Fabian Hambüchen beim Training © Sarah Brück

Er steht auf dem höchsten Treppchen, hält einen dicken Blumenstrauß in den Händen, und alles ist für ihn wieder Routine. Teamkollegen umarmen, Hände schütteln, Medaille umhängen lassen, ins Publikum winken, in die Kameras lächeln. Fabian Hambüchen ist der neue Deutsche Meister, und er gibt sich so lässig, wie er sich immer bei Siegerehrungen gab. 2007 holte er bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart Gold am Reck. Die Halle bebte, und er stand auf dem Siegerpodest, strahlte. 2008 gewann er Bronze bei Olympia. Er stand auf dem untersten Treppchen und überspielte seinen Frust. Geweint hatte er vorher. Weil er, der Favorit, nicht Gold gewann.

Im August kommt seine nächste Chance, dann ist sein nächster Wettkampf, dann ist Olympia. London 2012. Dann will er oben stehen. Und wenn das passiert, sagt er, wenn die Hymne für ihn gespielt werden sollte, dann würde er zum ersten Mal bei einer Siegerehrung heulen.

Fabian Hambüchen ist der Superstar des deutschen Turnens. 2004 hat ihn Olympia berühmt gemacht: Damals war er 16, trug eine Harry-Potter-Sportbrille, qualifizierte sich in Athen fürs Finale und wurde Siebter. 9,6 Millionen Deutsche schauten zu. Die höchsten Einschaltquoten der Spiele. Er riss seinen Sport aus der Versenkung. Mit seinen Salti und Schrauben machte er bei Stefan Raabs Turmspringshow aus dem Arschbombenwettbewerb ein Sportevent. Günther Jauch lud ihn zur Prominentenausgabe von Wer wird Millionär? ein. Er gewann 125.000 Euro und machte einen Handstand auf seinem Stuhl. Hambüchen wurde zum Sonnyboy, den alle liebten.

Zwei Jahre lang aber hörte man kaum noch was von Fabian Hambüchen – und wenn, war es meist nichts Gutes: Erst schrieb er mit 22 seine Autobiografie, die einige Turner lächerlich fanden, und verkrachte sich öffentlich mit einem Teamkollegen, dann verletzte er sich schwer. Niemand wusste so recht, ob er es noch einmal schaffen würde.

Aus den vielen Fragezeichen machte Fabian Hambüchen an diesem Juninachmittag in Düsseldorf ein Ausrufezeichen. Ja, er ist wieder da! Und ja, er turnt in Topform! Mit zwei Punkten Vorsprung gewann er den deutschen Meistertitel im Mehrkampf : Er holte die meisten Punkte in den Disziplinen Boden, Pauschenpferd, Ringen, Sprung, Barren und Reck. Hambüchens Super-Show titelte die Süddeutsche Zeitung . Vorbei die quälenden Wochen der Reha, vorbei die Monate des einsamen Trainings zu Hause in Wetzlar . Das Ziel, auf das Fabian Hambüchen sein Leben ausgerichtet hat, ist nur noch wenige Tage entfernt: das Finale am Reck bei den Olympischen Spielen.

Wenn er einen guten Tag hat, kann er dort eine Medaille gewinnen. Wenn er einen sehr guten Tag hat, sogar Gold.

Es wäre die Krönung. Für ihn und für seinen Vater, der auch sein Trainer ist. Wolfgang Hambüchen hat zwei Söhne. Beide nahm er vom ersten Tag an mit in die Turnhalle. Christian, der ältere, geht heute nur noch ganz selten an die Geräte. Er arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium. Fabian, der jüngere, ist zum Lebensprojekt des Vaters geworden. Sie ziehen ihr Ding durch, gegen alle Widerstände von außen.

Im Deutschen Turnerbund gibt es nicht viele, die die Hambüchens gut leiden können. Zu wenig angepasst sind sie, zu viele Sonderwünsche haben sie. Bei den Lehrgängen der Nationalmannschaft ist Fabian Hambüchen nur dabei, wenn er muss. Das Strammstehen vor dem Bundestrainer kann er nicht leiden. "Turnen", sagt er, "ist nun mal kein Fußball. Die besten Teamplayer sind die, die sich individuell am besten vorbereiten."

Er konnte sich die Sonderstellung leisten, weil er immer der Beste war. Seit im Januar 2011 seine Achillessehne riss, haben sich die Hierarchien aber verschoben. Fabian Hambüchen zog sich zurück, und seine Teamkollegen traten aus seinem Schatten. Philipp Boy und Marcel Nguyen gewannen internationale Medaillen, und Boy ging wie Hambüchen in die Öffentlichkeit: Er tauchte in der Bild -Zeitung auf, machte ein Fotoshooting für die GQ Style , präsentierte adidas als seinen Sponsor. Die Männer im Deutschen Turnerbund freuten sich darüber und machten mit seinem Gesicht Werbung. Boy ist ihr Liebling, weil er sich anpasst. Wenn der Bundestrainer zum Lehrgang ruft, ist er immer da.

Wer Fabian Hambüchen heute trifft, ihn beim Training für Olympia besucht, mit zu Wettkämpfen und öffentlichen Auftritten fährt, der spürt, wie sehr diese Konkurrenz ihn anspornt. Hambüchen ist 24. Er turnt seit zwanzig Jahren, seit zehn Jahren ist er in der Weltspitze. "Früher hat man immer gesagt: Zehn Jahre Hochleistungssport, dann ist der Körper fertig", sagt Wolfgang Hambüchen, der Vater. "Das Zeitfenster schließt sich langsam." Nach Olympia wird sich Fabian Hambüchens Leben ändern, er wird wegziehen aus Wetzlar, nicht mehr täglich mit seinem Vater trainieren, und er wird anfangen zu studieren. Aber vorher will er es sich bei diesen Olympischen Spielen beweisen. Und er will es all denen beweisen, die ihn schon abgeschrieben haben. In seiner Sprache heißt das: "Noch einmal volle Kanne geben, um zu zeigen, was Sache ist."