Livingston, Texas . Die Hochzeit fand ohne den Bräutigam statt. Die Braut im festlich geschmückten Stadtsaal von Houston trug kein Make-up und die widerspenstigen rostbraunen Locken lose zurückgebunden. Der Bräutigam saß 100 Kilometer weiter nördlich in einem der stacheldrahtbewehrten, fensterlosen Betonwürfel vor dem Highway-Kaff Livingston, in denen Texas seine gefährlichsten Gefangenen verwahrt. Der Bräutigam trug Weiß – das verdreckte Grauweiß der ausgefransten Baumwollanzüge mit dem schwarzen »DR«-Stempel auf dem Rücken, der Abkürzung für Death Row , Todestrakt. Henry Watkins Skinner, genannt Hank, 50, konnte sein Jawort nur per Einschreiben schicken, aber der Standesbeamte erklärte ihn und die Französin Sandrine Ageorges am 3. Oktober 2008 rechtmäßig zu Mann und Frau.

Sandrine Ageorges-Skinner, 51, hat ihren Mann noch nie geküsst, noch nie seine Hand gehalten. »Ich weiß nicht, wie sich seine Berührung anfühlen würde«, sagt die hagere, blasse Frau mit schleppendem französischem Akzent. Wenn sie sich sehen, dann trennt sie eine Scheibe schusssicheres Plexiglas. Manchmal pressen sie die Handflächen gleichzeitig an das Glas, um die Illusion einer Berührung zu simulieren, »aber die Hände berühren sich ja nicht, sondern doch immer nur das Glas«, sagt Ageorges. »Meistens zieht Hank als Erster die Hand zurück, weil er es nicht aushält. Es ist Folter.« Wenn man die Fernsehproduzentin fragt, warum sie einen Mann geheiratet hat, den sie vielleicht nie in den Arm nehmen kann, sagt sie lapidar: »Aus dem gleichen Grund, aus dem jeder heiratet – aus Liebe.« Aber dann nennt die Anti-Todesstrafe-Aktivistin noch ein anderes Motiv: »Wenn sie Hank hinrichten, steht mir als seiner Frau das Recht zu, die Beweismittel ausgehändigt zu bekommen.«

Es gehört zur Ironie ihres gemeinsamen Schicksals, dass sie ihren Mann zuletzt nur sah, wenn seine Exekution unmittelbar bevorstand. Der Gefängnisdirektor hat ihr seit der Hochzeit Besuchsverbot erteilt. Er hält die resolute, wortgewaltige Frau für ein Sicherheitsrisiko. Nur wenn der Countdown zur Hinrichtung schon läuft, darf sie für ein knappes Stündchen zu ihm.

Hank Skinner kann seine Todesnähe mit mathematischer Genauigkeit beziffern: »2010 kam ich dem Tod auf 23 Minuten nahe. Ich hatte meine Henkersmahlzeit schon gegessen.« In letzter Minute gewährte ihm der Oberste Gerichtshof Aufschub – einer der extrem raren Momente, in denen sich Amerikas höchstes Gericht in das Todesstrafen-Urteil eines seiner Staaten einmischt. Vier Mal bereitete sich Skinner schon auf seine Hinrichtung vor, zuletzt im November 2011. »Was einem in den Stunden zuvor durch den Kopf fliegt, kann niemand anderes nachvollziehen«, sagt Skinner. »Es ist mir wichtig, dass ich wie ein Mann sterbe, nicht wimmernd und zähneklappernd.« Er hat den Ablauf viele Hunderte Male im Kopf durchgespielt. Pentobarbital, Pancuroniumbromid, Kaliumchlorid – die Namen der Betäubungsmittel in der Giftspritze, die letztlich zum Atemstillstand führen, gehen ihm flüssig wie einem Chemieprofessor von den Lippen. »Acht Minuten dauert es nach der Injektion«, sagt Skinner, »das ist eine verdammt lange Zeit. Es kann sein, dass ich bei vollem Bewusstsein bin, aber nicht schreien, mich nicht bewegen kann, wenn ich ersticke.« Auch einen Abschiedsbrief an seine Frau hat er vor dem letzten Hinrichtungstermin geschrieben: »Wenn ich tot bin, dann schmeiß eine verdammt gute Party. Leg Led Zeppelin auf, rauch ein paar Joints, und erinnere dich an mein Lachen.«

Die Tat, für die Hank Skinner verurteilt wurde, war bestialisch. Wer seine 40 Jahre alte Lebensgefährtin Twila Busby und ihre beiden Söhne am Silvesterabend 1993 in der texanischen Kleinstadt Pampa ermordete, muss enorme Kraft und Wut gehabt haben. Twila Busby wurde zuerst erwürgt, und zwar so rabiat, dass ihr Kehlkopf und ihr Zungenbein zerdrückt wurden. Dann schlug ihr der Täter einen Axtstiel 14 Mal mit solcher Wucht auf den Kopf, dass die Hiebe mehrere Knochenstücke ihrer ungewöhnlich dicken Schädeldecke in ihr Gehirn drückten. Gleichzeitig musste der Mörder ihren 1,98 Meter großen und 100 Kilo schweren Sohn Elwin »Scooter« Caler, 22, abwehren. Blutspritzer beweisen, dass er direkt neben seiner Mutter stand, als sie geschlagen wurde. Der Mörder stach mehrmals mit dem Küchenmesser auf Elwin Caler ein, bis dieser schwer verletzt floh und später auf der Veranda einer Nachbarin verblutete. Dann ging der Mörder in das Schlafzimmer, wo Twilas jüngster Sohn, Randy Busby, 20, bäuchlings auf dem oberen Etagenbett lag, und stach auch ihn mit einem Küchenmesser zu Tode.

Für Taten von solcher Brutalität halten 61 Prozent der Amerikaner die Todesstrafe für angemessen. Rick Perry, der charismatische texanische Gouverneur, ist sich der Unterstützung seiner Landsleute sicher. Bei Hinrichtungsterminen jubeln Todesstrafen-Anhänger vor dem Gerichtsgebäude wie Fußballfans beim Finale. Perry hält unangefochten den amerikanischen Rekord: Er hat in seinen zwölf Gouverneursjahren 243 Gefangene hinrichten lassen, darunter drei Jugendliche und mindestens zehn geistig Behinderte. Bei einer Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsanwärter im vergangenen September quittierte das Studiopublikum allein schon die Erwähnung von Perrys Hinrichtungsrekord mit tosendem Beifall. »Haben Sie jemals nicht schlafen können, weil Sie vielleicht einen Unschuldigen hinrichten ließen?«, fragte der NBC-Moderator Brian Williams. »Nein, damit habe ich noch nie gekämpft«, antwortete Perry mit ruhiger Stimme. Was Perry aus der begeisterten Reaktion des Publikums schließe, setzte der erkennbar konsternierte Moderator nach, und Perry konterte selbstbewusst: »Amerikaner verstehen etwas von Gerechtigkeit.«

Was verstehen Amerikaner unter Gerechtigkeit? Selbst für die Befürworter der Todesstrafe fußt der Glaube an die Rechtmäßigkeit dieses Systems auf einer unabdingbaren Prämisse: dass alle Verurteilten einen fairen Prozess erhalten, der ihre Schuld zweifelsfrei belegt. Vielleicht deshalb glaubt der pensionierte Journalismusprofessor David Protess, dass der Fall Skinner »der entscheidende Hieb sein könnte, der die Todesmaschinerie in Texas zum Erliegen bringt. Sehen Sie sich an, wie weit der Staat Texas geht, um die Wahrheit über den Fall Skinner unter Verschluss zu halten«, sagt Protess, der Gründer des Innocence Project of Chicago, »die einzige Erklärung dafür ist, dass die Verantwortlichen Angst haben, dass es ihnen an den Kragen geht.«

Längst geht es nicht mehr nur um die Frage, ob Hank Skinner schuldig ist oder nicht. Es geht um viel mehr: um die Grundsatzfrage, ob ein mittelloser Angeklagter in Amerika auf einen fairen Prozess hoffen kann. Ob die Richter im erzkonservativen Texas unparteiisch sind. Ob ein Land einem zu Tode Verurteilten zwölf Jahre lang die Bitte verweigern darf, entscheidende Beweisstücke in einem Labor zu testen. Ob der Staat einen Mann hinrichten soll, dessen Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen ist. Ob Rick Perry nachts wirklich guten Gewissens schlafen kann. Ob Amerika etwas von Gerechtigkeit versteht.