ElektroschocktherapieGehirn unter Strom

Wenn nichts mehr hilft, kann die Elektroschocktherapie schwer Depressive aus ihrer Krankheit befreien. Langsam verstehen Hirnforscher jetzt auch, warum. von Josephina Maier

Einem schwer depressiven Patienten Stromschläge in das Gehirn zu leiten, das klingt martialisch. Wer zudem weiß, dass Psychiatriepatienten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein diese Methode oft gegen ihren Willen ertragen mussten, verbindet mit dem Begriff Elektroschock ein ungutes Gefühl.

Und doch gibt es immer wieder Fälle, in denen Menschen trotz Psychotherapie und moderner Medikamente aus ihrer tiefen Depression nicht mehr hinausfinden – und nach einer Elektroschockbehandlung dann Linderung verspüren.

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Die Elektrokrampftherapie (EKT) sei »für bestimmte psychiatrische Erkrankungen die bestmögliche Behandlung«, stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer schon 2003 fest und bezog damit entschieden Stellung zum Thema. »Die immer wieder gezielt in die Öffentlichkeit getragene Darstellung der Elektrokrampftherapie als veraltete, überholte oder gar inhumane und grausame Behandlungsmethode ist falsch und beruht weitgehend auf einer mangelhaften Information«, hieß es in dem Papier. Eine moderne Elektrokrampftherapie hat heute nicht mehr viel gemein mit dem, was in der Frühzeit der Psychiatrie vonstatten ging. Der Patient bekommt im Vorfeld Medikamente verabreicht, die seine Muskeln entspannen, und befindet sich während der Behandlung in Vollnarkose. Anders als der Name »Krampftherapie« besagt, lösen die Strompulse also keine Zuckungen mehr aus. Die Methode sei daher, wie die Bundesärztekammer feststellte, »im Verhältnis zum angestrebten Therapieerfolg mit einem geringen Risiko verbunden«. Ungefähr 4.000 Patienten werden jedes Jahr in Deutschland mit dieser Therapieform behandelt – Tendenz: steigend. Doch eine Frage ließen die Experten der Bundesärztekammer damals offen: Wieso hilft die Methode eigentlich?

Vor zwei Jahren stellten Forscher der Washington University in St. Louis fest, dass in den Gehirnen depressiver Patienten bestimmte Areale stärker miteinander kommunizieren als bei gesunden Probanden. Neurologen bezeichnen dieses Phänomen als Hyperkonnektivität. Im Mittelpunkt des überaktiven Netzwerks tauchte immer wieder ein Punkt auf, den die Wissenschaftler »dorsalen Nexus« tauften. Dieser Punkt, vermuteten die Forscher, müsse eine kritische Rolle bei der Entstehung depressiver Symptome spielen. Wahrscheinlich funktioniere er wie ein Kurzschluss zwischen den beteiligten Arealen. Daraus folgerten sie: Wenn sich die erhöhte Konnektivität irgendwie reduzieren ließe, stelle das einen möglichen Ansatz für eine Therapie dar.

Was ist eine Depression?

Zuallererst ist es wichtig, eine echte Depression von einer depressiven Verstimmung zu unterscheiden. Melancholische Phasen, Trauer und schlechte Laune kennt jeder Mensch. Eine Depression dagegen ist eine Erkrankung, die mit Medikamenten behandelt werden muss – und kann.

Zwar sind die Grenzen zwischen der depressiven Verstimmung und der Erkrankung Depression fließend – ein Psychiater kann aber meist eine recht klare Diagnose stellen.

Mit einer echten Depression gehen meist körperliche Symptome einher: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme und anderes. Die Betroffenen sind antriebslos und können zum Teil den einfachen Alltag nicht bewältigen. Sie haben die Fähigkeit verloren, sich zu freuen.

Diese Patienten können Probleme nicht mehr richtig einschätzen. Sie empfinden ihre Lage als aussichtslos – egal ob das objektiv so ist. Manch Leidenden plagen Suizidgedanken. Guter Zuspruch, Erholung und Ablenkung helfen Depressiven in diesem Stadium nicht mehr. Nur ein Arzt kann dann helfen.

Das Kompetenznetz Depression bietet einen Selbsttest an, der erste Hinweise liefert.

Ursachen der Krankheit

Depressionen entstehen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren – und nicht alle Ursachen sind gut erforscht.

Eine erbliche Veranlagung spielt ebenso eine Rolle wie Umweltfaktoren. Stress, traumatische Erlebnisse und schwierige Lebenssituationen können den Ausbruch einer Depression begünstigen. Umgekehrt sind die Menschen sozial stark benachteiligt, die an einer depressiven Erkrankung leiden. Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und sogar Obdachlosigkeit können die Folge sein.

Bei Menschen mit Depression ist auch der Stoffwechsel im Gehirn verändert. Der Kreislauf von Botenstoffen, die die Stimmung beeinflussen, ist gestört. Hier setzen fast alle Medikamente an, die Depressiven helfen können.

Die gute Nachricht

Einmal diagnostiziert können Depressionen heute gut behandelt werden. Häufig ist eine Kombination aus einer Medikamenten- und Psychotherapie sinnvoll. In schweren Fällen ist ein Aufenthalt in einer Klinik nötig.

Die früher sehr umstrittenen Psychopharmaka gelten heute als unverzichtbar für eine erfolgreiche Therapie. Moderne Mittel haben weniger Nebenwirkungen als früher.

Nur bei einer leichten depressiven Verstimmung reicht eine Psychotherapie aus. Deshalb raten Experten den Angehörigen, möglichst früh einen Arzt hinzuzuziehen. Je früher die Depression erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen.

Das Deutsche Bündnis gegen Depression und das Kompetenznetz Depression bietet Informationen für Betroffene und Angehörige. Das Psychiatrienetz informiert im Auftrag mehrerer Fachverbände über psychische Erkrankungen.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Elektroschocktherapie genau dies leistet. Das wies der Neurowissenschaftler Christian Schwarzbauer an der britischen University of Aberdeen bei einer Gruppe von neun depressiven Patienten nach, die er im Kernspintomografen untersuchte. Zunächst fand er, wie erwartet, bei den Patienten die bereits beschriebene Übervernetzung. Nachdem sie eine Elektrokrampftherapie erhalten hatten, schob Schwarzbauer sie erneut in die Röhre. Nun hatte die Hyperkonnektivität drastisch abgenommen. Und mehr noch: Je stärker die EKT das überaktive Netzwerk von Hirnregionen heruntergefahren hatte, desto besser fühlten sich die Patienten. »Seit siebzig Jahren wurde die Methode angewendet, ohne dass man wusste, was sich dadurch verändert«, sagt Christian Schwarzbauer. »Wir konnten zum ersten Mal zeigen, was die Elektrokrampftherapie mit dem Gehirn eigentlich anstellt.«

Den Befürwortern der Elektroschocks kommen die neuen Erkenntnisse gelegen. Nun können sie zumindest den Vorwurf abschmettern, sie würden blind drauflos therapieren. Lückenlos aufgeklärt ist die rätselhafte Wirkung der EKT damit allerdings noch nicht. Es bleibt die Frage: Wieso verändert ein relativ ungezielter Stromstoß im Gehirn genau die funktionelle Architektur, die im Zentrum der depressiven Symptomatik steht?

Leserkommentare
    • Krizzz
    • 31. Juli 2012 13:52 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Kommentaren an der Debatte. Danke, die Redaktion/ds

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    Ihr Kommentar trieft vor Polemik und ist einfach inhaltlich falsch. Es geht hier um eine etablierte, wissenschaftlich überprüfte Therapie, die mit den menschenverachtenden Experimenten von vor 100 Jahren (bei denen auch die Lobotomie einzuordnen ist) nichts mehr zu tun hat. Wenn Sie nicht in der Lage sind, einen solchen Artikel zu lesen und zu verstehen, sollten Sie vielleicht keine unsinnigen Kommentare dazu schreiben. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

  1. Die Lobhudelei auf EKT ist ein herber Rückschritt, ein Rückfall in finstere Zeiten. EKT ist ein vor allem ein Fetisch.

    Ich empfehle die Lektüre von John Read & Richard Bertall: The effectiveness of electroconvulsive therapy: A literature review. In: Epidemiology and Psychiatric Sciences. 19, Nr. 04, Dezember 2010

    Zitat:

    Results - These placebo controlled studies show minimal support for effectiveness with either depression or ‘schizophrenia’ during the course of treatment (i.e. only for some patients, on some measures, sometimes perceived only by psychiatrists but not by other raters), and no evidence, for either diagnostic group, of any benefits beyond the treatment period. There are no placebo-controlled studies evaluating the hypothesis that ECT prevents suicide, and no robust evidence from other kinds of studies to support the hypothesis.

    Conclusions - Given the strong evidence [...] of persistent and, for some, permanent brain dysfunction, primarily evidenced in the form of retrograde and anterograde amnesia, and the evidence of a slight but significant increased risk of death, the cost-benefit analysis for ECT is so poor that its use cannot be scientifically justified.

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    • toni23
    • 31. Juli 2012 14:49 Uhr

    Das mit der Quellennennung finde ich toll, ist auch ein gutes Argument, mal selbst tätig zu werden und nachzulesen!

    Der genannte Artikel ist als Literature Review bestimmt ein guter Ausgangspunkt, um sich einzulesen, allerdings sollte vielleicht als Gegenpol auch noch etwas methodisch "handfesteres" gegengelesen werden:

    The UK ECT Review Group (2003)
    "Efficacy and safety of electroconvulsive therapy in depressive disorders: a systematic review and meta-analysis"
    The Lancet 361, (9360), 799-808.

    Dass EKT eine Ausnahmelösung für Patienten sein sollte, bei denen keine andere Therapie hilft, und die sich damit aufgeklärt einverstanden erklären, finde ich allein schon aufgrund der Anästhesie klar.

    • toni23
    • 31. Juli 2012 14:49 Uhr

    Das mit der Quellennennung finde ich toll, ist auch ein gutes Argument, mal selbst tätig zu werden und nachzulesen!

    Der genannte Artikel ist als Literature Review bestimmt ein guter Ausgangspunkt, um sich einzulesen, allerdings sollte vielleicht als Gegenpol auch noch etwas methodisch "handfesteres" gegengelesen werden:

    The UK ECT Review Group (2003)
    "Efficacy and safety of electroconvulsive therapy in depressive disorders: a systematic review and meta-analysis"
    The Lancet 361, (9360), 799-808.

    Dass EKT eine Ausnahmelösung für Patienten sein sollte, bei denen keine andere Therapie hilft, und die sich damit aufgeklärt einverstanden erklären, finde ich allein schon aufgrund der Anästhesie klar.

    Antwort auf "Rückschritt"
  2. Die Gesamtleistung des Gehirns wird mit einer Schocktherapie heruntergefahren und da wundert man sich, dasss die Interkonnektivität abnimmt?! Wenn man das liest kommt einem nur ein Gedanke: seid ihr nicht ganz dicht! Da die Ursachen der Depression bis heute nicht geklärt sind und sämtliche Therapieansätze auf Vermutungen, bestenfalls Annäherungen, beruhen, darf und muss dieser Therapieansatz als das bezeichnet werden, was er schon immer war: ein Experiment am lebenden Forschungsobjekt. Welche Krankheit Forscher zu solchen Methoden treibt, kann nur vermutet werden.

  3. Das Gehirn wird gebraten, Vernetzungen werden geschmolzen, Krankheit geheilt, Patient praktisch Nervenamputiert.
    Weiss nicht. Kann ja sein, dass es so einfach ist.

    Eine Leserempfehlung
  4. würd es 1. mit GESUNDER ERNÄHRUNG versuchen (Mineralien, Spurenelemente4, Vitamine, Proteine).
    2. viel Bewegung in der Natur
    3. Angstanalyse
    4. Gesellschaft verändern , denn das darf nicht fehlen (Existenzdruck ruiniert die Psyche und Hartz Vier ist ein "beliebtes" Sprungbrett für Depressionen)
    5. Sowieso Stress abbauen, vermeiden
    6. Proteine wie erwähnt sind wichtig. Tyrosin, Phenylalanin und Tryptophan sind die Hormonbringer. Dafür gibt es Aminosäurepräparate

    Psychopharmaka , naja, also alles was ich gehört habe, ist das SCHRECKLICH. Wenn du die längere Zeit nimmst, wirste davon abhängig. Bitte mal googeln. Das ist im Grunde eine Chemiekeule, die nicht mit der Natur arbeitet sondern dagegen.

    Die Ärzte verschreiben fleissig, aber nur Psychosachen, keine natürlichen Mittel wie oben genannte Proteine.
    Das wäre in vielen Fällen ein Ansatz, in anderen muss man vielerlei beachten. Aber dass eine Psychotherapie die Ernährung als wichtiges Element erachtet, ist mir nicht bekannt. Vermutlich weils nicht so viel Geld bringt.

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    Sie entlarven sich ein wenig durch den Satz: "Psychopharmaka , naja, also alles was ich gehört habe, ist das SCHRECKLICH."

    Vielleicht sollten Sie sich nicht nur auf das verlassen, was sie an schrecklichen Dingen gehört haben, sondern sich einfach mal systematisch informieren. Psychopharmaka sind ein wichtiger Bestandteil der Psychotherapie. Gerade bei Depressionen lässt sich auch viel über Gesprächstherapie erreichen, aber wenn Sie einem Patienten, der bereits versucht hat, Selbstmord zu begehen, mit gesunder Ernährung und ein paar Aminosäurepillen ankommen, dann werden Sie da kaum etwas erreichen. Es gibt Situationen, in denen Psychopharmaka unersetzlich sind. Klar kann das keine Dauerlösung sein, weil die Dinger auch Nebenwirkungen haben, aber hier müssen Nutzen und Risiko klar gegeneinander aufgerechnet werden.

    Und zum Thema Abhängigkeit: würden Sie einen Patienten, der wegen seiner schweren Depression zur Rezidivprophylaxe Antidepressiva nimmt, als abhängig bezeichnen? Würden Sie auch einen Typ-1-Diabetiker, der lebenslang Insulin spritzen muss, als Abhängig bezeichnen? Sicherlich sind diese Menschen in gewisser Weise von ihren Medikamenten abhängig. Allerdings geht es eben manchmal nicht anders.

    Mit Verlaub, aber bitte liebe(r) "Grundgesetz" lesen Sie doch bitte noch mal den Kasten, wo der Unterschied zwischen einer Depression und einer depressiven Verstimmung angerissen wird. Zweiteres wird vielleicht durch einen Hartz4-Minderwerigkeitskomplex ausgeloest und kann mit Fahrradfahren, homaeopathischen Kuegelchen und gaaaanz viel Bluemchenpfluecken behandelt werden. Wer schon mal unter einer echten Depression gelitten hat (oder konfrontiert war), der weiss das Ihre Vorschlaege (mit Verlaub) voelliger Quatsch sind.
    Das ist genau was an der Gesellschaft geaendert werden muss: Die Gesellschaft muss ueber den Unterschied zwischen Depressionen und depressiven Verstimmungen aufgeklaert werden. Depressiven wuerde es auch helfen, wenn nicht jeder der mal einen schlechten Tag hat mit den Begriffen "Depression" und "Burnout" rumwerfen wuerde. Wirklich depressiven Menschen schaemen sich hauefig weil sie vom schlecht informierten Umfeld mit "reiss-dich-zusammen"-Parolen oder "geh-an-die-frische-Luft"-Vorschlaege eingedeckt werden.

    • Ayreon
    • 31. Juli 2012 15:39 Uhr

    Da man eine Depression als (zwanghaftes) Denken negativer Gedanken bezeichnen kann, liegt die Vermutung nahe, dass durch diese Schocktherapie einfach die Denkleistung/Denkfähigkeit reduziert wird. Klar hilft das gegen Depression, aber es richtet eben auch mit hoher Wahrscheinlichkeit andere Schäden an. So lange man nicht sicher weiß, was genau dort eigentlich mit welchen Folgen passiert, ist die Anwendung der Methode ebenso wie die Werbung dafür ein böser Rückfall in mittelalterliche Medizin.

  5. Wer jemals das Leid eines an schwerer Depression erkrankten Menschen gesehen hat, damit konfrontiert war, dem kommen vielleicht nicht so leicht irgendwelche Nahrungsvorschriften in den Sinn oder Generalverdachte gegenüber der achso-bösen Medizin.

    Schwer depressive Menschen halten ihr Leben einfach nicht aus. Die Menschen töten sich selbst.

    Selbst wenn es lediglich eine symptomatische Therapie wäre, die bei richtiger Indikation ein halbwegs erträgliches Leben ermöglicht oder den Leidensdruck reduziert, ist den Patienten geholfen. Es gibt ja durchaus auch bei anderen - sagen wir somatischen - Erkrankungen diese Fälle, wo erst einmal symptomatisch behandelt wird.

    Bei schwerer Herzinsuffizienz gibt man Fingerhut also Digitalis - das verlängert laut Studien auch die Lebenszeit nicht, verbessert allerdings die Qualität dieser Zeit. So ideologisch, wie hier teilweise diskutiert wird, ist die Medizin längst nicht.

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    Viele Kommentare auf ZO zeigen leider immer wieder, dass man auch ohne Sachkenntnis eines Themas eine sehr dezidierte Meinung dazu haben kann. Schön, dass es auch Ausnahmen gibt.

    ist eine heilung oder starke linderung, auch ohne medikamentierung möglich. und zwar mit wirklicher gesundung.
    und ohne weiter abhängigkeiten.

    sie argumentieren sicherlich richtig, jedoch nicht auf dem stand neuer erkenntnisse.

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  • Schlagworte Depression | Therapie | Neurologie | Gehirn | Hirnforschung
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