Über Universitäten spricht man in der Regel im Singular – aber »die Universität« gibt es nicht. Universitäten existieren nur in höchst variantenreicher Vielfalt. Sie wurden als Orte der Bildung von Söhnen reicher Oberitaliener erfunden, waren Einrichtungen von Professoren, Gemeinschaften von Lehrenden und Lernenden, Orte erst des Konfessionskampfes, dann der staatsabhängigen Beamtenrekrutierung, meist auch Instanzen der Zertifizierung und Prüfung; Anstalten der Beförderung des nationalen Reichtums; aber nur in der kürzesten Phase ihrer Geschichte auch Stätten der Forschung und zugleich akademisch orientierter Ausbildung und immer eine Lebensform eigener Art – Einheit, gar ein überzeitliches »Wesen« ist da nicht zu entdecken.

Die Dominanz des Singulars ist andererseits sehr verständlich; denn die Rede über »die Universität« ist seit dem späten 19. Jahrhundert in der Regel eine Rede über die »Idee der Universität«, meist verstanden als Form der Selbstbehauptung angesichts widriger Umwelten – dann spricht man von der »Idee« der Universität, manchmal auch nur von der Idee der deutschen Universität, die hierzulande in aller Bescheidenheit als das Modell der modernen Universität überhaupt verkauft wird. Aber die Rhetorik der Idee findet sich auch andernorts; die englischsprachige Welt zum Beispiel bemüht mit John Newman einen zum Katholizismus konvertierten und zu Kardinalsehren gekommenen ehemaligen Oxford-Gelehrten, der sich in Irland um Universitäten bemüht hat, und versucht seinem Erbe gerecht zu werden.

Mit und an dieser »Idee« (selbst also im Plural präsent, aber als singulär stilisiert) wird die Geschichte der Universität retrospektiv vereinfacht, die Gegenwart des Hochschulsystems gemessen. Die Idee inspiriert Kritik und Visionen bis heute: Wer »unbedingte Universitäten« propagiert, fragt – natürlich im Singular: »Was ist Universität?«, und er findet zwischen französischen Philosophen, angelsächsischen Soziologen und deutschen Gelehrten, kritischer Theorie und sozialistischen Studenten dann immer noch die Antworten bei Fichte, Schleiermacher, Schelling oder Humboldt.

Eigenartig bleibt der Singular dennoch. Die seltsame Tatsache, dass die Universität sich, ungeachtet aller Differenzerfahrungen, permanent über diese Idee selbst beobachtet, provoziert die Frage, ob sie wirklich, für ihre Praxis (und nicht nur für ihr schlechtes Gewissen), diese Idee braucht? Sheldon Rothblatt, ein erfahrener Beobachter des Hochschulsystems, hat die Frage schon gestellt und auch gleich beantwortet: Man braucht die Idee nicht, jedenfalls nicht die reine, wie ein platonisches Ideal konzipierte Idee, immun gegen allen Wandel. Um ihre Identität auszubilden, wäre schon ein eindeutiger Ort im Wissenschaftssystem genug oder eine präzise Funktionszuschreibung. Warum ist dann die Idee von der notwendigen Idee der Universität dennoch so stabil und konstant präsent?

Vielleicht gibt es ja keine Zukunft der Universität ohne die Tradition ihrer Idee? Ich will mich an der Frage versuchen, eine Zukunft jenseits der Idee zu finden. Mein Ergebnis, um es vorwegzunehmen, hat eine etwas unerwünschte, auch paradoxe Konsequenz: Es gibt nämlich überhaupt keine Notwendigkeit für die Universität, aber dennoch eine Vielfalt denkbarer Zukünfte, man muss nur wollen und wählen, und – natürlich: Dann kommt wieder die Idee ins Spiel.

Zuerst aber: der Blick auf die Zukunft. Damit ich mich dabei nicht verliere (und weil Historiker ja eher Spezialisten für »rückwärtsgewandte Prophetie« sind), setze ich zwei Prämissen meiner Überlegungen: Moderne Gesellschaften, so die erste Prämisse, sind darauf angewiesen, dass sie Wissen erzeugen, nicht nur über sich, sondern über die Welt, und dass sie dieses Wissen auch in seiner Geltung bewerten, sodass es nicht nur neues Wissen gibt, sondern auch Verschleiß – nennen wir dieses Bezugsproblem: Forschungsbedarf. Diese Gesellschaften, zweitens, sind für den Prozess ihrer eigenen Reproduktion auch auf die Erzeugung von Humankapital angewiesen – es gibt also auch Ausbildungsbedarf.