Als Erstes schnappte man drei Männer und eine Frau im Alter zwischen 40 und 63, die rein äußerlich ein braves Büroleben geführt hatten. Doch die italienischen Behörden zogen gleich alle Register: Es waren die Antimafia- und Antiterror-Kommandos der Carabinieri ROS, welche am Morgen des 31. Mai die Verhaftungen durchführten und ein Dutzend Häuser in der Toskana und im Großraum Rom durchsuchten. Dem »Raggruppamento Operativo Speciale« untersteht auch die polizeiliche Fahndung in diesem Fall.

Denn es geht nicht nur um eine viertel Milliarde Euro, die verschwunden ist, es geht auch um Schwarzgeld und Geldwäscherei, es geht um 500 betrogene Italiener, und nach Andeutungen, welche die Carabinieri in der Presse gern streuen, hängt über dem Ganzen der Schatten der Camorra. Zwei Akteure in diesem Fall sind verwandt mit legendären Capi der Unterwelt von Neapel.

Mit dem Briefpapier einer Schweizer Gesellschaft namens Rothsinvest, so die Staatsanwaltschaft Florenz, gaukelten die Verhafteten ihren Opfern vor, ihre Ersparnisse perfekt anzulegen: erstens in der Schweiz, zweitens bei angesehenen Bankhäusern wie Rothschild und Falcon, drittens mit einer sicheren Rendite um 10 Prozent – und viertens anonym, ohne Einblick für die Steuerbehörden. »Die sammelten das Geld buchstäblich in Kuverts ein«, erzählt ein Insider, »auch hunderttausend Euro aufs Mal.« Die Geschädigten waren Menschen aus dem Mittelstand, so wie der Rentner aus Grosseto, der jetzt 80.000 Euro vermisst. Wie der Schuhfabrikant aus Fucecchio. Oder wie die Gynäkologin in Rom, die laut einem Ermittler erklärte: »Ich habe ein Kontokorrent bei der Bank Monte dei Paschi, und ich habe flüssige Mittel, weil bei mir einiges schwarz anfällt.« Im Gegenzug erhielten sie Zertifikate mit sauberen Unterschriften und einem wuchtigen Briefkopf: RothsInvest Asset Management, Zug, Svizzera.

Der Fall erzählt vieles über Italien, er erzählt aber auch viel über die Schweiz. Als Hauptverdächtigen benannten die Carabinieri einen gewissen Robert Da Ponte, 63 Jahre alt, zuletzt wohnhaft im Badeort Roccamare. Von einer fantastischen Villa aus soll er die Geldsammler angeleitet haben, um dann, Mitte Mai, plötzlich unterzutauchen; vergangene Woche verhaftete ihn die Polizei in München. Seit sechs Jahren führte ihn die Zuger Rothsinvest als Spitzenmann, erst als Verwaltungsratsdelegierten, dann als Direktor, wobei sich Da Ponte auf dem Handelsamt mal als britischer und mal als amerikanischer Staatsbürger auswies.

Die Schweiz als sicherer Hafen der anderen Art: Man kennt das. In ganz Europa verkaufen Anlagebetrüger grandiose Geldchancen mit Alpen-Bildern und weißem Kreuz auf den Prospekten. Kurios an der Toskana-Affäre ist höchstens, dass sich hier eine Gruppe die Mühe machte, eine reale Gesellschaft zu benutzen. Rothsinvest wurde von ein paar Italienern buchstäblich gekapert – so die Darstellung ihres Verwaltungsrates. Tatsächlich bestand die Firma schon seit Dezember 2002, Unternehmenszweck: Vermögensberatung. Sie war gegründet worden von Nathan Rothschild, einem Anwalt aus Zürich, mit dessen klangvollem Namen die Geldanwerber in Italien dann eifrig hausierten, und Manuel Brandenberg, einem Anwalt aus Zug. Seinetwegen fanden die jüngsten Aktionen der Carabinieri auch in der Schweiz rasch Beachtung, denn mit Brandenberg, 40, fand sich plötzlich ein aufstrebender SVP-Politiker in der Affäre: Kantonsrat in Zug, Stadtparlamentarier, Kampagnenchef, Kantonsparteipräsident und ausgerechnet der Delegierte der Volkspartei in der Arbeitsgruppe zur Ausschaffungsinitiative – wie sehr sich solche Funktionen mit einer Gesellschaft wie Rothsinvest vereinbaren lassen, wird die Parteipolitiker wohl noch etwas beschäftigen. Zumal sich hinter Robert Da Pontes Toskana-Fiktion eine Geldwaschmaschine größeren Stils auftut.

Rothschild und Brandenberg zogen in ersten Stellungnahmen eine scharfe Linie: Es gab und gibt eine seriöse Vermögensverwaltungsfirma in Zug, mit zufriedenen Kunden – und es gab Robert Da Ponte, der in Norditalien mit Rothsinvest-Signeten ein Theater aufzog. »Das Unternehmen wurde missbraucht«, sagte Brandenberg in einem ersten Statement. Dass ein Direktor hinter dem Rücken der Gesellschaft solch eine kriminelle Aktivität entwickle – dies habe der Verwaltungsrat nicht ahnen können. Die Protokolle der italienischen Staatsanwälte – vieles davon liegt der ZEIT vor – bestätigen dieses Bild: In den Aussagen der Verdächtigten bleiben Rothschild und Brandenberg bloß Randfiguren, vereinzelt spürt man sogar erhebliche Verachtung gegenüber den Schweizern.