Kürzlich hatte ich nach meiner Jubiläumsrede für die Absolventen des Executive MBA der Uni Zürich eine interessante Unterhaltung. Er sei froh, sagte ein MBA-Absolvent, dass seine Frau eine eigene Karriere habe und zudem die Last des Einkommens nicht allein auf seinen Schultern liege. Die Mutter seiner Tochter sei mindestens so erfolgreich im Beruf wie er und genieße die Anerkennung, die sie durch ihre Arbeit erhalte. »Wissen Sie was«, meinte er, »es ist zwar organisatorisch anspruchsvoll, aber so können wir beide unsere beruflichen und familiären Bedürfnisse befriedigen.«

Wow! Habe ich da etwas verpasst? Wächst da tatsächlich eine neue Generation von Frauen und Männern heran, die nichts mehr am Hut hat mit den lange eingeübten Rollenbildern?

Skepsis ist angebracht. Rund 60 Prozent der Hochschulabsolventen in der EU sind Frauen. Ihr Anteil in den Aufsichtsräten ist aber gerade mal 14 Prozent und mickrige 3 Prozent unter den Vorstandsvorsitzenden.

»Das Argument, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen, kann ich keinesfalls akzeptieren«, kritisiert Viviane Reding, EU-Kommissarin für Justiz. In ihrer Pressemitteilung vom Juni 2012 heißt es: »Frauen sind eine wirtschaftliche Notwendigkeit und ein wichtiger Faktor für die Steigerung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit« – und die Kommissarin droht mit der Einführung einer Quote.

In einer von unserer Müller-Möhl Stiftung organisierten Veranstaltung erläuterte der Vorsitzende der Deutschen Telekom, René R. Obermann, wie er den von ihm postulierten Frauenanteil von 30 Prozent auf den obersten Führungsetagen bis 2015 realisieren will. Er fügte an, dass dies auch im Interesse aller Unternehmen liege. Studien belegen, dass multinationale Konzerne, die einen besonders hohen Frauenanteil im Topmanagement aufweisen, eine Rendite erwirtschaften, die um zehn Prozent über dem Branchendurchschnitt liegt.

Warum aber setzt sich seit mehr als 40 Jahren das wirtschaftlich Sinnvolle und gesellschaftlich offensichtlich Richtige nicht durch? Oder wie Anne-Marie Slaughter, Professorin für Politik und Internationale Beziehungen der Uni Princeton, in einem kürzlich veröffentlichten, viel diskutierten Artikel im Magazin The Atlantic fragt: »Why can’t women still have it all?«

Die Gründe sind vielfältig. Ausschlaggebend sind die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft und in den Unternehmen, beziehungsweise die gebräuchlichen Rollenbilder – sowie die Frauen selbst. Diese Bilder – das erlebe ich leider sehr häufig – tauchen immer dann auf, wenn es um die Besetzung von Topstellen in einem Unternehmen geht. Umfragen zeigen, für einen Mann ist es weniger riskant, einen Mann einzustellen, weil ihm dies vertraut ist. In ihrer neusten Studie hat die Schweizer Professorin Iris Bohnet, Rektorin der renommierten Harvard Kennedy School und frisch gewählte Verwaltungsrätin der Credit Suisse, mittels eines Experiments bewiesen, dass solche unconscious biases gegenüber Frauen durch ein anderes Auswahlverfahren behoben werden könnten. Werden bei der Rekrutierung Mann und Frau einzeln und nacheinander befragt, spielen geschlechtsspezifische Stereotypen eine viel größere Rolle, als wenn eine Frau gemeinsam mit einem Mann interviewt wird. Bei der gemeinsamen Befragung gaben die individuellen Fähigkeiten der Kandidaten den Ausschlag. »Wenn Sie nur ein Paar Schuhe anschauen, werden sie dieses nach ihrer typischen persönlichen Präferenz auswählen«, erklärt Bohnet. »Wenn Sie aber mehrere zur Auswahl haben, erkennen Sie viel leichter, welcher Schuh tatsächlich zu Ihnen passt.«

Nur was man sieht, wird am Ende des Tages wahrgenommen. Lediglich die selbstverständliche Präsenz von Frauen in Führungspositionen vertreibt alte Rollenbilder aus den Köpfen der Menschen. Oder wie es kürzlich der Zukunftsforscher Professor Horst W. Opaschowski beim 100-Jahr-Jubiläum der deutsch-schweizerischen Handelskammer sagte: »Zur Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesellt sich die Frage der Vereinbarkeit von Frauen- und Männerrollen. Rollenwechsel sind angesagt!« Dafür brauchen wir aber nicht nur einen Sinneswandel, sondern einen gesellschaftlichen Strukturwandel, der es Mann und Frau ermöglicht, ein zufriedenes, unabhängiges und produktives Leben zu führen und so gemeinsam zur Prosperität der Schweiz beizutragen. Ich bin überzeugt: Together with men, women can have it all as well.