DirigentenJahrhundert-Jahrgang 1912

Die Dirigenten Sergiu Celibidache, Erich Leinsdorf, Kurt Sanderling, Georg Solti und Günter Wand haben dasselbe Geburtsjahr. Ist das ein Zufall? von Volker Hagedorn

Sir Georg Solti am Pult des Chicago Symphony Orchestra 1978

Sir Georg Solti am Pult des Chicago Symphony Orchestra 1978  |  © Evening Standard/Getty Images

Salzburg 1937, Bühnenprobe Zauberflöte. Ein junger Pianist aus Budapest springt als Korrepetitor ein, setzt sich ans Klavier, wartet, der Dirigent erscheint verspätet: Arturo Toscanini persönlich gibt die Einsätze. »Ich folgte ihm, als ob mein Leben davon abhinge«, erinnert sich der Pianist an die Probe. Nach einer Stunde macht der 70-jährige Maestro eine Pause, wendet sich an den jungen Unbekannten und sagt kurz und leise: »Bene.« Das ist der Ritterschlag. Nie wird György Stern die knappe Bemerkung vergessen, sie lässt ihn durchhalten, als er, vor den Nazis in die Schweiz geflohen, acht Jahre warten muss, bis er endlich dirigieren darf. Dann wird er als Georg Solti zu einem der Größten.

Und zu einem jener fünf großen Dirigenten, die 1912 zur Welt gekommen sind. Das Schicksal hat sich den schier feuilletonistischen Spaß erlaubt, fast alle bedeutenden Vertreter einer Dirigentengeneration im selben Jahr auf die Welt zu schicken. Im Januar wird Günter Wand in Elberfeld geboren, im März Erich Leinsdorf in Wien, im Juli Sergiu Celibidache im rumänischen Iaszi, im September Kurt Sanderling im ostpreußischen Arys, im Oktober Georg Solti in Budapest – um nur die Big Five zu nennen. Die bloße Jahreszahl lässt sie zusammenrücken.

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Soltis Begegnung mit Toscanini ist typisch für eine Generation europäischer Musiker, deren Vorbilder alle noch aus dem 19. Jahrhundert kommen. Mahler war ein Jahr zuvor gestorben, Debussy wurde 50, Strawinsky saß am Sacre. Die Kinder dieses Jahres verbinden uns mit einer Epoche, in der großartige Werke des Repertoires entstanden. Mit Mitte zwanzig, in blühendsten Jahren, geraten sie ins »Dritte Reich«, in die Emigration, in den Zweiten Weltkrieg, bei Kriegsende sind sie noch so jung, dass sie bis ins späte 20. Jahrhundert prägend bleiben.

Noch jetzt – oder: aufs Neue – setzen sie Maßstäbe. Sicher nicht, weil es derzeit keine großen Dirigenten gäbe. Eher schon, weil der antiautoritäre Reflex gegenüber den Orchesterzuchtmeistern nachgelassen hat. Weil man sich für die musikalischen Linien interessiert, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart führen. Selbst der einst schier überpräsente Herbert von Karajan, nach seinem Tod lange Zeit seltsam beschwiegen, wird mittlerweile neu entdeckt. Doch die biografischen Brüche, die kreativen Schübe der 1912er erzählen mehr über das »Jahrhundert der Extreme«, auch in ihrer unterschiedlichen Ästhetik.

Ganz weit oben begann Sergiu Celibidache: Der Sohn eines rumänischen Offiziers war 1936 nach Berlin gezogen, als viele der Besten schon von dort emigriert waren. Weil Wilhelm Furtwängler, den Alliierten politisch verdächtig, zeitweilig nicht die Berliner Philharmoniker dirigieren durfte und sein Stellvertreter Leo Borchard durch ein Missverständnis am Checkpoint Charlie erschossen wurde, sprang 1946 der junge Rumäne ein, der noch nie am Pult eines Orchesters gestanden hatte. Mitschnitte aus jenen Jahren lassen keinen Zweifel daran, dass hier einer fürs Dirigieren geboren war.

Erich Leinsdorf musste sich wie Solti und Sanderling als Jude vor den Nazis retten. Noch vor dem »Anschluss« verließ der Wiener Musikersohn seine Heimat gen New York, wo er, von Toscanini empfohlen, sogleich an der Met dirigierte. Georg Solti bekam seine Chance in München, wo die amerikanische Militärbehörde 1946 einen unbelasteten Mann für die Oper suchte. »Stinkend vor Talent«, wie er sich beschreibt, legte Solti einen Steilstart hin. Kurt Sanderling, Kaufmannssohn wie Wand und Solti, floh 1935 aus Berlin nach Stalins Moskau, bis dahin hatte er nur als Korrepetitor gearbeitet. Sein Metier lernte er dann im sibirischen Exil der Leningrader Philharmoniker als Assistent von Jewgeni Mawrinsky – mithin vor einem der besten Orchester der Welt.

Alle drei Emigranten erreichten als Mittvierziger erste Gipfel, die nachzuhören sind. 1956 entstand Sanderlings heute legendäre Aufnahme der von Schwulst befreiten Vierten Sinfonie von Tschaikowsky, 1958 sprang Solti ein für eine Decca-Aufnahme von Wagners Rheingold mit den Wiener Philharmonikern. Neben dieser 24-Kanal-Aufnahme klingen andere Einspielungen jener Jahre wie mit dem Faustkeil ins Vinyl graviert. Der Rheingold-Erfolg führte zur ersten Gesamtaufnahme des Rings, deren Weltglanz und Schärfe bis heute unübertroffen sind. Leinsdorf landete keinen solchen Hit, aber er setzte in Mozarts Opern neue Maßstäbe inspirierter Präzision.

Leserkommentare
  1. - etwa genauso wenig wie der Umstand, dass Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain alle im Alter von 27 Jahren starben.

  2. 2. [...]

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/au.

  3. ist eh egal, ob Goethe oder Hofmannsthal": Diesen spassigen Spruch von Karl Krauss bestätigt diese gelungene Gesamtschau über das Jahr 1912 und seine Dirigenten. Habe mich sehr über diesen Artikel gefreut.

  4. wenn nicht Zufall? Viele Talente bleiben ohnehin ein Leben lang verborgen. Traurig, aber wahr.

    • Mari o
    • 29. Juli 2012 9:56 Uhr

    wurden Joh.Seb.Bach,Georg Friedrich Händel,Domenico Scarlatti
    geboren
    beinahe auch noch Rameau
    und insgesamt im 18.Jhdt blieb kein musikalisches Talent/Genie verborgen,wie mich dünkt.
    Im Gegensatz dazu hatten deutsche Popmusiker nur ausnahmsweise eine ganz klitzekleine Chance bekannt zu werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich glaube im Gegensatz zu Ihnen nicht, dass ALLE Talente berücksichtigt wurden. Das gilt nicht nur fürs 18. Jahrhundert, sondern noch viel mehr für heute.
    Bach, Haydn, Mozart und wie sie alle hießen waren Popmusiker ihrer Epoche, so wie für uns heute Taio Cruz, Madonna oder Paul McCartney.

    Dass viele Talente unentdeckt bleiben, kann man auch nur bedingt sagen. Die meisten, die etwas können, haben es schon anderen gezeigt. Manchmal wissen nur wenige davon oder nur ihr Freundeskreis, ihre Stadt. Man braucht nicht immer die Anerkennung der ganzen Welt. Das ist ein Missverständnis unserer globalisierten Welt - unserer Zeit.

  5. keine zufälle gibt..dann gibt es einem schon zu denken

  6. Ich glaube im Gegensatz zu Ihnen nicht, dass ALLE Talente berücksichtigt wurden. Das gilt nicht nur fürs 18. Jahrhundert, sondern noch viel mehr für heute.
    Bach, Haydn, Mozart und wie sie alle hießen waren Popmusiker ihrer Epoche, so wie für uns heute Taio Cruz, Madonna oder Paul McCartney.

    Dass viele Talente unentdeckt bleiben, kann man auch nur bedingt sagen. Die meisten, die etwas können, haben es schon anderen gezeigt. Manchmal wissen nur wenige davon oder nur ihr Freundeskreis, ihre Stadt. Man braucht nicht immer die Anerkennung der ganzen Welt. Das ist ein Missverständnis unserer globalisierten Welt - unserer Zeit.

    Antwort auf "Zufall? 1685"

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