SchauspielerBretter, die kein Geld bedeuten

Bühnenschauspieler sind vielleicht die Helden im Rampenlicht – aber selbst die Beleuchter verdienen besser. von Sebastian Erb

Für seinen Traumberuf brach Michel Brandt mit 17 die Schule ab, denn für ein Schauspielstudium muss man kein Abitur haben. Und es lief reibungslos: Er machte einen Schauspielbachelor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart, und nach dem sogenannten Intendantenvorspiel im dritten Jahr bekam er gleich ein Angebot, erst einen Gastspielvertrag am Staatstheater Karlsruhe, dann ein festes Engagement. »Ich bin sehr, sehr froh«, sagt Brandt.

Mit nur 22 Jahren steht er als Profi auf der Bühne, in der kommenden Saison wird er eine Rolle in Die Möwe von Anton Tschechow spielen. Sechs bis acht Wochen dauern die Proben für ein Stück, den ganzen Tag nichts anderes. »Ich lasse mich darauf ein«, sagt Brandt. Theater ist das, was er machen will. Von 9 bis 17 Uhr in einem Büro zu sitzen – das kann er sich nicht vorstellen.

Anzeige

Katja Klemt, 40, ist ebenfalls glücklich mit ihrem Beruf, aber sie hat jetzt auch seine dunkle Seite kennengelernt. Klemt wurde entlassen, mit ihr das halbe Ensemble des Theaters Vorpommern in Greifswald, weil der Intendant andere Gesichter wollte, einen Neuanfang. »Ich habe mich immer für eine coole Sau gehalten«, sagt Klemt. Eine Frau, die mit allem klarkommt, die nicht viel Wert auf Sicherheit legt, der Geld nicht besonders wichtig ist. Katja Klemt, schmales Gesicht, blonde Haare, lebenslustig, will nicht jammern. »Aber dieser politische Rausschmiss«, sagt sie, »der nimmt mich wirklich mit.«

Auch wenn Schauspieler die Helden im Rampenlicht sind – sie verdienen in der Regel weniger Geld als die Beleuchter. Andere Künstlergruppen am Theater, etwa die Orchestermusiker, haben sich Privilegien gesichert, ihre Gehälter steigen regelmäßig, ihre Überstunden werden bezahlt. Für Schauspieler an den bundesweit knapp 150 öffentlich getragenen Theatern legt der Tarifvertrag eine Mindestgage von 1.600 Euro brutto im Monat fest – und an den kleineren Häusern außerhalb der Metropolen bekommen Schauspieler auch nicht viel mehr. 3.000 bis 4.000 Euro sind schon ein sehr gutes Schauspielergehalt. Nur einzelne Stars können eine noch höhere Gage heraushandeln.

»Nichtverlängerungsmitteilung« zum Ende der Saison

Michel Brandt hat für die nächsten zwei Jahre sein Einkommen sicher. Vielleicht darf er auch länger in Karlsruhe bleiben, doch sein Engagement kann dann jedes Jahr per »Nichtverlängerungsmitteilung« zum Ende der Saison beendet werden. »Man muss eben flexibel sein«, sagt er. Schauspieler unterliegen nicht dem Kündigungsschutz, sondern nur dem guten Willen des Intendanten. Das Bundesarbeitsgericht begründet dies regelmäßig mit dem »Abwechslungsbedürfnis« des Publikums. Eine Ausnahme gibt es: Nach 15 Jahren am Theater wird ein Schauspieler unkündbar. Auffallend viele Schauspieler werden nach 14 Jahren entlassen – natürlich aus rein künstlerischen Gründen, wie Branchenkenner ironisch anmerken.

»Die Arbeitsrealität ist härter geworden«, sagt Volkmar Kampmann von der ZAV-Künstlervermittlung der Arbeitsagentur in Köln. »Es gibt heute mehr Bewerber auf weniger Stellen.« Kampmann beobachtet, wie immer mehr private Theaterschulen ihre Absolventen in den Markt entlassen und gleichzeitig vielerorts die Ensembles aus Kostengründen verkleinert werden. Die rund 200 Schauspieler, die die deutschsprachigen staatlichen Schulen im Jahr verlassen, haben noch die besten Chancen. Gerade bei den Absolventen der Privatschulen gibt es viele, die von einem Gastspiel zum nächsten hüpfen, ab und an einen Drehtag beim Film einschieben – und zwischendurch Hartz IV beziehen.

An den öffentlichen Theatern waren laut Deutschem Bühnenverein im Jahr 2010 rund 2.000 Schauspieler fest angestellt. Insgesamt wird die Zahl der Schauspieler in Deutschland auf 20.000 bis 25.000 geschätzt. Genaue Zahlen werden nicht erhoben, und in der Arbeitslosenstatistik werden Schauspieler seit diesem Jahr gar nicht mehr separat aufgeführt.

Leserkommentare
  1. ...macht man eine dreijährige Ausbildung. Ich kannte mal jemanden der mit 40 noch Elektriker gelernt hat - hat ihm nicht geschadet (und er hat auch Ausbildungsvergütung erhalten).

    Wieso ist so ein Weg keine Alternative zur prekären und langfristig nicht finanzierbaren Existenz im bundesrepublikanischen Kulturbetrieb?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Nevil
    • 13. August 2012 14:45 Uhr

    für sich vorstellen kann. Was allerdings - wie alles Andere auch - keine Garantie für beruflichen Erfolg und ein gutes Auskommen in der Zukunft mit sich bringt. Aber man muss sich eben etwas Anderes vorstellen können und es muss auch realisierbar sein. Das klingt banal, ist es aber nicht. Heutzutage bekommt man eine Ausbildungsförderung fast nur noch für die Altenpflege und den Erziehungsbereich, wenn man mit dem Handwerk nichts am Hut hat. (Wie es da jetzt mit Ausbildungsmöglichkeiten um die 40 herum aussieht, weiß ich nicht.) Aber damit muss man sich auch irgendwie identifizieren können. "Dann mache ich eben das!" wäre da wohl nicht die richtige Einstellung. Nach einem mühsam erkämpften und abgeschlossenen langjährigen Studium ist das aber genau abzuwägen, da muss man wirklich endgültig mit Allem, was einem bisher etwas bedeutet hat, abgeschlossen haben. Sowas dauert lange.
    Wenn jeder im Kulturbereich, wie Sie vorschlagen, bei einer länger anhaltenden Durststrecke die Flinte ins Korn werfen würde, dann gäbe es schlicht und einfach keine Kultur mehr.
    Vielleicht muss es aber erst dazu kommen, vielleicht müssen es erst viele Leute vermissen, damit sich die allgemeine Einstellung zur Sache und zu den Kulturschaffenden wieder neu justiert.

  2. Von einer Stadt zur nächsten, miese Bezahlung, zwischendurch immer Hartz 4, und ab 40 nicht mehr sexy genug, um was zu bekommen. Dann Depressionen und nur noch Hartz 4.

    • Nevil
    • 13. August 2012 14:45 Uhr

    für sich vorstellen kann. Was allerdings - wie alles Andere auch - keine Garantie für beruflichen Erfolg und ein gutes Auskommen in der Zukunft mit sich bringt. Aber man muss sich eben etwas Anderes vorstellen können und es muss auch realisierbar sein. Das klingt banal, ist es aber nicht. Heutzutage bekommt man eine Ausbildungsförderung fast nur noch für die Altenpflege und den Erziehungsbereich, wenn man mit dem Handwerk nichts am Hut hat. (Wie es da jetzt mit Ausbildungsmöglichkeiten um die 40 herum aussieht, weiß ich nicht.) Aber damit muss man sich auch irgendwie identifizieren können. "Dann mache ich eben das!" wäre da wohl nicht die richtige Einstellung. Nach einem mühsam erkämpften und abgeschlossenen langjährigen Studium ist das aber genau abzuwägen, da muss man wirklich endgültig mit Allem, was einem bisher etwas bedeutet hat, abgeschlossen haben. Sowas dauert lange.
    Wenn jeder im Kulturbereich, wie Sie vorschlagen, bei einer länger anhaltenden Durststrecke die Flinte ins Korn werfen würde, dann gäbe es schlicht und einfach keine Kultur mehr.
    Vielleicht muss es aber erst dazu kommen, vielleicht müssen es erst viele Leute vermissen, damit sich die allgemeine Einstellung zur Sache und zu den Kulturschaffenden wieder neu justiert.

    Antwort auf "Hergott, dann..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Sie sehr gut verstehen. Man läßt nicht leichtfertig hinter sich, was man sich mühsam und unter Entbehrungen aufgebaut hat. Vielleicht muß man manchmal aber eben gerade diese tun, um dem in Kommentar #26 geschilderten Schicksal zu entgehen. Vielleicht kann so etwas auch einen persönlichen Reifeprozeß einleiten.

    Kulturschaffenden ging es wahrscheinlich niemals besser. Warum sollte es auch - die Sorge um das tägliche Brot ist wichtiger. Kultur wird es immer geben (ist nicht von Kulturförderung abhängig, wie man z.B. am Beispiel der Sex Pistols sehen kann).

  3. ...Sie sehr gut verstehen. Man läßt nicht leichtfertig hinter sich, was man sich mühsam und unter Entbehrungen aufgebaut hat. Vielleicht muß man manchmal aber eben gerade diese tun, um dem in Kommentar #26 geschilderten Schicksal zu entgehen. Vielleicht kann so etwas auch einen persönlichen Reifeprozeß einleiten.

    Kulturschaffenden ging es wahrscheinlich niemals besser. Warum sollte es auch - die Sorge um das tägliche Brot ist wichtiger. Kultur wird es immer geben (ist nicht von Kulturförderung abhängig, wie man z.B. am Beispiel der Sex Pistols sehen kann).

    • Supi
    • 15. August 2012 22:37 Uhr

    sicher doch, mit 40 ein zweites Studium-da ist man auf dem MArkt gefragt wie geschnitten Brot.
    Dasselbe gilt für den frisch ausgelernten Handwerker mit 45.

    Klaro.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...vom Partner oder der Allgemeinheit (Hartz4) alimentieren lassen und in Berliner Kneipen über die Ungerechtigkeit der Welt philosophieren. Wohlstandsjammerei - attraktiv ist etwas anderes.

  4. ...vom Partner oder der Allgemeinheit (Hartz4) alimentieren lassen und in Berliner Kneipen über die Ungerechtigkeit der Welt philosophieren. Wohlstandsjammerei - attraktiv ist etwas anderes.

    • iplay
    • 20. Februar 2013 18:26 Uhr

    ... für den gesellschaftlichen Wert einer Arbeit. Auch wirtschaftlich "inrentable" Arbeit leistet einen Beitrag zum Wohlbefinden, zur Bildung und Entwicklung der Gesellschaft und gehört entsprechend vergütet.

    Nevil hat recht. Das Problem der Dumpinglöhne betrifft längst nicht (mehr) nur Künstler. Es gibt eine bedenkliche Tendenz, Qualifikation monetär immer geringer zu vergüten, indem beispielsweise Praktikumsstellen Kräften besetzt werden, die über abgeschlossene Ausbildungen und andere Qualifikationen verfügen, die im Prinzip eine voll bezahlte Stelle bzw. ein entsprechend hohes Honorar rechtfertigen würden. Über die "Generation Praktikum" wird ja nicht erst seit gestern diskutiert. Und wenn allein Angebot und Nachfrage den Markt bestimmen, wie arlequin vorschlägt, es also gar keine Reglementierung mehr auf dem Arbeitsmarkt gibt, überleben am Ende nur die, deren Arbeit sich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten "lohnt". Ich bezweifle, dass eine solche Gesellschaft wünschenswert ist. Denn ich bin sicher, auch Sie, arlequin, sind eines Tages froh, wenn Ihnen als alter Mann (oder alte Frau?) jemand den Hintern abwischt, auch wenn Sie dann nicht mehr zum Bruttosozialprodukt beitragen und Ihre Existenz sich unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten eigentlich gar nicht mehr rentiert. Dass dieser jemand dann für seine Arbeit trotzdem eine Vergütung erhält, die seinen Lebensunterhalt oberhalb des Existenzminimums sichert, finde ich durchaus angemessen.

    Eine Leserempfehlung
    • iplay
    • 20. Februar 2013 18:26 Uhr

    Die Tatsache, dass 85 % der befragten Schauspieler ihren Beruf wieder wählen würden, zeigt deutlich, dass eine Berufswahl und generell die Frage, welche Lebensgestaltung als stimmig und erfüllend empfunden wird, keineswegs ausschliesslich an materiellen Gewinn geknüpft sind. Monetäre Anerkennung ist eben für manch einen eher Mittel zum Zweck und kaufmännische Erwägungen eher eine Notwendigkeit als Selbstzweck.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Beruf | Einkommen | Schauspieler | Theater
Service