Teach First : Einmal Lehrer und zurück

Dunja Batarilo wollte "die Generation kennenlernen, die da heranwächst". Hier schreibt sie über ihre Erlebnisse als Teach First "Fellow".

Cindy und Charlene räkeln sich auf dem Boden und essen Chips, der Rest der 8d macht Kulis und Trinkflaschen zu Flugobjekten. Vor zehn Minuten hat die sogenannte individuelle Lernzeit begonnen. »Aufstehen, und zwar sofort!« Das ist meine zehnte Ermahnung, und meine Stimme bekommt diesen schrillen Ton, den ich an mir hasse. Charlene schaut mich regungslos an, dann steckt sie sich die Finger in die Ohren und fängt an, wie eine Sirene zu heulen. Wie auf Kommando fällt die ganze Klasse ein. Und diese Martinshörner hier sollen in einem Jahr ihren Hauptschulabschluss machen.

Auf dem Heimweg strample ich heulend vor Wut gegen den Hamburger Wind an. Warum in aller Welt tu ich mir so was an? Warum sitze ich nicht in einer Redaktion und mache den Job, den ich immer machen wollte? Welcher Teufel hat mich geritten, als ich mich bei der Bildungsinitiative Teach First Deutschland bewarb? Ich wollte nicht einfach nur reden und schreiben über die Kevins und Aishes, vor denen sich die Feuilletonisten der Nation so gerne gruseln. Die Generation, die da heranwächst, wollte ich gern selbst kennenlernen.

Teach First setzt sich für gerechtere Bildungschancen ein. Ich kannte die Schwester-Initiative aus England und fand die Idee großartig: Hochschulabsolventen für zwei Jahre an »Brennpunktschulen« zu schicken, damit sie sich später in ihren vermutlich einflussreichen Positionen für eine gerechtere Bildungswelt einsetzen. Ich fand die Debatte um die vielen abgehängten Schulen, an denen sich die Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet, spannend und wichtig. Mit der Vermessenheit all derer, die sich für Experten in Sachen Schule halten, weil sie schließlich selbst mal auf einer waren, dachte ich: So schwer kann Lehrersein nicht sein. Ich hatte Philosophiestudium und Journalistenschule hinter mir und wollte runter von der Metaebene, rein ins echte Leben. Da bin ich jetzt: an einer Stadtteilschule im Hamburger Norden. Und die Kevins und Aishes zeigen mir, wo der Hammer hängt.

Ich werde souveräner im Umgang mit dem Unberechenbaren

Es gibt Schulen, an denen es deutlich schlimmer zugeht als an dieser. Und trotzdem: Dieser Job ist die bisher größte Herausforderung meines Lebens. Rückendeckung hole ich mir bei den anderen Hamburger Fellows. Das erste Mal in meinem Leben habe ich eine »Bezugsgruppe«, und die brauche ich auch. Die sechswöchige Sommerakademie zur Vorbereitung auf unseren Einsatz hat uns zusammengeschweißt. Das Zusammenspiel aus Fortbildungen und Austausch untereinander, auch beim gemeinsamen Bier, trägt uns durch den Einsatz. Außer den anderen Fellows erfährt niemand von mir, welche unpädagogischen Fantasien mir in Martinshornmomenten wie in der 8d durch den Kopf gehen – mit Chancengerechtigkeit haben die nicht immer zu tun.

»Sie haben meine Eltern angerufen«, ruft Furkan mir strahlend entgegen, als ich die 5e betrete. Stimmt. Das ist meine Strategie: Beim fünften Smiley rufe ich die Eltern an und schockiere sie mit positiven Nachrichten über ihren Nachwuchs. Die Klasse wird umgehend ruhig. Die Schüler wissen mittlerweile, dass es die begehrten Smiley-Stempel in die Lernpässe nur gibt, wenn sie sich an die Regeln halten und schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Inzwischen läuft es einigermaßen rund mit den meisten Schülern, ich werde souveräner im Umgang mit dem Unberechenbaren. Triumphgefühle machen sich breit in Situationen wie dieser: Vertretung in einer neunten Klasse. Nach einer halben Stunde, in der ich die Meute leidlich gebändigt habe, höre ich eine Stimme rufen: »Kann ich jetzt runterkommen?« Mein Blick wandert dem Ursprung der Stimme entgegen, nach oben: Hamid hat die Stunde von mir unbemerkt auf dem Schrank verbracht. »Also die letzten fünfzehn Minuten kannst du jetzt auch noch oben bleiben«, gebe ich zurück und schaffe es tatsächlich, dabei ernst zu bleiben.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Gutes ist nur gut, wenn es altruistisch motiviert ist?

Ich habe Teach First hier in Grossbritannien kennengelernt, und finde es toll. Das Programm erfreut sich hier grosser Beliebtheit.
Man kann natürlich meckern und die Motive der Sponsoren in Frage stellen. Man kann es aber auch als Win-Win Situation interpretieren.
Ich kann aber nachvollziehen, dass man findet, die Sponsoren sollten zumindest erwähnt werden. (Obwohl ich sicher bin, dann beschwert sich wieder jemand, dass es Werbung ist)

[...]

Nach überdurchschnittlichen Studienleistungen wird jedes Stipendium vergeben. Das hat dann mit Selektion nichts zu tun.
Außerdem was haben übersdurchschnittliche Studienleistungen mit der Herkunft zu tun. Auf Stipendien bewerben sich in der Regel nur die Studenten, deren Eltern nicht für den Unterhalt zahlen können.
Das ist eine Tatsache und wiederspricht Ihren "denk-mal-lieber-selber"seiten absolut.

Außerdem würde ich es begrüßen wenn sie die "weiteren Informationen" selber geben würden, damit man Ihre Weltansicht verstehen kann. Was zugegebener Maßen mit Hilfe des angegeben Links auch nicht schwer ist.

Nocheinmal zum Mitschreiben, Stipendien der Wirtschaft dienen nicht dazu den willenlosen Massen der armen Unterschicht ihren Willen aufzudrängen und sie zu beherrschen, sondern um überdurchschnittlich guten Nachwuchs zu fördern, der dann zu hochqualifizierten Arbeitskräften heranreift.

[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf die Provokation anderer User. Danke, die Redaktion/mk

Ihr Kommentar zeigt vor allem

dass Ihnen die Schüler herzlich egal sind und sie bereit sind diese jederzeit als Mittel Ihrer Sozialkritik einzusetzen. Wenn ein Schüler durch diese Initiative besser wird, dann ist hiergegen doch wenig einzuwenden. Er gewinnt Selbstvertrauen (kann er auch dann brauchen, wenn er später mal für die Gewerkschaft tätig wird), hat bessere Chancen sein Leben in den Griff zu bekommen. Wo also liegt das Problem?
Wenn ich Sie recht verstehe, dann darin, dass eine begrüßenswerte Initiative für Sie von den falschen Leuten gefördert wird. Nichts und niemand hält Sie davon ab sich auf ähnliche Weise zu engagieren.

In der Tat nachdenkenswert, nur...

- haben wir eine Alternative?
Wir haben ein System, das in vielen Dingen "gut gemeint" ist, aber eben in der Praxis zu oft versagt. Und wir haben einen Ansatz, der dies Versagen nicht philosophisch-strukturell, sondern punktuell-konkret angeht. Und zwar zweifellos aus eigenen Interessen (vulgo: Geld scheffeln).

Aber... daß da einer Geld scheffelt, das mag nicht fein sein, aber er tut es immerhin, indem er auch anderen Geld zuschustert, den Lehrern und (hoffe ich doch) einigen Schülern. Es kommt also dabei heraus, daß ein ohnehin Reicher noch reicher wird, aber ein paar Arme auch gewinnen. Was wiegt schwerer - das Unbehagen mit dem Reichtum des Reichen oder das Unbehagen mit der Armut des Armen?
Daß einer Gutes aus Berechnung tut, mag nicht für den höchstmöglichen Grad philosophischer Philanthropie sprechen, aber er *tut* es und er ist *erfolgreich* damit. Das ist etwas, das da Schulsystem (bei höherer Einstufung in philosophischer Philanthropie zweifellos) nicht hinbekommt. Was wiegt da schwerer - das Unbehagen mit dem philosophischen Mangel oder Unbehagen mit dem konkreten Mangel?

"Wer heilt, hat recht.", hört man zuweilen in Debatten um medizinische Fragen. Wie ist es hier? Hat recht, wer hilft, oder hat recht, wer die besseren Motive hat?
Ich bin mir da nicht sicher. Vielleicht stellt sich die Frage auch gar nicht so, wie ich sie jetzt formuliere. Aber einfach nur zu sagen: "Die sind ja eigennützlig, pfui bah!" - das halte ich für zu kurz gedacht.

MGv Oyamat

Werbung - who cares? (Bezug auf Kommentar #1)

Was haben sie gegen private Bildungseinrichtungen?
Ich habe an einer Privatschule eine Ausbildung gemacht, die parallel an öffentlichen angeboten wird und unsere Ergebnisse im Abschluss lagen weit... WEIT über dem der Öffentlichen.
Warum ist das so? Das öffentliche Schulsystem ist unorganisiert, schlecht, veraltet und verarmt. [...]
Privatschulen können sich kleinere Klassen und kompetenteres Personal leisten. Schüler werden individuell gefördert, weil dazu einfach Zeit ist. Dementsprechend werden sie auch gefordert. Ich könnte mich ewig darüber auslassen, aber für einen groben Eindruck sollte es reichen.

Frau Batarilos Motivationssystem ist übrigens ein guter Ansatz. Allgemein wird in Deutschland viel zu wenig gelobt, wenn gute Arbeit geleistet wurde.
"Eigenlob stinkt" - was für ein ekelhaft falscher Ausspruch, den man allen von kleinauf einprügelt. Wozu soll ich denn bitte motiviert sein, wenn ich am Ende nicht einmal selbst stolz drauf sein darf? Nur wenn Erfolge auch belohnt werden, kann ich mich weiterhin selbst motivieren. Das ist so, das liegt im Ursprung der menschl. Biochemie und würde jetzt zu weit führen. Wenn Frau Batarilo es noch hinbekommt, dass Lob und Erfolge weniger gestelzt und abgearbeitet wirken, sondern wirklich von Herzen kommen, wird das schon werden. Die Schüler müssen lernen, selbst stolz auf ihre Leistungen zu sein. Nur ein Stempel ändert gar nichts.

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ds

Verallgemeinerungen...

"Das öffentliche Schulsystem ist unorganisiert, schlecht, veraltet und verarmt. Lehrern fehlt es an sozialer Kompetenz, Unterrichtsmaterial, aktueller Fachkenntnis ect. pp.
Privatschulen können sich kleinere Klassen und kompetenteres Personal leisten. Schüler werden individuell gefördert, weil dazu einfach Zeit ist. Dementsprechend werden sie auch gefordert. "

Das ist in dieser Verallgemeinerung einfach falsch. Bei uns sind diejenigen auf die Privatschulen gegangen, die es auf der öffentlichen Schule nicht geschafft haben. Das Niveau der Privatschulen war deutlich geringer als an meinem öffentlichen Gymnasium.

Was natürlich im Umkehrschluss auch nicht heißen muss, dass alle Privatschulen schlecht sind.

Danke!

Erinnert mich an ein Praktikum in der Arche Frankfurt: Arbeiten mit Kids, deren Verhalten nach "gutbürgerlichen" Maßstäben eine Katastrophe ist, die aber unglaublich liebenswert und authentisch sind und regelrecht aufblühen, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Unsere nächste Generation ist nicht zu blöd, sie ist auf der Strecke geblieben. Umso dankbarer sollten wir für jeden sein, der sich ihr zuwendet.
Danke für diesen ehrlichen Artikel!