Hans-Werner Sinn : Der Euro-Fighter

Hans-Werner Sinn riskiert seinen Ruf als Ökonom, um die Krisenpolitik der Regierung zu stoppen. Warum tut er das?

Als die Welt unterging, amüsierte sich Hans-Werner Sinn prächtig. Vor zwei Wochen war das, bei der Premiere von Richard Wagners Götterdämmerung in der Bayerischen Staatsoper. Auf der Bühne stand ein zum Schaukelpferd umfunktioniertes Euro-Zeichen, und am Ende ging alles in Flammen auf.

Es passte also ziemlich gut zu Hans-Werner Sinn, dem Mahner, dem Propheten der Euro-Apokalypse. Der Münchner Ökonom ist in der Währungskrise zu einer Art Stichwortgeber der außerparlamentarischen Opposition geworden, die nicht mehr weiter retten will – und die sich wieder zu Wort melden wird, wenn der Bundestag an diesem Donnerstag über die Milliardenhilfen für Spanien abstimmt.

Wenn Sinn einen Vortrag hält, sind die Säle voll, ein Interview mit ihm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde im Netz fast eine Million Mal angeklickt. Mehr als 200 Ökonomen haben einen von ihm mitgetragenen Aufruf gegen die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels unterzeichnet. Neun Billionen Euro Schulden müssten die Deutschen absichern, heißt es darin. Geholfen werde »vor allem der Wall Street , der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken«.

Ein einprägsames Bild und eine furchterregende Zahl – das ist das Geschäftsmodell von Hans-Werner Sinn. Damit will er die Bundesregierung zum Umkehren bewegen, bevor es zu spät ist, bevor die Rettung den Retter ruiniert. Bei den maßgeblichen Personen in genau dieser Regierung ist er allerdings unten durch. Finanzminister Wolfgang Schäuble soll ihn intern »Professor Unsinn« nennen, und Angela Merkel hat den Kontakt mit dem Ökonomen abgebrochen, der früher gern gesehener Gast im Kanzleramt war.

Für Sinn ist das eine neue Erfahrung. Er hat den Konflikt mit den Regierenden auch früher nicht gescheut, aber zum offenen Bruch kam es nie. Warum auch? Hans-Werner Sinn ist schließlich so etwas wie der ökonomische Seismograf der Republik. Mit seinen Büchern und Interviews lieferte er den Sound zu den wirtschaftspolitischen Megatrends der vergangenen 30 Jahre – von der Wiedervereinigung bis zur Agenda 2010, von der Finanzkrise bis zum Klimawandel.

Sinn hat ein bewundernswertes Gespür für die großen Veränderungen, und er weiß, wie man Themen setzt. Das macht ihn für Politiker interessant. Sein 2003 erschienenes Werk Ist Deutschland noch zu retten? war eines der einflussreichsten Wirtschaftsbücher der vergangenen Dekade. Doch dieses Mal droht ihm die Kontrolle über die Debatte zu entgleiten, die er losgetreten hat. Kollegen distanzieren sich, die rechtsradikale NPD beruft sich in ihrer Anti-Euro-Kampagne auf seine Thesen.

Der Sozialwissenschaftler Joseph Schumpeter hat in den vierziger Jahren beobachtet, wie Experten neuen Typs die öffentlichen Debatten bestimmen: Sie verdanken ihren Einfluss der »Macht des gesprochenen und des geschriebenen Wortes« und zeichnen sich durch das »Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge« aus. Schumpeter nannte diese Experten Intellektuelle.

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Kommentare

166 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

Einer der die Wahrheit ausspricht?

Das ich nicht lache! Erinnert sich noch jemand wie Herr Sinn ständig im DLF wegen der zu hohen Löhne Sorge um Dt. hatte. Nun sind genau diese Lohnzurückhaltung das Problem für den Euro. Dies ganze Sache mit den gleichen Löhnen in Ostdt., da lag er sowas von verkehrt, weil er das politische nicht mitdenkt. Man kann es ja nicht überprüfen wenn man die Lohnangleichung nicht gemacht hätte, aber ich bin überzeugt dann wäre die Abwanderung noch größer gewesen und das Zusammenwachsen von Dt. noch schlechter verlaufen.
Man kann den Hr Sinn nur ingnorieren! Es ist schon fast rührend wie der Hr. Schieritz hier versucht Ehrenrettung zu betreiben

deutsche lohnzurueckhaltung ist nicht DAS

problem der eurokrise, sondern allenfalls eines der ursachen.
man koennte hier eher den bogen zur globalisierung spannen, aber diese ist ja auch so ein unangreifbares konsens-projekt von politik und wirtschaft.

wenn man prof. sinn aufgrund seiner thesen zur deutschen lohnpolitik den roten teppich ausrollt und bei der euro-geschichte jetzt als unperson abzustepmeln versucht, wirft dies eher ein mieses bild auf die derzeit beliebtesten politiker deutschlands: den mann mit dem koffer und seine koenigin

Welche Wahrheit?

Welche Wahrheit denn? Die Ihre? Wer sagt denn, dass Sinn Recht hat und wer sagt, dass Sinn Unrecht hat. Bei der ganzen Debatte ist doch aufflällig, dass so ziemlich alle im Trüben fischen. Wieso soll ausgerechnet dieser Sinn im Klaren fischen? Wetten, der ist genauso unwissend wie all die anderen Experten? Sie haben eine Präferenz und zufällig ist es Sinn, der diese Präferenz bestätigt. Ich habe eine andere Präferenz und Sinn brabbelt aus meiner Sicht schon seit gefühlten zwanzig Jahren Unsinn und bisher lag er selten richtig. Warum also ausgerechnet jetzt soll er richtig liegen?

Sinn ist für mich ein Theoretiker vor dem Herren, der das Unmögliche wollte und will. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Diskussion mit ihm bei "Hart aber fair". Da wollte er niedrige Löhne, niedrige Steuern, niedrige Abgaben und der Staat soll stützend helfen, um Deutschland wieder auf Vordermann zu kriegen. Haha, von was denn, bitte schön, wenn er keine Einnahmen erzielen soll. Mit der Meinung stand er allerdings ziemlich alleine da und wie man sieht, lag und liegt er damit voll daneben. Wer sinnhafte Politk betreiben will, höre besser nicht auf Sinn.

Neoliberal

Bitte erzählen Sie mir wo genau unsere Republik neoliberal ist.

Das letzte mal als ich nachgeschaut habe, gab es noch Subventionen von Kohle und Solar, progressive Steuersätze und ein dreigliedriges Schulsystem!

Einfach mal selber informieren was (Neo-)liberalismus bedeutet und nicht dem Oskar hinterher schwätzen. Sonst geht hier gleich wieder der Klassenkampf zwischen den Bösen Kommunisten und den noch viel böööööseren Neoliberalen los.

PS: Der letzte Satz war sarkastisch.

RE: "Einfach mal selber informieren..."

Haben Sie etwa nicht mitbekommen, dass der Neoliberalismus seit den 80er Jahren des letzten Jahrtausend einen Bedeutungswandel erfuhr?

Joseph Stiglitz hatte es kurz und bündig formuliert: die neoliberale Überzeugung ist durch eine Kombination dieser drei Elemente gekennzeichnet:
1. Rückführung der Staatsquote
2. Privatisierung ehemals staatlicher Aufgaben
3. Deregulierung des Kapitalverkehrs

Unser Prof. Unsinn war als Verbreiter diverser Reformlügen an
4. dem Sozialabbau mit verantwortlich.

Dieser neoliberale Reformwahn hat in keinster Weise gehalten, was seine Spindoctors versprochen hatten.
Und gerade Punkt 3 ist nicht unwesentlich für die sog. "Euro-Krise".

Da frage ich mich doch, WANN Sie das letzte Mal "nachgeschaut" haben,
denn unsere Schulen und Unis verrotten, während notleidenden Casino-Bankern unter die Arme gegriffen wird. Dank dem neoliberalen Marktaberglauben ist Deutschland ein Steuerparadies für Reiche geworden, die trotzdem noch jedes Jahr 100 Milliarden Steuern hinterziehen und gleichzeitig haben wir so viele hungernde und perspekivenlose Kinder in unserem Land wie noch nie.

...und alles was Ihnen noch einfällt ist Schubladendenken (Oskar und Kommunismus)?

seniler altökonom?

gut an dem artikel finde ich, dass der autor herrn sinn die fähigkeit des zuhörens und intensiven abwägens zuspricht - eine selten gewordene fähigkeit in zeiten der selbstdarstellung und unreflektierten berichterstattung.

schwach finde ich dann allerdings, dass man sinns vermeintliche fehleinschätzungen hervorhebt (die kein leser wirklich verifizieren kann). will man ihm (wie allen mahnern) senilität unterstellen?

Zu den "Fehleinschätzungen" kann man...

...viel sagen. Da muss man detaiierter hinsehen. auch zu den unterschiedlichen ableitungergebnissen aus der Ökonomie sieht man rasch, wenn man die Argumente ansieht, dass sie sich weniger unterscheiden, als zuerst gedacht. Da stellt man fest bspw, dass es sich lediglich um andere Bezugs Zeitpunkte handelt, oder der Eine eine etwas höhere Ausfallwshrscheinlichkeit annimmt als der andere.

Soviel Markt wie möglich

Soviel Staat wie nötig, soviel Markt wie möglich ... das suggeriert, dass Staat und Markt zwei nicht miteinander verwobene Einheiten sind. Dabei haben sich Konzerne und Banken in Form von Lobbyismus doch längst in den Staat eingekauft.

Durch eine Bankenunion wird die Krisenpolitik für den Steuerzahler noch teurer - das ist so, aber das ist wohl beabsichtigt.

Daher ist es falsch, die Steuerzahler in Griechenland und anderen Südländern für ihren Lebensstil anzugreifen. Die haben von den Milliarden aus dem Rettungsschirm nichts gehabt, das Geld ging zum allergrößten Teil an die Banken.

Zur Frage der Einschätzungen

Ich kann grundsätzlich die Forderung nach empirischer Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen nur unterstützen, aber:

Aufgrund der Komplexität des Gesamtsystems ist es nicht möglich Vorhersagen zu treffen welche auf expliziten Lösungen der Modelle mit den bekannten Anfangsparametern beruhen. Deshalb muss bei den Gesetzen bereits geschätzt werden. Trotzdem gibt das IFO Institut bei Pressekonferenzen auf denen die Zahlen präsentiert werden auch Einschätzungen zur Zuverlässigkeit ab (beim letzten Mal ist mir eine Sicherheit von 75% für eine Prognose in Erinnerung, also ziemlich unsicher).

Um Ihr Beispiel eines Physikprofessors aufzugreifen. Auch in der Physik kommt obiges Problem vor: Zum Beispiel in der Meteorologie. Man hat ein mathematisches Modell, von dem man nichtmal weiß ob es eine "glatte" Lösung hat (wenn Sie das zeigen können, können Sie übrigens eine Million kanadische Dollar gewinnen), was also a priori nur numerisch gelöst werden kann. Zusätzlich hat man dort das "Problem der großen Zahl", wie in der Wirtschaft. Bedenken Sie das dort die Vorhersagesicherheit nur im Wochenbereich nennenswerte Werte annimmt.

Die Volkswirtschaftslehre mag wissenschaftstheoretische Probleme haben, jedoch sind diese sicher nicht auf einem so banalen Level. Man kann natürlich die Frage stellen ob man bei den geringen Sicherheiten überhaupt was prognostizieren sollte, jedoch sind 75% besser als 0.