KunsthallePotsdamer Sommermärchen

Zu schön, um wahr zu sein: Der Milliardär Hasso Plattner wollte der Stadt den Abriss eines Hochhauses und den Neubau eines Museums schenken. Die Bürger indes fühlten sich überrannt. von Alexander Cammann

Der TV-Moderator Günther Jauch (l.) unterhält sich während der Demonstration in Potsdam mit Hasso Plattner.

Der TV-Moderator Günther Jauch (l.) unterhält sich während der Demonstration in Potsdam mit Hasso Plattner.  |  © Bernd Settnik dpa/lbn

Märchen werden selten wahr, aber immerhin beflügeln sie die Fantasie. Die Geschichte vom Milliardär Hasso Plattner, der Potsdam verschönern wollte, ist in der Stadt mit Begeisterung gehört worden, aber am Ende siegte das Misstrauen und verwandelte das Märchen in ein Lehrstück über die hochaktuelle, weit über Potsdam hinausreichende Frage: Wie viel privater Reichtum tut als Geschenk den öffentlichen Interessen gut? Und ab wann überfordert und unterminiert er sie?

Plattner hat sein Vermögen mit SAP verdient, jener deutschen Softwarefirma, die er 1972 als 28-Jähriger mitgründete und zu einem Global Player der Branche formte. Mit seinem Vermögen – es wird auf bis zu sieben Milliarden Euro geschätzt – engagierte sich Plattner bald nicht mehr nur als Hochseesegler. Er wurde zu einem der aktivsten Mäzene in Deutschland – und vor allem Potsdam profitierte davon; der gebürtige Berliner hatte sich offenbar wie so viele seit 1989 in die Stadt und ihre Kulturlandschaft verguckt. Für das 1998 gegründete »Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik« an der Universität Potsdam brachte er mehr als 200 Millionen Euro auf; das 2007 von ihm angeregte Gründerzentrum »Hasso Plattner Ventures« für junge IT-Firmen kann auf einen Wagniskapitalfonds von 50 Millionen Euro zurückgreifen, die hauptsächlich von ihm stammen. Gut 22 Millionen Euro spendete Plattner schließlich für eine historische Fassade und das Kupferdach bei der Rekonstruktion des alten Stadtschlosses, in das der Brandenburger Landtag einziehen wird.

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Gegenüber vom Schloss nun hätte ein weiteres Geschenk des Milliardärs entstehen können: eine Kunsthalle, in der seine Privatsammlung ostdeutscher Kunst, Wechselausstellungen und nach seinem Tod jene Werke der klassischen Moderne aus seinem Besitz gezeigt werden sollten, die momentan noch an diversen Orten in der Welt verstreut sind. Kein Wunder, dass Potsdamer Augen leuchteten. »So einen Citoyen wird Potsdam kein zweites Mal finden«, jubilierte der vor Jahren zugezogene Moderator Günther Jauch.

Ausstellung

»Einblick und Ausblick. Werke aus der Sammlung Prof. Dr. Hasso Plattner«, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, 24. Juli bis 16. September 2012

Doch ein Hindernis gab es, das sich als unüberwindbar herausstellen sollte. Auf dem avisierten Gelände, dem einstigen Lustgarten des Schlosses, ragt seit mehr als vier Jahrzehnten ein 17-stöckiges Plattenbauhotel empor. Von oben genießt der Besucher den Blick – von unten ist der Bau ein Störfaktor in der historischen Stadtstruktur; die DDR-Stadtplanung wollte ihn bewusst so, als brachiales Zeichen der Moderne. Plattner hätte Kauf und Abriss finanziert; die Stadtoberen waren begeistert.

Doch da trat als böse Hexe die örtliche Linke auf den Plan, die den Plattenbau zur Erinnerung an die DDR-Architekturgeschichte erhalten sehen wollte. Plattner war irritiert, er habe sich nie einmischen und sein Projekt »gegen keinen einzigen Potsdamer« durchsetzen wollen; schließlich könne er den Bau auch auf seinem privaten Grundstück am Jungfernsee verwirklichen. Die Märchengeschichte bekam daraufhin eine Montagsdemo: Am 18. Juni versammelten sich Tausende Bürger auf dem Alten Markt, um »Plattnerhalle statt Plattenbau« zu fordern; unter den Rednern Günther Jauch, der Modemacher Wolfgang Joop und die Schauspielerin Nadja Uhl (ZEIT Nr. 26/12). Der sichtlich beeindruckte Milliardär, braun gebrannt unterm Basecap, schien bei seiner kurzen Ansprache wieder geneigt, sich auf den Standort am Schloss einzulassen. Kurzzeitig konnte die Koalition aus Prominenten und Bildungsbürgern, Altpotsdamern (Ost) und Neupotsdamern (West) hoffen, zumal auch der Hauptausschuss des Stadtparlaments sich mehrheitlich für das Projekt aussprach.

Bis Plattner endgültig absagte: In einem offenen Brief an den Oberbürgermeister erklärte er am 5. Juli, dass er sich nach den Diskussionen doch lieber auf sein privates Areal zurückziehen werde, »überhaupt nicht traurig, dass es mit der Nachbarschaft zum Schloss nichts wird«: »ein privater Bau kann nicht widerspruchsfrei an einem Standort wie dem Mercure Hotel erfolgen«. Aus der Traum, vorbei das Potsdamer Kunstmärchen? »Wie eine gute Fee ist Hasso Plattner den Potsdamern erschienen«, sagt Kurt Winkler, Direktor des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Er bedauert den Rückzug, doch sieht er auch: »Öffentlichkeit und Politik müssen die städtebaulichen und erinnerungspolitischen Probleme schon selber lösen, ohne dabei auf einen deus ex machina zu hoffen.« Winklers Haus zeigt jetzt die Bilder Plattners, schließlich hat sie außer ihrem Besitzer kaum jemand bisher gesehen.

Leserkommentare
  1. Von derart kleinbürgerlicher Kryptoostalgie sollte man sich nicht plattmachen lassen, sondern stattdessen die Platte plattmachen.

  2. "von unten ist der Bau ein Störfaktor in der historischen Stadtstruktur" Das ist nicht ganz richtig, denn die "historische Stadtstruktur" hört ja 1945 nicht auf, sich zu entwickeln. Auch das Mercure ist Teil davon.
    Meine persönliche Meinung ist, dass Potsdam nicht zu den schlechtesten Beispielen moderner Architektur gehört. Das Ensembel im Havelbogen, zu dem in gewisser Weise auch das Mercure als Landmark gehört, sowie die Fachhochschule, die man auf dem Bild zufällig im Hintergrund sieht, sind durchaus akzeptabel. Leider befinden sie sich in schlechtem baulichen Zustand.
    Das mag man sehen wie man will, über Geschmack lässt sich streiten. Aber das eigentliche Problem ist, dass das Ding einfach so weg soll. Nur, warum denn? Das muss gar nicht weg, denn das Schloss ist nicht mehr da, ebenso wie tausend andere Gebäude die ehemals diesen Ort ausmachten. Wollte man das alles wiederherstellen, dann bitte auch so konsequent sein, und die Brücke abreissen und die Durchfahrtstrasse schliessen. Denn der Verkehr ging ehemals rechts an der Schinkelkirche vorbei. Museum an diesem Ort? Auch eher fremd.
    Wegen dieser Doppelmoral bekommt der Abriss leider einen starken Geschmack vom Ausmerzen der "historischen Stadtstruktur", die ja der DDR immer so angekreidet wird (obwohl es im Westen genauso kahlschlagmässig zuging, man hat nur in den 80ern die Kurve gekriegt, während die DDR weiter auf industrielles Bauen gesetzt hat).

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    diesem Klotz -> http://schwartzaufweiss.files.wordpress.com/2012/07/img_00931.jpg und ästhetisch anspruchsvoller Architektur in der Traditionslinie des Bauhauses liegen Welten.

  3. diesem Klotz -> http://schwartzaufweiss.files.wordpress.com/2012/07/img_00931.jpg und ästhetisch anspruchsvoller Architektur in der Traditionslinie des Bauhauses liegen Welten.

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    Dazwischen liegen dieselben Welten, die zwischen Äpfeln und Birnen liegen.

    und Ästhetik gehören nicht wirklich zusammen. Eher schon Bauhaus und Funktionalität (form follows function). Was das Mercure allerdings mit Bauhaus zu tun hat, weiss ich nicht. Trotzdem ist dieser "Klotz" Teil der Architekturgeschichte, auch wenn wir unter Kurzsichtigkeit leiden und seinen Wert verkennen.

  4. ...ob Baden-Baden, Bernried, oder Potsdam: Besser wäre, die überflüssigen Milliarden zu verbrennen, das würde die Erträge für Betriebsrenten oder Lebensversicherungen wieder steigen lassen - und wäre eine weitaus sozialverträglichere Aktion als das dutzendste, überflüssige Privatmuseum.

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    Kennen Sie eigentlich den Satz: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein"?

    Wolfgang Joop scheint mit seiner Einschätzung jedenfalls goldrichtig zu liegen.

  5. Dazwischen liegen dieselben Welten, die zwischen Äpfeln und Birnen liegen.

    Antwort auf "Zwischen "
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    • eeee
    • 31. Juli 2012 13:48 Uhr

    genau wie die zwischen Äpfeln und Birnen.

  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au.

    • Zooey
    • 30. Juli 2012 19:48 Uhr

    Nun ist der schutzbedürftige Artefakt ein Plattenhochhaus. Jene konnten ja nicht schnell und gründlich genug die Mauer zum Verschwinden bringen - ein wahrlich schützenwertes historisches Monument, zum Gedenken an ein halbes Jahrhundert Bigotterie. Stattdessen Potemkinsche Schlösser.

  7. ja nicht unbedingt einen klassenkämpferischen Subtext dranstricken. Der Soupçon rührt - wie mich dünkt - wohl daher, dass Plattner als Milliardär als solcher schon verdächtig erscheint. Lächerlich!

    Hier geht es zunächst um die Frage, ob ein anästhetischer Bau per se schützenswert ist oder ob er nicht vielmehr weichen sollte. Auch wenn ich über die Qualität der Sammlung Plattners nichts sagen kann, aber sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und dazu einen mutmaßlich von der ästhetischen Qualität sehr viel besseres Gebäude ins Werk zu setzen ist wohl aller Ehren wert und auch unter stadtentwicklerischen Gesichtspunkten eine vielversprechende Idee.

    Aber der Spießermuff verklemmter Ostalgiker lässt sich halt nicht so leicht verscheuchen. Wie armselig!

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