Jahrelang hat Silke auf Christoph gesetzt. Sie war seine Geliebte, dann hat sie bei ihm gewohnt. Und jetzt ist alles, was ihr von ihm bleibt: das Fotoalbum vom letzten gemeinsamen Italien-Urlaub, ein paar Geschenke und eine braune Wolldecke.

Vor ein paar Wochen ist sie aus seinem Haus, in dem sie drei Jahre gemeinsam verbracht hatten, ausgezogen. Sie hat nur ihre eigenen Möbel mitgenommen: CD-Regal, Beistelltisch, Stehlampe. Dazu ihre Kleidung, den Laptop, ein paar Bücher und ihre Thermomix-Küchenmaschine. Die Sachen hat sie in ihren roten Škoda gestopft und ist ein paar Dörfer weiter gefahren, zu ihrer neuen Adresse. Ihr Auto war voll bis unters Dach, ihr Herz war leer. So ist es eben, wenn nach zehn Jahren plötzlich alles aus ist.

Sieben Jahre lang war Silke, die heute 34 ist, Christophs Geliebte, drei Jahre seine offizielle Freundin. Sie hing in der Warteschleife, allzeit bereit. Sie wurde hingehalten, vertröstet, verleugnet. Und sie hat mitgespielt. Bereitwillig hat sie die Rolle der Frau übernommen, die es nicht geben durfte .

Wir befinden uns in einem Dorf auf dem flachen Land, irgendwo in der deutschen Einöde. Silke wohnt auch seit der Trennung immer noch in Christophs Dunstkreis. Nur zehn Kilometer von ihm entfernt. Kurz vor dem Ortsausgang, wo die Landstraße in einen Tannenwald führt, biegt man auf eine Zufahrt. Hier ist Silkes neue Bleibe: eine sanierte ehemalige Kaserne aus rotem Klinker. Im Erdgeschoss: zwei Zimmer, Küche, Bad, der Boden aus Laminat.

Das braune Sofa, das Regal mit den Büchern (Die perfekte Liebhaberin; Männer sind anders, Frauen auch) und den flachen Fernsehtisch hat Silke aus ihrer früheren Wohnung geholt, die sie seit Jahren untervermietet hat. Das Bett hat sie im Internet ersteigert – ein weißes Doppelbett, in dem sie allein schläft. Auf der Couch im Wohnzimmer liegt zusammengefaltet die Wolldecke. Christoph hat ihr darin den gemeinsamen Kater überreicht, den sie unbedingt behalten wollte. Sie nennt den Kater ihren "Kinderersatz", im Spaß natürlich – aber irgendwie auch ein bisschen im Ernst, denn auch auf Kinder, die sie sich so sehr wünschte, hat sie immer vergeblich gewartet. Am schlimmsten, sagt Silke, sei jetzt die Einsamkeit, wenn abends niemand zu Hause sei, das Brummen des Kühlschranks in der Stille. Diese Wohnung ist kein richtiges Zuhause, aber zu Hause war sie auch bei Christoph nicht.

Vor langer Zeit hatte Christoph sein Haus, weißer Klinker, braunes Satteldach, mit seiner Frau Ruth gebaut. Etwa dreihundert Menschen leben in Christophs Dorf, viele Häuser sind grau und verfallen. "Da soll er erst mal jemanden finden, der das macht, von der Großstadt hierher ziehen, ganz ohne Freunde", sagt Silke. Vor dem Haus eine Garage und ein geharktes Beet mit Sträuchern und breit grinsendem Keramikfrosch. Hinter dem Haus, im Garten: Pool, Grill, Tischtennisplatte. Als Ruth 2004 aus- und Silke 2009 einzog, hätten die Nachbarn sagen können, die Geliebte habe sich ins gemachte Nest gesetzt. Silke dagegen sagt, sie habe sich dort immer nur geduldet gefühlt. Gemeinsame Möbel hat sie mit Christoph nie gekauft. Auf dem Klingelschild stand nicht einmal ihr Name.

Silke hat viel hingenommen und viele Tränen verbissen für diese Beziehung. Und vor allem hat sie gewartet. Aber es wäre unzutreffend, sie für ein geducktes Mäuschen zu halten. Silke sieht gut aus und wusste sich schon früh zu helfen: Mit 16 Jahren flog sie für ein Highschool-Jahr nach Chicago, richtete ihre erste eigene Wohnung allein ein. Heute arbeitet sie als Assistentin der Geschäftsführung in einem mittelständischen Unternehmen. Dort ist sie auch für Personalangelegenheiten zuständig, nicht offiziell, aber doch so anerkannt, dass die Kollegen oft davon ausgehen, dass sie die Entscheidungen trifft. Gerade macht sie ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre – die jüngste Klausur hat sie mit der Note 1,0 bestanden. Sie verdient so viel, dass sie auf einen Mann nicht angewiesen wäre. Silke hat noch viel vor in ihrem Beruf, deshalb will sie ihren wirklichen Namen, die genauen Orte und identifizierbare Details nicht veröffentlicht sehen. Christoph wollte sich gegenüber der ZEIT zum Thema Silke nicht äußern.

Silke sagt, sie habe sich sofort in Christoph verliebt: in seine blauen Augen, seine zupackende, gewinnende Art, seinen Charme, seinen Duft. Nach jedem ihrer heimlichen Treffen und auch später noch strubbelte sie durch seine raspelkurzen, immer weißer werdenden Haare, damit sein Parfum an ihren Händen haften bliebe. Im September 1997 war er in ihren Tischtennisverein gekommen. Da war sie 19 Jahre alt. Damals verkörperte Christoph mit seinen 33 Jahren für sie Lebenserfahrung und Weltgewandtheit. Silkes Fotos zeigen ihn in Skischuhen und im Fleecepulli, Christoph mit Bierflasche vor sich auf dem Tisch und Kumpel im Arm. Er ist ein Macher, ein Kerl. Kann Rasenmäher reparieren, Laminat verlegen, schmeißt die Stimmung auf jeder Party. Später, so erzählt sie, habe sie sich oft gefragt, womit sie es verdient habe, dass ausgerechnet ein so "toller Mensch" wie er etwas mit ihr habe angefangen wollen. Er war der erste Mann, in den sie richtig verschossen war. Dass er verheiratet war und mit der gleichaltrigen Ruth einen Sohn im Teenageralter hatte, erfuhr Silke erst, nachdem sie ihr Herz verloren hatte, durch einen Nachbarn. Da war es zu spät.

Im Januar 1998 die erste gemeinsame Nacht. Sie gingen ins Kino: Titanic. Später, im Hotel, bestellte Christoph eine Flasche Champagner. Er machte ihr Komplimente, hörte ihr zu, war aufmerksam. "Nach dieser Nacht dachte ich: Jetzt gehört er mir", sagt Silke. Bald gestand Christoph, er werde sich niemals von Ruth trennen. Doch Silke entgegnete: "Das glaube ich dir nicht." Damals fand sie die eigene Einstellung romantisch. Später, mit Mitte zwanzig, dachte sie: Es ist Schicksal, eine normale Beziehung ist eben nicht für mich vorgesehen. Heute findet sie sich naiv.

Nur jede zehnte Geliebte gewinnt – und der Mann verlässt seine Ehefrau

In den seltensten Fällen haben es Frauen darauf angelegt, die Geliebte zu sein. Meist ist es irgendwie nach und nach dazu gekommen. Zu Beginn, hat Gerti Senger, eine österreichische Paarpsychologin und Autorin des Sachbuchs Schattenliebe, festgestellt, ist es ein prickelndes, verbotenes Fest, ein Rausch der Gefühle: "eine Perlenkette aus Sternstunden". Es ist die Zeit, in der noch keiner nach der Zukunft fragt und ein einstündiges Treffen schon reines Glück bedeutet. Aber irgendwann steigen die Ansprüche, und die Geliebte sehnt sich nach allem, was zu einer normalen Beziehung gehört: sich zeigen und Hand in Hand spazieren gehen, keine verdrucksten Treffen in der Kneipe im nächsten Ort, in dem niemand einen kennt. Die Geliebte weiß aber auch: Wenn sie mehr will, muss sie das bisherige Leben der Ehefrau und das der Kinder zerstören. Dieser Zwiespalt kann einen Menschen in erhebliche Bedrängnis bringen; Senger nennt es einen "emotionalen Ausnahmezustand". So beginnt das große Warten auf den geeigneten Moment und damit die Zeit, in der Liebe vor allem Verzicht bedeutet.

Natürlich ist es nicht unmöglich, dass ein Mann seine Frau für die Geliebte verlässt. Es ist bloß ziemlich unwahrscheinlich. Im Jahr 2008 hat die Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung eine Statistik über Geliebte vorgelegt. Demnach verlässt nur jeder zehnte Ehemann seine Frau für die Affäre. Das muss nicht unbedingt für die Ehe sprechen. Es sagt bloß viel über den Stellenwert einer Geliebten aus.

"Die Geliebte verliert immer", schreibt Roman Maria Koidl in seinem Bestseller Scheißkerle: "Wenn sich Ihr neuer Flirt oder sogar verheirateter Liebhaber nicht innerhalb weniger Wochen eindeutig zu Ihnen bekennt, ist er Ihrer nicht wert. Schluss – und zwar sofort!"