Martenstein"Wer den Artikel nicht liefert, kann sich ein Attest geben lassen"

Harald Martenstein über eine neue Psychokrankheit namens Prokrastination

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Manche Leute denken, dass Kolumnisten aus einem inneren Drängen heraus Kolumnen schreiben, womöglich, um sich wichtigzumachen. Was mich betrifft: Ich tue es, weil es mein Beruf ist und meine Vorgesetzten mich dazu anhalten. Irgendwas muss man ja tun. Wer meine Kolumnen ärgerlich findet, kann mich zum Verstummen bringen, indem er mir einfach monatlich einen Geldbetrag zahlt, mit dem ich mein nicht etwa luxuriöses, sondern eher mittelklassemäßiges Leben fristen kann. Wenn ich schreiben muss, dann nehme ich mir vor, zu einer bestimmten Uhrzeit anzufangen. Wenn diese Zeit gekommen ist, meistens um neun oder zehn, und ich sitze nicht im Büro, beginne ich, die Küche zu putzen. Danach checke ich meine Mails. Anschließend gehe ich einkaufen und räume auf.

Ich fühle mich dabei nicht gut. Ich weiß genau, dass ich diese Dinge nicht deshalb tue, weil sie unbedingt getan werden müssten. Ich mache das, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen. Inzwischen weiß ich, dass es für dieses Verhalten, das Verschieben, einen Fachbegriff gibt. Er heißt »Prokrastination«, auf Deutsch: Vermorgung. Es gibt unglaublich viel Fachliteratur darüber, weil es eine Zeiterscheinung ist. In dem Standardwerk von Eliyan M. Goldratt wird Prokrastination auch »das Studentensyndrom« genannt. Man hat Versagensängste, kurzfristig droht ein Misserfolgserlebnis, im Falle des Gelingens aber zahlt sich der Erfolg erst mittelfristig aus. Mit diesem Widerspruch hängt es irgendwie zusammen.

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Betroffen sind angeblich 20 Prozent der deutschen Bevölkerung, in den USA 40 Prozent. Dort soll das demnächst als Krankheit oder Persönlichkeitsstörung anerkannt werden. Dann kann man, wenn man den Artikel nicht liefert, zum Arzt gehen und sich ein Attest geben lassen. Prokrastination ist das nächste große Ding der Psychoindustrie, das nächste ADHS. Literarisch haben sich bereits Kathrin Passig und Sascha Lobo sowie Max Goldt mit der Prokrastination auseinandergesetzt. Letzterem verdanke ich den Hinweis, dass man gewöhnliche Faulheit und das Krankheitsbild Prokrastination sehr leicht am morgendlichen Verhalten unterscheiden kann.

Wenn etwas Dringendes zu erledigen ist und der Wecker klingelt, dann bleibt der medizinisch unbedenkliche Faulpelz einfach liegen. Der Prokrastinationskranke dagegen steht auf. Aber er tut dann etwas völlig anderes als das, was getan werden müsste. Goldt zum Beispiel neigt dazu, nach dem Aufstehen Glühbirnen auszutauschen und das Fitnessstudio zu besuchen. Soziologisch gehört die Prokrastination zu der neuen Schicht »Prekariat«, Leuten, die keinen festen Job haben und sich ihren Tag selbst einteilen müssen. In früheren Jahrhunderten gab es keine Prokrastination. Wenn jemand eine dringende Aufgabe, auf deren Erledigung ein Chef wartete, einfach ständig aufschob, wurde diese Person im Altertum ausgepeitscht, im Mittelalter gevierteilt und im 19. Jahrhundert zur Zwangsarbeit auf die Teufelsinsel geschickt. Das Leben war unkomplizierter.

An der Uni Münster gibt es bereits eine »Prokrastinationsambulanz«, wo man sich behandeln lassen kann. Man soll die zu erledigende Aufgabe in kleine, realistische Schritte gliedern. Ich darf mir nicht vornehmen »Ich schreibe jetzt was«, sondern: »Ich setze mich an den Computer und denke fünf Minuten nach«. Was mich interessiert, ist die Frage, ob ich, falls ich von der Prokrastination geheilt werde, je wieder die Küche putze oder aufräume. Vermutlich eher nicht. Und das wäre dann schon die nächste Krankheit, Messie-Syndrom.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
    • Kometa
    • 19.07.2012 um 11:15 Uhr
    2. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ag

    • Behh
    • 19.07.2012 um 13:17 Uhr

    Als ich vor 6 Jahren zum ersten Mal von der "procrastination" gehört habe, hielt ich es für einen reinen Medienbegriff, mit dem wieder einmal Alltägliches zur berichtenswerten Nachricht aufgepeppt werden sollte. Gleichzeitig klang der Name nach Folter und versprach bestenfalls äußeres Wachstum.

    Jetzt scheint die Sache etabliert und anerkannt zu sein. Ab morgen bin ich dabei!

    9 Leserempfehlungen
  1. Ich procrastiniere mal nicht:
    Aus einer Ambulanz in die nächste?
    Ist das Ambulanzhopping?
    In der Zwischen-, der Wartezeit (für Kassenkunden) Ihre Kolumnen (laut vor-)lesen.
    Da lauschen die Erstsemester.
    Und suchen eine Vorlesung oder ein Seminar zu "Sprachkritik".

  2. Eigentlich muss ich nun einkaufen, aber vielleicht wird das Wetter noch besser? Also schreibe ich noch schnell einen Kommentar, der später sowieso keinen interessiert:

    Prokrastination halte ich für interessant, weil man das Aufschieben gegen alle Vernunft betreibt, bei sich aufstauenden Fristen noch mehr leidet und dann umso mehr aufschiebt. Ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr nur die äußeren Zwänge dafür verantwortlich macht, kann man schon von einem Problem sprechen, egal ob das nun in Mode ist oder nicht.

    Wirklich Mode ist es aber doch deshalb, weil so viele Journalisten darüber berichten (zum Beispiel Artikel-Recycling regelmäßig zu Semesterbeginn, Semestermitte und Klausurenzeit). Aus dem Alltäglichen wird eine Krankheit gemacht, die dann zwar akzeptiert wird, aber als Makel gilt. Kann man dann nicht bitte Erscheinungen aufgreifen, für die es sich lohnt, sie journalistisch zu hypen? Zum Beispiel "flüchtiges und anstrengungsloses Denken" (http://www.heise.de/tp/ar...), das jeder mehr oder weniger betreibt, aber bisher nur selten missbilligt wird. Wenn bald nicht nur ein Bestseller zu "klarem Denken", sondern ein ganzes Genre entsteht, dann haben ein paar Nicht-Aufschieber neues Buchmaterial und RTL 2 prangert die Denkfaulen in Scripted-Reality-Sendungen an. Der Rest geht weiter seines Weges.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...andererseits gilt auch, was Oscar Wilde sagte, dass Nichtstun nur dann wirklich Spass macht, wenn mein eigentlich etwas tun muesste. Ist die Aufgabe dann am Ende doch irgendwie in letzter Sekunde erledigt, fuehlt man sich nicht erleichtert, sondern eher "leer".
    Ich glaube daher fast, dass man die Prokrastination nicht "trotz" des Stresses betreibt, sondern eher um diese Perioden des besonders intensiven Stresses zu erzwingen, in denen einem gar nichts anderes uebrig bleibt, als sich dem lange Aufgeschobenen endlich zu stellen und es unter Aufbietung aller Reserven in einer durchgaengigen tour de force dann am Ende doch zum Abschluss bringt.

    ...andererseits gilt auch, was Oscar Wilde sagte, dass Nichtstun nur dann wirklich Spass macht, wenn mein eigentlich etwas tun muesste. Ist die Aufgabe dann am Ende doch irgendwie in letzter Sekunde erledigt, fuehlt man sich nicht erleichtert, sondern eher "leer".
    Ich glaube daher fast, dass man die Prokrastination nicht "trotz" des Stresses betreibt, sondern eher um diese Perioden des besonders intensiven Stresses zu erzwingen, in denen einem gar nichts anderes uebrig bleibt, als sich dem lange Aufgeschobenen endlich zu stellen und es unter Aufbietung aller Reserven in einer durchgaengigen tour de force dann am Ende doch zum Abschluss bringt.

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