VerhaftungenKünstliche Preise

Eine Verhaftungswelle schreckt den chinesischen Kunstmarkt auf. Was steckt dahinter? von Minh An Szabo

Der Mai war ein schwarzer Monat für die Kunstszene Chinas. Eine Welle von Verhaftungen verbreitete helle Aufregung unter Galeristen, Sammlern, Auktionshäusern, Transportunternehmen und Fondsmanagern des nunmehr umsatzstärksten Kunstmarkts der Welt. Es wurden einflussreiche Manager in den Chefetagen der chinesischen Finanzwelt festgenommen, etwa He Juxing, Kunstfondsberater der Minsheng Bank sowie Museumsdirektor des Minsheng Art Museums, oder Huang Yujie, Präsident der Investmentfirma für chinesische Gegenwartskunst, Bonwin Art. Beide sitzen seit Mai auf Beschluss der chinesischen Zollbehörde in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet: Verdacht auf Steuerhinterziehung in Höhe von umgerechnet knapp 13 Millionen Euro. Eine Freilassung auf Kaution wird nicht gewährt. Steuersündern drohen in China harte Strafen: Je nach Schwere der Tat droht sogar der Tod.

Die ersten Verhaftungen gab es bereits Ende März. Nils Jennrich, der deutsche Geschäftsführer des renommierten Kunsttransportunternehmens Integrated Fine Arts Solutions (IFAS), das in Hongkong, Shanghai und Peking ansässig ist, sitzt seit damals in Untersuchungshaft – unschuldig, wie seine Firma betont. Es wurden auch ein chinesischer Kollege und zwei Abteilungsleiter der Pekinger Logistikfirma Noah Fine Art Shipping Agency verhaftet. Ihnen wird Beihilfe zum Steuerbetrug vorgeworfen. Die Auswahl dieser beiden Transportunternehmen ist kein Zufall. IFAS und Noah sind bei Sammlern und Kunstinstituten in China die erste Wahl, wenn es um den Transport von Kunst geht.

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Auch die Reihenfolge der Verhaftungen hat System. Die inhaftierten Mitarbeiter der Transportfirmen wurden aufgefordert, ihre Kundenlisten preiszugeben: Wer hat wann was von wo nach wo transportiert? Brisantes Material, aus dem die Zollbehörde offensichtlich einiges an Rückschlüssen über die Hauptakteure eines mutmaßlichen Betrugs zu ziehen vermochte.

Denn seither schreckt die beispiellose Welle von Verhaftungen und Verhören den Kunstmarkt Chinas auf. Chinesen wie der »Supersammler« Liu Yiqian, aber auch ausländische Sammler wie Lin Tianmin von der namhaften taiwanesischen Galerie Lin&Lin wurden bereits »auf eine Tasse Tee eingeladen« – der chinesische Euphemismus für halb offizielle Befragungen durch die Behörden. Dasselbe Schicksal ereilte den indonesisch-chinesischen Großsammler Yu Deyao, der in Jakarta ein Privatmuseum besitzt. Selbst international renommierte Künstler wie Zhang Xiaogang und Zeng Fanzhi blieben nicht von Verhören verschont. Auch die Mitarbeiter der Pekinger Außenbüros von Sotheby’s und Christie’s sind womöglich im Visier der Steuerfahnder, offiziell lassen sie verlauten, dass sie »eng mit der Zollbehörde kooperieren«. Jüngst traf es nun die Kunstfondsmanager und Investmentbanker.

Doch was steckt hinter den Vorwürfen der Zollbehörde? Ein Grund könnte darin liegen, dass die chinesische Regierung inzwischen mitbekommen hat, wie viel Geld im Kunstsektor fließt – und von dort zu holen ist. Verschärfte Kontrollen, so hört man, gehen andererseits auch oft mit Steuersenkungen einher. In der Tat wurde die Zolleinfuhrgebühr für bestimmte Kunstgegenstände, die bisher wie Luxusgüter behandelt wurden, Anfang des Jahres von zwölf auf sechs Prozent gesenkt. Damit zählt China jedoch immer noch zu den Ländern, die die höchsten Einfuhrgebühren für Kunstwerke erheben. Die Nachbarn Taiwan, Hongkong und Japan verlangen gar keine Einfuhrgebühr für Kunstwerke. Ebenso wenig Amerika, England und Deutschland.

Doch es fallen noch mehr Steuern an, wenn man in China ein Kunstwerk importieren möchte. Zu den 6 Prozent Zoll kommen für den Käufer 17 Prozent Mehrwertsteuer hinzu, in einigen besonderen Fällen auch noch zusätzlich 12 Prozent Verbrauchsteuer. Nicht wenige Chinesen versuchen wohl, solche hohen Abgabenlasten zu umgehen.

Kunstfonds sollen den Wert von Kunstwerken manipuliert haben

Eine angeblich beliebte Praxis bei Privatsammlern und Kunstfondsmanagern ist es, eine niedrigere Summe als den eigentlichen Wert des Kunstwerkes bei der Verzollung anzugeben. Und hier kommen wieder die eingangs erwähnten Transportunternehmen ins Spiel. Sie sollen trotz Kenntnis von gefälschten Rechnungen Kunstwerke verzollt und transportiert haben – die Firma IFAS bestreitet die Vorwürfe vehement. Galeristen wiederum sparen sich die Einfuhrsteuer, indem sie etwa Künstler selbst ihre Werke nach China schleusen lassen – oder diese zum Arbeiten einfliegen lassen.

Leserkommentare
  1. Der ZEIT-Leser muss dem Journalisten Minh An Szabo für den objektiven und längst überfälligen Artikel danken. In China und im Rest der Welt werden mit 'Kunst' Milliarden verdient. Darüber wird nicht gerne geschrieben. Die Händler und die Sammler halten sich kaum in einem Land der Welt an Spielregeln der jeweiligen Gesellschaften. Es geht keinem der international agierenden Sammler-Händler, auch den sehr einflussreichen, aus der Schweiz kommenden, nicht um Freiheit, geschweige denn um Demokratie oder um die Kunst. Es ist logisch, daß die Kunstfondsmanager mit ihren Mitteln auch weltweit Ausstellungen in Museen durch ihre Lobbyisten für ihre Künstler organisieren lassen. Das treibt die Preise nach oben. Betrogen wird mit diesen Machenschaften nicht nur die Steuer, sondern auch der Museumsbesucher und der Kunstliebhaber.

  2. alles Regimekritiker und keine Steuerhinterzieher.

  3. "Doch was steckt hinter den Vorwürfen der Zollbehörde?"

    Könnten es abgesehen von IHREN ideologischen und spekulativen Ansätzen einfach nur strafrechtliche Untersuchungen und daraus resultierende Konsequenzen sein?

  4. Ein strafrechtlich wegen Steuerhintziehung verfolgter Künstler in China ist ein Opfer und Verfolgter des Regimes, da wird das Wort "Kavaliersdelikt ziemlich strapaziert. Wenn man das gleiche als Künstler oder Kunsthändler in Deutschland macht wird man öffentlich als Sau durchs Dorf getrieben. Wie gut das in Deutschland völlig unvorstellbar ist, dass ein unliebsamer oder zu erfolgreicher Künstler in Deutschland plötzlich ganz intensive Steuerprüfungen ins Haus bekommen kann und wäre doch gelacht, wenn man nicht etwas finden würde. Persönlickeiten, die in öffentliche Ungnade fallen, werden hier per Steuerkeule genauso fertig gemacht wie sogenannten Regiemestaaten. Dabei ist doch jedes Mittel Recht, selbst der Ankauf und die Hehlerei mit gestohlenen Daten. Kann ja alles Sinn machen, nur dann sollte man sich mit hochnäsigen Kommentierungen zurück halten.

  5. Es klingt alles tief und hintersinnig recherchiert. Zweifeln macht allein jener Satz: "Selbst international renommierte Künstler wie Zhang Xiaogang und Zeng Fanzhi blieben nicht von Verhören verschont." Ansonsten ist in dem ganzen Artikel nur von Importen die Rede, insbesondere den Sorgen der großen Auktionshäuser. Was aber hat das mit "international renommierten Künstlern" aus China zu tun. Doch offensichtlich gar nichts, hier sollte nur mal eben Stimmung gemacht werden im Sinne des westlichen Einheitsblickes auf die Verfolgung chinesischer Künstler.
    Es geht um Geld - viel Geld und da gibt es doch den weisen Spruch: Wo gehobelt wird fallen Späne.

    Übrigens die einheimischen Sammler der großen traditionellen Kunst Chinas, die durchaus Marktwert besitzt, ist von all dem Gelärme gar nicht betroffen! Aber was soll man schon Leuten erzählen, die Kalligraphie und Tuschemalerei nur von der Straße, dem Souvenierladen oder dem Chinaladen um die Ecke kennen?

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