Schwarzes Gold : Das Dorf, das Öl und das Böse
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Das Öl treibt die Mietpreise in die Höhe

Als wäre es ein Bild aus vergangenen Zeiten, ziehen die Pumpen in gleichmäßigem, einschläferndem Takt zwischen friedlich grasenden Rinderherden das Öl aus den Hügeln um Sidney. Die Fördergeräte greifen dank modernster Technik drei Kilometer tief und dann noch einmal drei Kilometer horizontal hinein in das poröse Schieferflöz und pressen mit einem Gemisch aus Wasser, Sand, Gel und Chemikalien massenhaft Öl und Gas nach oben. » Fracking« heißt diese umstrittene neue Methode, von der manche Wissenschaftler befürchten, sie könne Erdbeben hervorrufen und das Trinkwasser verseuchen.

Aber mit Umwelt- oder Klimaschutz beginnt man hier besser kein Kneipengespräch. »Willkommen in Saudi-Amerika!«, grüßt der Barkeeper in Sidneys Ranger Lounge, wo ein paar angetrunkene Ölarbeiter gerade ihren Lohn verpokern und Barack Obama gar nicht mehr so schlecht finden, seit er seine grünen Versprechungen von Energieeinsparung über Bord geworfen hat und stattdessen verkündet: »In meiner Amtszeit wird mehr Öl gefördert als in den acht Jahren zuvor, und es gibt mehr Bohrtürme als je zuvor.«

Es klingt darum wie ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen wider die Wirklichkeit, wenn Dorothy Mitchell sagt, Sidney solle sich wehren, und Pastor Paul Turek von der Faith-Alliance-Kirche auf der Kanzel wettert: »Nicht Geld und Öl sind die Wurzel allen Übels, sondern die Sucht danach.«

Die Weichen in Sidney stellen andere. Ölunternehmer Duane Mitchell zum Beispiel, der in den vergangenen Jahren dreihundert Leute eingestellt hat und jetzt für den Landrat von Richland County kandidiert, weil dort seiner Meinung nach immer noch zu viele Nostalgiker das Wort führen. Oder Bürgermeister Smelser, der bereits von einer Raffinerie und einer Pipelinefabrik am Stadtrand träumt. Er habe nichts gegen Windräder und Solarzellen, sagt er, »aber die harten Währungen sind Öl, Kohle und Gas«. Sie kennen die Begleiterscheinungen des Booms: ein Drittel mehr Straftaten, 50 Prozent mehr Verkehrsunfälle, Dreck, Lärm, raufwütige Männer, Alkohol, Drogen und raffgierige Vermieter, die einem Ölarbeiter für ein dunkles Kellerzimmer oder ein Bett in der Garage 1.500 Dollar im Monat abknöpfen. Doch Mitchell sagt: »Seit den Pioniertagen wird jeder Aufbruch in eine bessere Zukunft auch von Verbrechen, Habgier und Neid begleitet.«

Für drei winzige Zimmer will der Vermieter 2500 Dollar im Monat

Cowboystiefel auf dem Tisch und Laptop auf dem Schoß, zählt der Unternehmer zufrieden die Lastwagen, die in dieser Minute auf der Hauptstraße an seinem Büro vorbeidonnern: »Dreiunddreißig, vierunddreißig...,« manchmal seien es bis zu 7000 am Tag. Gleich um die Ecke, nur ein paar Hundert Meter weiter, wurde an jenem Januartag Sherry Arnold von ihren Mördern ins Auto gezerrt. Sie war Mitchells Nachbarin. »Ein furchtbares Schicksal«, sagt er, »aber trotzdem kein Menetekel, wie meine Mutter meint.« Aus dem Bürofenster zeigt er hinüber zum aufgemöbelten Rodeoplatz und zum neuen Amtssitz des Sheriffs, wo Arnolds Mörder auf ihren Prozess warten. Der Staatsanwalt hat die Todesstrafe beantragt. »Alles bezahlt mit Ölgeld!«, sagt er.

Das Öl beschert auch der 36-jährigen Ayde Rivera ihren Lebenstraum. Direkt gegenüber von Mitchells Büro, an der Holly Street, die hier vielleicht bald in Sherry-Arnold-Street umgetauft wird, hat sie sich für ein paar Tausend Dollar einen alten, braunen Container samt Küche hingestellt und will darin einen mexikanischen Schnellimbiss eröffnen. An einer Straßenkreuzung, wo täglich massenhaft hungrige Lastwagenfahrer vorbeikommen, ist das eine Goldgrube.

Die Riveras, deren Eltern aus Mexiko stammen, glauben, in Sidney das große Los gezogen zu haben. Als Rico Rivera im vergangenen Herbst in Kalifornien seine Arbeit als Holzfäller verlor und vom Ölrausch im hohen Norden hörte, packten die Riveras ihren Wohnwagen und siedelten mit sechs Kindern, der Freundin des ältesten Sohnes und Schäferhund nach Sidney über. Quasi über Nacht fanden sie alle einen Job. Nur eine feste Wohnung fehlt noch. Im Winter fror im Wohnwagen das Wasser ein. Vor Kurzem bot man ihnen ein Häuschen an, doch der Vermieter verlangte für drei winzige Zimmer 2500 Dollar im Monat plus 6500 Dollar Sicherheitsleistung. Also stapeln sich die Riveras weiter in ihrem 16 Quadratmeter großen Campinganhänger. Es wird schon gehen, sagen sie. Der älteste Sohn ist mit seiner Freundin bereits ausgezogen, und nach dem Sommer wird die 17-jährige Ericka aufs College gehen. Sie macht gerade ihren Schulabschluss, Sherry Arnold war ihre Mathelehrerin. »Die beste, die ich je hatte.«

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Begeisterung und Rückblick

Vor ein paar Jahren noch hätte sich niemand vorstellen können, daß der Ölpreis einmal so hoch wäre, daß man mit solch aberwitzigen Methoden Öl aus Ölschiefer kochen müsste.

Damals, als die konventionelle Ölförderung noch auf Hochtouren lief, hätte man "nichtmal den Amis" zugetraut, sich für ein paar Liter Öl in solchem Ausmaß ihre Umwelt zu zerstören und nachhaltig mit Chemikalien zu verseuchen.

Mittlerweile ist das offenbar Normalität. Die katastrophalen Folgen dieser Art von Ölförderung sind bestenfalls noch Randnotiz, obwohl sie den bekannteren ökologischen Problemen bei der Ölsandförderung in Kanada in nichts nachstehen.

So kann's gehen.
Das ist kein Eldorado. Das ist ein großes Bitterfeld. Darüber können auch Goldgräberromantik und der "American Dream" nicht hinwegtäuschen.

Das ist doch recht doof für Deutschland

Das ist aber nicht gut für Deutschland, das seit Jahrzehnten das Ende der weltweiten Ölvorkommen abwartet, damit wir endlich unsere "sauberen Ökotechnologien" in alle Welt verkaufen können. Naja jetzt verkauft halt China die Solarzellen und in Amerika haben sie ein riesiges Ölvorkommen gefunden, was sie auf jahrzehnte absichern wird.

Wenn man der Analyse aus dem Rolling Stone Magazine (lol) glauben schenkt, dann sind wir eh alle im Eimer und könnten hier in Deutschland langsam mal anfangen zu sagen: "Eijo das Kind ist in den Brunnen gefallen und wir können uns doch noch ein paar schöne Jahrzehnte machen, bis das Weltklima ganz im Eimer ist. Nur Kinder dürfen wir halt keine Mehr in die Welt setzen."

http://www.rollingstone.c...

Mal abgesehen...

...davon das Hummingbird schon etwas wahres gesagt hat, diese Art der Ölförderung kostet viel Wasser, viel Energie und richtet langfristige Ökologische schäden an.
Ich finde es immer wieder fazinierend wie Menschen z.B. in der Lage sind die klaren Nachteile der Solarenergie erleutern zu können, was beweist das sie zu komplexen Denkprozessen fähig sind, aber deren vorteile unter den Tisch fallen lassen. Bei den Fossilen Energieträgern, läßt dann das Abstraktionsvermögen dieser Menschen völlig zu wünschen übrig.

Die Menschheit ist, was Erdöl anbelangt, mit einem Alkoholiker vergleichbar. Wir verwüsten unsere Wohnung, auf der Suche nach dem letzen bisschen Stoff.

Da sind mir grüne Ökospinner doch wesentlich lieber, als diese ach so realistischen Wirtschaftsdogmatiker.

MfG

Also...

...da möchte ich nicht wiedersprechen. Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, sorry!

Aber ein kleines Detail noch. Ich glaube die Menschen wären etwas weiter, wenn sie nicht denken würde das Aktion XY nachteile für die Umwelt mit sich bringt, sondern in erste Linie für sich selbst. Denn Hand aufs Herz, wir bewegen aus egoistischen Motiven heraus wesentlich mehr, als aus altruistischen.

Übertragen auf ihren einleitenden Satz also...
"Ich sehe natürlich auch, dass der Ölboom nicht unbedingt ein Segen für Menschen ist."

Außerdem, wenn man Umwelt sagt, impliziert das merkwürdigerweise irgendwie das die Menschen nur indirekt betroffen sind. Sie denken dann meisten das in erster Linie von irgendwelche Kröten, Vögelen, Fischen oder Baumbeständen geredet wird. Denn sie betrachten die Umwelt häufig als etwas sehr abstraktes, das quasi erst an der Stadtgrenze beginnt.

MfG

Eigentlich nicht,

denn die Frage wie groß die tatsächlich vorhandenen Reserven an Erdöl tatsächlich sind, dazu gibt es - vorsichtig ausgedrückt - ziemlich widersprüchliche Aussagen. Fakt ist, der globale Verbrauch steigt weiterhin an und man muss kein Genie sein um zu erkennen: dies kann auf die Dauer nicht so weitergehen.
Was Martin Klingst berichtet, erinnert ein wenig an den "Goldrausch" in der Vergangenheit. Die entscheidende Frage ist aber, was bleibt von der dortigen Landschaft übrig, wenn denn das Erdöl restlos ausgebeutet wurde. Erdöl enthält eine ganze Reihe von Bestandteilen, die für Mensch und Tier giftig und krebserregend sind. Wenn bei der Förderung derartiges ins Grundwasser gelangt, hat dies mit Sicherheit Folgen, die für Generationen gravierend sind.
Es hat zwar direkt nichts mit dem Artikel zu tun, aber die Bilder der Dürre in den USA sprechen eine ganz eigene Sprache. Diese extreme Trockenheit in großen Gebieten kann durchaus eine direkte Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sein. Der Punkt ist, wenn wir da Gewissheit erhalten ist es eigentlich schon zu spät.
Man kann diesen Artikel als Symbol dafür interpretieren, wie sehr die Förderung von Erdöl immer noch als Garant von Wohlstand und Prosperität steht. Die Zeit nach dem Öl hat aber längst begonnen.

Argumente

"Der Afghanistankrieg wurde für Öl geführt?"
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Wollen Sie ausschließen, dass Öl beim Afghanistankrieg eine Rolle spielte?

"Die Irakis haben das Öl noch und es ist ihnen nicht abgepumt worden."
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Irrtum, die Irakis (bzw. US-Firmen) fördern kräftig.

"Was ist mir Nigeria?"
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Was soll damit sein? Googeln Sie mal.

"Sorry, aber ich diskutiere nicht mit Verschwörungstheoretikern. Das ist Zeitverschwendung."
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Stimmt, hat aber mit diesem Thema nichts zu tun. Oder gehen Ihnen nur die Argumente aus?