Da liegt dieser bärtige Mann rücklings auf den Planken, im leicht verknitterten Anzug, ein Eierbecher steht neben seinem kantigen Kopf. Ein kleines Mädchen mit Schürzenkleid und Zopfschnecken über den Ohren turnt auf ihm herum, greift lachend nach seinem Finger. Irgendwann scheinen die beiden bei ihren Faxen dann eingedöst zu sein, auf dem sonnenwarmen Holz im dunstigen Seelicht.

Der Mann auf der sepiabraunen Fotoserie ist Gustav Klimt, das Kind die fünfjährige Gertrude Flöge, Nichte seiner Gefährtin Emilie Flöge. Die familiäre und entspannte Szene wurde 1912 festgehalten, auf dem Bootssteg der Villa Paulick in Seewalchen, einem der bevorzugten Retiros Klimts am Attersee im Salzkammergut, wohin es ihn zwischen 1900 und 1916 nahezu jeden Sommer drängte. Und erstaunlicherweise sind es hundert Jahre später noch dieselben verwitterten Bohlen, dieselben Schnitzereien am Bootshausgiebel, dieselben Stufen ins Wasser, von denen aus man heute auf die weite Seefläche hinausblickt. An diesem hochsommerlichen Nachmittag flirrt und funkelt sie in den schönsten Klimt-Farben, wie auf den berühmten Attersee-Gemälden: in leuchtendem Türkis und Aquamarin, mit rippelnden Wellen in Perlmutt und lichtem Violett schattiert. Was für ein Labsal, aus dem brütend schwülen Wien hier anzukommen, aufatmend wie einst die Stadtflüchter der Jahrhundertwende.

»Dort« hat Klimt den Attersee gewöhnlich genannt. Immer wieder taucht in seinen Briefen und Postkarten aus dem »entsetzlichen, scheußlichen« Wien, »alles verdorrt, heiß, greulich«, die Sehnsucht nach »dort« auf, als sei dies ein fast jenseitiger Glücksort. Und nicht nur den Maler, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr in Wien mit großem Popstar-Trara gefeiert wird, auch einen gleichaltrigen Poeten trieb es aus der Hauptstadt immer wieder ins erquickend grüne, wasserreiche Salzkammergut: Arthur Schnitzler, ebenfalls im Jahr 1862 geboren. Die beiden monstres sacrés der Wiener Moderne um die Jahrhundertwende, die einander nur flüchtig kannten, verband noch so einiges. Beide waren Tabubrecher in ihrem Metier – der Arzt-Dichter Schnitzler mit der demaskierenden erotischen Wahrhaftigkeit seiner Dramen und Prosatexte, Gustav Klimt mit seinen provozierend lasziven Femmes fatales und den gewagten Nacktheiten seiner allegorischen Gemälde. Und beide, die als gestandene Dreißiger noch gut umsorgt bei ihren Mamas lebten, hatten einen schallenden Ruf als Erotomanen und Schürzenjäger. Während der Salzkammergut-Sommer betrieben sie ihre amourösen Geschäfte freilich sehr unterschiedlich.

Als heutiger Gast tappt man erst leicht betäubt mit der Besitzerin Erika Messner treppauf, treppab durch den einstigen Sommermittelpunkt des Klimt-Flöge-Clans, die flamboyant verschnörkelte Seewalchener Paulick-Villa, die eine wahre Fin-de-Siècle-Zeitmaschine ist. »Eri« Messner, eine charmante und temperamentvolle 85-Jährige, ist an dieses Gesamtkunstwerk des Historismus und Jugendstils unverhofft geraten. Sie war eine enge Freundin Gertrude Flöges, jenes Kindes »Trudelein«, das es sich 1912 auf Gustav Klimts Bauch bequem machte. Nach deren Tod 1971 erbte Erika Messner den verstaubten Prunksitz mit komplettem Inhalt, mit Jugendstilkleidung und wundervollem Josef-Hoffmann-Schmuck der Klimt-Freundin Emilie Flöge, mit allem Schnitzmobiliar der Makart-Zeit, mit Bildern, Büchern und Alltagsdingen wie Zahnstochergefäßen, Zierkorken, Serviettenringen oder kugeligen, heute unbezahlbaren »Kuheuter-Lampen« im Wiener-Werkstätten-Design.

In einer konservatorischen Großtat bewahrte sie fast alle Details so, wie sie zur Klimt-Ära waren; und beim Hausrundgang scheinen sich die Zeiten zu verschlieren. Es ist, als könnte Emilie Flöge gleich wieder ihr gewohntes Schlafzimmer hinter der Säulenloggia mit den Amouretten-Fresken beziehen und ihre raffiniert gemusterten Reformstil-Kaftane über den alten Bauernstuhl werfen. Die ganze Künstlergesellschaft – die Paulicks, Teschners, Flöges und Klimts, alle kompliziert miteinander verwandt, verschwägert, befreundet – könnte gerade zu einer Bootsfahrt aufgebrochen sein. Und anschließend im roten Salon beisammensitzen, der so authentisch wirkt mit seiner goldenen Neorenaissance-Decke, dem brokatbedeckten Flügel, den alten Fauteuils und Wiener-Werkstätten-Hockern und dem »Hausgott« des Jugendstilkünstlers Richard Teschner, einer skurril-fantastischen Specksteinfigur mit stechend grünen Edelsteinaugen.

Eine sehr schöne kolorierte Originalzeichnung Klimts hält Erika Messner freilich im Safe verwahrt; kein Wunder bei den astronomischen Marktpreisen dieses Malers, die auch für Zeichnungen bei mehr als hunderttausend Euro liegen können. Schließlich steht die Paulick-Villa heute noch Pensionsgästen offen. Viele sind Stammpublikum, wie der Gegenwartskünstler Christian Ludwig Attersee zum Beispiel oder der Pianist Jörg Demus, und sind der Aura dieses Ortes verständlicherweise verfallen, trotz der etwas retrohaften sanitären Ausstattung.

Gustav Klimt steht anno 1900 im Villa-Paulick-Gästebuch. Zwar logierte er meist andernorts am Attersee, weil er zum Malen Ruhe brauchte. »Er kam aber so gut wie jeden Tag hierher«, erzählt Erika Messner. 1900 – da hatte er bereits zwei uneheliche Söhne von zweien seiner Malermodelle, beide Buben fast gleichaltrig, beide Gustav mit Namen. Ein dritter Gustav von einer anderen, erst sechzehnjährigen Mutter kam 1912 dazu. Mochte das lockere Wiener Atelierleben des Großkünstlers Anlass zu Hauptstadtgerüchten sein, mochten die reichen Auftraggeberinnen seiner Porträts schaudernd von Klimts »Animalität« raunen – in der Sommerfrische war er ein braver Familienmensch, ganz seiner jahrzehntelangen Gefährtin Emilie Flöge und ihrem Anhang zugetan. Die Wiener Geliebten wurden zu diskreter Schreibzurückhaltung aufgefordert: »Bitte keine offenen Karten, sondern verschlossenen Brief zu senden(...) Der Briefträger kommt und bläst auf einer kleinen Trompete und die ganzen Inwohne des Hauses laufen bei ihm zusammen(...) das ist dumm und zu wieder.«

 Manchmal müffelte Klimts Russenkittel

Über den Charakter der dauerhaften Klimt-Flöge-Beziehung rätseln Kunsthistoriker bis heute: Platonisch oder doch nicht? War »Midi, Miderl, Midessa«, wie Klimt Emilie nannte, lesbisch? Schön war sie jedenfalls, die innovative Modedesignerin und erfolgreiche Geschäftsfrau, die auf so vielen Attersee-Fotos mit Klimt zu sehen ist; beide in Outfits, welche die dörfliche Bevölkerung sehr irritierten. Klimt, gewohnheitsmäßig im bodenlangen, blauen Russenkittel, der wohl zuweilen muffelte, hieß bei den Landkindern »der Waldschratt«. Und Emilies Sommer-Tenue war zwar eleganter, aber ebenfalls exotisch: wallende, korsettfreie Gewänder, mit aufwendigen Art-nouveau-Mustern bedruckt, oder gestreifte Fledermauskleider mit endlosen Ärmeln. Oft sind die beiden aber auch in klassischem knittrigem Leinen- oder Batist-Weiß abgebildet, mit großen Strohhüten – in diesem so ansehnlichen traditionellen Sommerfrische-Habit, das man in heutigen Bermuda-und-Birkenstock-Tagen manchmal bitter vermisst.

Es gibt viele Bootsbilder von ihrer munteren Bohème-Truppe, und am vergnüglichsten ist es noch immer, ihren Spuren bei einer Schiffspartie zu folgen. Startpunkt kann das neue Klimt-Zentrum gleich neben dem oft gemalten Schloss Kammer sein, das vom renommierten Wiener Museum Leopold konzipiert wurde. Dort geht es natürlich multimedial zu, mit Film und Computeranimation, aber es sind auch etliche Originalzeichnungen aus Privatbesitz, Möbel und Kleidung, Briefe und Dokumente zu sehen. Lieber, als Klimt- Kuss -Notizbücher zu kaufen, blattvergoldete Klimt-Pralinen zu verspeisen oder dem Klimt-Stelenweg zu folgen, lässt man sich danach im Ausflugsschiff auf die weiten Wasser treiben. Umfächelt vom »Rosenwind«, wie die Nordostbrise am Attersee heißt, erlebt man da, dass der See nicht nur Österreichs größter, sondern vielleicht auch der schönste des Landes ist, sanft hügelig umgrenzt im Norden, von steilen Felsbergen an seinen Südufern gerahmt. Noch immer sind seine Ufer wenig zersiedelt und verprotzt, noch immer hat sich zwischen bäuerlichen Anwesen eine diskrete Kultur der »Villegiatur« erhalten – der überlieferten Sommerfrische-Architektur im gedrechselten Schweizerstil, der repräsentativen Jugendstil-Landsitze. Heute siedeln hier auf heckenumschirmten Grundstücken viele Begünstigte aus Kultur und Wirtschaft: Zeitungsverleger, die Musiker Heinrich Schiff und Nikolaus Harnoncourt, der Karikaturist Gerhard Haderer, die Familienclans Underberg oder Ferrero. Und staunend hört das Volk an Deck, dass eine Flick-Erbin und verheiratete Prinzessin Auersperg den gut verborgenen Berghof über Unterach jüngst für 50 Millionen Euro habe restaurieren lassen.

Längs des Westufers schippert das Boot am Litzlberger Keller vorbei, heute wie damals ein gediegen-österreichisches Ausflugsrestaurant, Klimt-Gemäldemotiv und einer seiner Lieblings-Einkehrorte. Ausgiebiges »Nachtmahlen« war ihm wichtig, vom Schweinsbraten gern die doppelte Portion. »Essen that er wahnsinnig«, hat sich Alma Mahler-Werfel erinnert, in ihrer Jugend auch mal in Klimt verliebt. Vor Unterach lässt sich vom Schiff aus Klimts berühmte Vedute der Uferhäuser nachvollziehen; und vor Weißenbach am Südufer kann man sich das Forsthaus seiner letzten Aufenthalte dazudenken, es liegt etwas landeinwärts.

Der Maler hat es 1914 auf einem seiner rund fünfzig Attersee-Gemälde verewigt – reizvolle Werke auch für solche Betrachter, die Klimts massenvermarkteter, ornamentaler Gold-Phase gründlich überdrüssig sind: Immer quadratisch, die oft aparten und eigenwilligen Bildausschnitte mit dem »Sucher« ausgewählt, einem aus Pappkarton herausgeschnittenen Fensterchen, flächig und farbensatt. »Glückstapeten« hat ein Kritiker diese Landschaften genannt, all das vegetabile Bunt, diese Bauerngärten, früchteüberladenen Bäume. So bildschön und blank poliert sich die Atterseelandschaft auch heute noch an Sonnentagen zeigen mag – keine reale Szenerie kann solche Apotheosen einholen. Seltener hingegen sind die elegischen, gedämpften Bilder, die etwa in der Villa Oleander am Ostufer an der Seestraße von Kammerl entstanden: ein abblätterndes, verhangenes Schloss Kammer, ein abgründiger Teich, ein düsterer Park. Dabei war diffuse Schwermut eine Gemütslage, die Klimt gut kannte, auch in der Sommerfrische; oft erwähnt er in seinen knappen Postkarten-Botschaften eine »verdepschte Stimmung, ganz in mich eingezogen«, einen »etwas halbierten Zustand«, ein »weeches Gefühl«.

Vom luftigen Attersee fährt man keine zwanzig Minuten durch waldiges Gamsgebirge, in dem Kaiser Franz-Joseph besonders gern seiner Jagdleidenschaft frönte, nach Bad Ischl-Kaltenbach. Dort muss man sich wundern. Der Ortsteil mit Neubauten, Tourismusschule und Apartmentklötzen ist recht unscheinbar für das ansonsten prächtig konservierte Badestädtchen mit Esplanade, schönbrunngelben Prachtbauten und historischen Kuranlagen. Anstelle eines der kantigen Mehrstöcker aber, der Ferienwohnungsanlage Miramonte, stand um die Jahrhundertwende hier die feudale Pension Rudolfshöhe, bei ihren Habitués auch »der Leopold« genannt. Sie war das Quartier des anderen Jubilars und Salzkammergut-Sommerfrischlers Arthur Schnitzler. Der »Leopold« war für ihn ein Ort der Hassliebe: »Nur keines von den ekelhaften weißen Gschnaaszimmern (...)«, wies der Dichter 1897 etwa seinen Literaten-Freund Richard Beer-Hofmann als Quartiermacher an. »Bitte schaun Sie doch im Vorüberradeln, ob nicht alles wackelt, was in diesem Wirtshaus immer vorauszusetzen ist. Herzlichst Ihr Arthur.«

Der »Leopold« besaß den Vorzug, im Grünen, nahe dem Lauffener Waldweg zu liegen, sodass man abends rasch ins Dunkle verschwinden konnte. Für den Dichter und Arzt Schnitzler war gerade die ländliche Sommerfrische, in der Klimt Zurückhaltung übte, bevorzugtes Schürzenjagdrevier. Aus seinem Tagebuch von 1897: »Mit Y. im Wald. Sie erzählt mir ihre Lebensgeschichte (...) Dann viele Küsse.« – »Bei Risa allein im Zimmer, unerhörte Zärtlichkeiten« – »Nach dem Souper mit Y. eine Viertelstd. auf dunklen Bänken heftig; dann begleite ich sie zu ihrem Zimmer. Vorher ich: Wollen Sie mich nicht zu sich nehmen – Sie: so schnell (...) In der Früh 2mal pfeifend an ihrem Zimmer vorbei – beim 2. Mal erschien sie – ich rasch hinein, sperre ab und nehme sie mir – Muss natürlich gleich wieder fort.« – »Risa. Verbrachte einen wunderbaren Nachm. mit ihr im Wald; in ganz tödtlichen Zärtlichkeiten.« Etwas später: »Eigentlich sehn ich mich ein bischen nach Y.; stark nach Risa, nach Mz. II gar nicht (...) Oft komm ich mir vor, als wär ich das herzloseste, kälteste Individuum, nur von Begierden, kaum von Gefühlen (...) bewegt.« Denn in Wien harrten ja noch die Dauergeliebten aus, »Mz. (Mizzi) I« und »Mz. (Mizzi) II«, die gerade ein Kind von Schnitzler erwartete, außerdem gab es parallel noch ein paar heiße »Pantscherln« mit einer gewissen Fifi, einer Jenny und einer Minna. Und in den folgenden Sommerfrischen beim »Leopold« ging es weiter: 31.8.1899: »Abends eine junge Frau H. S. Wald, angesprochen etc. 1.9.: Mit H. S. im Wald, wo es geschah. 4.9.: Ebenso. 6.9.: in der Früh kam Frau Joh. Fr. an; Abends ging ich mit ihr auf der einsamen Strasse hinter der Pension spazieren und besaß sie. 9.9.: von beiden Frauen belästigt. 11.9.: nachts wieder bei Joh. Fr. Ich glaube, noch keine meiner Geliebten war mir so unsympathisch. Von H. S. Blumen und Verse.«

 Früher Liederlichkeiten, heute Rentner auf E-Bikes

Wenn man heutzutage auf den schattigen Waldwegen zu Füßen des passenderweise »Katergebirge« genannten Höhenzugs herumspaziert und einem überaus solide Rentnerpaare in Funktionsjacken auf ihren E-Bikes entgegensurren, dann vermisst man ihn, den alten Lebemann, und die abgründigen Liederlichkeiten seiner Ära. Er war ja nicht nur ein bizarrer Buchführer seiner «Herzensschlampereien«, sondern einer der großartigsten österreichischen Schriftsteller, dessen Sezierblick auf erotische Getriebenheiten, Einsamkeit und Vergeblichkeit unser aller Existenz, aber auch dessen unglaublichem Sensorium für gerade weibliche Seelenregungen man lebenslang verfällt.

Etwas wehmütig schlendert man seinen Ischler Wegen nach, durch das noch recht spürbare donaumonarchische Flair des Kurorts, trinkt in den samtroten Polsterecken des schönen alten Kaffeehauses Ramsauer eine Melange, wo der Dichter sich mit Johann Strauss traf. Man wirft einen Blick in das plüschige Kurtheater, heute Lehar-Kino, in dem eine Anatol- Szene uraufgeführt wurde, zu Schnitzlers Ärger katastrophal schlecht. Man setzt sich, wie der Dichter so gern, aufs Fahrrad und radelt wie er zur Rettenbachmühle, einem wunderbar biedermeierlichen Ausflugsgasthaus über rauschenden Wassern. Fast so manisch wie den Frauen war Schnitzler der »Cyclomanie« ergeben, dem damals brandneuen Fahrradsport. Sein »Bicycle« bedeutete für den oft düster gestimmten Dichter den »Strohhalm, mit dem ich mich an meine Lebensfreude klammere«. Zahllos waren seine Ischler »Bic.«-Touren in wenig kleidsamer Pumphose und mit Seidenstrümpfen; er radelte nach Strobl zum Bad im Wolfgangsee, nach Hallstatt und an den Traunsee, und immer wieder nach Lauffen oder Anzenau im Trauntal. Doch ebenso wenig wie seine erotische Hyperaktivität halfen seine Ausfahrten auf dem Veloziped ihm über die chronische Schwermut hinweg: »Bin ganz herunter (...) ein ganz vernichtetes Subjekt« – »Leer, traurig – Heut hab ich sogar geweint, in Anzenau!«

Auch Schnitzler arbeitete in der Sommerfrische intensiv und nahm am Ischler Gesellschaftsleben wenig Anteil: »Ins Ischler Treiben rühr ich mich gar nicht hinein – Esplanade kenn ich nicht.« Er schrieb eifrig in seinem Rudolfshöhe-Pensionszimmer, sich fernhaltend von den auf der gedeckten Veranda »herumsitzenden und quatschenden Sommerteppen und teppinnen« und voller Selbstzweifel: »Bin wieder ganz gottverlassen und über die Schwächlichkeit meines Ausdrucks in einer unverhältnismäßigen Niedergeschlagenheit.« Einen »Nervenkasperle« hat ihn Freund Hugo von Hofmannsthal, zuweilen Nachbarsgast in der Rudolfshöhe, genannt.

Das ehemalige Aussichtsgasthaus Sophiens Doppelblick, wohin Schnitzler 1897 mit seiner Flamme »Y« stiefelte und dort notierte: »es ist einfach entzückend, wie sie sich bewegt«, ist heute in Privatbesitz. Auch die anderen klangvollen Ischler Bellevues der Jahrhundertwende, Eleonorens Einsamkeit, Malfattis Himmel, Aloisiens Stille, sind verschwunden. Aber die Leschetizky-Höhe kann man noch erklimmen, auf einem Bankerl eine Zigarette rauchen und in die Abendsonne blinzeln. Man versteht Ingeborg Bachmann, die einmal schrieb, sie möchte nur an Orten sein, »wo was gewesen ist«. Für Nach-Träumer dieses »Gewesenen« ist das Salzkammergut mit seinen Geschichten die Sommerlandschaft par excellence. Er wird einen wohl bald wieder ereilen, wie dereinst Gustav Klimt: der »starke Trieb nach dort«.

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