Martenstein : "Wer den Artikel nicht liefert, kann sich ein Attest geben lassen"

Harald Martenstein über eine neue Psychokrankheit namens Prokrastination
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Manche Leute denken, dass Kolumnisten aus einem inneren Drängen heraus Kolumnen schreiben, womöglich, um sich wichtigzumachen. Was mich betrifft: Ich tue es, weil es mein Beruf ist und meine Vorgesetzten mich dazu anhalten. Irgendwas muss man ja tun. Wer meine Kolumnen ärgerlich findet, kann mich zum Verstummen bringen, indem er mir einfach monatlich einen Geldbetrag zahlt, mit dem ich mein nicht etwa luxuriöses, sondern eher mittelklassemäßiges Leben fristen kann. Wenn ich schreiben muss, dann nehme ich mir vor, zu einer bestimmten Uhrzeit anzufangen. Wenn diese Zeit gekommen ist, meistens um neun oder zehn, und ich sitze nicht im Büro, beginne ich, die Küche zu putzen. Danach checke ich meine Mails. Anschließend gehe ich einkaufen und räume auf.

Ich fühle mich dabei nicht gut. Ich weiß genau, dass ich diese Dinge nicht deshalb tue, weil sie unbedingt getan werden müssten. Ich mache das, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen. Inzwischen weiß ich, dass es für dieses Verhalten, das Verschieben, einen Fachbegriff gibt. Er heißt "Prokrastination" , auf Deutsch: Vermorgung. Es gibt unglaublich viel Fachliteratur darüber, weil es eine Zeiterscheinung ist. In dem Standardwerk von Eliyan M. Goldratt wird Prokrastination auch "das Studentensyndrom" genannt. Man hat Versagensängste, kurzfristig droht ein Misserfolgserlebnis, im Falle des Gelingens aber zahlt sich der Erfolg erst mittelfristig aus. Mit diesem Widerspruch hängt es irgendwie zusammen.

Betroffen sind angeblich 20 Prozent der deutschen Bevölkerung, in den USA 40 Prozent. Dort soll das demnächst als Krankheit oder Persönlichkeitsstörung anerkannt werden. Dann kann man, wenn man den Artikel nicht liefert, zum Arzt gehen und sich ein Attest geben lassen. Prokrastination ist das nächste große Ding der Psychoindustrie, das nächste ADHS. Literarisch haben sich bereits Kathrin Passig und Sascha Lobo sowie Max Goldt mit der Prokrastination auseinandergesetzt. Letzterem verdanke ich den Hinweis, dass man gewöhnliche Faulheit und das Krankheitsbild Prokrastination sehr leicht am morgendlichen Verhalten unterscheiden kann.

Wenn etwas Dringendes zu erledigen ist und der Wecker klingelt, dann bleibt der medizinisch unbedenkliche Faulpelz einfach liegen. Der Prokrastinationskranke dagegen steht auf. Aber er tut dann etwas völlig anderes als das, was getan werden müsste. Goldt zum Beispiel neigt dazu, nach dem Aufstehen Glühbirnen auszutauschen und das Fitnessstudio zu besuchen. Soziologisch gehört die Prokrastination zu der neuen Schicht "Prekariat", Leuten, die keinen festen Job haben und sich ihren Tag selbst einteilen müssen. In früheren Jahrhunderten gab es keine Prokrastination. Wenn jemand eine dringende Aufgabe, auf deren Erledigung ein Chef wartete, einfach ständig aufschob, wurde diese Person im Altertum ausgepeitscht, im Mittelalter gevierteilt und im 19. Jahrhundert zur Zwangsarbeit auf die Teufelsinsel geschickt. Das Leben war unkomplizierter.

An der Uni Münster gibt es bereits eine "Prokrastinationsambulanz", wo man sich behandeln lassen kann. Man soll die zu erledigende Aufgabe in kleine, realistische Schritte gliedern. Ich darf mir nicht vornehmen "Ich schreibe jetzt was", sondern: "Ich setze mich an den Computer und denke fünf Minuten nach". Was mich interessiert, ist die Frage, ob ich, falls ich von der Prokrastination geheilt werde, je wieder die Küche putze oder aufräume. Vermutlich eher nicht. Und das wäre dann schon die nächste Krankheit, Messie-Syndrom.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Sie sprechen mir aus der Seele

Lieber Herr Martenstein,
Sie sprechen mir aus der Seele. Wenn ich einen Artikel
schreiben muss, „prokrastiniere“ ich - je nach Jahreszeit
und Wetterlage - so: Ich sense unsere Hauswiese, guck
im Garten nach dem Gemüse, oder ich ordne die Bibliothek.
Meine Tochter kommt hier ganz nach dem Vater: Zum
Schulbus spurtete sie stets in letzter Minute, oder sie verpasste
den Bus (dann wurde halt das Taxi Papa geordert); morgen
wird meine Tochter bei der Abi-Schlussfeier ihres
Gymnasiums ihre Scheffelpreis-Rede halten – ihren Text
hat sie bis heute nicht fertig.
Gruss in die Uckermark vom Sensädängler

50 Arten Spaß mit Prokrustes

Als ich vor 6 Jahren zum ersten Mal von der "procrastination" gehört habe, hielt ich es für einen reinen Medienbegriff, mit dem wieder einmal Alltägliches zur berichtenswerten Nachricht aufgepeppt werden sollte. Gleichzeitig klang der Name nach Folter und versprach bestenfalls äußeres Wachstum.

Jetzt scheint die Sache etabliert und anerkannt zu sein. Ab morgen bin ich dabei!