Kinder, sagt man, haben ein reines Herz, eine weiße Seele und sind so arglos wie Gottes schöne Natur. So etwas hört man gern, denn in einer Gesellschaft von Menschen muss es ja jemanden geben, der unschuldig ist, unverdorben und lieb. Der englische Schriftsteller William Golding (1911 bis 1993) allerdings hat nicht an den Mythos vom unschuldigen Kind glauben wollen, und deshalb hat er ihn so vollständig zertrümmert, bis nichts mehr von ihm übrig blieb, nur Blut und Tränen und ein berühmter Roman.

Herr der Fliegen heißt dieser Roman, und darin verschlägt es eine Gruppe Jugendlicher zwischen sechs und zwölf Jahren während des Zweiten Weltkriegs auf eine Südseeinsel. Ihr Flugzeug, das sie vor einem Atomkrieg in Sicherheit bringen sollte, musste notlanden, die Erwachsenen sind tot. Eigentlich müssten die Schüler dem Himmel dankbar sein, sie müssten sich zu einer trotzigen Überlebensgemeinschaft zusammenschließen und auf Rettung warten.

Aber die wohlerzogenen Jungen tun etwas anderes: Sie bringen sich um. Mit ausgesuchter Grausamkeit fallen die kleinen Teufel übereinander her und versuchen, einander vom Leben in den Tod zu befördern, mal mit Speeren, mal mit Felsbrocken, was gerade so zur Hand ist. Es dauert nicht lange, und die liebe Jugend, auf der bekanntlich die Hoffnung der Zukunft ruht, hat das Pazifikparadies in die Hölle auf Erden verwandelt. Gewalt, Rache und wieder Gewalt – das ist der satanische Kreislauf, den eben nur der Mensch, die Krone der Schöpfung, so perfekt beherrscht. Am Ende steht das ganze göttliche Eiland in Flammen, und wenn nicht plötzlich ein Marinesoldat am Strand aufgetaucht wäre, dann hätten es die unschuldigen Kinder geschafft, sich vollständig auszurotten, denn ungeheuer ist vieles, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.

Sein barbarisches Südsee-Idyll hat William Golding erst viel Ruhm und dann den Literaturnobelpreis eingebracht. An Schulen ist das Buch Pflichtlektüre, und man kann es sogar verstehen: Die Lektion, die Goldings – in fast alle Sprachen übersetzter – Anti-Rousseau erteilt, ist so schlicht wie unumstößlich: Die Natur ist gut, aber der Mensch, der darin herumläuft, ist böse. Er hat einen angeborenen Defekt, er ist ein unheilbarer Killer, und zwar vom Anfang bis zum Ende seiner Tage. Deshalb ist die Humanisierung des menschlichen Tieres aussichtslos. Was hilft, das sind Ordnung, Recht und Gesetz. Sobald jedoch das Zwangskorsett der Institutionen gelockert wird und die egomanischen Monster Auslauf bekommen, geht das Gemetzel von vorn los, und dann trifft es wieder zuerst die Schwachen, so wie Piggy, den kurzsichtigen Jungen mit der dicken Brille.

Keine Frage, der Roman ist außerordentlich spannend, aber es ist Weltbild-Literatur. Golding stellt zuerst eine These auf (»Der Mensch ist böse«) und hängt dann den »Körper« einer passenden Geschichte dran. Unfreundlich gesagt: Das Skelett der These grüßt durch das Fleisch der Handlung.

Dieses Verfahren ist übrigens typisch für die fünfziger Jahre. Die Grausamkeit der ersten Jahrhunderthälfte war so ungeheuerlich und so unvorstellbar, dass ihr keine historische oder soziologische, sondern nur eine metaphysische Erklärung gewachsen schien – eben die Erklärung von der bösen menschlichen Natur. Dass Golding, durchaus verständlich, sein privates Trauma in die zeitlose menschliche Natur projiziert, muss man ihm gar nicht unterstellen, er sagt es selbst. Mit Herr der Fliegen habe er seine Erfahrungen als englischer Marineoffizier während des Zweiten Weltkriegs verarbeiten wollen – und diese Erfahrungen haben ihn zum Welt- und Menschenzweifler gemacht. »Für mich war dieser Roman die einzige Möglichkeit, der Erinnerung des Kriegs zu entkommen, ohne für immer zu einem seelischen Krüppel zu werden.«