GroßbritannienDie Insel sticht in See

In der Krise nimmt Großbritannien immer mehr Abschied vom Kontinent. Eine Reise ins Herz der englischen Europa-Skepsis, zu Demagogen und Humoristen. von 

Ein tristes Vereinshaus im südenglischen Eastleigh, der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben, drinnen riecht es nach Bier. Drei Männer stehen am Eingang, einer sieht aus wie ein Türsteher, der andere wie ein Autoverkäufer und der dritte wie ein Penner. Ein junger Mann im blauen Anzug, groß und pausbäckig, stellt sich schüchtern zu ihnen. Es stellt sich heraus, dass die Männer die örtlichen Vertreter der britischen Unabhängigkeitspartei (UKIP) sind und der junge Mann bei ihnen ein einwöchiges Praktikum macht. Wie ist er dort gelandet? Er zieht die Schultern hoch: »Ich habe mich auch in der Downing Street und bei verschiedenen konservativen Abgeordneten beworben. UKIP waren die Einzigen, bei denen ich überhaupt durchgestellt wurde.« Die Männer grinsen.

Christopher Herman ist 17 Jahre alt und geht noch zur Schule, er weiß überraschend viel über die Geschichte Bayerns und überlegt, in Deutschland zu studieren. Die Männer aber wollen mit Europa so wenig wie möglich zu tun haben. Ihr Ziel ist der Austritt Großbritanniens aus der EU, deshalb sind sie in der Partei. Das wäre für Christophers Studienpläne eher schlecht, aber der Widerspruch scheint ihm nicht bewusst zu sein. Er ist im Südosten Englands aufgewachsen, der konservativsten Region des Landes. »Alle, die ich kenne, sehen Europa kritisch«, sagt er.

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Die radikale UKIP ist der politische Gewinner der Krise. Sie gründete sich nach dem Maastricht-Vertrag von 1992, der Grundlage für den Euro und der Institutionen der heutigen EU. Von Anfang an forderte sie eine Volksabstimmung in Großbritannien, um aus der Union auszutreten, lange wurde diese Forderung nicht ernst genommen. Nun steht sie ganz oben auf der Agenda: Gerade hat Premierminister Cameron seinem Volk ein Referendum zu Europa versprochen, denn die meisten Briten wollen es so. Die endlose Krise gibt ihnen das Gefühl, dass die EU nur Probleme bringt. Keine andere politische Kraft hat davon so profitiert wie die UKIP: In Umfragen liegt die früher exotische Partei fast gleichauf mit den mitregierenden Liberaldemokraten.

Gut gelaunt tritt ihr Vorsitzender Nigel Farage an diesem Abend auf. Mit einem Weinglas in der einen und einem Mikrofon in der anderen Hand begrüßt er seine zweihundert Zuhörer. Die meisten sehen ungesund oder alt aus. Mit seinem Skilehrer-Teint und dem rosa Hemd sticht Farage grell zwischen ihnen hervor. »Wir haben uns getraut, das Unsagbare zu sagen, und jetzt denken sie das Undenkbare«, sagt er über die Regierung. »Sie tanzen nach unserer Pfeife.« Die Krise, fährt er fort, offenbare das wahre Gesicht der EU: Armut, Selbstmorde, griechische Eltern, die ihre Kinder bei der Kirche abgäben. »Je früher die Euro-Zone zerbricht, desto besser für alle!«, ruft er. Lautes Klatschen aus dem Publikum.

Farage ist ein guter Redner: Er spricht in kurzen, pointierten Sätzen und mit lauter Stimme. Besonders viel Applaus bekommt er für seine Forderung nach mehr Geld fürs Verteidigungsbudget und weniger Einwanderung aus Osteuropa. Auch daran ist natürlich die EU schuld: »Wir haben den Polen und Rumänen die Tür geöffnet, und sie kamen zu Hunderttausenden.« Dass das die Entscheidung der britischen Regierung war, verschweigt er. Als er nach anderthalb Stunden seinen Vortrag beendet, umringen ihn die Menschen, um Fotos zu machen und sein Buch zu kaufen. Auch Christopher, der Praktikant, ist begeistert.

Das Seltsame an Farage ist, dass er seit 13 Jahren in ebenjenem Europäischen Parlament sitzt, das er abschaffen will. Genüsslich erzählt er davon, wie er dem EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy einmal das Charisma eines »feuchten Lappens« bescheinigt und dafür eine Geldstrafe kassiert habe; seiner Meinung nach ein Beleg dafür, dass die EU wenig für die Meinungsfreiheit übrighabe. »Wir haben es mit extremistischen Leuten zu tun«, sagt Farage, »sie wollen die Nationalstaaten für einen europäischen Superstaat abschaffen. Die Flagge, die Hymne, das zeigt doch, dass es hier um einen gefährlichen europäischen Nationalismus geht.«

Farage war Mitglied der Konservativen, bis sie den Maastricht-Vertrag unterschrieben. Noch heute bezeichnet er sich als Thatcheristen, er sehnt sich nach dem Patriotismus von früher. »Seit vierzig Jahren sagt uns die politische Klasse, dass wir uns nicht selber regieren können und uns deswegen an Europa ranhängen müssen«, sagt er. »Wir haben unser nationales Selbstbewusstsein verloren.« Er trinkt seinen Wein, während er das sagt.

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