Lyndon B. JohnsonAmerika hat einen neuen Helden

Startauflage 300.000 Exemplare: Gerade erschien in den USA der vierte Band von Robert Caros monumentaler Biografie des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson. von Ole Jann

Lyndon B. Johnson im Jahr 1963

Lyndon B. Johnson im Jahr 1963  |  © Keystone/Hulton Archive

Was fasziniert die Amerikaner bloß so an diesem Präsidenten? Den Europäern ist er nur als der Vietnamkrieger in Erinnerung geblieben. Doch in den USA ist die Beschäftigung mit ihrem 36. Präsidenten Lyndon B. Johnson fast schon zu einer Obsession geworden.

Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass es heute manch Parallele zu damals gibt, vor allem zum Beginn seiner Präsidentschaft 1963, als Vize Johnson nach der Ermordung John F. Kennedys ins Weiße Haus einzog. Der Kongress war zu jenem Zeitpunkt völlig blockiert. Die wichtigsten Vorhaben der hoffnungsvoll gestarteten Kennedy-Regierung standen still. Der Ausdruck »governmental deadlock« machte die Runde; namhafte Experten beklagten die Dysfunktionalität des gesamten Systems. Johnson hatte ehrgeizige Pläne, mit denen er den Armen, Schwachen, Ausgegrenzten helfen wollte. Doch seine Berater warnten ihn: Die Präsidentschaft habe nur eine begrenzte Macht, die man nicht auf von vornherein verlorene Kämpfe verschwenden solle. Johnson antwortete schlicht: »Wofür zur Hölle wird man denn sonst Präsident?« Und dann schrieb er Geschichte, indem er sein radikales Programm Schritt für Schritt durchsetzte und weiter ging, als Kennedy es jemals geplant hatte.

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Zum anderen aber hängt die Johnson-Renaissance mit Robert Caro zusammen. Caro schreibt seit Jahrzehnten an einer Biografie des Präsidenten, die bereits 2600 Seiten zählte. Nun sind weitere 700 Seiten hinzugekommen: The Passage of Power, der vierte Band seines Monumentalwerks The Years of Lyndon Johnson. Er umfasst die Zeit von Johnsons Niederlage im Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur 1960 bis zu den ersten Wochen im Weißen Haus. In der Mitte des Bandes steht der 22. November 1963, an dem Kennedy in Dallas erschossen wurde und Johnson, im Wagen hinter dem des Präsidenten unverletzt geblieben, den Amtseid ablegte.

Caros voluminöses Werk hat geradezu einen Hype ausgelöst. Der New Yorker veröffentlichte zwei Kapitel vorab, der Verlag Alfred A. Knopf (der zur Bertelsmann-Gruppe Random House gehört) startete mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren, und in der New York Times rezensierte Altpräsident Bill Clinton das Buch – natürlich hymnisch. Zeitungs-, Radio- und Fernsehredaktionen reißen sich um den Autor, bei einem Besuch in der unter jungen Amerikanern beliebten Daily Show bezeichnete Moderator Jon Stewart Caros Arbeit als »Goldstandard« für Biografien und sagte ihm einen weiteren Pulitzerpreis voraus.

Seinen ersten »Pulitzer« hat Caro 1975 für ein Buch über den New Yorker Stadtplaner Robert Moses erhalten. Damals suchte der Reporter nach einem neuen Stoff; sein Lektor schlug ihm Johnson vor. Heute ist Robert Caro 76, und ein Band liegt noch vor ihm. Caro hat an jedem der bisherigen Teile zehn Jahre gearbeitet. Und von Band zu Band stieg das öffentliche Interesse.

Tatsächlich werden in Caros Beschreibung selbst Debatten um obskure Änderungsanträge Teil von etwas Größerem: dem politischen Ringen um Fortschritt oder Stillstand, dem »Kampf um die Seele Amerikas«, wie es ein Rezensent formulierte. Und Caro versteht, wie die New York Times bemerkte, »vielleicht mehr von politischer Macht als alle, die jemals welche besessen haben«.

Er beschreibt Johnson als einen eiskalten und gewieften Opportunisten – solange er machtlos blieb. Aber wann immer er über Macht verfügte – als Mehrheitsführer im Senat oder später als Präsident –, nutzte er sie, um die eigene Agenda voranzutreiben. Krankenversicherung für Alte und Arme, für Behinderte, Bildungsförderung und eine hohe Anzahl anderer staatlicher Leistungen, die er in seinen Programmen »War on Poverty« und »Great Society« zusammenfasste, bestehen zum Teil bis heute.

Johnsons Durchsetzungskraft ist das Ergebnis einer lebenslangen Charakterentwicklung, die Caro in den ersten drei Bänden nachgezeichnet hat. Johnson, 1908 in Texas geboren, stammte aus einer Bauernfamilie. Sein Vater, der auch Lokalpolitiker war, hatte – da war der Sohn gerade 14 – durch desaströse Missernten seinen gesamten Besitz verloren. Johnson blieb ein Leben lang gespalten zwischen dem Streben nach Macht und Anerkennung und einer Empathie für Schwächere, die sich eben aus ganz anderen Quellen speiste als aus der lässigen Noblesse-oblige-Einstellung der reichen Kennedys.

Leserkommentare
  1. Es ist ja schön Dinge zu wollen, nur sollte man eine Handlung nicht nach ihrer Intention beurteilen sondern nach ihrem Effekt.

    "War on Poverty" war ein totales Disaster. Vor dem Programm wurde Armut mit einer Rate von 1% p.a. eliminiert, nach dem Programm stagnierte sie und heute gehts wieder rauf.

    "The Great Society" war neben dem "New Deal" einer der schlimmsten Programme in der amerikanischen Geschichte. Als Folge stieg das Defizit in den 60ern rasant an und das war einer der Gründe warum die USA 1971 auf ihren Forderungen Gold zu liefern pleite gingen. Seitdem FIAT Geld regiert stagnieren die Löhne: Erst brauchte man einen arbeitenden Mann um eine große Famillie durchzufüttern, dann brauchte man auch die Frau, dann ging die Sparquote zurück und dann musste man Schulden aufnehmen um den Lebensstandard zu halten. Die Effekte sind bekannt, die Ursachen werden abgestritten.

    Dazu kommen noch die gigantischen Kosten die auf die (nicht mehr) arbeitende Bevölkerung zukommen: Medicare und Medicaid.

    Dass das Propagandaoutlet NYT voll hinter so einem Buch steht ist kein Wunder. Dass die Zeit unkritisch kommentiert auch nicht.

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    Wohl ein bisschen zu viel FOX geschaut, was, hahahaha - dass die amerikanische Wahlkampfschlacht es nun auch bis in die Kommentarspalten der ZEIT schafft, erstaunt. Now go back, listen to your radio entertainers!

  2. Und wer nach so viel Lob auch mal etwas Kritisches über Lyndon B. Johnson erfahren will, der google mal nach "Madeleine Duncan Brown".

    Die war jahrzehntelang die Geliebte von Lyndon B. Johnson, was in LBJ's Heimat ein offenes Geheimnis war. Nach dessen Tod hat sie in einem Fernsehinterview angedeutet, dass LBJ bereits am Vortag von JFK's Ermordung wusste, also entweder selbst involviert war oder aber sie zumindest nicht verhindert hat: "After tomorrow those goddamn Kennedys will never embarrass me again — that's no threat — that's a promise.")
    http://www.youtube.com/wa...
    http://en.wikipedia.org/w...

    Ihre Geschichte nach waren bei dem geheimen Treffen am Vorabend des Attentats auch Nixon, Hoover und Andere dabei.

    Klar, nur eine Verschwörungstheorie und so. Aber eine, die manches erklären würde - immerhin war LBJ derjenige, der am offensichtlichsten von JFK's Ermordung profitiert hat, der es mit seiner Vereidigung zum Präsidenten so extrem eilig hatte, dass es unbedingt noch im Flugzeug sein musste, während eine noch blutverschmierte Jacky Jennedy neben ihm steht, und der von Anfang an auf die "verwirrter Einzeltäter"-Theorie gedrängt hat.

    Im ZDF gab es dazu mal eine sehr gute Doku.

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    • Mailer
    • 28. Juli 2012 11:44 Uhr

    "Aber eine, die manches erklären würde"

    ... ist das Kernelement einer Verschwörungstheorie.

  3. Er hat mit seiner zögerlichen Haltung zu Vietnam die Grundlage für den Sieg der Kommunisten gelegt. Damit hat er das Überleben des Ostblocks um zehn Jahre verlängert.

    Außerdem hat er die "Great Society" gestartet, nach dem deutschen Sozialstaat sicher das beste Beispiel für eine misslungene Sozialpolitik. Das bürokratische Monster, das daraus erwachsen ist spricht ja für sich.

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    Am Besten hätte man damals sofort Atombomben abgeworfen..

    Immer noch nicht begriffen, dass man solche Kriege nicht durch schieren Waffeneinsatz gewinnen kann?

  4. Johnson ist sicher eine der interessantesten US-Präsidenten, auch gerade deswegen was die Vor-Kommentatoren hier erwähnen. Ich weiß zwar nichts von einer Verschwörungstheorie und klemme mir dazu weitere Worte mangels Wissen. Man könnte nur sagen - sehr zynisch -, dass Johnson wohl in jedem Fall der bessere Präsident war als Kennedy. Letzterer war charismatisch, aber, so wie ich das seitens der Historiker mitbekommen, als mittelmäßiger Präsident abgeurteilt.
    Johnson hingegen hat viel bewirkt, zum guten wie zum schlechten, wie mir scheint. Angesichts der Kritik an Johnson und der Rezension hier, würde mich mal interessieren wie Caro's Werk mit den Schattenseiten von ihm umgeht und wie viel dazu gesagt wird.

  5. Wohl ein bisschen zu viel FOX geschaut, was, hahahaha - dass die amerikanische Wahlkampfschlacht es nun auch bis in die Kommentarspalten der ZEIT schafft, erstaunt. Now go back, listen to your radio entertainers!

  6. Dieser unrühmliche Abschnitt im Leben dieses Mannes wird im Artikel und wohl auch in den gerühmten Buch unverdient kurz behandelt. Geht es doch immerhin um eines der größten völkerrechtlichen Verbrechen der Neuzeit unter Einsatz von Chemiewaffen in nie dagewesenem Ausmaß. Die verdiente jämmerliche US-Niederlage und die erniedrigende Flucht der US-Army aus dem überfallenen Land sind zwar eine Genugtuung, aber keinesfalls ein Ersatz für die Ermordeten, Gefolterten und durch Napalm und Agent Orange verstümmelten Vietnamesen und die Vergiftung des Landes.

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    Aber der Sieg der Kommunisten war nicht die große Befreiung. Das Land verwandelte sich in ein einziges Gefängnis. Vor den Kommunisten sind die Vietnamesen aus Vietnam geflohen (Boat People), nicht vor den Amerikanern.

    was nicht sein darf?
    Träumen Sie weiter.

    Oder informieren Sie sich. Z.B. hier: http://www.aktivepolitik....

  7. Aber der Sieg der Kommunisten war nicht die große Befreiung. Das Land verwandelte sich in ein einziges Gefängnis. Vor den Kommunisten sind die Vietnamesen aus Vietnam geflohen (Boat People), nicht vor den Amerikanern.

  8. was nicht sein darf?
    Träumen Sie weiter.

    Oder informieren Sie sich. Z.B. hier: http://www.aktivepolitik....

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