Elektroschocktherapie : Gehirn unter Strom

Wenn nichts mehr hilft, kann die Elektroschocktherapie schwer Depressive aus ihrer Krankheit befreien. Langsam verstehen Hirnforscher jetzt auch, warum.

Einem schwer depressiven Patienten Stromschläge in das Gehirn zu leiten, das klingt martialisch. Wer zudem weiß, dass Psychiatriepatienten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein diese Methode oft gegen ihren Willen ertragen mussten, verbindet mit dem Begriff Elektroschock ein ungutes Gefühl.

Und doch gibt es immer wieder Fälle, in denen Menschen trotz Psychotherapie und moderner Medikamente aus ihrer tiefen Depression nicht mehr hinausfinden – und nach einer Elektroschockbehandlung dann Linderung verspüren.

Die Elektrokrampftherapie (EKT) sei »für bestimmte psychiatrische Erkrankungen die bestmögliche Behandlung«, stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer schon 2003 fest und bezog damit entschieden Stellung zum Thema. »Die immer wieder gezielt in die Öffentlichkeit getragene Darstellung der Elektrokrampftherapie als veraltete, überholte oder gar inhumane und grausame Behandlungsmethode ist falsch und beruht weitgehend auf einer mangelhaften Information«, hieß es in dem Papier. Eine moderne Elektrokrampftherapie hat heute nicht mehr viel gemein mit dem, was in der Frühzeit der Psychiatrie vonstatten ging. Der Patient bekommt im Vorfeld Medikamente verabreicht, die seine Muskeln entspannen, und befindet sich während der Behandlung in Vollnarkose. Anders als der Name »Krampftherapie« besagt, lösen die Strompulse also keine Zuckungen mehr aus. Die Methode sei daher, wie die Bundesärztekammer feststellte, »im Verhältnis zum angestrebten Therapieerfolg mit einem geringen Risiko verbunden«. Ungefähr 4.000 Patienten werden jedes Jahr in Deutschland mit dieser Therapieform behandelt – Tendenz: steigend. Doch eine Frage ließen die Experten der Bundesärztekammer damals offen: Wieso hilft die Methode eigentlich?

Vor zwei Jahren stellten Forscher der Washington University in St. Louis fest, dass in den Gehirnen depressiver Patienten bestimmte Areale stärker miteinander kommunizieren als bei gesunden Probanden. Neurologen bezeichnen dieses Phänomen als Hyperkonnektivität. Im Mittelpunkt des überaktiven Netzwerks tauchte immer wieder ein Punkt auf, den die Wissenschaftler »dorsalen Nexus« tauften. Dieser Punkt, vermuteten die Forscher, müsse eine kritische Rolle bei der Entstehung depressiver Symptome spielen. Wahrscheinlich funktioniere er wie ein Kurzschluss zwischen den beteiligten Arealen. Daraus folgerten sie: Wenn sich die erhöhte Konnektivität irgendwie reduzieren ließe, stelle das einen möglichen Ansatz für eine Therapie dar.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Elektroschocktherapie genau dies leistet. Das wies der Neurowissenschaftler Christian Schwarzbauer an der britischen University of Aberdeen bei einer Gruppe von neun depressiven Patienten nach, die er im Kernspintomografen untersuchte. Zunächst fand er, wie erwartet, bei den Patienten die bereits beschriebene Übervernetzung. Nachdem sie eine Elektrokrampftherapie erhalten hatten, schob Schwarzbauer sie erneut in die Röhre. Nun hatte die Hyperkonnektivität drastisch abgenommen. Und mehr noch: Je stärker die EKT das überaktive Netzwerk von Hirnregionen heruntergefahren hatte, desto besser fühlten sich die Patienten. »Seit siebzig Jahren wurde die Methode angewendet, ohne dass man wusste, was sich dadurch verändert«, sagt Christian Schwarzbauer. »Wir konnten zum ersten Mal zeigen, was die Elektrokrampftherapie mit dem Gehirn eigentlich anstellt.«

Den Befürwortern der Elektroschocks kommen die neuen Erkenntnisse gelegen. Nun können sie zumindest den Vorwurf abschmettern, sie würden blind drauflos therapieren. Lückenlos aufgeklärt ist die rätselhafte Wirkung der EKT damit allerdings noch nicht. Es bleibt die Frage: Wieso verändert ein relativ ungezielter Stromstoß im Gehirn genau die funktionelle Architektur, die im Zentrum der depressiven Symptomatik steht?

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Polemik vom feinsten

Ihr Kommentar trieft vor Polemik und ist einfach inhaltlich falsch. Es geht hier um eine etablierte, wissenschaftlich überprüfte Therapie, die mit den menschenverachtenden Experimenten von vor 100 Jahren (bei denen auch die Lobotomie einzuordnen ist) nichts mehr zu tun hat. Wenn Sie nicht in der Lage sind, einen solchen Artikel zu lesen und zu verstehen, sollten Sie vielleicht keine unsinnigen Kommentare dazu schreiben. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

Gemüse II

Danke, war auch polemisch gemeint. Ich halte es einfach für unverantwortlich wenn Menschen, die an seelischen Krankheiten leiden, mit Elektroshocks, Drogen und Fixierungen in 'Gemüse' verwandelt werden.

Wie soll jemand mit einer sog. psychischen Störung wieder gesund werden, wenn seine Hirnpysiologie mit "ungerichteten Stromstößen" und chemischen Substanzen aller Art dauerhaft geschädigt wird?

Mein Mitleid gilt jenen, die diesen vermeindlichen "Ärzten" ausgeliefert sind und von ihnen mit kalter Rationilität zugrundegerichtet werden.

Auf Polemik auch noch stolz zu sein...

... das ist schon sehr bedenklich. Außerdem ist Ihr Kommentar in mehr als einer Hinsicht einfach nur lächerlich.

Zeigen Sie doch bitte schlüssig, dass die von Ihnen genannten Therapien (die Sie alle ohne Sinn und Verstand in einen Topf werfen) wirklich dauerhafte Effekte haben, welche nach Absetzen der Therapie bestehen bleiben, und dann bitte noch, dass diese dauerhaften Auswirkungen schädlich sind.

Wenn Sie dann noch eine vernünftige Alternative als Behandlungsmethode nennen können, deren Wirksamkeit erwiesen ist, dann kann man vielleicht anfangen, Sie ernst zu nehmen.

Und was bitte haben Sie gegen Rationalität? Wäre es Ihnen lieber, wenn Ihr Arzt seine Entscheidungen, wie er Sie behandeln will, auf irrationale Art und Weise trifft? "Sie kriegen von mir jetzt die rote Tablette, weil, hm, naja, warum nicht? Man muss ja nicht alles begründen können."

Bei soviel fehlgeleiteter Skepsis kann man echt nur den Kopf schütteln...

Rückschritt

Die Lobhudelei auf EKT ist ein herber Rückschritt, ein Rückfall in finstere Zeiten. EKT ist ein vor allem ein Fetisch.

Ich empfehle die Lektüre von John Read & Richard Bertall: The effectiveness of electroconvulsive therapy: A literature review. In: Epidemiology and Psychiatric Sciences. 19, Nr. 04, Dezember 2010

Zitat:

Results - These placebo controlled studies show minimal support for effectiveness with either depression or ‘schizophrenia’ during the course of treatment (i.e. only for some patients, on some measures, sometimes perceived only by psychiatrists but not by other raters), and no evidence, for either diagnostic group, of any benefits beyond the treatment period. There are no placebo-controlled studies evaluating the hypothesis that ECT prevents suicide, and no robust evidence from other kinds of studies to support the hypothesis.

Conclusions - Given the strong evidence [...] of persistent and, for some, permanent brain dysfunction, primarily evidenced in the form of retrograde and anterograde amnesia, and the evidence of a slight but significant increased risk of death, the cost-benefit analysis for ECT is so poor that its use cannot be scientifically justified.

Licht ins Dunkel

Das mit der Quellennennung finde ich toll, ist auch ein gutes Argument, mal selbst tätig zu werden und nachzulesen!

Der genannte Artikel ist als Literature Review bestimmt ein guter Ausgangspunkt, um sich einzulesen, allerdings sollte vielleicht als Gegenpol auch noch etwas methodisch "handfesteres" gegengelesen werden:

The UK ECT Review Group (2003)
"Efficacy and safety of electroconvulsive therapy in depressive disorders: a systematic review and meta-analysis"
The Lancet 361, (9360), 799-808.

Dass EKT eine Ausnahmelösung für Patienten sein sollte, bei denen keine andere Therapie hilft, und die sich damit aufgeklärt einverstanden erklären, finde ich allein schon aufgrund der Anästhesie klar.

Der kranke Forscher

Die Gesamtleistung des Gehirns wird mit einer Schocktherapie heruntergefahren und da wundert man sich, dasss die Interkonnektivität abnimmt?! Wenn man das liest kommt einem nur ein Gedanke: seid ihr nicht ganz dicht! Da die Ursachen der Depression bis heute nicht geklärt sind und sämtliche Therapieansätze auf Vermutungen, bestenfalls Annäherungen, beruhen, darf und muss dieser Therapieansatz als das bezeichnet werden, was er schon immer war: ein Experiment am lebenden Forschungsobjekt. Welche Krankheit Forscher zu solchen Methoden treibt, kann nur vermutet werden.