Livingston, Texas . Die Hochzeit fand ohne den Bräutigam statt. Die Braut im festlich geschmückten Stadtsaal von Houston trug kein Make-up und die widerspenstigen rostbraunen Locken lose zurückgebunden. Der Bräutigam saß 100 Kilometer weiter nördlich in einem der stacheldrahtbewehrten, fensterlosen Betonwürfel vor dem Highway-Kaff Livingston, in denen Texas seine gefährlichsten Gefangenen verwahrt. Der Bräutigam trug Weiß – das verdreckte Grauweiß der ausgefransten Baumwollanzüge mit dem schwarzen »DR«-Stempel auf dem Rücken, der Abkürzung für Death Row , Todestrakt. Henry Watkins Skinner, genannt Hank, 50, konnte sein Jawort nur per Einschreiben schicken, aber der Standesbeamte erklärte ihn und die Französin Sandrine Ageorges am 3. Oktober 2008 rechtmäßig zu Mann und Frau.

Sandrine Ageorges-Skinner, 51, hat ihren Mann noch nie geküsst, noch nie seine Hand gehalten. »Ich weiß nicht, wie sich seine Berührung anfühlen würde«, sagt die hagere, blasse Frau mit schleppendem französischem Akzent. Wenn sie sich sehen, dann trennt sie eine Scheibe schusssicheres Plexiglas. Manchmal pressen sie die Handflächen gleichzeitig an das Glas, um die Illusion einer Berührung zu simulieren, »aber die Hände berühren sich ja nicht, sondern doch immer nur das Glas«, sagt Ageorges. »Meistens zieht Hank als Erster die Hand zurück, weil er es nicht aushält. Es ist Folter.« Wenn man die Fernsehproduzentin fragt, warum sie einen Mann geheiratet hat, den sie vielleicht nie in den Arm nehmen kann, sagt sie lapidar: »Aus dem gleichen Grund, aus dem jeder heiratet – aus Liebe.« Aber dann nennt die Anti-Todesstrafe-Aktivistin noch ein anderes Motiv: »Wenn sie Hank hinrichten, steht mir als seiner Frau das Recht zu, die Beweismittel ausgehändigt zu bekommen.«

Es gehört zur Ironie ihres gemeinsamen Schicksals, dass sie ihren Mann zuletzt nur sah, wenn seine Exekution unmittelbar bevorstand. Der Gefängnisdirektor hat ihr seit der Hochzeit Besuchsverbot erteilt. Er hält die resolute, wortgewaltige Frau für ein Sicherheitsrisiko. Nur wenn der Countdown zur Hinrichtung schon läuft, darf sie für ein knappes Stündchen zu ihm.

Hank Skinner kann seine Todesnähe mit mathematischer Genauigkeit beziffern: »2010 kam ich dem Tod auf 23 Minuten nahe. Ich hatte meine Henkersmahlzeit schon gegessen.« In letzter Minute gewährte ihm der Oberste Gerichtshof Aufschub – einer der extrem raren Momente, in denen sich Amerikas höchstes Gericht in das Todesstrafen-Urteil eines seiner Staaten einmischt. Vier Mal bereitete sich Skinner schon auf seine Hinrichtung vor, zuletzt im November 2011. »Was einem in den Stunden zuvor durch den Kopf fliegt, kann niemand anderes nachvollziehen«, sagt Skinner. »Es ist mir wichtig, dass ich wie ein Mann sterbe, nicht wimmernd und zähneklappernd.« Er hat den Ablauf viele Hunderte Male im Kopf durchgespielt. Pentobarbital, Pancuroniumbromid, Kaliumchlorid – die Namen der Betäubungsmittel in der Giftspritze, die letztlich zum Atemstillstand führen, gehen ihm flüssig wie einem Chemieprofessor von den Lippen. »Acht Minuten dauert es nach der Injektion«, sagt Skinner, »das ist eine verdammt lange Zeit. Es kann sein, dass ich bei vollem Bewusstsein bin, aber nicht schreien, mich nicht bewegen kann, wenn ich ersticke.« Auch einen Abschiedsbrief an seine Frau hat er vor dem letzten Hinrichtungstermin geschrieben: »Wenn ich tot bin, dann schmeiß eine verdammt gute Party. Leg Led Zeppelin auf, rauch ein paar Joints, und erinnere dich an mein Lachen.«

Die Tat, für die Hank Skinner verurteilt wurde, war bestialisch. Wer seine 40 Jahre alte Lebensgefährtin Twila Busby und ihre beiden Söhne am Silvesterabend 1993 in der texanischen Kleinstadt Pampa ermordete, muss enorme Kraft und Wut gehabt haben. Twila Busby wurde zuerst erwürgt, und zwar so rabiat, dass ihr Kehlkopf und ihr Zungenbein zerdrückt wurden. Dann schlug ihr der Täter einen Axtstiel 14 Mal mit solcher Wucht auf den Kopf, dass die Hiebe mehrere Knochenstücke ihrer ungewöhnlich dicken Schädeldecke in ihr Gehirn drückten. Gleichzeitig musste der Mörder ihren 1,98 Meter großen und 100 Kilo schweren Sohn Elwin »Scooter« Caler, 22, abwehren. Blutspritzer beweisen, dass er direkt neben seiner Mutter stand, als sie geschlagen wurde. Der Mörder stach mehrmals mit dem Küchenmesser auf Elwin Caler ein, bis dieser schwer verletzt floh und später auf der Veranda einer Nachbarin verblutete. Dann ging der Mörder in das Schlafzimmer, wo Twilas jüngster Sohn, Randy Busby, 20, bäuchlings auf dem oberen Etagenbett lag, und stach auch ihn mit einem Küchenmesser zu Tode.

Für Taten von solcher Brutalität halten 61 Prozent der Amerikaner die Todesstrafe für angemessen. Rick Perry, der charismatische texanische Gouverneur, ist sich der Unterstützung seiner Landsleute sicher. Bei Hinrichtungsterminen jubeln Todesstrafen-Anhänger vor dem Gerichtsgebäude wie Fußballfans beim Finale. Perry hält unangefochten den amerikanischen Rekord: Er hat in seinen zwölf Gouverneursjahren 243 Gefangene hinrichten lassen, darunter drei Jugendliche und mindestens zehn geistig Behinderte. Bei einer Fernsehdebatte der republikanischen Präsidentschaftsanwärter im vergangenen September quittierte das Studiopublikum allein schon die Erwähnung von Perrys Hinrichtungsrekord mit tosendem Beifall. »Haben Sie jemals nicht schlafen können, weil Sie vielleicht einen Unschuldigen hinrichten ließen?«, fragte der NBC-Moderator Brian Williams. »Nein, damit habe ich noch nie gekämpft«, antwortete Perry mit ruhiger Stimme. Was Perry aus der begeisterten Reaktion des Publikums schließe, setzte der erkennbar konsternierte Moderator nach, und Perry konterte selbstbewusst: »Amerikaner verstehen etwas von Gerechtigkeit.«

Was verstehen Amerikaner unter Gerechtigkeit? Selbst für die Befürworter der Todesstrafe fußt der Glaube an die Rechtmäßigkeit dieses Systems auf einer unabdingbaren Prämisse: dass alle Verurteilten einen fairen Prozess erhalten, der ihre Schuld zweifelsfrei belegt. Vielleicht deshalb glaubt der pensionierte Journalismusprofessor David Protess, dass der Fall Skinner »der entscheidende Hieb sein könnte, der die Todesmaschinerie in Texas zum Erliegen bringt. Sehen Sie sich an, wie weit der Staat Texas geht, um die Wahrheit über den Fall Skinner unter Verschluss zu halten«, sagt Protess, der Gründer des Innocence Project of Chicago, »die einzige Erklärung dafür ist, dass die Verantwortlichen Angst haben, dass es ihnen an den Kragen geht.«

Längst geht es nicht mehr nur um die Frage, ob Hank Skinner schuldig ist oder nicht. Es geht um viel mehr: um die Grundsatzfrage, ob ein mittelloser Angeklagter in Amerika auf einen fairen Prozess hoffen kann. Ob die Richter im erzkonservativen Texas unparteiisch sind. Ob ein Land einem zu Tode Verurteilten zwölf Jahre lang die Bitte verweigern darf, entscheidende Beweisstücke in einem Labor zu testen. Ob der Staat einen Mann hinrichten soll, dessen Schuld nicht zweifelsfrei bewiesen ist. Ob Rick Perry nachts wirklich guten Gewissens schlafen kann. Ob Amerika etwas von Gerechtigkeit versteht.

Dass Hank Skinner noch am Leben ist, verdankt er seiner Frau

Obwohl die meisten demokratischen Staaten die Todesstrafe längst abgeschafft haben und die EU-Kommission sogar alle Amerika-Exporte eines Narkosemittels für die Todesspritze verbot, hält Texas unbeirrt an seinem System fest. Umstrittene Fälle gibt es genug. Zum Beispiel unterzeichnete Rick Perry 2004 die Order zur Exekution von Cameron Todd Willingham, obgleich Gutachter ausschlossen, dass der Familienvater das Feuer gelegt hatte, in dem seine drei kleinen Kinder verbrannten. »Auge um Auge«, sagt David Protess über die Mentalität der meist tiefgläubigen Texaner, deren Staat oft »die Schnalle des Bibelgürtels« genannt wird, »in Texas wird das biblische Motto immer noch sehr ernst genommen. Es ist für einen Politiker wichtig, dass er als tough wahrgenommen wird. Einen echten Mörder laufen zu lassen wäre für die Karriere jedes Politikers und Richters gefährlicher als ein paar fragwürdige Hinrichtungen, bei denen es vielleicht den Falschen erwischt.«

Vielleicht aber ist Hank Skinner ein Falscher zu viel. Selten gibt es nach einem Mord so viele Beweise, die über Schuld oder Unschuld klar entscheiden könnten: ausgerissene Haare in Twila Busbys Faust; Vaginalabstriche; Hautspuren unter ihren Fingernägeln, die vermutlich von ihrem Kampf mit dem Angreifer stammen; Blutspuren auf den Küchenmessern, mit denen der Mörder die Söhne erstach; Fingerabdrücke; sogar eine blutbefleckte Windjacke wurde am Tatort gefunden, die aufgrund der Blutspritzer nur der Täter getragen haben kann. Fast 40 Beweisstücke in einer Lagerhalle im texanischen Gray County weisen DNA-Spuren des Mörders auf. Das Problem ist nur: Da liegen sie bis heute. Die meisten wurden nie untersucht.

Um 23.59 Uhr ging am 31. Dezember 1993 der erste Notruf bei der Polizei ein. Um drei Uhr morgens verhaftete die Polizei Hank Skinner im Trailer einer Nachbarin. Innerhalb von Stunden glaubte die Polizei, sie habe den Schuldigen. Die Beweise schienen erdrückend: Hank Skinner überlebte den Angriff als Einziger. Der untersetzte Bauarbeiter mit der großen Klappe hatte kein Alibi, im Gegenteil, er gibt zu, bei der Tat im gemeinsamen Haus gewesen zu sein, auf der Couch im Wohnzimmer, nur Meter vom Tatort entfernt. Skinner hatte Blut von Twila und Elwin auf seiner Jeans, und auch Skinners Blut wurde am Tatort gefunden. Seine Nachbarin, Andrea Reed, sagte vor Gericht, der blutverschmierte Skinner habe sich kurz vor Mitternacht gegen ihren Willen Zugang zu ihrem Trailer verschafft, wirr gefaselt, er habe Twila Busby mit einem anderen im Bett erwischt, und Andrea Reed gedroht, er werde auch sie umbringen, wenn sie die Polizei rufe. Obwohl Skinner seine Unschuld beteuerte, brauchten die Geschworenen im texanischen Fort Worth nur zwei Stunden, um ihn im März 1995 einstimmig zum Tode zu verurteilen. Seither sitzt er im Todestrakt.

Dort sinkt Häftling 999143 auf beide Knie, wie zum Gebet, als ihn zwei Wächter in die winzige cremefarbene Stahlkabine mit dem Plexiglas führen. Sie nehmen ihm die Handschellen ab, Hank Skinner mustert die Besucherin aufmerksam und misstrauisch, dann setzt er sich, greift zum Telefonhörer und beginnt, ohne Punkt und Komma zu reden, wie es oft Menschen tun, denen sonst niemand zuhört. Tiefe braungraue Schatten unter den eingefallenen Augen verraten, dass das Leben im Hochsicherheitstrakt ihn täglich quält, zwei schiefe braungelbe Zahnreihen erzählen von Jahrzehnten miserabler Gesundheitsversorgung, hinter den graublauen Augen ist bis auf einen Funken alles Leben erloschen. Aber zugleich ist Skinner ein erstaunlich eloquenter und intelligenter, sogar charmanter und einfühlsamer Gesprächspartner, der den Tod als ständigen Begleiter neben sich spürt. »Seit ich hier bin, haben sie 389 Menschen hingerichtet«, erzählt er. »Viele waren Freunde von mir.« Texas ist der einzige amerikanische Staat, der alle Todeskandidaten in schärfster Isolation verwahrt: kein Fernsehen, kein Telefon, keine Beschäftigungsprogramme, kein direkter Kontakt mit Besuchern. »Am Anfang haben sie uns noch gemeinsam trainieren und werkeln lassen, nun sind wir völlig isoliert«, sagt Skinner. »Es ist ein Leben in der Hölle, jeder Tag ist gleich. Es ist schwer, keine Fuchsloch-Mentalität zu entwickeln. Die einzige Möglichkeit, menschlichen Kontakt zu haben, ist, einen der Wächter so zu provozieren, dass er einen anspringt und verprügelt, was nicht besonders schwer ist.«

Dass Hank Skinner noch am Leben ist, verdankt er seiner Frau. Skinners »kluger, einzigartiger zynischer Humor« war es, der Sandrine Ageorges schon beim ersten Briefkontakt 1996 an Liebe denken ließ. Die Doktorarbeit eines Freundes über die Todesstrafe in Texas hatte ihre Empörung entfacht. »Ich konnte das alles nicht glauben, was da stand. Man denkt ja, Amerika sei ein moderner, demokratischer Staat.« Der Freund gab ihr Skinners Adresse, damit sich Ageorges aus erster Hand über die Zustände im Todestrakt informieren konnte. »Schon in Hanks erstem Brief kam es mir vor, als hätte ich meinen Seelenverwandten gefunden«, sagt die zierliche, kettenrauchende Französin. Er schreibt der alleinerziehenden Mutter Hilferufe wie: »Wenn Du mich nur neun Monate lang in Deinem Bauch tragen und mir das Leben wiederschenken könntest!« Sie hält das für »das schönste Kompliment, das mir je ein Mann gemacht hat«. Im Oktober 2000 reiste sie das erste Mal nach Livingston. Aus der Brieffreundschaft wurde nach unzähligen Besuchen nicht nur eine Ehe, sondern auch ein leidenschaftlicher, gemeinsamer Kampf gegen die Todesstrafe.

Ebenfalls im Jahr 2000, als George W. Bush noch Gouverneur von Texas war, machte ein Reporter David Protess auf einige Ungereimtheiten im Skinner-Prozess aufmerksam. Protess lehrte zu der Zeit investigativen Journalismus an der Northwestern University und schickte seine Studenten zum Recherchieren, wenn eine Verurteilung seinen Argwohn weckte. So gelang es ihm, die Unschuld von zwölf Strafgefangenen zu beweisen, fünf davon waren zum Tod verurteilt. Seine Recherchen führten letztlich zur Abschaffung der Todesstrafe in Illinois . Aber Skinner sitzt in Texas ein. »Skinner ist mein ältester aktiver Fall«, sagt Protess seufzend. »Wer hätte gedacht, dass wir über mehr als ein Jahrzehnt nur dafür kämpfen würden, dass die Beweise analysiert werden?«

Acht von Protess’ Jungjournalisten interviewten in Pampa mehr als ein Dutzend Zeugen. Sie kehrten mit vielen Fragezeichen zurück und dem Verdacht gegen einen anderen Mann, den die Polizei nie befragt hatte. Akribisch rekonstruierten sie die Tat:

Die letzte Person, die Twila Busby vor dem Mord lebend sah, war Howard Mitchell, ein gemeinsamer Freund, der am Silvesterabend 1993 eine Party in seinem Haus schmiss. Um 22.15 Uhr fuhr Mitchell die paar Häuserblocks zu Busbys und Skinners Haus, um sie zu seiner Party abzuholen. Das Paar, das sich bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hatte, hatte den ganzen Tag über getrunken und Gras geraucht. Mitchell fand Skinner bewusstlos auf der Couch, neben einer fast leeren Wodkaflasche. Mitchell versuchte vergeblich, Skinner aufzuwecken, rüttelte ihn ein paarmal heftig am Arm und nahm schließlich nur Busby mit zu seiner Party. Vor Gericht bezeichnete der Zeuge Skinner als »komatös«.

Hat er im Drogenrausch nicht vielleicht doch seine Freundin ermordet?

Die Mordnacht versinkt für Skinner in einem dichten Nebel, in dem unzusammenhängende Bilderfetzen schwimmen. 18 Jahre später erinnert er sich in der Besucherzelle in Livingston daran, dass der schwer verletzte Elwin Caler, Twila Busbys Sohn, ihn panisch wach zu rütteln versuchte. »Ich blickte auf und sah Twila im Türrahmen liegen. Erst erkannte ich gar nicht, dass sie es war, ich sah kein Gesicht. Dann wurde mir klar, dass kein Gesicht mehr da war. Sie war fast kopflos.« Elwin habe ihn gedrängt, Hilfe zu holen, »aber da war nur Panik. Ich konnte nicht sprechen, auch nicht alleine aufstehen.« Wie eine »kaputte Vogelscheuche« sei er, auf Elwin gestützt, aus dem Haus gewankt, immer wieder gefallen. Noch bei seiner Verhaftung Stunden später hatte er so viel Alkohol und Codein im Blut, dass ein Toxikologe und ein Physiotherapeut bestätigten, er habe unmöglich die nötige Kraft und Koordination für die drei Morde besitzen können.

Ist er sich sicher, dass er in seinem verrückten Drogenrausch nicht vielleicht doch seine Freundin ermordet hat? »Ich bin mir absolut sicher«, sagt Skinner. »Ich kenne mich. Warum hätte ich das tun sollen? Wir wollten heiraten. Ich wollte den Rest meines Lebens mit ihr verbringen.«

Der vielleicht wichtigste Coup der Journalistenschüler war ihr Interview mit der Kronzeugin der Anklage. Andrea Reed gab zu, dass sie gelogen hatte, als sie bei dem Gerichtsprozess bezeugte, Skinner sei ohne ihre Hilfe in ihren Trailer eingedrungen, habe seine Schuld zugegeben und sie mit dem Tod bedroht. Tatsache sei, dass er sich gar nicht alleine aufrecht halten konnte und nur wirr daherfaselte. Reed schwor, die Behörden hätten sie eingeschüchtert: Wenn sie Skinner nicht belaste, werde man sie als Komplizin anklagen, weil sie Skinner nach der Tat bei sich aufnahm.

Stattdessen entdeckten die Journalistenschüler einen anderen möglichen Täter: Twila Busbys Onkel, Robert Donnell. Zeugen beschrieben den Exhäftling Donnell als aufbrausend und gewalttätig, der Twila schon lange nachstellte. Auch Donnell war auf Mitchells Party, stark angetrunken, und Zeugen sagten, er habe Twila Busby mit derben sexuellen Anzüglichkeiten belästigt. Twila habe Mitchell deshalb ängstlich gebeten, sie wieder nach Hause zu bringen. Als Mitchell anschließend auf seine Party zurückkehrte, war Donnell verschwunden. Die am Tatort zurückgelassene beige Windjacke hatte Donnells Größe, XL, 44–46, Hank Skinner trägt Größe 38–40. Eine Nachbarin wunderte sich später, dass Donnell seinen Pick-up-Truck nach dem Mord schrubbte, die Innenteppiche herausriss und die Sitze mit Bleichmittel abwusch. Was trieb den Mann, den man laut seiner Nachbarin »überreden musste, ein Bad zu nehmen«, zu diesem plötzlichen Putzfimmel? Niemand kann ihn mehr fragen, er starb 1997 bei einem Autounfall.

Mit den Recherchen begann eine Expedition, die wenig über Hank Skinner, aber viel über das texanische Justizpersonal aussagt: Howard Mitchell hatte auch Skinners Verteidiger, Harold Comer, von seinem Verdacht gegen Donnell erzählt, aber Comer verfolgte die Spur nicht weiter. Comer war gerade von seinem Posten als Bezirksstaatsanwalt geschasst worden, weil er beschlagnahmte Drogengelder in die eigene Tasche gesteckt hatte. Der Richter, ein alter Freund, verschaffte ihm den Job als Skinners Pflichtverteidiger zu einem ungewöhnlich hohen Stundensatz – fast genau die Summe, die Comer dem Gericht wegen der veruntreuten Drogengelder schuldete. Für das Geld, rund 86000 Dollar, hätte sich Skinner auch einen erstklassigen Anwalt leisten können. Comer kannte Skinner gut: Als Bezirksstaatsanwalt hatte er Skinner wegen Autodiebstahl und Körperverletzung verfolgt. Comer war es auch, der DNA-Tests der Beweismittel ablehnte, um seinen Mandanten »nicht weiter zu belasten« – eine Entscheidung, die von der jetzigen Bezirksstaatsanwältin, Lynn Switzer, als Hauptgrund zitiert wurde, die Tests auch weiter nicht zuzulassen.

»Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass Comer der Bezirksstaatsanwalt gewesen war, bevor er zu Skinners Verteidiger ernannt wurde, war ich fassungslos«, sagt David Protess. »Ich habe mehr als hundert Mordfälle untersucht, aber nie habe ich einen derart eklatanten Interessenkonflikt gesehen. Als ich mich anschließend über Herrn Comers klägliche Leistung beim Prozess informierte, verwandelte sich meine Überraschung in Wut.« Protess findet es »äußerst beunruhigend, dass Universitätsstudenten in zwei Trips nach Pampa mehr entlastende Beweise zutage förderten als Herrn Skinners Verteidiger«. Der Journalist war auch entsetzt, dass die Beweise vom Tatort nicht analysiert wurden. »Wenn Sie einem normalen Polizeibeamten sagen, dass blutbefleckte Mordwaffen gefunden, aber nicht auf DNA-Spuren untersucht wurden, wird jeder sagen, das ist grotesk! Danach schreit doch der gesunde Menschenverstand.«

Im Jahr 2000 drängte Protess den damaligen Bezirksstaatsanwalt John Mann in einer live übertragenen Fernsehdebatte in die Enge. »Ich bezahle die Tests!«, rief Protess. »Damit Sie keine Steuergelder dafür ausgeben müssen!« Mann, ein texanischer Haudegen mit weißem Stetson-Hut und Cowboystiefeln, schickte dann aber nur einige Haare, einen blutigen Verband und Blutspuren an das Labor GeneScreen. Mann sagte einigen Reportern, ein getestetes Haar aus Busbys Faust stamme von Skinner – eine Fehlinformation. Tatsächlich war das Blut auf dem Verband von »einer unbekannten männlichen Person«, und die Haare waren entweder von Twila Busby oder einem Verwandten mütterlicherseits. »Keine der Proben stammte von Hank«, fasst Protess zusammen. »Das Überraschendste aber war, was danach geschah: Mann stoppte alle weiteren Tests! Skinner war Manns größter Todesstrafen-Fall, den wollte er sich nicht kaputt machen lassen.« Nie wurden die Proben mit Busbys Onkel abgeglichen, nie wurde die Windjacke untersucht, auch die Vaginalabstriche wurden nicht berücksichtigt, um zu klären, ob Busby vor der Tat vergewaltigt wurde und wenn ja, von wem. Manns Nachfolger Richard Roach versprach, auch die restlichen Beweise ins Labor zu schicken, aber dann erwischte eine Mitarbeiterin den Bezirksstaatsanwalt in seinem Büro beim Injizieren von Metam-phetamin. Roach sitzt dafür gerade eine 18-jährige Gefängnisstrafe ab.

130.000 Menschen, darunter ehemalige Richter, Gouverneure und Staatsanwälte, unterzeichneten Aufrufe, Skinner nicht ohne DNA-Tests hinrichten zu lassen, aber Roachs Nachfolgerin Lynn Switzer weigerte sich so beharrlich wie ihre Vorgänger. »Wenn Angeklagten erlaubt wird, das System zum Narren zu halten, dann werden wir uns nie auf die Endgültigkeit der gerichtlichen Entscheidungen verlassen können«, sagte Switzer in einer Presseerklärung. Skinner musste bis zum Obersten Gerichtshof gehen, um sich das Recht auf Tests zu erstreiten. Er gewann, aber als Skinners Anwalt Rob Owen die Beweisstücke vor wenigen Wochen zum ersten Mal in Augenschein nehmen durfte, erwartete ihn eine Überraschung: Das Kernstück der Verteidigung, die Windjacke des Mörders, ist verschwunden. »Es ist schwer nachzuvollziehen, wie der Staat es geschafft hat, so kleine Gegenstände wie Fingernagelstücke zu verwahren«, sagt Owen, »und gleichzeitig etwas so Großes wie eine Windjacke zu verlieren. Bis heute hat der Staat keine Erklärung angeboten, wie er seine Pflicht, die Beweise aufzubewahren, so sträflich vernachlässigen konnte.«

Ein Millionen-Dollar-Verfahren

Owen, der Skinner seit Jahren ohne Bezahlung vertritt, hält Texas für ein »viel härteres Pflaster als andere Staaten, um einen solchen Fall zu verteidigen. Das beginnt bei der Knausrigkeit des Staates, Todesstrafen-Prozesse adäquat auszustatten. Der Mangel an Ressourcen ist eklatant.« Auch sind die Richter in Texas nicht unabhängig: Sie werden von Parteivertretern gewählt. Das bedeutet, dass manchmal das Parteibuch wichtiger ist als die Qualifikation und dass die Richter im Wahlkampf Spenden von Firmen und Privatleuten annehmen, über die sie möglicherweise später richten. »Die Richter wollen wiedergewählt werden, und in Texas ist es besonders wichtig, dass sie als tough on crime wahrgenommen werden«, sagt Owen. »Texas hat eine sehr mächtige Strafkultur. Das macht Texas zu einem einzigartig schwierigen Gerichtsort.«

Die DNA-Tests in der Causa Skinner kosten etwa 3000 Dollar. Die sieben Berufungsverfahren, der Gang zum Obersten Gerichtshof und die Hinrichtungstermine dagegen dürften mehrere Millionen Dollar verschlungen haben. »Alles, was die Bezirksstaatsanwältin hätte tun müssen«, sagt Skinner, »ist, die Beweise auszuhändigen. Wenn ich unschuldig bin, gehe ich nach Hause. Wenn sie meine Schuld eindeutig hätten beweisen können, hätten sie mich schon vor zehn Jahren hinrichten können.«

Seit 1989 sind 294 Verurteilte nachträglich durch DNA-Tests rehabilitiert worden, siebzehn davon waren bereits zum Tod verurteilt. Insgesamt wurden 140 zum Tod Verurteilte nachträglich für unschuldig befunden

DNA-Tests sind kein Allheilmittel für unfähiges Justizpersonal, aber sie haben schon zu oft die Verurteilungen Unschuldiger bewiesen. »Seit 1989 sind 294 Verurteilte nachträglich durch DNA-Tests rehabilitiert worden, siebzehn davon waren bereits zum Tod verurteilt. Insgesamt wurden 140 zum Tod Verurteilte nachträglich für unschuldig befunden«, sagt seine Frau Sandrine Ageorges. Diese hohen Zahlen stellen das gesamte System infrage, und zahlreiche Staaten haben daraus die Konsequenzen gezogen. Illinois, New Jersey, New York, Georgia und zuletzt Connecticut haben die Todesstrafe unter anderem wegen der Fehlurteile abgeschafft. Andere Staaten wie North Carolina richteten zumindest unabhängige Kommissionen ein, die Unschuldsvermutungen untersuchen. In Texas dagegen ist alles beim Alten. »Der Richter, der Hanks Berufungsgesuche prüft, ist derselbe Richter, der ihn damals verurteilt hat«, sagt Sandrine Ageorges. »Kann man von dem Mann wirklich erwarten, dass er sagt, hmm, vielleicht habe ich damals Mist gebaut? Damit wäre seine Wiederwahl ruiniert.«

In seinem Buch Convicting the Innocent ( »Die Verurteilung Unschuldiger« ) hat der Rechtsprofessor Brandon L. Garrett von der University of Virginia die ersten 250 amerikanischen Fälle analysiert, in denen DNA-Tests nachträglich die Unschuld von rechtskräftig Verurteilten bewiesen. Diese 250 Fehlurteile weisen viele der Symptome auf, die auch Skinners Prozess kennzeichnen: ein fehlendes Alibi. Unfähige oder unmotivierte Pflichtverteidiger, die offensichtliche Verfahrensfehler nicht monieren. Staatsanwälte, die Zeugen mit Drohungen zu belastenden Aussagen drängen. Ein Verdächtiger, der so perfekt in das Raster passt, dass alternative Spuren gar nicht erst verfolgt werden. »Es gibt dieses Phänomen des Tunnelblicks«, sagt Rob Owen, der seit 1989 zahlreiche Todeskandidaten verteidigt hat. »Sie finden einen Verdächtigen, denken, sie haben den Fall gelöst, und hören auf, nach anderen Verdächtigen zu suchen. Mit der Zeit verhärtet sich das in eine echte Unfähigkeit, zu sehen, dass der Verurteilte nicht der Richtige ist.«

Ein Fall, der Skinners stark ähnelt, fand gerade ein Happy End. Im Oktober 2011 setzte Texas den Gemüsehändler Michael Morton, 57, nach 25 Jahren Gefangenschaft auf freien Fuß. Er war verurteilt worden, weil er angeblich seine Frau vor den Augen des gemeinsamen dreijährigen Sohnes brutal erschlagen hatte. Morton hatte seine Unschuld beteuert und jahrelang darum gekämpft, dass ein blutgetränktes blaues Halstuch vom Tatort auf DNA-Spuren untersucht wurde. Der zuständige Bezirksstaatsanwalt wehrte sich vehement gegen die Freigabe des Beweisstücks. Erst ein Vierteljahrhundert später bewiesen ebendiese Blutspuren Mortons Unschuld und führten die Sheriffs zum tatsächlichen Mörder.

»Es wäre verstörend genug, wenn Morton ein Einzelfall wäre«, sagt der texanische Senator Rodney Ellis. »Aber die unliebsame Wahrheit ist, dass die Entlarvung von Fehlurteilen viel zu häufig vorkommt in einem Staat, der die Spitze in dieser Statistik der Schande anführt. Mortons Fall reiht sich ein in die ohnehin schon klaren und überzeugenden Beweise, dass unser Rechtssystem kaputt ist und es an der Zeit ist, wichtige Reformen durchzuführen, um sicherzustellen, dass die Unschuldigen geschützt und die Schuldigen verurteilt werden.«

David Protess betont, er wisse nicht, ob Skinner unschuldig sei. Auch Schuldige fordern manchmal DNA-Tests, nur um die finale Giftspritze noch ein paar Jahre hinauszuzögern. Aber er wisse, dass Skinner kein faires Verfahren bekommen habe: »Ist es jemals zu spät, die Wahrheit zu erfahren? Wenn Skinner schuldig ist, sollten es die Tests beweisen. Wenn er unschuldig ist, sollten die Tests Texas vor einem tödlichen Fehler bewahren.« Sollte sich Hank Skinner als unschuldig erweisen, ist es kaum vorstellbar, dass die Verantwortlichen das politisch überleben. Rick Perry ist nach seinem missglückten Bewerbungsversuch als Präsidentschaftskandidat ohnehin angeschlagen, seine Gegner warten nur darauf, dass sich der texanische Bauernsohn weitere Blößen gibt. Wenn die DNA-Tests Skinners Schuld bestätigen, wird sich die Empörung in Grenzen halten, aber auch dann bleibt die Frage: Warum verwendet ein Staat Unsumen von Steuergeldern darauf, die Gewissheit, den Schuldigen verurteilt zu haben, Jahrzehnte hinauszuzögern?

In wenigen Wochen wird das Labor die Testergebnisse veröffentlichen. Hank Skinners Lebensweg steuert unaufhaltsam auf einen Scheidepunkt zu, und in seinem Kopf spielt er unentwegt die beiden Möglichkeiten durch. Wenn er freigesprochen wird, wird er in den erstbesten Flieger nach Frankreich steigen. Er ist inzwischen französischer Staatsbürger, und an guten Tagen sieht er sich Hand in Hand mit seiner Frau in ihrem Backsteinhäuschen in einem Vorort von Paris sitzen. Am meisten Angst aber hat er davor, dass die Beweisstücke unbrauchbar geworden sind. »Ich habe dieses Küchenmesser jahrelang benutzt, der Mörder verwendete es nur einmal«, sagt Skinner. »Wessen Fingerabdrücke werden darauf wohl zu finden sein?« Schon lange bevor sein Anwalt entdeckte, dass die Windjacke des Mörders verschwunden ist, argwöhnte Skinner, der Staat werde alles tun, dass er seine Unschuld nicht beweisen könne. »Haben sie alle Beweisstücke gut genug konserviert?« Diese Frage halte ihn nachts wach, sagt er. Nichts ängstigt ihn mehr als die Aussicht, sich zum fünften Mal auf seine Hinrichtung vorbereiten zu müssen. »Ich habe keine Zweifel, dass es drüben besser ist als hier«, sagt Skinner und deutet mit dem Zeigefinger gen Himmel, wo er aber nur die fleckige Stahldecke der Besucherzelle sieht. »Ich freue mich darauf, Gott zu begegnen. Nach siebzehneinhalb Jahren in diesem Höllenloch bin ich nur froh, wenn ich hier rauskomme, so oder so.«

Korrekturhinweis: Dieser Text wurde gegenüber dem in der ZEIT erschienenen Artikel leicht geändert, da das Zitat "Seit 1989 sind 292 unschuldig Verurteilte in Amerika aufgrund von DNA-Tests freigesprochen worden. 140 davon waren zum Tod verurteilt" einen Zahlenfehler enthielt. Die Redaktion