Der Bewerber war perfekt. Auf jede Frage, die ihm gestellt wurde, hatte er eine druckreife Antwort. Kein Zögern, kein Verhaspeln, keine holprige Wortwahl. Sein Lebenslauf war so schlüssig, als hätte er ihn schon am Tag seiner Geburt durchgeplant. Und seine Kleidung saß, als käme er gerade vom Maßschneider. Doch als er den Raum verlassen hatte, blieb ein Unbehagen zurück. Der Personalchef sagte schließlich: »Ich glaube, der war mir zu perfekt!« Die anderen nickten und sagten: »Ja, irgendwie ist das ein glatter Typ

Es ist grotesk: Wir alle streben nach Perfektion, doch wer sie erreicht, hat nichts erreicht. Perfektion mache verwechselbar und verhindere Charme, wie Catherine Deneuve zu Recht anmerkt.

Idealgewicht erinnert andere an ihr eigenes Übergewicht. Hohe Intelligenz hält anderen ihr durchschnittliches Denkvermögen vor Augen. Und perfekter Sprachgebrauch bringt die kleinen Fehler der anderen zum Leuchten wie die Nacht das Glühwürmchen. In Gegenwart der Perfekten, der Geleckten, der Überflieger fühlt sich niemand wohl. Es sei denn, er ist selbst perfekt, geleckt oder Überflieger – aber wer kann das von sich behaupten?

Kleine Fehler machen sympathisch

Der zweite, noch größere Nachteil der Perfektion: Sie ist langweilig, man vergisst sie schnell. An einen kleinen Schnitzer der Eiskunstläuferin erinnern wir uns noch nach Wochen – wer erinnert sich an eine makellose Kür? Unsere Wahrnehmung merkt sich Besonderheiten. Bei den Perfekten hebt sich gar nichts ab. Alles ist gleich.

Ich staune immer wieder darüber, dass kleine Fehler dem Erfolg nicht schaden. Wer sich als Bewerber mal verhaspelt oder als Führungskraft einen handwerklichen Schnitzer begeht, wird den anderen Menschen dadurch sympathischer, sie denken: »Er ist auch nur ein Mensch, selbst wenn er auf seinem Gebiet überragende Qualitäten hat!«

Bedeutet das: Wer keine Fehler hat, sollte bewusst welche machen? Ich würde eher sagen: Kleine Eigenarten oder winzige Unebenheiten im Lebenslauf, zum Beispiel eine Fehlentscheidung im Beruf vor vielen Jahren, müssen Sie nicht verbergen; sie können einen ansonsten perfekten Menschen interessanter und nahbarer machen. Den meisten Menschen geht es in dieser Hinsicht wie mir: Sie müssen sich gar nicht bemühen – denn unzulänglich sind sie von ganz alleine...