In der Zeitung wird stehen, es sei der bislang heißeste Tag dieses Sommers gewesen, es sind gleißende 36 Grad, es herrscht an diesem Juli-Mittag eine dröhnende Hitze noch im Schatten der Wände, an denen man entlangschleicht. Man passiert verschmutzte, längliche Papierstreifen, man sieht Plastiktüten, die Gottes Heißluftdüse in die zerfetzten Stacheldrahtspiralen hochgeweht hat, die über toten Fabriken wedeln. Brooklyn, Sunset Park.

Wie ist man hier hingekommen? Mit dem Subway, man fährt von Manhattan aus unter dem Fluss durch, bis zu einer Station, an der die Kacheln von den Wänden fallen, klettert die Treppe in die Sonne hoch, steht dann an einer Kreuzung in Geruchsschwaden, die entfernt an Kairo oder Bangalore erinnern, ein Dunst aus Fäulnis und wer weiß was, und geht in Richtung Green-Wood Friedhof. Dann sieht man das Haus. Es ist ein schmales Haus aus grau abblätterndem Holz, zurückgesetzt hinter einen Vorgarten, in dem Müll in blaue Plane eingewickelt liegt. Die Scheiben sind blind, die Vorhänge geschlossen, man könnte es für unbewohnt halten. Aber irgendwo innen glüht ein Licht, jemand muss drin sein.

DIE ZEIT: Mr Auster, ich habe das Haus aus Ihrem Roman Sunset Park gefunden, das die jungen Leute besetzt halten.

Paul Auster: Das kann nicht sein.

ZEIT: Mein iPhone-Beweis! Als ich das Bild machte, blieb eine Dame neben mir stehen, Lisa, übrigens von der Green-Wood-Friedhofsstiftung, sie sagte, dieses sei vielleicht das letzte der alten Holzhäuser im Stadtteil Sunset Park.

Auster: Das Haus, über das ich in meinem Roman Sunset Park geschrieben habe, gibt es nicht mehr. Es stand an der 34. Straße. Es war verlassen. Ich habe es auch fotografiert, das Foto stand auf meinem Tisch, als ich über das Haus schrieb, es war im Jahr 2009...

ZEIT: ...Barack Obama war gerade der 44. Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Es war das Jahr, als die Lehman-Bank sank, als die Immobilienblase platzte und Abertausende Amerikaner ihr Zuhause verloren...

Auster: ...als ich das Buch fertig hatte und noch einmal hinging, war das Haus weg. Kein Holzsplitter mehr da. Nicht eine Spur. Ausradiert.

ZEIT: Sie schrieben, und die Realität, von der Sie ausgingen, verschwand und wurde Fiktion?

Auster: Es ist, als würde ich in meiner eigenen Fiktion leben. Alles, was von diesem Haus übrig geblieben ist, ist das Bild, das ich von dem Haus gemacht habe, merkwürdigerweise so, wie der junge Miles in meinem Buch von den Gegenständen in Wohnungen, aus denen Leute rausgeklagt wurden, Fotos macht, bevor die Entrümpelungsfirma alles rausräumt...

ZEIT: ...so wie Miles und seine Freunde am Ende des Buchs von der Polizei aus dem Haus geräumt werden. Ein trauriges Buchende, oder?

Auster: Aber sie hatten dieses Haus für eine Zeit. Das ging nur in dieser verlorenen Ecke von Brooklyn, hier könnte sich niemand verstecken.

Wir sitzen wenige Blocks von Sunset Park entfernt, im Gartenhof des Cafés Sweet Melissa. Hausgemachte Erdbeerlimonade? Ein kühles Bier? Auster scherzt, man müsse das Banana-Eis probieren, nur dafür lohne es sich, von Europa nach Brooklyn zu reisen. Das Sweet Melissa liegt in Park Slope, und diese Gegend ist so hip, dass das Magazin Der Feinschmecker darüber lange Bildstrecken schreibt. Sunset Park wird vom Bürgermeister New Yorks beschrieben, als »area of opportunity«, eine Gegend mit Potenzial, womit er meint, es könne nur besser werden.

In Park Slope steht rosa Oleander herum, Personal Trainer sind im Angebot. In Sunset Park heißen Supermärkte Puebla oder Kan Yi. 150.000 Einwohner. Nur Migranten, aus Mexiko oder Puerto Rico, Indien oder Costa Rica, Sunset Park hat das drittgrößte China Town von New York und den höchsten Hügel von Brooklyn, auf dem sich ein räudiger Park erstreckt, der eine atemberaubende Sicht auf die glitzernde Manhattan Skyline jenseits des Flusses bietet.