Marokko»Man hört sein Blut rauschen«

Sandsturm und Selbsterkenntnis – Dietrich Schubert war fünf Wochen lang allein in der Sahara und hat einen Film darüber gedreht. von 

DIE ZEIT: Herr Schubert, Sie haben fünf Wochen lang allein in Marokkos Wüste gezeltet und darüber den Dokumentarfilm Allein die Wüste gedreht, der ab heute im Kino läuft. Wie kommt ein Siebzigjähriger auf so eine Idee?

Dietrich Schubert: Ich war schon zigmal in der Wüste. Da habe ich Filme auf den Spuren von Abenteurerinnen und Forschern gedreht. Mich hat das immer fasziniert, diese Leere. Irgendwann dachte ich: Ich will nicht nur durch die Wüste fahren, ich will in ihr leben. Als meine Freunde dann sagten: Das hältst du nicht durch, hat mich das erst recht angespornt.

Anzeige

ZEIT: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Schubert: Ich habe eine Woche lang in der Eifel gezeltet und ausprobiert: Wie viel Wasser brauche ich? Ich bin ja in meinem Geländewagen nach Marokko gefahren, der hat nicht endlos viel Platz. Ich nahm dann 135 Liter Trink- und 80 Liter Brauchwasser mit.

ZEIT: An tägliches Duschen war da nicht zu denken.

Schubert: Nein. Mit dem halben Liter, den ich pro Tag eingeplant hatte, kann man sich gerade mit einem Lappen den Körper waschen. Fürs Haarewaschen reicht das schon nicht mehr. Nach ein paar Wochen hat meine Kopfhaut ganz schön gejuckt.

ZEIT: Tagsüber wird es in der Sahara über 40 Grad heiß. Wie kamen Sie mit dieser Hitze klar?

Schubert: Ich habe ein bisschen getrickst und mein Zelt neben einer Akazie aufgebaut. Fast den ganzen Tag habe ich unter dem Baum gesessen und bin mit meinem Stuhl mit dem Schatten mitgewandert. Nur morgens, wenn der Sand noch kühl war, habe ich mich auf den Boden vor meinem Zelt gesetzt. Und ich habe jeden Tag drei Liter Wasser getrunken. Man merkt ja in der Wüste nicht, dass man schwitzt. Die Luft ist so trocken, dass der Schweiß sofort verdunstet. Man muss mehr trinken, als man Durst hat. Wird der Urin zu gelb, ist das ein Warnsignal.

ZEIT: Was isst man als Wüstencamper?

Schubert: Ich hatte jede Menge Pfannkuchen- und Puddingpulver dabei, das man mit Wasser anrühren kann. Außerdem Knäckebrot, Müsli, Reis, Nudeln und Fertigsoßen. Für die habe ich mir einen zweiten Campingkocher gegönnt. Sonst ist die Pasta schon kalt, während die Soße noch warm wird. Die Lebensmittel habe ich alle in Blechkoffer gesteckt, die Mülltüten an der Decke aufgehängt. Ich wollte ja nicht die halbe Wüste in meinem Zelt rumkrabbeln haben. Mir hat es schon gereicht, dass mal ein Skorpion unter meinem Schlafsack saß. Erst wollte ich den totschlagen. Dann dachte ich: Wozu? Der findet hier nichts, der geht schon wieder.

ZEIT: Ein normaler Tourist hätte wohl nicht so gelassen reagiert. Verändert es das Verhältnis zur Natur, wenn man wochenlang in ihr lebt?

Schubert: Die Wüste ist so karg – nach einer Weile freut man sich, wenn man überhaupt Leben entdeckt. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass ich mich ausgerechnet mit einer Maus anfreunde. Die wohnte unter meiner Akazie. Ich hab sie mit »Herr Maus« angesprochen, auch wenn es vielleicht eine Frau war. Herr Maus wurde immer zutraulicher, weil ich meine Nudeln und mein Müsli mit ihm geteilt habe. Mein zweiter Freund war ein Mula Mula. Das ist ein Wüstenvogel, etwas größer als ein Spatz. Mula Mulas sind recht keck. Sie sind gewohnt, dass ihnen niemand etwas tut, weil sie Nomaden als Glücksbringer gelten. Der Vogel mochte meine Müslikörner nicht. Aber die Rosinen aus dem Müsli. Ich hab sie ihm klein geschnitten, er kam dann bis auf einen Meter heran.

ZEIT: Haben Sie sich nicht auch nach menschlicher Gesellschaft gesehnt?

Schubert: Ich habe mein Lager extra abseits der Routen aufgeschlagen. Ich wollte nicht, dass Touristen vorbeikommen. Aber zugegeben: Ich fand es toll, als mich nach 22 Tagen ein Nomade mit seinen drei Kamelen besuchte. Der erste Händedruck nach mehr als drei Wochen.

ZEIT: Der hat sich sicher gewundert, dass Sie als Ausländer in der Wüste wohnen.

Schubert: Zumindest hat er sich gründlich mein Lager angeschaut. Seine Kamele haben an meiner Akazie rumgerupft, und er hat mich nach einer Zigarette gefragt. Ein höflicher Mann, der erst nicht wollte, dass ich ihm gleich die ganze Schachtel schenke. Dabei hatte ich die nur für solche Anlässe dabei, ich rauche ja nicht. Noch schöner war es mit dem anderen Kameltreiber, der zwei Tage vor meiner Abreise kam. Er hat auf meinem Gaskocher seine Teezeremonie gemacht: grünen Tee dreimal aufgebrüht und dann Bröckchen hineingetan, die er aus einem Zuckerhut geschlagen hat. Und dann sitzt man da, teilt sich ein Glas und versteht sich nicht und versteht sich doch. Der Mann war sehr angetan von dem Kocher. Ich hätte ihm gerne einen geschenkt, aber er hätte ihn nicht nachfüllen können.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Marokko | Wüste | Sahara | Film | Reise | Natur | Tourismus
    Service