Zugegeben: Ich habe mein Deutsch weitgehend beim Entziffern der Blechtrommel gelernt. Die Wirkung der wenig vertrauten Sprache, der halb vertrauten Landschaft, der magischen Bilder und verruchten Szenen im Danziger Kasperletheater war auf einen 18-Jährigen enorm.

Die beiden ersten Teile – die deutsch-polnische Freistadt und die heim ins Reich geholte Nazi-Stadt – verschlang ich. Durch meine Breslauer Kindheit war ich für das deutsche Ambiente gut präpariert. Die Nachkriegszeit ließ mich dann – mit Ausnahme der Zwiebelkeller – eher kalt. Düsseldorf lag ja auf einem anderen Planeten. Der widerborstige Oskar Matzerath weckte Entsetzen, Neugier und Mitleid. Seine polnische Beimischung mochte beim deutschen Leser einen zusätzlichen Verfremdungseffekt haben. Beim polnischen Germanistikstudenten schuf sie eine diffuse Nähe.

Die Blechtrommel erschien 1959 – genau zwanzig Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen. Der Beschuss der Polnischen Post und die Ermordung ihrer Verteidiger sind einer der Höhepunkte des Romans. Die in einer Irrenanstalt aufgeschriebene Lebensgeschichte eines kauzigen Schelms, der mit drei Jahren zu wachsen aufhörte, leidenschaftlich eine Blechtrommel schlug, Glas zersang, von Gleichaltrigen malträtiert wurde, sich die Welt der Erwachsenen aus der Genitalhöhe anschaute und am Tod seiner Mutter wie auch seiner beiden – faktischen und vermutlichen – Erzeuger, eines Polen und eines Deutschen, mitschuldig war, der in einem Fronttheater der Wehrertüchtigung diente, nach dem Krieg sein – inzwischen polnisch gewordenes – Danzig verlassen musste, aber auch wollte, und in Westdeutschland als Hungerkünstler leidlich angekommen war, schlug in der Öffentlichkeit wie eine Bombe ein. Dieser Roman wurde zum Lackmuspapier eines Stimmungsumschwungs in der »Adenauer-Republik«, mit ihrer stillen Absolution für Täter und Mitläufer, ihrer betulichen Ästhetik konservativen Glattredens und den alt-neuen Feindbildern des minderwertigen (slawischen) und zugleich bedrohlichen (sowjetischen) Ostens.

Ein Kapitel, vorgetragen auf einer Sitzung der Gruppe 47, machte Furore. Danach wurde Die Blechtrommel mit Goethes Wilhelm Meister, James Joyce’ Ulysses, auch mit Thomas Manns Doktor Faustus in einem Atemzug genannt. Grass’ Gegner sahen dagegen nur stilistische Ungereimtheiten, unerträgliche Reihungen, Unbeholfenheit im Aufbau einer stringenten Handlung und die Unfähigkeit des Autors, Scherenschnitte zu Charakteren zu erweitern. Und für die besonders militanten war alles nur Blasphemie, Pornografie und Nihilismus.

Lob und Tadel verhalfen zu gewaltigem Erfolg. Und die »Stellen« des Romans – die Zeugung unter den vier Röcken, das Brausepulver, der Pferdekopf, das Skatspiel im Keller der Polnischen Post, die gestörte Nazi-Parade und das beim Herunterschlucken stecken gebliebene Parteiabzeichen – wurden zu Chiffren einer überbordenden Fantasie und zu Geheimtipps der Tabuverletzung.

Heute weiß man nicht mehr so recht, weshalb einem die stärksten Brocken der Blechtrommel im Unterbewusstsein haften geblieben sind. Wegen des Staccatos der barocken Schachtelsätze? Oder sind es Bilder und Laute der Verfilmung von Volker Schlöndorff – mit dem genialen Kreischen von David Bennent, dem verträumten Charme von Angela Winkler, der kompakten Energie von Mario Adorf und der flatterhaften Leidenschaft von Daniel Olbrychski? Doch so sehr der Film dem Buch zu bleibendem Erfolg verholfen hat, er ist eben eine meisterhafte Verfilmung der grandiosen literarischen Vorlage.

Zum Mythos verhalfen der Blechtrommel aber auch ihre verbissenen Gegner. In Westdeutschland empörte Ideologen der CDU/CSU, die Grass als Pinscher, Jugendverderber und Gotteslästerer verunglimpften. In der DDR die Ideologen des sozialistischen Realismus, für die Groteske, abrupte Zeitverschiebungen und Ideologieferne allesamt Todsünden waren. Und in Polen waren es die gewöhnlichen nationalkommunistischen Gralshüter, die – nachdem die ersten Fragmente der Blechtrommel bereits 1959 auf Polnisch erschienen waren – es dem Autor nicht verziehen, dass er die Verteidiger der Polnischen Post zu skatspielenden Feiglingen stilisierte und sich die Feststellung erdreistete, die Rotarmisten hätten das 1945 eroberte Danzig angezündet und deutsche Frauen vergewaltigt.