InterventionenStillgestanden!

Angela Merkel unterstützte einst den Irak-Krieg des George W. Bush. Jetzt entpuppt sie sich als Gegnerin jeglicher Intervention.

Was hat Angela Merkel mit dem Aufstand in Syrien zu tun? Man weiß, dass der Westen vor einer Intervention gegen das Assad-Regime zurückschreckt. Die Gründe sind bekannt: Man hält das militärische Risiko für hoch, man will das Verhältnis zu Russland nicht bis zum Äußersten strapazieren und den Konflikt mit dem Iran nicht zusätzlich befeuern. Überwölbt werden diese konkreten Einwände allerdings von einer wachsenden Skepsis gegenüber militärischen Interventionen überhaupt. Die internationale Bereitschaft, notfalls auch mit Waffengewalt gegen gravierende Menschenrechtsverletzungen vorzugehen, ist im Schwinden begriffen. Kaum bekannt ist allerdings, dass sich Angela Merkel an die Spitze dieser Bewegung gesetzt hat. Aber es ist wahr. Deutschland wird heute von einer antiinterventionistischen Kanzlerin regiert.

Das überrascht, denn man hat die Kanzlerin noch nie öffentlich darüber reden hören, wie kritisch sie inzwischen über militärische Operationen denkt. Wenn überhaupt, so hat man Angela Merkel in der Frage von Krieg und Frieden als Bellizistin in Erinnerung. Aber das ist ja dann doch schon eine Weile her.

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Als Gerhard Schröder im November 2001 seine Koalition nur mithilfe der Vertrauensfrage dazu zwingen konnte, einer deutschen Beteiligung am Afghanistan-Einsatz zuzustimmen, fiel es der CDU-Vorsitzenden und ihrer Partei besonders leicht, unzweideutige Bündnissolidarität zu demonstrieren. Als regelrechte Gesinnungspolitikerin agierte Angela Merkel dann ein Jahr später in der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg. Mit einem bis dahin ungekannten Enthusiasmus stellte sie sich gegen Schröder und an die Seite des kriegsentschlossenen amerikanischen Präsidenten. Auf einer Washington-Reise im Februar 2003, wenige Wochen vor dem Angriff auf Saddam Hussein, kamen der deutschen Oppositionsführerin noch optimistische Betrachtungen darüber in den Sinn, ob der Nachkriegs-Irak nicht eine ähnlich positive Entwicklung nehmen könne wie Deutschland nach 1945.

Damals war Angela Merkel noch eine außenpolitische Dilettantin. Nachdem sich die rot-grüne Regierung unter heftigen internen Auseinandersetzungen dazu durchringen konnte, erst im Kosovo-Krieg 1999, dann in Afghanistan 2001, deutsche Soldaten einzusetzen, fand Merkel in der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg endlich einen Ansatzpunkt, um Schröder für seine vermeintlich antiamerikanische Haltung anzuprangern. Hier linke Pazifisten, da verantwortungsbewusste Christdemokraten, die, ohne mit der Wimper zu zucken, Bündnissolidarität üben – für einen Moment schien die politische Ordnung wiederhergestellt. 2003 war das Jahr von Angela Merkels Coming-out als politische Überzeugungstäterin: Im Frühjahr versuchte die Oppositionsführerin, Rot-Grün mit ihrer Amerikatreue auszustechen, im Herbst verkündete sie dann ihr verschärftes Reformprogramm, mit dem sie Schröders Agendapolitik noch in den Schatten stellte.

Doch so, wie die Reformbegeisterung Merkel beinahe das Kanzleramt gekostet hat, so entpuppte sich auch ihr Irak-Kriegs-Engagement bald schon als Belastung. Erste einschneidende Bekanntschaft mit dem deutschen Pazifismus hatte sie ja schon im Wahlkampf 2002 gemacht, als sie den Kanzlerkandidaten Stoiber in der Auseinandersetzung um Krieg und Frieden hatte scheitern sehen. Wie sehr Schröder mit seiner Kriegsskepsis die Deutschen für sich begeistern konnte, machte ihr nachhaltig Eindruck. Die tiefsitzende Aversion gegen den Krieg, die ihr vor allem in Ostdeutschland entgegenschlug, hat bei Angela Merkels schon früh eine Art pazifistischen Lernprozess in Gang gesetzt. Der wurde noch enorm beschleunigt, als sich der amerikanische Blitzkrieg gegen Saddam Hussein schon bald in ein auswegloses, blutiges Abenteuer verwandelte.

Merkel sieht sich im Fall Libyen nachträglich im Recht

Merkel dämmerte damals, wie sehr sie sich, getrieben durch innenpolitische Erwägungen, außenpolitisch vergaloppiert hatte. Doch ihre eklatante Fehleinschätzung in der Auseinandersetzung über den Irak-Krieg hat sie weder ihrer Partei noch der Öffentlichkeit gegenüber analysiert und korrigiert. Dasselbe gilt auch für die stille Abkehr von ihrer liberalen Reformagenda. Nun, so scheint es, erleben wir wieder eine unerklärte Kurskorrektur: Die antiinterventionistischen Schlussfolgerungen, die die Kanzlerin aus den militärischen Erfahrungen der letzten Jahre zieht, bleiben den Deutschen weitgehend verborgen.

Ein Unternehmen wie das UN-Projekt Unifil, bei dem die deutsche Marine vor der Küste des Libanon Waffenschmuggel unterbindet, oder ein zeitlich klar begrenztes Engagement wie das zur Sicherung der Wahlen im Kongo, das ist heute das militärische Einsatzspektrum, das sich die deutsche Kanzlerin guten Gewissens vorstellen kann. Dagegen sieht sie die großen militärischen Operationen der letzten Jahre, den Irak-Krieg, die Afghanistan-Intervention und selbst den Libyen-Einsatz als warnende Beispiele politisch-militärischer Selbstüberschätzung, die allesamt zum Scheitern verurteilt sind.

Erste sichtbare Konsequenzen zeigte Merkels innere Wandlung zur Interventions-Kritikerin in der deutschen Enthaltung zum Libyen-Einsatz. Erstmals seit Schröders Anti-Irak-Kurs sah sich die Bundesrepublik wieder massiven Zweifeln der Partner an ihrer außen- und bündnispolitischen Verlässlichkeit ausgesetzt. Nur diesmal war es die Befürworterin von einst, die nun selbst mit ihrer Zurückhaltung unter Rechtfertigungsdruck geriet. Aber Merkel hatte ja genügend konkrete Einwände gegen die Intervention parat, hinter denen sich ihre wachsende prinzipielle Skepsis leicht verbergen ließ.

Leserkommentare
  1. Die Libyer haben gerade eine weitgehend freie Wahl hinbekommen und sind auf einem Weg zu einer für arabische Verhältnisse sehr liberalen Demokratie! Man kann auch alles schlecht reden...

    Dass sich Deutschland daran nicht beteiligt hat, ist sehr traurig, aber auch demokratisch. So sind die Deutschen nun mal leider geworden: mutlos, egoistisch und gleichgültig.

    Eine Leserempfehlung
  2. wie in einem liberale Blatt wie der ZEIT, ständig von Interventionen geredet und die Kriegstrommel gerührt wird.

    Das deutsche Soldaten sich niemals wieder in fremden Ländern an Kriegseinsätzen beteiligen sollten, haben ja schon die „Menschenfreunde“ der Grünen und der SPD gekippt.
    Aber das inzwischen auch die ZEIT unverholen fordert, in fremde Länder einzumarschieren ist milde gesagt sehr befremdlich.

    Wir sollten froh darüber sein, dass Frau Merkel so zurückhaltend agiert.

    Und hören sie auf, an alle Länder dieser Erde unseren Maßstab der allein selig machenden „westlichen Demokratievorstellung“ anzulegen.
    Für die eine sind die Rebellen Helden, für die anderen Verbrecher. Die Geschichte schreibt immer der Sieger.

    Ach ja und um ehrlich zu sein, sehe ich nicht ein, warum deutsche Soldaten für die Sicherheit Israels garantieren sollen. Einem Staat, der seit seiner Gründung immer wieder selbst als Aggressor aufgetreten ist.

    Es reicht schon, wenn Israel mehrere Atomwaffen fähige U-Boote im Wert von Mrd. von DE geschenkt bekommt.

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    • Karst
    • 27.07.2012 um 9:48 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    • Karst
    • 27.07.2012 um 9:48 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    • Karst
    • 27.07.2012 um 9:45 Uhr

    Ob Merkel jetzt lernfähig ist oder die Ablehnung aus Opportunismus erwächst sei mal dahingestellt. Hauptsache die Konsequenz stimmt und die BRD tritt nicht noch mal in einen Krieg ein.

    Die Presse könnte sich solchen Murks in Zukunft aber bitte sparen:

    "Vielleicht lässt sich aus den Erfahrungen mit den Kriegen im Irak und in Afghanistan ja wirklich schließen, dass derart langwierige und opferreiche militärische Operationen zur Stabilisierung ferner Länder die Akzeptanz der Bürger westlicher Demokratien übersteigen."

    Dass es um die Stabilisierung anderer Länder geht, glaubt ihnen nun wirklich niemand mehr, der noch bei klarem Verstand ist.

    5 Leserempfehlungen
    • Karst
    • 27.07.2012 um 9:48 Uhr
    12. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    4 Leserempfehlungen
  3. Angela Merkel hat Georg W. Bush dabei unterstützt, dass er Krieg führen wollte um 1. Saddam Hussein wegen 9/11 zu bekämpfen und 2. Massenvernichtungswaffen zu finden. Es gab keine Beteiligung von Saddam an 9/11 und die Beweise für die Massenvernichtungsmittel waren gefälscht.

    Und nachdem die Lügen und die Folter bekannt waren, hat Angela Merkel - Georg W. Bush für schöne Bilder in Amerika zum privaten Grillfest eingeladen.

    Dass Niko Fried immer gerne nette Artikel über Frau Merkel schreibt, ändert daran nichts.

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    • -lupo-
    • 27.07.2012 um 11:07 Uhr

    Mein Kommentar (besser der link) war als Ergänzung zu Ihrem gemeint.

    • -lupo-
    • 27.07.2012 um 11:07 Uhr

    Mein Kommentar (besser der link) war als Ergänzung zu Ihrem gemeint.

  4. Das wäre sehr zu wünschen.

    Interventionen kennen ohnehin keine moralischen Motive, zumal auch Interventionen im Namen der Moral die Welt nicht verbesserten. Moralische Argumente liefern nur wohlfeile Begründungen. Tatsächlich entscheidend sind stets die Staatsräson bzw. die wohl abgewogenen nationalen Interessen.

    Diese dürfen aber, dem Geist unserer Verfassung gemäß, gerade nicht im Wege militärischer Gewalt durchgesetzt werden. Denn nach dem Willen des Verfassungsgebers soll der Einsatz unserer Streitkräfte allein der Selbst- und Bündnisverteidigung dienen.

    Leider hat das BVG in den 1990er Jahren unter Druck von Rotgrün im Wege einer fatalen Rechtsprechung trickreich einen Freibrief für militärische Interventionen aller Art erteilt, die im Rahmen eines nicht näher spezifizierten "Bündnisses der kollektiven Sicherheit" durchgeführt und mit dem nicht näher spezifizierten Zweck der "Herstellung der internationalen Sicherheit" begründet werden. Danach ist selbst die Beteiligung an Angriffskriegen (siehe Serbien), auch ohne legitimierendes VN-Mandat, möglich. Ein Unding!

    Alle Deutschen, die militärische Interventionen zu anderen Zwecken als der Selbst- und Bündnisverteidigung ablehnen, müssen daher immer für ein Parlament und eine Regierung sorgen, die es ablehnen, diesen Freibrief für die Durchsetzung von Interessen mit militärischer Gewalt in Anspruch zu nehmen.

    • -lupo-
    • 27.07.2012 um 11:07 Uhr

    Mein Kommentar (besser der link) war als Ergänzung zu Ihrem gemeint.

  5. "Deutschland wird heute von einer antiinterventionistischen Kanzlerin regiert."

    nur hat diese "antiinterventionistische" Kanzlerin,
    durch die Berufung eines Thomas de Maizière zum "Verteidigungs"minister und erstem Paladin, dann aber wohl einen schweren Fehler begangen!

    Oder wie lassen sich dessen Ambitionen mit der angeblichen "Friedensliebe" der Kanzlerin vereinen?

    http://suche.sueddeutsche...
    http://www.spiegel.de/suc...

    Anti(!!!!)- Interventionisten treten aber wirklich anders auf!

    MfG
    biggerB

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