Samuel Beckett (1906 bis 1989) sagte einmal, er komme sich vor, als sei er nicht wirklich geboren. Noch als Erwachsener sehnte er sich zurück – »in die Eihaut«. Ungefähr das ist auch die Lage, in der sich der Namenlose befindet.

Der Namenlose erzählt uns von dem Wunder, das darin besteht, ein Leben zu haben, ein »Ich« zu sein, doch seine Rede wird unterspült von dem Verdacht, gar nicht am Leben zu sein und kein »Ich« zu haben. Der Namenlose ist hilflos und unbeweglich, doch sein Geist greift weit aus. Das macht ihn zu einer Art lebendem Zirkel: Er kreist um sich.

Ein gefangener Körper erschafft sich denkend seine Welt. Anders gesagt: Das Hirn des Namenlosen ist der Punkt, um den die Welt sich dreht.

Im Lauf der Lektüre erfährt der Leser, dass der Namenlose ein Halseisen trägt, dass er bis zum Kinn in einem Tonkrug feststeckt, der auf einem Sockel steht, dass er nicht weiß, wie viel von seinem Körper überhaupt noch ihm gehört. Wird er bestraft? Wird er gefoltert? Nein, er wird sogar gefüttert, von der Besitzerin einer Garküche, wie er nicht ohne Rührung verrät, und eine Plane schützt ihn im Winter vor Schneefall. Hat er noch Beine? Eher nicht. Jetzt fällt ihm was ein: »Sieh mal an, der Penis, ich hatte nicht mehr an ihn gedacht. Wie schade, daß ich keine Arme mehr habe, da wäre vielleicht noch etwas herauszuholen. Nein, es ist besser so.« Der Namenlose ist so etwas wie ein lebendes Mahnmal, und er windet sich in einem Panzer aus Ton.

Beckett war sich nur zweier Umstände gewiss: dass er geboren worden war und dass er sterben würde. Der Mensch ist zwischen Anfang und Ende gezwängt wie zwischen die Walzen einer Foltermaschine. Nur diese Fixpunkte sind bedeutend, der Rest ist Zwischenmurks: das Leben. Pozzo in Becketts Schauspiel Warten auf Godot sagt es in einem Satz: »Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht.«

Ein Satz von Nietzsche tönt fanfarenhaft in Becketts Welt hinein, er lautet: »Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.« Bei Beckett allerdings ist der Satz um einen Notenwert tiefer gesetzt. Von der Lust bleibt seinen Figuren nur der Zwang (Erinnern, Sprechen, Zählen), von der Ewigkeit der Leerlauf. Die Behauptung, alles Menschenglück liege in der Wiederholung, wird bei Beckett reduziert: auf Schritte, Worte, Atemzüge.

Das Stilideal seines Werkes ist die Blackbox, der unzerstörbare Kasten, der geborgen werden muss, wenn ein Unfall passiert ist. Die Blackbox speichert letzte Worte und Gebete, die Flüche, das Stöhnen, das Kleidergeraschel derer, die verloren sind. So eine Blackbox ist auch der Roman Der Namenlose.

Becketts Figuren sind Mythenwesen, deren Geschichte nur ein wenig weitergedreht wurde: ins Burleske und Peinsame. Es sind Sisyphus-Hanswurste, Hiob-Clowns, an der Materie scheiternd und an der Sprache sowieso.