ComicBoom!

Comics sind Männersache, oder? Nicht mehr: Jetzt organisieren sich Künstlerinnen in einer eigenen Plattform – "Womanthology".

Zeichnung von Ashlee Brienzo Lentini

Zeichnung von Ashlee Brienzo Lentini

Manchmal fängt eine gute Geschichte ganz unspektakulär an. Mit einem Tweet zum Beispiel. Den schickte die amerikanische Comickünstlerin Renae De Liz am 17. Mai des vergangenen Jahres hinaus mit der Frage, wer bei einer Anthologie mitmachen will, die ausschließlich die Arbeiten von Frauen zeigen sollte. Kurz darauf wurde klar, dass diese Geschichte schnell Fahrt aufnehmen würde – noch am selben Tag kamen 100 Rückmeldungen, binnen einer Woche war eine Website zu dem Projekt Womanthology eingerichtet. Irgendetwas muss in der Luft gelegen haben. Auf Kickstarter, der Onlineplattform zur Finanzierung unabhängiger Kulturprojekte, brach Womanthology alle Rekorde. In weniger als 24 Stunden hatte das Projekt sein Finanzierungsziel von 25.000 Dollar erreicht – und damit die Druckkosten gesichert –, am Ende der Kampagne waren es 109301 Dollar. Der Comicverlag IDW war bereit, den Band zu veröffentlichen. »Boom!«

Vielleicht hatte sich da ja schon etwas angestaut bei Frauen, die in der Branche arbeiten oder Comics lesen. Denn wie fast jede Form von Geek-Community, das ist kein Geheimnis, ist auch die Mainstream-Comicszene nicht der frauenfreundlichste Ort. In den Geschichten: sexualisierte Atombusen-Ästhetik und eine Sterberate der Protagonistinnen, die so hoch ist, dass die Autorin Gail Simone dafür den Terminus Women in Refrigerators eingeführt hat. Hinter den Kulissen: ein Männer- oder noch eher Jungs-Klub, der Frauen, die das nicht lustig fanden, gerne mal den Humor absprach.

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Die eigentliche Punchline von Womanthology: Frauen waren in der Comicszene schon immer präsent, selbst in der so arg männlich dominierten Superhelden-Ära der 1930er und 1940er. Die Website www.ladiesmakingcomics.com listet über 40 Anthologien allein aus westlichen Ländern, und auch der Band selbst dokumentiert das mit einem Kapitel zu Pionierinnen der Comicgeschichte wie Tarpe Mills oder Nell Brinkley. Nur mit der Sichtbarkeit und der Geschichtsschreibung hapert es oft. Wie viele erinnern sich heute schließlich noch an Nell Brinkleys legendäre Brinkley Girls oder an die von Mills erfundene Wonder-Woman-Vorgängerin Miss Fury!

Deswegen ist der Ansatz von Womanthology – Geschichtsschreibung plus Netzwerken – auch so goldrichtig. Mehr als 150 Frauen haben an dem Band mitgearbeitet, Texterinnen, Zeichnerinnen, Koloristinnen... – die jüngste ist gerade mal zehn, die älteste 70. Für die Geschichten wurde, ganz klassisches Mentoring-Prinzip, je eine Veteranin mit einer Newcomerin zusammengespannt – etwa Gail Simone, Autorin für Wonder Woman und Batgirl, mit der jungen Zeichnerin Jean Kang. Ihre Geschichte In Every Heart a Masterwork über eine kleine Heldin, die die grimmen Monster- und Zombie-Comics ihres älteren Bruders mit eigenen Dialogen, Glitzersternchen und selbst gemalten Ponys »verbessert«, ist eine der schönsten des Bandes. Und bringt gleich prägnant auf den Punkt, worum es hier (auch) geht: Frauen, Mädchen und ihre Perspektiven in Comics einzuschreiben und junge Talente zu ermutigen, selbst den Stift in die Hand zu nehmen. (Für Letzteres wartet der Band im hinteren Teil mit einem zusätzlichen Kapitel auf, in dem Expertinnen erklären, wie man ein Comic-Skript schreibt, Figuren am Computer zeichnet oder die Texte und Sprechblasen richtig setzt.)

Das auffälligste Merkmal für alle, die regelmäßig Comics konsumieren, ist die massive Perspektivenverschiebung, die stattfindet. In fast allen Geschichten stehen Heldinnen im Mittelpunkt, sie erscheinen in allen Altersklassen, Hautfarben und Körperformen (eine willkommene Abwechslung zu den wider jedes Gesetz der Schwerkraft verstoßenden Kurven, die das Genre sonst dominieren), und die Monster, gegen die sie kämpfen, scheinen sehr vertraut. Da ist die pummelige Heldin, die sich, von einer Freundin ermutigt, traut, den Badeanzug stolz zu tragen. Das Mädchen, das alles versucht, um das gebrochene Herz einer Freundin vor einem monströsen Exfreund zu schützen, oder die Heldin, die feststellt, dass es keiner Superkräfte bedarf, um heroisch zu handeln.

Darüber hinaus ist die größte Stärke von Womanthology die ungeheure Vielfalt des Bandes. Die Stile reichen von Retro-Ästhetik, die sich an die 1940er Jahre anlehnt, über düstere Radierungen und Aquarellzeichnungen, die eher an künstlerische Graphic Novels erinnern, bis zu knalligen Mangas. Die Geschichten spielen in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Mütter retten die Menschheit, Schneewittchen küsst ihren Prinzen wach, und die alleinstehende ältere Frau, die vorgibt, nachts alleine zu Hause romantische Literatur zu lesen, kämpft in Wirklichkeit in Cape und Anzug gegen das Böse in der Stadt (Ming Doyles The Spinster).

Leserkommentare
    • urr
    • 31.07.2012 um 11:36 Uhr

    Bitte gewöhnt euch doch an, Links zu beschriebenen Seiten mit in den Artikel zu integrieren oder sonstwie in die Seite einzubinden.

    http://womanthology.blogs...
    https://twitter.com/Woman...

  1. Redaktion
    2. Links

    Sehr geehrte/r urr,

    wir achten eigentlich sehr darauf, die genannten Websites auch zu verlinken. In diesem Fall haben wir es vergessen und bedanken uns für den Hinweis.

    Viele Grüße aus der Redaktion!

  2. Ich finde diese Entwicklung eher ein wenig schade. Anstatt dass sich die Künstler mal überlegen, wie sie Comics und Mangas schaffen, wo sowohl die weiblihen als auch die männlichen Charaktere Tiefgang haben, wird mal wieder geschlechtergetrennt vor sich hin gearbeitet.

    Wenn man sich in Japan beispielsweise die shonen mangas anschaut, dann bemerkt man schnell, dass die weiblichen Charaktere dort meist extrem schlecht ausgearbeitet sind und kaum Relevanz für die Story haben.
    In seinen ist das meist ein wenig besser.

    2 Leserempfehlungen
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    "In seinen ist das meist ein wenig besser"
    In wessen?? Meinen sie damit, dass männliche Comic/Mangazeichner weibliche Charaktere besser darstellen? Oder wie/was?
    Außerdem was heißt "...wird mal wieder geschlechtergetrennt vor sich hingearbeitet"?
    Die Tatsache, dass hier explizit eine Plattform für junge Comiczeichnerinnen geschaffen wurde, halte ich für durchaus sinnvoll. So etwas inspiriert, motiviert und bringt vielleicht die ein oder andere gute Zeichnerin auf ihren Weg! Soweit ich das beurteilen kann, ist das Gros der Comicmacher doch männlich.

    "In seinen ist das meist ein wenig besser"
    In wessen?? Meinen sie damit, dass männliche Comic/Mangazeichner weibliche Charaktere besser darstellen? Oder wie/was?
    Außerdem was heißt "...wird mal wieder geschlechtergetrennt vor sich hingearbeitet"?
    Die Tatsache, dass hier explizit eine Plattform für junge Comiczeichnerinnen geschaffen wurde, halte ich für durchaus sinnvoll. So etwas inspiriert, motiviert und bringt vielleicht die ein oder andere gute Zeichnerin auf ihren Weg! Soweit ich das beurteilen kann, ist das Gros der Comicmacher doch männlich.

  3. "Auf Kickstarter, der Onlineplattform zur Finanzierung unabhängiger Kulturprojekte, brach Womanthology alle Rekorde. In weniger als 24 Stunden hatte das Projekt sein Finanzierungsziel von 25.000 Dollar erreicht – und damit die Druckkosten gesichert –, am Ende der Kampagne waren es 109301 Dollar."

    Kickstarter ist weder eine Plattform zur Finanzierung unabhängiger Kulturprodukte, noch dürfte dieses Projekt der Bruch aller dortigen Rekorde gewesen sein. (Es gab schon einige Projekte, die gut siebenstellig endeten und mindestens eins sogar achtstellig)

    Wenn die Frauen unbedingt in die Marktnische, in der Geschichten über "die pummelige Heldin, die sich, von einer Freundin ermutigt, traut, den Badeanzug stolz zu tragen" gefragt sind, dann ist das ihre Wahl. Nur vermute ich, dass die Nische auf Dauer etwas eng ist.

    Auf Kickstarter haben fast alle Anbieter, die mit schönen Versprechen und Präsentationen die Hürde des Geldeinsammelns übersprungen haben, den Beweis des Tuns noch vor sich. Da wird es noch reichlich Tränen geben, wenn sich die Spreu vom Weizen trennt.

    4 Leserempfehlungen
  4. noch eine Quelle von vielen für die kritischen Anmerkungen
    bzgl. "Rekorde"
    http://www.kickstarter.co...

  5. "In seinen ist das meist ein wenig besser"
    In wessen?? Meinen sie damit, dass männliche Comic/Mangazeichner weibliche Charaktere besser darstellen? Oder wie/was?
    Außerdem was heißt "...wird mal wieder geschlechtergetrennt vor sich hingearbeitet"?
    Die Tatsache, dass hier explizit eine Plattform für junge Comiczeichnerinnen geschaffen wurde, halte ich für durchaus sinnvoll. So etwas inspiriert, motiviert und bringt vielleicht die ein oder andere gute Zeichnerin auf ihren Weg! Soweit ich das beurteilen kann, ist das Gros der Comicmacher doch männlich.

    Antwort auf "Nuja..."
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    Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kommentarschreiber von "Seinen" als Manga für (junge) erwachsene Männer spricht und nicht von seinen als Possesivpronomen.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kommentarschreiber von "Seinen" als Manga für (junge) erwachsene Männer spricht und nicht von seinen als Possesivpronomen.

  6. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Kommentarschreiber von "Seinen" als Manga für (junge) erwachsene Männer spricht und nicht von seinen als Possesivpronomen.

    2 Leserempfehlungen
  7. Liebe Redaktion,

    mir kam's vor, als hätte ich den Artikel schon einmal gelesen. Offenbar war ich nicht der einzige:

    http://www.comicgate.de/W...

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    Pressemappe bzw. dem gleichen Info-Pool bedienen, dann kommt natürlich auch sehr Ähnliches zustande (wobei ich mal den Plagiatsvorwurf nicht so zutreffend sehe).
    Wenn aber die verschiedenen Anbieter gleiche bis identische Texte anbieten, wird es schwer, sich im Wettbewerb qualitativ abzuheben.
    Peinlich dagegen wird es dann, wenn man selbst noch ein paar stärkere Akzente setzen will um die Story aufzupeppen und damit danebenliegt (s. brach alle Kickstarter-Rekorde).
    Und vollends peinlich ist die Quellenangabe "Zeit vom 19.7.). Mittlerweile ist es Journalisten und Redakteuren scheinbar nicht mehr klar, was eine Quelle ist und/oder man hat schlicht und ergreifend keine Zeit mehr für eigene Recherche, Quellencheck und Faktenkontrolle.
    Womit wir wieder bei der Qualtät wären.

    Pressemappe bzw. dem gleichen Info-Pool bedienen, dann kommt natürlich auch sehr Ähnliches zustande (wobei ich mal den Plagiatsvorwurf nicht so zutreffend sehe).
    Wenn aber die verschiedenen Anbieter gleiche bis identische Texte anbieten, wird es schwer, sich im Wettbewerb qualitativ abzuheben.
    Peinlich dagegen wird es dann, wenn man selbst noch ein paar stärkere Akzente setzen will um die Story aufzupeppen und damit danebenliegt (s. brach alle Kickstarter-Rekorde).
    Und vollends peinlich ist die Quellenangabe "Zeit vom 19.7.). Mittlerweile ist es Journalisten und Redakteuren scheinbar nicht mehr klar, was eine Quelle ist und/oder man hat schlicht und ergreifend keine Zeit mehr für eigene Recherche, Quellencheck und Faktenkontrolle.
    Womit wir wieder bei der Qualtät wären.

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