Autor Ralf RothmannImmer den Blick in den Wolken

Bei Ralf Rothmann ist alles echt, erlebt, erlitten und auferstanden gen Himmel. von Markus Clauer

Der deutsche Schriftsteller Ralf Rothmann

Der deutsche Schriftsteller Ralf Rothmann  |  © Eddy Risch/dpa

Zum Beispiel die Pril-Blumen an den holzfarbenen Falttüren Bottroper Bergarbeiterhäuser in den siebziger Jahren. Dass die da kleben müssen. Dass die Bewohnerinnen sonntags nach Tosca riechen, von 4711. Dem Parfum, das so heißt wie die Puccini-Oper. In den Haushalten alter Menschen ist das Haltbarkeitsdatum der Sprühsahne oft überschritten. Ist doch so. Am Bau wurde früher der frisch verfugte Klinker mit Speckschwarten abgerieben und unter der Schwelle Brot und Salz vergraben, mit besten Glücks-Wünschen. Kondenswasser? Tränt von den Fliesen. Nieselregen? Ein Gefühl wie kalte Folie im Gesicht. Und manchmal, ganz kurz nur, ist tatsächlich, wenn dicke Schneeflocken gegen die Scheiben klatschen, ihre Sternform zu erkennen.

Solche Dinge kann nur der 59 Jahre alte Ralf Rothmann, Berliner mit Ruhrgebietshintergrund, erzählen. Rothmann kann sich wie kein anderer einfühlen in Jungs, die nachts neben jungen Frauen liegen und deren Puls nachhören, während ihr Kumpel nebenan gepflegt einen wegsteckt.

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Sein Einfühlungsvermögen in Betriebswirtinnen hingegen hat Grenzen. In der Auftakterzählung seines neuen Buchs sitzt eine Anlageexpertin in einem Pariser Bistro. Es ist der letzte Tag ihres einjährigen Auslandsaufenthalts. Sie bilanziert trübselig Knechtschaft, Hörsturz und zwei Kilo Übergewicht. Zu Hause wartet heiratswillig Bertram in der Maisonettewohnung im Grünen. Mit der Verzweiflung von Frauen, die Zärtlichkeit nur von ihrem Puderpinsel erfahren, spricht sie den Pilzsammler mit den vielversprechenden Händen am Tisch neben ihr an. »Entschuldigung? Ich kenne Sie!«, sagt sie. Er antwortet: »Ich erinnere mich.«

Normalerweise ist Ausbruch aus dem Profanen bei Ralf Rothmann subtiler als in dieser Erzählung. Rothmann ist zu Höherem berufen. Der Ex-Maurer, -Koch und -Krankenpfleger ist in der deutschen Gegenwartsliteratur das Genie des Transzendentalen. Selten sonst schreibt jemand so souverän am Rand des Sozialkitschs über den Lichteinfall des Großen in das Dasein kleiner Leute. Seine Sprache hat Schwerkraft. Alles ist echt und erlebt und mit wirkmächtiger Genauigkeit erzählt. Deshalb ist der Haarriss in der Lebenswirklichkeit seines Romanpersonals glaubwürdig. Immer wieder erzählt er vom Aufwachsen in Sichtweite einer Zeche, von Gewalt und Scheitern, Liebe, Lebenslügen, Einsamkeit und Tod, Bottrop und Berlin. Seine Außenseiter haben den Blick in den Wolken und fühlen mehr, als sie wissen. Die Sehnsucht der Arbeiter ist tiefer als die von Kulturmenschen. Aus Maurern werden Dichter. Es gibt immer diesen Bedeutungsüberhang, der dem Leser überlassen wird.

Seit Stier, 1991, seinem autobiografischen Bildungsroman, ist Rothmann immer numinoser und wunderbarer geworden. In den acht neuen Erzählungen geht es weniger mysteriös zu. Auch ist der Einsatz der Tiere, die bei ihm sonst so beseelt sind und tiefe Schatten werfen, diesmal weniger signifikant.

Es gibt sie schon noch, krähenartige Vögel, die sich im richtigen Moment in der Erzählung die Flügel brechen, eine Froschwanderung, die die Andacht stört. In einer Geschichte erinnert sich ein zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilter Republikflüchtling, wie er aus seiner Zelle auf eine Trabrennbahn schaute. Die Pferde schwebten, eine Sekunde lang, manchmal auch weniger. Das habe ihm alles irgendwie leichter gemacht. Die titelgebenden Hühner aber sind nur das Ergebnis eines Lesefehlers.

Rothmann hat in diesem Band Hinweise auf seine Poetik gestreut, wie den Befund, dass Fakten einen nur auskühlen würden, die Wahrheit liege woanders. Er diversifiziert die Milieus und Perspektiven. So wird auch von Fritzi aus erzählt, die eine Schultheater-Aufführung in den Liebeskonflikt stürzt mit Dinah, die den Othello spielt, während sie die Desdemona gibt. In Südfrankreich endet das, im Bett mit einem dieser Jungs, die etwas feinnerviger sind.

Leserkommentare
  1. An welche Autoren von heute wird man sich in 20 Jahren erinnern ?
    So verbleiben an zwei hochgeschriebenen Händen mit ihren 10 Fingern 1 oder 2 übrig....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tpannen
    • 03. August 2012 13:56 Uhr

    ... dieses Argument bleibt seltsam windig. Wir wissen es nicht, wer in zwanzig Jahren von den jetzt aktuellen Autoren gelesen wird - oder eben nicht. Aber dieses Nichtwissen ersetzt auch nicht ein Argument. Vor über 20 Jahren starb Heinrich Böll. Man liest ihn noch. Was sagt uns das?

    • tpannen
    • 03. August 2012 13:56 Uhr

    ... dieses Argument bleibt seltsam windig. Wir wissen es nicht, wer in zwanzig Jahren von den jetzt aktuellen Autoren gelesen wird - oder eben nicht. Aber dieses Nichtwissen ersetzt auch nicht ein Argument. Vor über 20 Jahren starb Heinrich Böll. Man liest ihn noch. Was sagt uns das?

    Antwort auf "Hochschreiben"
  2. Sie geben die Antwort: Es fällt ein ! Name -Böll, dies ist wahrhaft windig um nicht zu sagen windstill....
    Wer liest ihn?
    Die( selbsternannte) intelektuelle Klasse oder der vorurteilsfreie Mensch? Liest man ihn weil BÖLL auf dem Buchdeckel steht oder seiner Qualität?. Furchtbar mit anzusehen die verstaubten Bücherwände in den Häusern der Intelektuellen. Man muss ja mitreden können, oft nicht mitdenken, die Ranglisten ablesen...
    PS: Ich schätze Böll.....

  3. "(...) anzusehen die verstaubten Bücherwände in den Häusern der Intelektuellen(...)"
    Da kuckt aber wirklihc eine/r in den Buchschnitt, auf den Schutzumschlag der Querlieger im Regal. So läuft da eine/r - angeblich - durch die Häuschen oder Häuser der Intellen oder kuckt sich den imaginierten Staub im Vorübergehn an. - Ein dümmeres Vorurteil gegenüber 'Lesenden', 'Kulturmitnehmern', 'Lehrern', Schreibern ... kann ich nicht finden. (Da mieft eine/r; und glaubt, er/sie sei 'intellent'.. und wissend (über oder von anderen und ihrem Kulturbedürfnis.)
    Oh, andere wissen, dass sie nichts wissen; und bemühen sich dann neu um Elementares, Mitteilenswertes... - Who does or can read...?
    Schön, dass solcher Kulturmief hier nicht gelöscht wird. sonst könnte man's nicht glauben.

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