PerfektionDas Zitat... und Ihr Gewinn

Catherine Deneuve sagt: Charme und Perfektion vertragen sich schlecht miteinander. Charme setzt kleine Fehler voraus, die man verdecken möchte. von 

Der Bewerber war perfekt. Auf jede Frage, die ihm gestellt wurde, hatte er eine druckreife Antwort. Kein Zögern, kein Verhaspeln, keine holprige Wortwahl. Sein Lebenslauf war so schlüssig, als hätte er ihn schon am Tag seiner Geburt durchgeplant. Und seine Kleidung saß, als käme er gerade vom Maßschneider. Doch als er den Raum verlassen hatte, blieb ein Unbehagen zurück. Der Personalchef sagte schließlich: »Ich glaube, der war mir zu perfekt!« Die anderen nickten und sagten: »Ja, irgendwie ist das ein glatter Typ

Es ist grotesk: Wir alle streben nach Perfektion, doch wer sie erreicht, hat nichts erreicht. Perfektion mache verwechselbar und verhindere Charme, wie Catherine Deneuve zu Recht anmerkt.

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Idealgewicht erinnert andere an ihr eigenes Übergewicht. Hohe Intelligenz hält anderen ihr durchschnittliches Denkvermögen vor Augen. Und perfekter Sprachgebrauch bringt die kleinen Fehler der anderen zum Leuchten wie die Nacht das Glühwürmchen. In Gegenwart der Perfekten, der Geleckten, der Überflieger fühlt sich niemand wohl. Es sei denn, er ist selbst perfekt, geleckt oder Überflieger – aber wer kann das von sich behaupten?

Kleine Fehler machen sympathisch

Der zweite, noch größere Nachteil der Perfektion: Sie ist langweilig, man vergisst sie schnell. An einen kleinen Schnitzer der Eiskunstläuferin erinnern wir uns noch nach Wochen – wer erinnert sich an eine makellose Kür? Unsere Wahrnehmung merkt sich Besonderheiten. Bei den Perfekten hebt sich gar nichts ab. Alles ist gleich.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Ich staune immer wieder darüber, dass kleine Fehler dem Erfolg nicht schaden. Wer sich als Bewerber mal verhaspelt oder als Führungskraft einen handwerklichen Schnitzer begeht, wird den anderen Menschen dadurch sympathischer, sie denken: »Er ist auch nur ein Mensch, selbst wenn er auf seinem Gebiet überragende Qualitäten hat!«

Bedeutet das: Wer keine Fehler hat, sollte bewusst welche machen? Ich würde eher sagen: Kleine Eigenarten oder winzige Unebenheiten im Lebenslauf, zum Beispiel eine Fehlentscheidung im Beruf vor vielen Jahren, müssen Sie nicht verbergen; sie können einen ansonsten perfekten Menschen interessanter und nahbarer machen. Den meisten Menschen geht es in dieser Hinsicht wie mir: Sie müssen sich gar nicht bemühen – denn unzulänglich sind sie von ganz alleine...

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Leserkommentare
  1. Ich bezweifle, dass es die Perfektion ist, die die Einstellung verhindert. Denn Neid und Missgunst, weil einer etwas besser kann als andere, zu perfekt ist, ist doch quatsch, solange der Bewerber nicht arrogant rüberkommt.
    Viel eher denke ich, dass es die mangelnde charakterliche Reife ist, die viele Bachelor/Masterstudenten etc haben, die nach dem Abi direkt angefangen haben zu studieren (ich tat dies auch) und eigtl ihr ganzes Leben nur gepaukt haben.
    Ich glaube nicht, dass man extra ein Jahr vertendeln sollte, nur damit man einen "menschlicheren" Lebenslauf bekommt:-).

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    Persönlichkeit muss man erfahren, erlben, formen. Wer keine hat, präsentiert sein Profil, oft ein Statdard-Profil, das man ihm in der Standard-Ausbildung verkauft hat. Solche "Typen" funktionieren im Grid der Leistungsgesellschaft perfekt, mehr aber auch nicht.

    • cornus
    • 05. August 2012 13:23 Uhr

    eigentlich keine vertändelten Jahre, wenn man einen Erkenntnisgewinn daraus zieht. Zum Entwickeln oder Verwerfen von Alternativen kann ein solches Jahr sehr nützlich sein. Schule -(verschulte) Universität - Beruf, dieser Weg kann schnell zur Einbahnstraße werden. Ein 'Break' in dieser sehr vorgezeichneten Laufbahn ist oft sehr sinnvoll - dann kommt das mit der charakterlichen Reife ganz von selbst.

  2. "Denn Menschen mit perfekten Lebensläufen mögen auch Personaler nicht. Sie sind langweilig."

    Sie sind vor allem keine Menschen.

  3. Persönlichkeit muss man erfahren, erlben, formen. Wer keine hat, präsentiert sein Profil, oft ein Statdard-Profil, das man ihm in der Standard-Ausbildung verkauft hat. Solche "Typen" funktionieren im Grid der Leistungsgesellschaft perfekt, mehr aber auch nicht.

    Antwort auf "Verwechselt"
  4. Ursprünglich ging es im Arbeitsleben darum, für eine Aufgabe befähigt und bereit zu sein.
    Heute machen sich viele Bewerber zum Affen, um sich einem Auswahlverfahren zu stellen. Sie lassen sich wie Pudel dressieren und springen auf Wunsch auch durch den Reifen, wenn es die hoheitliche Jury von ihnen verlangt. Diese Jury verhält sich gelegentlich so, als würde sie bei "DSDS" abgeschaut haben.

    Bewerber, die zu allem bereit sind und damit den Personalern das Gefühl geben, übermächtig zu sein sorgen dafür, dass diese in dekadente Auswahlspielchen verfallen.

    Durch mediale Artikel, Angebote und Ratgeber zu Assessments und Bewerberverhalten werden die Jobsuchenden zusätzlich verunsichert. In vorauseilendem Gehorsam lernen sie noch schnell das Reifenspringen und ihre Sprüchlein.

    Es ist klar, dass den Personalern die Uniformiertheit der Gespräche dann irgendwann auf den Keks geht, wenn sie z.B zum fünfhundertsten Mal auf die Frage: "Welche Fehler sehen sie bei sich?" zur Antwort bekommen: "Man sei gelegentlich zu ungeduldig".

    Es sollte anderes herum gehen: Der Bewerber könnte den Kontakt zum Personaler nutzen, um etwas über das Unternehmen zu erfahren was er nicht im internet gefunden hat.
    Er könnte an der Haltung des Personalers ergründen, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird. Der Personaler sollte ihm ein Schaufenster ins Unternehmen sein und in die Rolle gedrängt werden für dieses Unternehmen und um den Mitarbeiter zu werben, anstelle sich demütigen zu lassen.

  5. Anders gesagt: Niemand kann es allen auf dieser Welt recht machen. Man kann nach Perfektionismus streben, wird ihn aber nie ereichen.

    Das Streben nach Perfektionismus ist inzwischen entzaubert. In den meisten Fällen steht der "Perfektionist" am Ende des Lebens schlechter da, als der "80% Typ".

    Meine lange Erfahrung mit Perfektionismus und Perfektionisten drücke ich am liebsten in einem Zitat von
    J. Camerons "Der Weg des Künstlers" aus:
    "Perfektionismus ist die Weigerung, sich zu erlauben, im Leben vorwärts zu gehen."

  6. Glauben Sie tatsächlich, dass Personaler einer Flut von alglatten Perfektlingen ausgesetzt sind? Ich bezweifele das. Natürlich ruft so mancher, geleckter Satz aus einem Bewerbungsanschreiben Seufzer hervor, denn nicht jeder ist stilsicher und obendrein sind die Geschmäcker verschieden. Aber eine Bewerbung mit Motivation, Lebenslauf und Zeugnissen ist doch sehr individuell und aussagekräftig. Wahrscheinlich sind es ehr die Retortenbewerbungen, die inflationär an alle Betriebe im Umkreis geschickt werden, die negativ auffallen, bzw. gegenüber anderen Bewerbungen zurückgestellt werden.
    Vielleicht ein Tip für Bewerber: Telefonieren Sie mit Ihrem Arbeitgeber in spe und fragen Sie nach Ihrem speziellen Aufgabenspektrum, bevor Sie Ihre Bewerbung einsenden!

    • cornus
    • 05. August 2012 13:23 Uhr

    eigentlich keine vertändelten Jahre, wenn man einen Erkenntnisgewinn daraus zieht. Zum Entwickeln oder Verwerfen von Alternativen kann ein solches Jahr sehr nützlich sein. Schule -(verschulte) Universität - Beruf, dieser Weg kann schnell zur Einbahnstraße werden. Ein 'Break' in dieser sehr vorgezeichneten Laufbahn ist oft sehr sinnvoll - dann kommt das mit der charakterlichen Reife ganz von selbst.

    Antwort auf "Verwechselt"
  7. Was ist denn der perfekte Lebenslauf? Was ist denn die perfekte Antwort? Mir ist schleierhaft, wie sich ein Bewerber überhaupt perfekt präsentieren kann. In den meisten Fällen sind es wohl eher die rudimentären und leicht zu befriedigenden Vorstellungen der Personalchefs, die "perfekt" angesprochen werden. Wer solch ein absurdes Verständnis von Güte benutzt, der muss sich nicht wundern, wenn ihm sein Gefühl dann die eigenen Kriterien als letztlich nicht relevant genug entlarvt.
    Aber natürlich ist dies kein Anstoß zur Debatte, sondern nur ein gutgemeinter Ratschlag an eindimensionale Karrierehengste (die allerdings mit Sicherheit an anderer Stelle einen vielleicht sogar geeigneteren Job finden). Dem ist wohl nichts zuzufügen.

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