Roman "Seelenfeuer"Die Leiden der jungen Wehfrau

Cornelia Hallers historischer Hexenroman über die schöne Hebamme Luzia und den bösen Kaplan. von Martin Walser

© Hoffmann und Campe

Die Autorin Cornelia Haller hat mir vor gut zwei Jahren ein Manuskript geschickt. 50 oder 60 Seiten. Ein Romananfang. Ich war sofort gefangen. Es sei, schrieb sie, ihr erstes Buch. Sie selber ist, weiß ich inzwischen, 46 Jahre alt und lebt in meiner Nähe am Ufer des Bodensees. Die Blätter schickte ich an Günter Berg, den Verleger des Hoffmann und Campe Verlages, den die Autorin dann weiter belieferte. So wurde daraus in Hamburg dieses hiesige Buch, das mich zum glücklichen Leser gemacht hat. Ich will erklären, warum. Fangen wir am Anfang an.

Gegen den »eisigen Atem des bitterkalten Christmondwinds« kämpft sich Luzia, die »junge Wehmutter«, durchs Dunkel. Sieben Seiten lang läuft die neunzehnjährige Hebamme durch den Sturm zu der Frau des Korbmachers, um ihr bei der Entbindung beizustehen. Anselma, die Wöchnerin, liegt »völlig erschöpft auf dem mit Schilf und getrocknetem Seegras gefüllten Sack«, die Nachbarinnen haben bereits vorsorglich Anselmas langes Haar gelöst, wie es Brauch ist. Sie hoffen, so die gefürchteten »Knoten in der Nabelschnur abzuwenden«.

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Aber dann: »Das Kind lag falsch!« ‒ Luzia lässt sofort einen Aufguss machen aus Beifußkraut, dann wirft sie Bilsenkrautsamen in den dampfenden Becher, die Wöchnerin wird ruhiger. Luzia fettet ihre Hände mit Schweineschmalz, greift zu, sucht nach dem Köpfchen, aber das Ungeborene rutscht immer wieder in die falsche Lage. Luzia spürt, dass die Nabelschnur um den Hals des Kindes liegt...

Diese Entbindung ist das erste Kapitel des Romans. Wie Luzia da arbeitet, auch Angst hat, wie sie schwitzt und sich selber blutig beißt, das macht den Vorgang zur Romanhandlung. Die findet statt 1483 in Seefelden, das auch heute noch ein kleiner Ort ist zwischen Überlingen und Meersburg.

Luzia Gassner also, rothaarig, weißhäutig, lediges Kind einer Hebamme in Ravensburg, dann, als sie dreizehn ist, von der Mutter zu Verwandten nach Seefelden geschickt. Dort wird sie vor allem von Pater Wendelin unterrichtet, der selber ein leidenschaftlicher Kräuterkenner ist. Hortulus, die Kräuterfibel, die Walahfried Strabo im 9. Jahrhundert im Kloster auf der Reichenau geschrieben hat, kennt sie auswendig.

Jetzt geht es zum Onkel Basilius nach Ravensburg. Er ist Apotheker. Sie soll zurückkommen, ihre Mutter ist gestorben. Durch das Frauentor betritt sie die Stadt. Danach geschieht nur noch Überdeutliches. Der Torwächter ist ein Scheusal, dieser entsetzliche Berthold Schwarzenberger wird gegen die junge Hebamme nur noch Scheußliches planen und verüben.

Als sie dann als Hexe im Kerker liegt und beschuldigt wird, mit dem Teufel Geschlechtsverkehr zu haben, verteidigt sie sich, sagt, sie sei doch noch Jungfrau. Bevor ein schmieriger Stadtmedikus das überprüft, wird sie von diesem Berthold Schwarzenberger im Kerker vergewaltigt, und der Stadtmedikus meldet dem Rat, sie habe gelogen.

Der Kaplan Eusebius Grumper ist der Betreiber ihres Unglücks. Als sie noch ein junges Mädchen war und er sie mit ihresgleichen unterrichten sollte, hat er schon unter ihren roten Haaren und ihrer milchweißen Haut gelitten. Aber auch unter ihrer aufgeweckten Art. Er konnte sich nur dadurch helfen, dass er sie auf Holzscheiten knien ließ und mit der Peitsche blutig schlug.

Leserkommentare
    • Byland
    • 29. Juli 2012 17:17 Uhr

    "Dieser Roman ist ja auch ein Kapitel in der Geschichte der Frau, wie es sicher noch nicht geschrieben worden ist." Da täuscht sich Martin Walser! Es gibt die selbe Geschichte ähnlichen Inhalts bereits: Eveline Hasler, Anna Göldin. Letzte Hexe. Roman. 1982 erschienen, jetzt bei dtv. - Die berührende Erzählung um die Hinrichtung der letzten Hexe in der Schweiz um 1782: Auch sie erschreckend zu lesen und weit weniger "hell" als das besprochene Buch. Haslers Roman wurde effektiv verfilmt - dass bei Walser ebenfalls ein Film mitlief, verstehe ich gut.

  1. Offensichtlich kommen in dem Buch alle gängigen Klischees vor: Die schöne rothaarige Hebamme / Hexe, der verklemmte Kaplan und alle anderen Finsterlinge. Entspricht so ziemlich den üblichen Schauerromanen über die Hexenverbrennungen und das Mittelalter - und vor allem dem Erzählmuster von heutigen Romanen.

    Interessant sind dem gegenüber die Arbeiten der bereits erwähnten Historiker Burmeister und Tschaikner, die sich mit dem Phänomen der Hexenverfolgungen im Bodenseeraum befassten. Sie zeigen uns ein Denken, das weit entfernt ist von unseren heutigen Vorstellungen.

    Tatsache ist, dass der überlieferte Hexenglaube keineswegs eine Erfindung der katholischen Kirche war, sondern schon viel früher tief im Volksglauben einer ungebildeten, abergläubischen Bevölkerung wurzelte (Der Glaube an Schadzauber war allgemein verbreitet).
    Die Berichte der Historiker lassen erahnen, welchen Einfluss die (kirchlichen) Vorstellungen des Verhörpersonals auf den Prozess spielten und wie sich die Verhörten daran anpassten.
    Zitat: "Das theologisch-juristische Hexenmuster (setzte sich) erst allmählich gegenüber älteren volkstümlichen Vorstellungen durch...".

    Dazu ein hoch interessanter Aufsatz von Tschaikner zu historisch belegten Hexenprozessen im Bregenzerwald (Bodenseeraum)
    http://www.historicum.net...

  2. Es bleibt unklar, warum ein kluge Frau dann doch scheitern kann und als Hexe endet. Hier findet vom Autor eine Überhöhung statt, die völlig am Leben bzw. am perversen Leben vorbeigeht. Das Ganze ist irreal!

  3. halten für wahr, was ihren Klischees entpricht.

    • Suryo
    • 30. Juli 2012 10:02 Uhr

    "Eisiger Atem des bitterkalten Christmondwindes" ? Die rothaarige weise Frau, die allen Anfechtungen zum Trotze ihren Weg geht?

    Tut mir leid, aber das klingt mir alles irgendwie zu sehr nach Historienkitsch à la "Wanderhure" oder "Die Päpstin".

  4. Wenn der Autor nicht Walser hieße, hätte die "Zeit" darauf verzichtet, oder?

    • Isaak5
    • 01. August 2012 12:07 Uhr

    vielleicht werden in "Seelenfeuer" ein paar Klischees bedient. Dennoch handelt es sich bei Hallers Erstlingswerk um eine hervorragend recherchierte Geschichte, die sich größtenteils tatsächlich so zugetragen hat. Die Autorin nimmt den Leser an die Hand und erzählt in wunderbaren Sätzen mit viel Liebe zum Detail.
    Das der Stoff in der Tat völlig zeitlos ist, macht ihn nur umso aktueller. Lucias Geschichte würde gleichfalls in die 1930er und 1940er Jahre passen. Ebensogut könnte Hallers Protagonistin farbig sein, oder zufällig der "falschen" Religion angehören. Ausgrenzung und Vernichtung von Minderheiten und der Völkermord haben zu allen Zeiten und in allen Ländern Hochkonjunktur!

    • Wolke36
    • 02. August 2012 12:32 Uhr

    Um Walsers Artikel wirklich beurteilen zu können, sollte man vorab den Roman gelesen haben, über den der "alte Meister" spricht! Als streibarer Mensch nimmt er für gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. So kennen wir ihn und so lieben wir ihn! Ganz offensichtlich gefällt das aber nicht allen. Aber ich schließe mich seiner Meinung an, denn "Seelenfeuer" hat auch mich zu einem glücklichen Leser gemacht. Der Roman ist farbig und oppulent, wie das Leben selbst und die Sprache hat mich durch ihre Wärme und durch ihre einfache Schönheit überzeugt!

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