Auf dem Foto sieht er aus wie die Onkel meiner Kindheit. Schütteres Haar und dicklich, mit kurzärmligem Hemd und einer freundlichen, aber abwartenden Miene. Eigentlich fehlt nur die Zigarettenschachtel in der Brusttasche. Die Ray-Ban-Brille verrät ausländische Gewohnheiten, das Pferd, auf dem er sitzt, und die karge Natur hinter ihm deuten auf südliches Gelände. Es ist ein Junitag Mitte des 20. Jahrhunderts, und Giorgos Seferis (1900 bis 1971) hat noch dreizehn Jahre bis zum Nobelpreis.

Gleichaltrig mit dem Jahrhundert, ist der griechische Dichter und Diplomat auf dem Weg zu seinem Ursprung. Nach ein paar Jahren an der Botschaft in Ankara will er einen Abschied der besonderen Sorte nehmen. Auf einen neuen Posten wartend, macht er im Jeep einen Ausflug mit einem schwedischen Kollegen. Eine 2876 Kilometer lange, dieselstinkende Fahrt zur türkischen Mittelmeerküste und zurück. Das Ziel: die Ausgrabungen eines schwedischen Archäologen bei Labranda und die Heimat des Homer. Die versteckte Absicht: die Trümmer von Seferis’ Kindheit im jetzigen Izmir aufzusuchen.

Ionische Reise ist ein Tagebuch, so dünn, dass es in die Brusttasche eines griechischen Onkels passen würde. Auf 60 Druckseiten berichtet der Dichter über die beiden Reisen, die er machte, ehe er 1951 eine Stelle an der Botschaft in London antrat. Es sind Fahrten in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Hier finden sich Reminiszenzen und Zikaden, Spiegeleier und die besondere Qual, die Griechen kaimos nennen und von der Seferis meint, sie sei unübersetzbar. Dieses von Schmerz durchdrungene Gefühl ist zugleich ein körperliches Erlebnis der Differenz – nicht zuletzt zwischen dem, was war, und dem, was ist. Es kommt nicht von außen wie ein Speerstoß, sondern sticht einen im Inneren. Plötzlich wird dem Ich klar, aus welchem Vermissen es besteht.

Am siebten Tag der Reise trifft dieses Gefühl Seferis. Man hat gerade Ephesos hinter sich gelassen, das Auge ist müde und »nimmt nichts mehr auf«. Nun nähert sich der Jeep Seferis‘ Geburtsort. »Danach gen Smyrna: vertraute Luft, ein vertrauter ländlicher Stil und der Duft der Kräuter. Dann tritt dir ganz allmählich, von innen her, die in der Erinnerung so bekannte, jetzt so unbekannte Stadt ins Bewußtsein – mein Gott, was mache ich nur.«

An der Schwelle zum Ersten Weltkrieg war Seferis’ Familie nach Athen gezogen. Der Vater hatte erkannt, dass es nur eine Zeitfrage war, bis man die griechische Minderheit vertreiben würde. Acht Jahre später: die Katastrophe. Im verrückten September 1922 brannte Smyrna. Nun sieht Seferis sein altes Wohnviertel zum ersten Mal wieder. »Nach dem Essen zwei Schritte zum Platz unseres Hauses: Das Nichts. Dann noch ein paar Schritte zum ›Kai‹. Du entzifferst mit Mühe erloschene Buchstaben. Ich bin ganz woanders.«

Ionische Reise gestaltet den Abstand zwischen damals und jetzt, allem und nichts, Ich und Du, aus dem der Schreibende besteht. »Die Götter kann man vertreiben, die Gesten der Verehrung aber verschwinden nicht so leicht.« Seferis übt sich in Diesseits-Gestik. Sein Tagebuch versucht nicht das, was war, sondern das Verschwinden selbst festzuhalten. Dadurch bekommt der Text seine Unbestechlichkeit, dazu eine Dringlichkeit ohne Nostalgie. Im Original heißt das Büchlein schlicht Tage. Die entfliehende Zeit war für seinen Autor zugleich die Zeit des Fliehens. »Flüchtlingsdasein wieder und wieder«, heißt es in einem Eintrag, ergänzt um ein abgewandeltes Homer-Zitat: »wie das Geschlecht der Früchte«. Eine diskrete Korrektur. Denn die Stelle in der Iliade spricht vom »Geschlecht der Blätter«. Seferis’ Tagebuchblätter zeigen, dass auch die Vergänglichkeit Früchte trägt.