Märchen werden selten wahr, aber immerhin beflügeln sie die Fantasie. Die Geschichte vom Milliardär Hasso Plattner, der Potsdam verschönern wollte, ist in der Stadt mit Begeisterung gehört worden, aber am Ende siegte das Misstrauen und verwandelte das Märchen in ein Lehrstück über die hochaktuelle, weit über Potsdam hinausreichende Frage: Wie viel privater Reichtum tut als Geschenk den öffentlichen Interessen gut? Und ab wann überfordert und unterminiert er sie?

Plattner hat sein Vermögen mit SAP verdient, jener deutschen Softwarefirma, die er 1972 als 28-Jähriger mitgründete und zu einem Global Player der Branche formte. Mit seinem Vermögen – es wird auf bis zu sieben Milliarden Euro geschätzt – engagierte sich Plattner bald nicht mehr nur als Hochseesegler. Er wurde zu einem der aktivsten Mäzene in Deutschland – und vor allem Potsdam profitierte davon; der gebürtige Berliner hatte sich offenbar wie so viele seit 1989 in die Stadt und ihre Kulturlandschaft verguckt. Für das 1998 gegründete »Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik« an der Universität Potsdam brachte er mehr als 200 Millionen Euro auf; das 2007 von ihm angeregte Gründerzentrum »Hasso Plattner Ventures« für junge IT-Firmen kann auf einen Wagniskapitalfonds von 50 Millionen Euro zurückgreifen, die hauptsächlich von ihm stammen. Gut 22 Millionen Euro spendete Plattner schließlich für eine historische Fassade und das Kupferdach bei der Rekonstruktion des alten Stadtschlosses, in das der Brandenburger Landtag einziehen wird.

Gegenüber vom Schloss nun hätte ein weiteres Geschenk des Milliardärs entstehen können: eine Kunsthalle, in der seine Privatsammlung ostdeutscher Kunst, Wechselausstellungen und nach seinem Tod jene Werke der klassischen Moderne aus seinem Besitz gezeigt werden sollten, die momentan noch an diversen Orten in der Welt verstreut sind. Kein Wunder, dass Potsdamer Augen leuchteten. »So einen Citoyen wird Potsdam kein zweites Mal finden«, jubilierte der vor Jahren zugezogene Moderator Günther Jauch.

Doch ein Hindernis gab es, das sich als unüberwindbar herausstellen sollte. Auf dem avisierten Gelände, dem einstigen Lustgarten des Schlosses, ragt seit mehr als vier Jahrzehnten ein 17-stöckiges Plattenbauhotel empor. Von oben genießt der Besucher den Blick – von unten ist der Bau ein Störfaktor in der historischen Stadtstruktur; die DDR-Stadtplanung wollte ihn bewusst so, als brachiales Zeichen der Moderne. Plattner hätte Kauf und Abriss finanziert; die Stadtoberen waren begeistert.

Doch da trat als böse Hexe die örtliche Linke auf den Plan, die den Plattenbau zur Erinnerung an die DDR-Architekturgeschichte erhalten sehen wollte. Plattner war irritiert, er habe sich nie einmischen und sein Projekt »gegen keinen einzigen Potsdamer« durchsetzen wollen; schließlich könne er den Bau auch auf seinem privaten Grundstück am Jungfernsee verwirklichen. Die Märchengeschichte bekam daraufhin eine Montagsdemo: Am 18. Juni versammelten sich Tausende Bürger auf dem Alten Markt, um »Plattnerhalle statt Plattenbau« zu fordern; unter den Rednern Günther Jauch, der Modemacher Wolfgang Joop und die Schauspielerin Nadja Uhl (ZEIT Nr. 26/12). Der sichtlich beeindruckte Milliardär, braun gebrannt unterm Basecap, schien bei seiner kurzen Ansprache wieder geneigt, sich auf den Standort am Schloss einzulassen. Kurzzeitig konnte die Koalition aus Prominenten und Bildungsbürgern, Altpotsdamern (Ost) und Neupotsdamern (West) hoffen, zumal auch der Hauptausschuss des Stadtparlaments sich mehrheitlich für das Projekt aussprach.

Bis Plattner endgültig absagte: In einem offenen Brief an den Oberbürgermeister erklärte er am 5. Juli, dass er sich nach den Diskussionen doch lieber auf sein privates Areal zurückziehen werde, »überhaupt nicht traurig, dass es mit der Nachbarschaft zum Schloss nichts wird«: »ein privater Bau kann nicht widerspruchsfrei an einem Standort wie dem Mercure Hotel erfolgen«. Aus der Traum, vorbei das Potsdamer Kunstmärchen? »Wie eine gute Fee ist Hasso Plattner den Potsdamern erschienen«, sagt Kurt Winkler, Direktor des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Er bedauert den Rückzug, doch sieht er auch: »Öffentlichkeit und Politik müssen die städtebaulichen und erinnerungspolitischen Probleme schon selber lösen, ohne dabei auf einen deus ex machina zu hoffen.« Winklers Haus zeigt jetzt die Bilder Plattners, schließlich hat sie außer ihrem Besitzer kaum jemand bisher gesehen.