Erbschaft : Wie viel Erbe ist gerecht?

Die Deutschen besitzen so viel Vermögen wie nie zuvor. Drei reiche Nachkommen über ihr Schicksal, in Geld zu schwimmen.

Sie müssen noch etwa vier Jahre warten, dann sind sie reich. 111 Nachfahren des deutschen Firmengründers Fritz Henkel (1848 bis 1930) dürfen von 2016 an frei über Aktien verfügen, die den meisten von ihnen schon bei der Geburt in der Wiege lagen: Als Urenkel, Ururenkel und angeheiratete Verwandte des alten Fritz besitzen sie gemeinsam einen großen Anteil an dem heutigen Henkel-Konzern. Den kennt man von Marken wie Persil, Pattex und Schwarzkopf. Die Aktien sind im Augenblick mehr als sechs Milliarden Euro wert. Oder pro Kopf, rein rechnerisch: um die 56 Millionen Euro.

Kein Lottogewinner hat in Deutschland jemals so viel Geld kassiert. Die wenigsten Unternehmer erreichen vergleichbare Summen, und Arbeitnehmern gelingt es quasi nie. Ein Durchschnittsverdiener bekommt in Deutschland 3.300 Euro im Monat und müsste für diesen sagenhaften Betrag mehr als 1.400 Jahre lang arbeiten.

Nein, in Deutschland gibt es vor allem einen Weg zum Reichtum: Man erbt ihn.

Genau das wird in den nächsten Jahren mehr Menschen in Deutschland passieren als je zuvor. Vermögen im Wert von 260 Milliarden Euro, schätzt das Deutsche Institut für Altersvorsorge, wechseln künftig den Besitzer – Jahr für Jahr. Das ist etwas mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Lettland, Litauen, Ungarn und Bulgarien zusammen.

Erstmals nämlich rückt eine Generation auf den Tod zu, die mehr als 60 Jahre Zeit hatte, Wohlstand aufzubauen – ohne Krieg, ohne Hyperinflation oder Währungsreform. So entstanden vor allem in Westdeutschland ungeheure Vermögen. »Erbschaften von historischem Ausmaß« prognostiziert die Postbank in einer Studie. Allein die Wahrscheinlichkeit, ein Haus zu erben, verdoppele sich. Und viele Menschen bekommen noch viel mehr: Millionenvermögen, ein- oder gar zweistellige. So wie bei den Henkels.

Sie sind die Generation Goldener Löffel. Sie erben so viel, dass sie nie wieder arbeiten müssen.

Die Multimillionärin hat eingeladen, sie zu Hause zu besuchen, in einem Dorf nicht weit von Hamburg. Dort lebt sie in einem unscheinbaren roten Backsteinhaus, leicht fährt man daran vorbei. Kein repräsentativer Garten, kein großes Auto vor der Tür, in der Garage ein Toyota Prius. Statt einer Klingel eine Schnur, an der man ziehen muss. Hier könnte auch irgendeine Öko-WG zu Hause sein. Selbst die Hausherrin kommt ein wenig alternativ daher, sie trägt ein bunt gesprenkeltes Wollkleid. Wie eine reiche Erbin sieht sie jedenfalls nicht aus. Ihr Name: Ise Bosch.

»Früher habe ich selbst geglaubt, dass man Leuten ihr Geld ansieht«, sagt sie, »dass reiche Frauen mit Perlenketten und teuren Schuhen herumstolzieren.« Stimme aber nicht. Viele führten ein ziemlich normales Leben. Manche versuchten auch bewusst, nicht aufzufallen. »Es gibt so etwas wie eine unsichtbare Parallelgesellschaft von uns reichen Erben«, sagt sie.

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Kommentare

124 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Das ist aber eine...

...Extremposition, die nicht zum menschlichen Charakter passt.

Geschenke sind auch leistungsloses Einkommen und können zu Vermögen führen, willst du die auch gleich mit unterbinden?

Progressive Erbschaftssteuer (von mir aus bis zu 99% bei entsprechenden Summen), mit großzügigen Freibeträgen und einer sinnvollen Lösung für Firmenerben (z.B. Staat als Teilhaber): gerne.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass es keine gerechte Welt gibt und nie geben wird (schon weil Menschen unterschiedlich genetisch ausgestattet sind) und ich kann das aktzeptieren. Es geht mir eher darum, dass alle ein menschenwürdiges Auskommen haben und möglichst ausgeglichene Entwicklungschancen. Extrempositionen führen nur wieder zu Härten, Kontrollwahn und neuen Ungerechtigkeiten.

Auch wenn das Fordern von Absolutismen irgendwie eine sehr deutsche Eigenschaft ist :-)

gerecht oder vergleichbar gerecht wie andere Steuern

Das Argument eine Erbschaftssteuer sei nicht gerecht da Sie Vermögen besteuere für dessen Erwerb schon Einkommensteuer gezahlt wurde greift nicht:

1.) Einkommenssteuer wird auf Einkommen erhoben nicht auf Vermögenszuwachs. Die wirklich großen Vermögen wurden nicht aus Einkommen angespart und entsprechend wurde auch vorher keine oder wenig Einkommenssteuer von denen erhoben welche die Vermögen im Erbschaftssfall weitergeben.

2.) 2/3 aller Steuereinahnen sind Einnahmen aus indirekten Steuern. In den Fällen wo Erbschaftssteuer auf Vermögen erhoben wird für dessen Erwerb Einkommenssteuer bezahlt wurde so ist dies nicht ungerechter als die Mehrwertsteuer und die ganzen anderen indirekten Steuern auf Energie etc. Alle Arbeitnehmer zahle selbstverständlich Mehrwertsteuer auf alles was Sie kaufen, nachdem sie vorher Sozialabgaben und Lohnsteuern gezahlt haben.

3.) Eine Grundlage unseres Steuersystems ist das Leistungsfähigkeitsprinzip. Niemandem fällt es leichter zu zahlen als jemandem der gerade üppig geerbt hat.

Lieber mitforist ...

......Sie schreiben:
Einkommenssteuer wird auf Einkommen erhoben nicht auf Vermögenszuwachs.

Stimmt so nicht, was ist mit thesaurierenden Fonds ?

Alle Arbeitnehmer zahle selbstverständlich Mehrwertsteuer auf alles was Sie kaufen, nachdem sie vorher Sozialabgaben und Lohnsteuern gezahlt haben.

Die Arbeitnehmer zahlen Mehrwertsteuer, weil sie Endabnehmer sind. Für eine Lieferung oder Leistung.
Welche Lieferung oder Leistung soll eine Universalsukkzesion sein ?

Eine Grundlage unseres Steuersystems ist das Leistungsfähigkeitsprinzip. Niemandem fällt es leichter zu zahlen als jemandem der gerade üppig geerbt hat.

Wenn der erste Satz richtig ist, ist es der zweite noch lange nicht. Was ist mit Unternehmen, die nicht liquide Mittel haben, was mit Grundbesitz, der keinen Ertrag hat ?

Gerecht oder nicht

... wesentlich ist, dass die Vermögen unkontrolliert ansteigen und inzwischen die Vermögensgewinne über 40% unseres BIP ausmachen.

Es gibt einen Kuchen den wir verteilen, nämlich die Güter und Dienstleistungen die wir produzieren. Diejenigen die Vermögenseinkommen haben nehmen sich von dem Kuchen, den sie nicht gebacken haben, das größte Stück. Deshalb bleibt für andere weniger.

Arme sind arm, weil Reiche reich sind!

Das ist die einfache Tatsache.

Diese Belastung auf unserem BIP schadet allen anderen Anstrengungen die wir als Gesellschaft unternehmen wollen.

Obwohl Geld wie dumm da ist, fehlt es überall.
Auch das ist eine simple Tatsache.

Allein die 300 reichsten Deutschen (Gesamtvermögen 500 Milliarden) bekommen ca 40 Millarden an Vermögenseinkommen jedes Jahr (2010 auf 2011 sind die Vermögen um 9% gewachsen!)

Das ist weit mehr als uns Hartz4 Kostet (25 Millarden).

Wir diskutieren darüber ob wir uns die Sozialhilfe leisten können, mitunter in sehr wiederlichem Ton.

Ob wir uns die Reichen leisten können ist eine Diskussion die nichts mit Neid, viel mit Gerechtigkeit aber vor allem mit einer funktionsfähigen Gesellschaft zu tun hat.

Wenn wir das nicht tun fliegt uns diese Gesellschaft um die Ohren!

Erbschaftsbesteuerung ist die gerechteste Form Vermögenswachstum zu kontrollieren.

Genau genommen...

"Und auf lange Sicht müssen die Vermögen wieder stärker besteuert werden. Sonst wird das auf Dauer eine 2-Klassengesellschaft, wo die eine Klasse für die andere arbeitet."

...ist sie das längst. Und leider sind viele Reiche nicht annähernd so kritisch ihrem unverdienten Reichtum gegenüber, wie die Vorbilder im wirklich guten Artikel (Danke ZEIT).

Den Superreichen gehören sogar ganze Konzerne, Medienhäuser usw. und wenn ein Krösus von seinem Bundestagsabgeordneten etwas will, muss er nicht ein wirkungsloses Bittgesuch an diesen richten, sondern er ruft ihn an und macht die Sache klar. Denn da hängen Parteispenden und Öffentlichkeitsarbeit dran.

Über derartige Kontakte und Seilschaften läuft doch längst ein Großteil der Politik, anders ist die Entwicklung nicht zu erklären.

Und noch ein Vorschlag zur Güte für Firmenerben: der Staat muss das Geld nicht aus der Firma ziehen, er könnte auch als eine Art stiller Teilhaber reingehen. Das sichert Anteile falls die Firma verkauft wird und es sichert Teile des Gewinnes. Leider hat man derartige Konzepte gar nicht diskutiert, denn die Zielvorgabe war offensichtlich eine andere.

Auch die Reform des Stiftungsrechts unter Schröder ging übrigens in diese Richtung. Wie diese Form legalen Steuerbetruges funktioniert:
http://www.anwalt.de/rech...

Erben ist gerecht!

Mit Verlaub, wer sein Leben lang arbeitet und anders als der Rest sein Geld nicht auf den Kopf haut, fließig und sparsam ist um Familie und Kindern einmal eine bessere ZUkunft zu bieten, handelt äußerst seriös.

Die Vereinnahmten Gelder sind versteuert, die Allgemeinheit hat bereits einmal profitiert! Im Erbfall profitiert die Allgemeinheit noch einmal durch erneute Besteuerung von Vermögen, das bereits versteuert wurde.

Hier nun zu behaupten Erben ist ungerecht ist eine dreiste Frechheit!

Wir leben in einem Umverteilungsstaat. Das ist hinzunehmen und auch notwendig. Aber wieso sollten HInterbliebene von fleißigen und sparsamen Menschen das Ersparte an diejenigen überproportional abgeben, die anders als die Erblasser immer alles "auf den Kopf gehauen haben"?

Vergessen wir auch nicht, dass gerade wohlhabende Menschen und Unternehmer, wie auch Selbständige und Freiberufler anders als der Standard Angestellte erhebliche Mehrbelastung an Arbeiststunden, psychischem Dauerstress mitbringt. Als Selbständiger trägt man auch für die ANgestellten, die in manchen Fällen "mitgeschleppt" werden über die ein oder andere Durststrecke Verantwortung.

Der ganze Artikel stimmt darauf ab, dass Vermögen ungerecht ist. Erben ist ungerecht. Humbug!

Ehrlich?

Antwort auf 4.

Es gibt vermutlich Vermögen, die durch Fleiß erwirtschaftet wurden. Aber große Vermögen sind das i.d.R. nicht. Bei Adels-Erben wurde Vermögen wohl durch Raubzüge, Morde, Erpressungen angehäuft - und über Generationen vererbt. Andere haben von Zwangsarbeitern profitiert oder "Gastarbeiter" ins Land geholt, den Profit eingesteckt und die Folgeprobleme Staat und der Bevölkerung überlassen. Andere haben faule Versicherungen und Finanzgeschäfte an die tatsächlich arbeitende Bevölkerung verscherbelt und sich so bereichert. Wieder Andere wetten Kokainschnupfend mit Finanzderivaten auf Länder, Grundnahrungsmittel, Kriege, Ressourcen, Währungen und "verdienen" so Vermögen - natürlich auf Kosten der Bankkunden, denn irgendjemand muss ja arbeiten.

Vermögen entstehen immer durch das Geld Anderer, jemand muss immer dafür bezahlen, d.h. tatsächlich dafür arbeiten. Ganz selten jedoch ist/war das der Erblasser selbst.

Es mag ...

... vielen ungerecht vorkommen, dass manche Menschen an (sehr viel) Geld kommen, ohne je etwas dafür getan zu haben.

Aber sehen wir es doch einmal andersherum: Das Geld fällt ja nicht einfach vom Himmel, es hat einmal jemandem gehört und diesem jemanden steht es frei damit zu tun oder zu lassen was ihm gefällt.

Ist es unfair, dass mein Cousin zu Weihnachten von seinen Eltern doppelt so viele Geschenke bekommt wie ich? Vielleicht. Ist das meine Angelegenheit? Ganz bestimmt nicht!

Solange durch das Prinzip des Vererbens niemandem etwas weggenommen wird, sollte sich auch niemand beschweren!