ScoringIm Register gefangen

In den USA entscheidet eine einzige Zahl darüber, wer einen Kredit bekommt und wer nicht. Die Methoden der Auskunfteien sind häufig dubios. von Kim Bode

Catherine Taylors gibt es viele in den USA. Vorname und Nachname sind sehr geläufig in den Staaten. Für Catherine Taylor aus dem Bundesstaat Arkansas ist das ein Problem. Vor einigen Jahren bewarb sie sich beim Roten Kreuz und bekam prompt eine Absage. Wegen ihrer vermeintlich kriminellen Vorgeschichte. Das entnahm die Hilfsorganisation einer Akte, die eine Firma namens ChoicePoint über Taylor erstellt hatte. Eine Kopie schickte das Rote Kreuz als Beleg mit.

Dass die dort aufgeführten Anzeigen wegen der Herstellung und des Verkaufs synthetischer Drogen einer Catherine Taylor aus Illinois galten, hat die zu Unrecht beschuldigte Taylor inzwischen mithilfe eines Anwalts richtigstellen lassen. Doch für Catherine Taylor aus Arkansas sollte es nicht der einzige Vorfall dieser Art bleiben.

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Insgesamt zehn private Auskunftsbüros wie ChoicePoint hat Taylor ausgemacht, die persönliche und finanzielle Daten über sie sammeln – häufig sind es falsche. Auf Grundlage solcher Informationen legen diese Unternehmen Profile über Personen an, die sie an potenzielle Arbeitgeber oder Banken weiterverkaufen. Mit Folgen, die Catherine Taylor im Alltag zu spüren bekommt: Nicht einmal einen Geschirrspüler auf Pump könne sie mehr kaufen, klagt sie. Sie müsse jetzt ihren Ehemann vorschicken. Die Amerikanerin kommt kaum hinterher, die Fehler in Registern korrigieren zu lassen. »Ich kann nicht die ganze Zeit Wachhund spielen«, sagt sie.

Taylor bekommt die Übermacht der Auskunfteien zu spüren. In den USA ist längst Realität, was in Deutschland kürzlich einen Sturm der Entrüstung auslöste. Es wurde bekannt, dass die Schufa auf Daten aus Sozialen Netzwerken zurückgreifen wollte, um die Kreditwürdigkeit einer Person besser zu beurteilen. Die Kritik war so heftig, dass ein Projektpartner ausstieg und die Idee kurzerhand begraben wurde. In den USA fließen frei zugängliche Daten, die Nutzer auf Facebook und Co. veröffentlichen, längst in die Kreditbewertung ein.

FICO-Score

Die credit scores der Fair Isaac Corporation (FICO), 1956 in Kalifornien gegründet, kommen Schätzungen zufolge in mehr als 90 Prozent der Fälle zum Einsatz, wenn US-Finanzinstitute die Bonität ihrer Kredit- nehmer anfragen. Die Bewertungsspanne reicht von 300 bis 850, je höher die Zahl, desto höher die Bonität. Das Unternehmen streckt seine Fühler auch nach Deutschland aus und hat bereits erste Gespräche mit hiesigen Banken geführt

In den Vereinigten Staaten brauchen alle Bürger, die das 18. Lebensjahr überschritten haben, sogenannte credit scores. Das sind dreistellige Zahlen zur Bewertung der Kreditwürdigkeit von Einzelpersonen. Das Prinzip des credit score funktioniert wie ein Führerschein für die Konsumwelt: Er berechtigt die Amerikaner am Wirtschaftsverkehr teilzunehmen, also am Handel mit Waren und Dienstleistungen. Ob beim Kauf eines Autos oder Eigenheims, bei der Finanzierung der Ausbildung über einen Studienkredit – Banken und andere Darlehensgeber, die all das finanzieren, verlassen sich auf diese eine Zahl. Der Punktestand bestimmt, wer einen Kredit bekommt und wie viel Zinsen er dafür bezahlen muss.

Der credit score – der in den USA geläufigste ist der sogenannte FICO-Score – wird mithilfe spezieller Computerprogramme ermittelt. Die Daten dafür liefern meist die drei großen Wirtschaftsauskunfteien Experian, Equifax oder TransUnion: Wie häufig wird ein Kredit in Anspruch genommen? Wird das Limit ausgeschöpft? Wie schnell wird das Darlehen zurückgezahlt? Diese Angaben stellen Kreditinstitute im ganzen Land kostenlos zur Verfügung, schließlich haben sie ein Interesse daran, dass die Profile über die Kreditnehmer möglichst vollständig sind.

Die Auskunfteien schauen auch in öffentlichen Registern nach. Dort interessieren sie sich vor allem für Insolvenzen oder Gerichtsurteile, die Hinweise auf die finanzielle Situation einzelner Personen geben. Aus den Informationen errechnet die Software den jeweiligen credit score des Antragstellers, die Auskunftei verkauft diesen dann an Kreditgeber, Banken oder Arbeitgeber. »Credit scores werden immer wichtiger«, sagt Barry Paperno vom Online-Informationsportal credit.com. Dies gelte gerade in Zeiten der Krise. »In den vergangenen vier Jahren sind die Kreditgeber strenger geworden«, erklärt Paperno. Nachdem viele Kreditnehmer plötzlich zahlungsunfähig wurden und die Institute hohe Verluste abschreiben mussten, achten sie nun genauer darauf, wem sie einen Kredit gewähren.

Um die credit scores besser bestimmen zu können, sollen deshalb noch mehr Informationen über die Antragsteller in die Berechnung einfließen. Zum Beispiel Informationen über Zeitungsabos, Abrechnungen fürs Kabelfernsehen, für die Kinderbetreuung, Gesundheitsausgaben, Versicherungsansprüche. Viele dieser Daten sind käuflich erhältlich und sagen etwas über Finanzlage und Zahlungsmoral der Konsumenten aus. Je detaillierter die Angaben, desto genauer ist das Profil zum Ermitteln der Kreditwürdigkeit – so jedenfalls verkaufen es die Auskunfteien.

Leserkommentare
  1. Bekommt man in den USA viel leicht, schneller und günstiger Kredite.

    Ob das so gut ist? subprime bubble lässt grüßen

  2. ... wie der Kapitalismus - zumindest langfristig - dem Sozialismus immer ähnlicher wird: Die Menschen werden zunehmend bespitzelt und entmündigt. Die Freiheit der Menschen bedroht beides.

    2 Leserempfehlungen
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    so, nur macht man es jetzt öffentlicher und es betrifft mehr Leute.

    @Thema
    Wie die ZEIT immer in anderen Ländern Ungerechtigkeit findet (Zensur, Diskrimminierung etc), und in D anscheinend die heile Welt herrscht. Als ob die Jungs von Creditreform, Schufa, Bürgel etc. anders vorgehen würden. Meist auch noch unter tatkräftiger Mithilfe des ÖDs.

  3. so, nur macht man es jetzt öffentlicher und es betrifft mehr Leute.

    @Thema
    Wie die ZEIT immer in anderen Ländern Ungerechtigkeit findet (Zensur, Diskrimminierung etc), und in D anscheinend die heile Welt herrscht. Als ob die Jungs von Creditreform, Schufa, Bürgel etc. anders vorgehen würden. Meist auch noch unter tatkräftiger Mithilfe des ÖDs.

    Eine Leserempfehlung
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    gibt auch ein älteres Buch dazu (nicht mal schlecht):

    http://www.amazon.de/Die-...

    MfG KM

  4. gibt auch ein älteres Buch dazu (nicht mal schlecht):

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    MfG KM

    Antwort auf "Das war schon immer"

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