GesellschaftskritikÜber Frauen & Sex

Von der Entdeckung der weiblichen Lust kurz nach der Jahrhundertwende bis zu Jane Fondas jüngstem Loblied auf den Akt im Alter war es ein weiter Weg. von 

Jane Fonda mit Partner Richard Perry

Jane Fonda mit Partner Richard Perry  |  © Alberto E. Rodriguez/Getty Images

Eine kleine Geschichte der sexuellen Erfüllung der Frau:

Wien , circa 1910: O ja, es gibt sie, die weibliche Lust! Ihr Ausdruck ist der vaginale Orgasmus. Ausgelöst durch den Geschlechtsverkehr, was sonst? Frauen, die das nicht hinkriegen, sind frigide. Sie bedürfen einer Psychoanalyse, die bald weltweite Verbreitung findet.

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1970er Jahre: Frauen, die dem vaginalen Orgasmus hinterherjagen, sind bescheuert. Es gibt überhaupt nur den klitoralen Orgasmus, der mit dem Partner nicht viel zu tun haben muss. Für Ungeübte gibt es Kurse. »Wir alle können auf den Everest steigen«, sagt die Sextherapeutin Lonnie Barbach und schreibt einen Weltbestseller.

1980er Jahre: Nach einem Jahrhundert Theoriestreit wird eine dritte Form des Orgasmus bekannt: der vorgetäuschte. 1989 erlangt er durch den Film Harry und Sally weltweite Berühmtheit. Dabei gibt es ihn, seit es Frauen gibt, die Männern gefallen müssen. Auf ihren sexuellen Höhepunkt gelange eine Frau sowieso erst ab vierzig, heißt es, dann wisse sie, was sie wolle, und könne dies, Salz auf meiner Haut, auch zum Ausdruck bringen.

Nuller Jahre: In einer übersexualisierten Welt haben die meisten Leute auf Sex so viel Lust wie Bastian Schweinsteiger auf Fußball nach dieser Saison. Manche helfen sich, indem sie Sex zur Leibesübung umdeklarieren, wie jenes amerikanische Paar, das einen Bestseller darüber schreibt, wie es ist, jeden Tag miteinander ins Bett zu gehen. Aus Pflicht. Lust? Pharmafirmen arbeiten an Medikamenten gegen den Brechreiz, äh, gegen die Lustlosigkeit bei beiden Geschlechtern.

Gesellschaftskritik
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Juli 2012: Jane Fonda , die alte Trendsetterin, findet mit 74 einen neuen Weg zur sexuellen Befriedigung. Sie genieße, sagt sie, erstmals ein erfülltes Sexleben. Jetzt gut zuhören, ragazzi, was die alte Dame da entdeckt hat. Sie sagt: »Als ich jung war, hatte ich viele Hemmungen. Ich wusste nicht, wonach ich mich sehnte.« Dies habe sich geändert, als sie den 70-jährigen Produzenten Richard Perry getroffen habe. Mit ihm habe sie endlich jenes besondere Gefühl entdeckt: »true intimacy«. Innigkeit, Nähe. Wenn sie mit ihm schlafe, sehe sie ihn, wie er vor dreißig Jahren war, bei ihm müsse sie sich nicht verstellen. Dieses Gefühl habe sie unbedingt kennenlernen wollen, bevor sie sterbe. Die Idee macht weltweit Schlagzeilen. Jane Fonda: Mijn seksleven is zo bevredigend! Le meilleur sexe de sa vie à 74 ans! Jane Fonda alcanza la plenitud sexual a sus 74 años! Jane Fonda har endelig oppdaget »ekte intimitet«! Richard’la bunu buldum. Auf Deutsch: Alles wird gut.

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Leserkommentare
  1. ..nämlich eine gegen Lustlosigkeit, sollten die Wissenschaftler vielleicht erstmal über die bereits vorhandene "Pille" nachdenken. Die Frau verspürt evolutionsbiologisch gesehen Lust, um möglichst eine Schwangerschaft herbeizuführen. Nimmt sie die Pille, hat sie keinen Eisprung mehr, dementsprechend keine Möglichkeit, schwanger zu werden, dementsprechend auch weniger Lust. Überhaupt, über Jahrzehnte hinweg seinen Körper mit solchen Hormonen vollzustopfen, erhöhtes Krebsrisiko, erhöhtes Thromboserisiko, Gewichtszunahme, dem Körper wird eine permanente Schwangerschaft vorgegaukelt - alles nur, damit der Mann sich kein Kondom überziehen muss. Wenn der Mann die Pille nehmen müsste, würde ich mal schätzen, das täten vielleicht 5 %. Aber Frauen machen ja alles mit.

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    Na, pflegt da wieder jemand fleißig seine Vorurteile? Oder wie kommen sie auf die empirisch sicher belegten Zahlen von 5%?

    Evolutionsbiologisch ist Lust die Folge einer Selektion von (nachkommens-) erfolgreichen Individuen, nicht die Voraussetzung. Somit bewirkt die Pille nicht "dementsprechend auch weniger Lust", weil damit keine Schwangerschaft mehr eintritt. Vererbt werden nur die Merkmale, die auf die gezeugten Nachkommen übergehen, nicht die Merkmale, die Nachkommen verhindern. Mit anderen Worten: Kinderlosigkeit vererbt sich nicht - und Lust kann einen bedeutenden Teil unseres Lebens ausmachen.

    Dass sich Männer dem nicht aussetzen würden ist doch durch nichts zu halten. Ein Pille die Schwangerschaften verhindern könnte ohne dass die Frau darauf Einfluss hätte bzw. ohne dass man sich auf sie verlassen müsste, wäre ein Renner. Und selbst wenn nur 5% sie nutzen würden, dass würde für einen weltweiten Kassenschlager reichen. Allein es ist schwierig Unmengen Spermien lahmzulegen.

    • sauce
    • 22. Juli 2012 18:54 Uhr

    Bei aller begründeten Kritik an der Pille: Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ist ganz sicher ein wirksamerer Lustkiller als ein verhinderter Eisprung!
    Die Pille für den Mann - wenn es sie denn gäbe - ist leider keine Alternative dazu: Bevor man einem Mann vertraut, der glaubhaft versichert die Pille zu nehmen, muß man ihn schon SEHR gut kennen.
    Es gibt Phasen im Leben einer Frau, da kommt ein Kind auf gar keinen Fall in Frage. Hormonelle Verhütung ist leider noch immer die sicherste Methode - und so schnell wird sich daran auch nichts ändern.

  2. Na, pflegt da wieder jemand fleißig seine Vorurteile? Oder wie kommen sie auf die empirisch sicher belegten Zahlen von 5%?

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    > Na, pflegt da wieder jemand fleißig seine Vorurteile? Oder
    > wie kommen sie auf die empirisch sicher belegten Zahlen von
    > 5%?

    Also ich würde mich jedenfalls nicht mit Hormonen vollstopfen. Ich kann das mit der Pille bei Frauen aber auch aus eigener Erfahrung bestätigen und seh das genauso kritisch.
    Würde auch nie die Einnahme solch eines Hormonzeugs verlangen... schon alleine deswegen, weil ES ohne Pille einfach mehr Spass macht als ohne Kondom ;-)

    Die 5% sind, wie Sie durch Lesen herausfinden können, meine Schätzung.

  3. ...Barbarella (Jane Fonda) den erfüllten körperlichen Sex schon 1968 (im gleichnamigen Film) für sich entdeckt und lieben gelernt.

    Anscheinend hat sie ihren Pygar jetzt mit 74 wirklich gefunden.
    Es ist ja glücklicherweise niemals zu spät...

  4. Orgasmus, Vagina, sexuelle Befriedigung, Geschlechtsverkehr.-

    wenn ich das in einem Kommentar benutzen würde, ich glaub ich würd gesperrt werden. Lach.
    Gut so, ich finde, wir sollten das normalste der Welt, den reinen Ausdruck von Lust gutheissen, wenn dabei nicht andere zum Schaden kommen.
    Bitte mehr davon, allein dass man Übung bekommt, dass nicht überall nur brave Spiessigkeit herrscht.

  5. Sexuelle Aktivitäten sind auch bei älteren und betagten Menschen ein wichtiger Teil des Zusammenseins und der Partnerschaft.

    Für viele Menschen ist Sex im Alter ein Tabu und wird als peinlich empfunden. Und Filme wie Film Wolke Neun zeigen, dass mit zunehmendem Alter Begehren und Verliebtsein nicht aufhören.

    Neben der Einstellung zur Sexualität spielen neben der festen Partnerbeziehung vor allen Dingen auch die körperliche Gesundheit ein wesentlicher Faktor, ob ältere Menschen noch Sex haben.

    Eine US-amerikanische Studie brachte Licht in geheime Treiben der Ältern. Stacy Tessler Lindau, Professorin an der Universität von Chicago, veröffentliche im März diesen Jahres im BMJ Untersuchungen über die sexuelle Aktivitäten im mittleren und höheren Alter.

    So zeigte sich, dass Männer im Alter deutlich mehr Interesse an Sex haben als Frauen. Ältere Männer sind auch sexuell aktiver und weitaus zufriedener als ältere Frauen.

    Meine Meinung: Sex mit 80 scheint für Männer fast normal zu sein. Die Begeisterung für Sex bei älteren Männer scheint auch auf die Einführung von Viagra® und den anderen PDE-5-Hemmern zu liegen, die bei einer erektilen Dysfunktion ein wirksames Medikament darstellen. Insofern sind Zahlen über sexuell aktive ältere Männer mit einem zwinkernden Auge zu sehen.

    Dr. Ralf Hettich mit seinen Gedanken zur Sexualität

  6. Da entdeckt sie mit 74, daß Sex tatsächlich Spaß machen kann. Aus welchen Motiven sie wohl die Jahrzehnte davor mit Männern ins Bett gestiegen ist? Diskret war sie ja noch nie.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zustimmung zwar nicht ganz, sondern: arme und nunmehr offenbar endlich zufriedene Jane Fonda, die zeitlebens ihres Vaters Henry Fonda, ja ständig in seinem Überschatten litt.
    Für Kundige m.E. besonders gut zu bemerken im gemeinsamen (plus Katherine Hepburn) und geglücktem Film "Am goldenen See".
    Nun erst hat sie nach Siegmund Freud ihren Vater "getötet" und kann relaxend ihr eigenes Leben genießen - kein unüblicher Verlauf, besonders bei sogen. "frigiden" Frauen, find ich.

  7. > Na, pflegt da wieder jemand fleißig seine Vorurteile? Oder
    > wie kommen sie auf die empirisch sicher belegten Zahlen von
    > 5%?

    Also ich würde mich jedenfalls nicht mit Hormonen vollstopfen. Ich kann das mit der Pille bei Frauen aber auch aus eigener Erfahrung bestätigen und seh das genauso kritisch.
    Würde auch nie die Einnahme solch eines Hormonzeugs verlangen... schon alleine deswegen, weil ES ohne Pille einfach mehr Spass macht als ohne Kondom ;-)

    Antwort auf "Sicher.."
    • TDU
    • 20. Juli 2012 13:55 Uhr
    8. Schön

    "Mit ihm habe sie endlich jenes besondere Gefühl entdeckt: »true intimacy«. Innigkeit, Nähe."

    Vielleicht ist es das, was alle suchen, aber so schwer ist. Es wird erschwert durch die "Irrungen und Wirrungen" des eigenen Lebens und Fühlens und auch durch vermutliche Sollstellungen der Sexualität. Wie sie zu sein hat, damit sie perfekt wird. Ich gönne ihr dieses Gefühl.

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