Schauspieler : Bretter, die kein Geld bedeuten

Bühnenschauspieler sind vielleicht die Helden im Rampenlicht – aber selbst die Beleuchter verdienen besser.

Für seinen Traumberuf brach Michel Brandt mit 17 die Schule ab, denn für ein Schauspielstudium muss man kein Abitur haben. Und es lief reibungslos: Er machte einen Schauspielbachelor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart, und nach dem sogenannten Intendantenvorspiel im dritten Jahr bekam er gleich ein Angebot, erst einen Gastspielvertrag am Staatstheater Karlsruhe, dann ein festes Engagement. »Ich bin sehr, sehr froh«, sagt Brandt.

Mit nur 22 Jahren steht er als Profi auf der Bühne, in der kommenden Saison wird er eine Rolle in Die Möwe von Anton Tschechow spielen. Sechs bis acht Wochen dauern die Proben für ein Stück, den ganzen Tag nichts anderes. »Ich lasse mich darauf ein«, sagt Brandt. Theater ist das, was er machen will. Von 9 bis 17 Uhr in einem Büro zu sitzen – das kann er sich nicht vorstellen.

Katja Klemt, 40, ist ebenfalls glücklich mit ihrem Beruf, aber sie hat jetzt auch seine dunkle Seite kennengelernt. Klemt wurde entlassen, mit ihr das halbe Ensemble des Theaters Vorpommern in Greifswald, weil der Intendant andere Gesichter wollte, einen Neuanfang. »Ich habe mich immer für eine coole Sau gehalten«, sagt Klemt. Eine Frau, die mit allem klarkommt, die nicht viel Wert auf Sicherheit legt, der Geld nicht besonders wichtig ist. Katja Klemt, schmales Gesicht, blonde Haare, lebenslustig, will nicht jammern. »Aber dieser politische Rausschmiss«, sagt sie, »der nimmt mich wirklich mit.«

Auch wenn Schauspieler die Helden im Rampenlicht sind – sie verdienen in der Regel weniger Geld als die Beleuchter. Andere Künstlergruppen am Theater, etwa die Orchestermusiker, haben sich Privilegien gesichert, ihre Gehälter steigen regelmäßig, ihre Überstunden werden bezahlt. Für Schauspieler an den bundesweit knapp 150 öffentlich getragenen Theatern legt der Tarifvertrag eine Mindestgage von 1.600 Euro brutto im Monat fest – und an den kleineren Häusern außerhalb der Metropolen bekommen Schauspieler auch nicht viel mehr. 3.000 bis 4.000 Euro sind schon ein sehr gutes Schauspielergehalt. Nur einzelne Stars können eine noch höhere Gage heraushandeln.

»Nichtverlängerungsmitteilung« zum Ende der Saison

Michel Brandt hat für die nächsten zwei Jahre sein Einkommen sicher. Vielleicht darf er auch länger in Karlsruhe bleiben, doch sein Engagement kann dann jedes Jahr per »Nichtverlängerungsmitteilung« zum Ende der Saison beendet werden. »Man muss eben flexibel sein«, sagt er. Schauspieler unterliegen nicht dem Kündigungsschutz, sondern nur dem guten Willen des Intendanten. Das Bundesarbeitsgericht begründet dies regelmäßig mit dem »Abwechslungsbedürfnis« des Publikums. Eine Ausnahme gibt es: Nach 15 Jahren am Theater wird ein Schauspieler unkündbar. Auffallend viele Schauspieler werden nach 14 Jahren entlassen – natürlich aus rein künstlerischen Gründen, wie Branchenkenner ironisch anmerken.

»Die Arbeitsrealität ist härter geworden«, sagt Volkmar Kampmann von der ZAV-Künstlervermittlung der Arbeitsagentur in Köln. »Es gibt heute mehr Bewerber auf weniger Stellen.« Kampmann beobachtet, wie immer mehr private Theaterschulen ihre Absolventen in den Markt entlassen und gleichzeitig vielerorts die Ensembles aus Kostengründen verkleinert werden. Die rund 200 Schauspieler, die die deutschsprachigen staatlichen Schulen im Jahr verlassen, haben noch die besten Chancen. Gerade bei den Absolventen der Privatschulen gibt es viele, die von einem Gastspiel zum nächsten hüpfen, ab und an einen Drehtag beim Film einschieben – und zwischendurch Hartz IV beziehen.

An den öffentlichen Theatern waren laut Deutschem Bühnenverein im Jahr 2010 rund 2.000 Schauspieler fest angestellt. Insgesamt wird die Zahl der Schauspieler in Deutschland auf 20.000 bis 25.000 geschätzt. Genaue Zahlen werden nicht erhoben, und in der Arbeitslosenstatistik werden Schauspieler seit diesem Jahr gar nicht mehr separat aufgeführt.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ich finde das hängt mit der Identifikation zusammen

Wenn ein Schauspieler nicht gerade ein Superstar ist nimmt man Schauspielern nicht ab, dass sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Sie spielen Rollen genauso wie ein Bäcker Brötchen bäckt. Nicht dass ich damit sagen will, dass man sich hier wie dort keine Mühe gibt. Aber Als Zuschauer hat man nicht das Gefühl persönlich berührt zu sein. Es ist wie eine Buchbesprechung, die genausogut nicht stattgefunden haben könnte auch wenn sie die beste alle Zeiten war. Nach einer Rolle geht der Schauspieler eben weiter und spielt die nächste Rolle. Ein Lichttechniker wird immer Lichttechniker sein und wenn ich nicht sehe, dass er Lichtechniker ist weis ich trotzdem, dass er es noch ist. Bei Einem Schauspieler ist das nicht so.

Schauspielersuperstars zehren von dem Paradox, dass Menschen den Schauspieler immer noch kennen selbst wenn sie ihn nicht vor Augen haben. Eigentlich widerspricht das der Schasupieler tätigkeit, weil ein echter/guter Schauspieler nie vorhersagbar sein müsste. Insofern sind unbekannte Schauspieler die wahrshren Schauspieler, weil man sie nicht einordnen kann - leiden dann aber eben auch darunter, dass man sie für austauschbar hält.

Merkwürdig,

wenn Künstler noch bürgerliches Leben führen wollen. In Rio de Janeiro, z.B., wo es eine lebendige Theaterszene gibt, rennen Schauspieler am selben Abend von einer Aufführung zur nächsten. Aber deutsche Schauspieler sind Rentner mit 30, wie der Thomas Bernhard gesagt hat, "Rentner mit 30, an der Burgstraße."

Schauspieler teilen somit das Schicksal vieler,

denn in etlichen anderen Berufen gibt es ja selbst befristete Anstellungen nicht mehr, sondern es läuft alles auf Honorarbasis. Dabei ist dieses so knapp bemessen, dass man eine ordentliche Arbeit damit gar nicht abliefern könnte. Wenn aber eine Honorarlehrkraft viel Arbeit in ihre Vorbereitungen steckt, viel Korrekturarbeit leistet, kommt sie am Ende weit unter 10€ netto pro Stunde. Dasselbe betrifft die Autoren von Wörterbüchern (man glaubt es nicht!). Von Schriftstellern ohne exklusiven Verlagsvertrag braucht man erst gar nicht reden. Einen Roman für 2000€ bitte schön - ganz gleich, wieviel Monate Arbeit man da hineinstecken muss. Wissenschaftler müssen froh sein, wenn sie die selbst bezahlten Druckkosten wieder reinbekommen usw. usf. Da hilft eine Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nicht weiter! Heutzutage geht es einfach nur noch um Gewinnmaximierung bzw. Kostenersparnis. Die Verlierer sind diejenigen, die die eigentliche Arbeit leisten.