Pichler, »sind meine Skulpturen selbst.«
Er brauchte nicht viel zu seiner Arbeit, nur das Kostbarste: Zeit. In seinen Plastiken sollte sich Zeit stauen und komprimieren, in ihren Körpern sollte ein utopischer Menschheitstraum Platz finden: konservierte Zeit. An den idealen, den langsam fließenden Tagen ging Walter Pichler zu Werk. Er war misstrauisch. Er hatte sich ein Arbeitspensum vorgenommen, doch häufig bestimmte das Material, was zu tun war. »Wenn man da Stunde um Stunde an so einem Objekt herumschleift, dann wird man im Kopf ganz frei«, erklärte der Handwerker Pichler. »Man muss in das Material hineinhorchen, darf ihm nicht selbstsüchtig Fremdes aufzwingen.«
So entstand beispielsweise der Rumpf. Ein Skelett aus Holz, umhüllt mit Stroh, der Körper aus Lehm geformt. Immer wieder klafften tiefe Risse im Leib. Sie wurden ausgefüllt, geglättet, verbunden. Wind und Wetter, Hitze und Kälte härteten den Körper ab. Das dauerte drei Jahre: Erst dann war die Figur alt und reif genug, um mit Schädeldach, Brustwehr und Geschlecht aus Bronze vollendet zu werden.
Pichler arbeitete stets an mehreren Projekten gleichzeitig. Vieles ließ er liegen und nahm es erst viel später, mitunter Jahre später, erneut zur Hand. Einer, der noch »Plastiken im alten Sinn« machen wollte, der von sich selbst sagte, er sei ein Fossil.






Der Schutzheilige der Wiener Intellektuellen- und Künstlerszene die sich mehr durch Korrumpierbarkeit als kritische Wahrheitsliebe auszeichnet, beeinflusste mit meiner Meinung öden uninspirierten Stricheleien und gemeißelten Religionsersatz den Geschmack einer ganzen Generation.Der Bergheilige wurde mir nicht nur unsympathisch durch zynische Arroganz im Kaffeehaus sondern auch als er eine Gruppe Amateuraquarellisten von seiner Grundstücksböschung vertrieb.
ad kommentar coelin: ihr kommentar lässt vermuten, dass sie selbst einer der amateuraquarellisten sind, welche(r) sich bis 6:39 etwas mut angetrunken hat, um diese zeilen zu verfassen.
..und scheinbar verabsäumt hat, walter pichler von angesicht zu angesicht die meinung zu sagen. die art und weise der von ihnen formulierten kritik an seinen zeichnungen ist obendrein
wahrlich diletantisch.
gruß ins südburgenland
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