MuseumspolitikDie Not der Berliner Gemäldegalerie

Die Berliner Gemäldegalerie

Die Berliner Gemäldegalerie

Keine der großen Weltgalerien ist im vergangenen Jahrhundert von so tief greifenden Schicksalsschlägen heimgesucht worden wie die Berliner Gemäldegalerie. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges haben Wissenschaftler und Mitarbeiter mit großem Einsatz die Großformate in den Flakturm Friedrichshain geschafft, wo sie ein Brand allesamt vernichtet hat. Obwohl dies vor den Augen amerikanischer Truppen geschah, hat die Besatzung Hauptbestände der Galerie wie eine Beute höchst erfolgreich durch Amerika ziehen lassen.

Die Spaltung Berlins war ein weiterer Schicksalsschlag, da nicht nur die Bestände zwischen Ost und West geteilt wurden, sondern die wichtigsten Bestände nicht wieder in ihr altes Heim auf der Museumsinsel zurückkehren konnten, vielmehr in Dahlem provisorisch untergebracht werden mussten. Dort haben die Nachkriegsgenerationen grundlegende Eindrücke vom Rang der verbliebenen Werke gewonnen.

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Endlich wurden nach der Wende die Bestände mit einem der Galerie eng verbundenen Kupferstichkabinett in einem wunderbaren, eigens auf sie zugeschnittenen Bau untergebracht – an einem »Kulturforum« freilich, dessen Ödnis eine weitere Katastrophe für die Galerie bedeutete.

Diesen Schicksalsschlägen folgt nun mit dem Plan, einen Bestand der Galerie zu magazinieren und einen Rest unter die Skulpturen des Bodemuseums zu mischen, ein letzter Schlag. Für zehn Jahre solle man sich gedulden, so behaupten die Optimisten und fantasieren eine Bodesche Zukunft herbei, welche die Werke in historistische Epochenmilieus zurückversetzen würde.

An die Stelle der alten Bestände soll ins Kulturforum Kunst der Moderne und der Gegenwart kommen, die schon morgen eine Kunst der Vergangenheit ist, wie man in allen Museen der Gegenwart schnell erfahren kann. Hauptbestand wird, neben einem dann vereinsamten, überragenden Kabinett alter Grafik, eine Privatsammlung sein, deren Besitzer damit droht, seine Söhne würden sich freuen über das Geld, das ihnen als Erben zufalle, wenn das Museum sich seiner Sammlung verweigere.

Martin Warnke

Der weltberühmte Kunsthistoriker ist emeritierter Professor der Universität Hamburg

Ich habe noch kein Kriterium gehört, das den selbstverständlichen Vorrang der modernen Kunst gegenüber alter Kunst, wie er in Berlin weiträumig etabliert wird, rechtfertigt. Die alten Werke sind durch einen gewaltigen Auswahlprozess über die Jahrhunderte erhalten worden: Zahllose Generationen haben sie gegen alle Geschmackswellen und sonstige Gefährnisse für gut und erhaltenswert befunden, bevor ein kompetentes Museumspersonal sie noch ein letztes Mal geprüft und dem Publikum in Museen übergeben hat. Gegenüber den Ergebnissen dieses Selektionsprozesses ist in Berlin eine Sammlung von Werken der Moderne oder der Gegenwart sammlungsgeschichtlich ein Leichtgewicht, das nur durch das Gewinnstreben von Galeristen und den Privatgeschmack eines reichen Laien legitimiert ist.

Der Internationale Kunsthistorikerkongress tagte vor Kurzem in Nürnberg. Seine Gäste werden die Gelegenheit zu einem besorgten Ausflug nach Berlin genutzt haben.

 
Leserkommentare
  1. Die Begründungen, die vorgeschoben werden, um diesen Irrsinn zu rechtfertigen, sind so leicht als Feigenblätter zu erkennen, dass es den Beteiligten eigentlich peinlich sein sollte. Besonders der Direktor der Gemäldegalerie sollte sich schämen, dass er seiner Verantwortung gegenüber dem Kulturerbe nicht gerecht wird. Er versucht nicht einmal, sich gegen diesen Unsinn zu wehren ... Man kann nur hoffen, dass das ganze im Sande verläuft bzw. alle, die sich der Kultur gegenüber verantwortlich fühlen, letzten Endes auch zu Demontsrationen vor Ort bereit sind ...

  2. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hört schon seit geraumer Zeit auf Kunsthändler und deren Lobbyisten. Die Neue Nationalgalerie und der Hamburger Bahnhof zeigen wie der internationale Kunsthandel auch in Berlin mitbestimmt was ausgestellt wird (siehe aktuelles Ausstellungsprogramm). Im internationalen Kunstmarkt System sind Milliarden unterwegs. Diese Gelder werden eingesetzt und machen gefügig. Es geht nicht um Kunst, es geht um Geld.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ich bin nun wahrlich weder ein großer Kunstkenner, noch übereifriger Museumsbesucher aber wenn ich durch Berichte etc. auf eine (für mich) interessante Ausstellung in Berlin aufmerksam werde, schaue ich sie mir an.

    Die Gemäldesammlung habe ich vor ca. zwei Jahren mehr oder weniger zufällig bzw. aus Langeweile besucht und ich war selten so beeindruckt von einem Museumsbesuch. Gleichzeitig war ich allerdings irritiert, wie stiefmütterlich im Gebäude auf die Sammlung hingewiesen wird und Bekannten von mir ist überhaupt nicht bewusst, dass die Sammlung dort existiert weil in erster Linie die wechselnde Ausstellung moderner Kunst in der Neuen Nationalgalerie durch Werbung etc. bekannt gemacht wird. Dass ausgerechnet diese Sammlung jetzt zu Gunsten der nun wirklich nicht selten vertretenen modernen Kunst zum Teil im Archiv verschwinden soll, kann ich nicht verstehen.

    Ich werde mir die Sammlung auf jeden Fall noch einmal anschauen und empfehle das jedem Interessierten, der sie bis jetzt noch nicht gesehen hat.

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