Schwarzes GoldDas Dorf, das Öl und das Böse

Riesige Ölvorräte in Montana machen eine Kleinstadt zum neuen Eldorado. Doch mit dem Geld kommt auch die Gier. von 

Als die alte Dorothy Mitchell neulich in der Kirche aufstand und laut klagte, der neue Ölreichtum bringe Mord und Totschlag, da mahnte ihr Sohn Duane sie sanft: »Vergiss nicht, ohne das Öl wären wir arm!« Als aber Dean Thorgersen, der seit 1950 auf der Hauptstraße eine Tankstelle betreibt, den plötzlichen Ölrausch für ein Verderben erklärte, da konnte Duane Mitchell nicht mehr an sich halten: »Nur weil auch zwei Verbrecher vom schwarzen Gold angezogen wurden?«, sagte er scharf. »Schlechte Menschen gibt es überall. Das Öl ist ein Gottesgeschenk, es sichert die Zukunft unserer Stadt – und die Zukunft Amerikas!«

Sidney am östlichen Rand des Bundesstaats Montana bestand bis vor Kurzem aus drei Banken, drei Schulen, drei Kneipen und 5.000 Einwohnern, von denen die Jüngeren nichts wie weg wollten, raus aus einer Welt, in der sich alles um Rinderweiden und Zuckerrübenfelder drehte. Heute strömen sie in Scharen in dieses Kaff, angezogen von gigantischen Öl- und Gasfunden unter dem Steppenboden. Einst lag Totenstille über der Prärie, jetzt röhren pausenlos Lastwagen über die Hügel, schaffen Wasser, Sand und Chemikalien zu den Fördertürmen, bringen Holz und Zement für den Bau sogenannter mancamps . Männerlager, so nennt man hier die provisorischen Unterkünfte für Tausende von Arbeitern, die Bohrloch um Bohrloch graben.

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Sidney platzt aus allen Nähten. Soeben hat der Schulrat einen Notplan aufgestellt. Die Zahl der Schüler wird sich in den nächsten drei Jahren fast verdoppeln, von 1.200 auf mindestens 2.200. Es fehlen Lehrer und Räume – und Geld im Etat. »Bald werden hier 10.000 Menschen leben«, sagt Bret Smelser, der Bürgermeister, dessen Urgroßeltern vor rund hundert Jahren aus Deutschland einwanderten und Schmelzer hießen. »Zehntausend, damit sind wir in Montana eine Großstadt.« Er lenkt seinen weißen Kleinlaster über einen staubigen Platz am Stadtrand. Dicht an dicht stehen hier an die hundert Wohnwagen, in ihnen drängen sich Sidneys neue Bürger manchmal zu fünft oder zu sechst. Manche hausen in Zelten. Es gibt keine öffentlichen Toiletten und keine Duschen. Smelser kurbelt das Fenster herunter und winkt drei Männern zu, die einen schwarzen Plastikstier auf den Platz schieben und sich den Feierabend mit Lassowerfen vertreiben. »Das sind fast alles gute, hart arbeitende Menschen«, sagt er und gibt Gas. »Dank des schwarzen Golds können sie in Sidney wieder den amerikanischen Traum leben.« Von dem Mord will er jetzt nichts hören.

Die Leiche der Mathematiklehrerin lag verscharrt auf einem Acker

Den Verlockungen des Öls folgten vor einem halben Jahr auch der 22-jährige Michael Spell und der 47-jährige Lester Waters. Die beiden arbeitslosen Männer aus Parachute, Colorado, waren mit ihrem 20 Jahre alten Ford Tag und Nacht bis Sidney durchgefahren, hatten sich mit Crack-Kokain wach gehalten. Im Morgengrauen des 7. Januar erreichten sie Sidney und erspähten auf einem Feldweg neben der Straße eine Joggerin. Sie stoppten und zerrten die Frau auf den Rücksitz. Die Leiche der 43-jährigen Mathematiklehrerin Sherry Arnold wurde erst zwei Monate später gefunden, verscharrt auf einem Acker, achtzig Kilometer weit entfernt, am Rande einer weiteren Ölstadt im benachbarten Bundesstaat North Dakota. Nur langsam sickern die Details ihres Martyriums durch.

Der Schock über das Verbrechen sitzt immer noch tief. Tausend Menschen halfen im Januar bei der Suche nach der Vermissten. Auch Thorgersen, der Tankwart, Bürgermeister Smelser und Ölunternehmer Duane Mitchell durchkämmten die Prärie. Dreitausend Bürger drängten Ende März zur Trauerfeier für Sherry Arnold in die Turnhalle der Highschool. Fast tausend neue Waffenscheine hat der Sheriff seither ausgestellt, die meisten für Frauen.

Mindestens 24 Milliarden Barrel Öl, so viel wie das Scheichtum Katar besitzt, womöglich sogar zwanzigmal mehr, lagern nach Schätzungen von Experten hier in einem gigantischen unterirdischen Schieferfelsen. Mehr als genug, um Amerikas Öldurst, der fast ein Viertel der weltweiten Produktion verschlingt, für einige Zeit zu stillen. Anderthalbmal so groß wie Deutschland ist die sogenannte Bakken-Formation, die sich von North Dakota über Montana bis in die kanadische Provinz Saskatchewan erstreckt. Die ersten Siedler, zu denen auch die Mitchells, die Thorgersens und später auch die Schmelzers gehörten, müssen Hellseher gewesen sein, als sie die Steppe an der Biegung des Yellowstone River urbar machten und »Richland« tauften, reiches Land.

Von einem »Glücksfall« schwärmt Präsident Barack Obama und sieht in der Bakken-Formation den Schlüssel für Amerikas Energieunabhängigkeit. An der New Yorker Wall Street prophezeit das Finanzunternehmen Goldman Sachs bereits, dass sich die USA in fünf Jahren nicht nur selbst werden versorgen können, sondern zum weltweit größten Ölverkäufer aufsteigen.

Leserkommentare
  1. Ich sehe natürlich auch, dass der Ölboom nicht unbedingt ein Segen für die Umwelt ist.

    Aber egal wofür, aus D kann fast alles geliefert werden. Seien es EE Technologien wie Windräder und Solarzellen oder Schiffe, Flugzeuge, Fahrzeuge und Kraftwerke für Öl, Gas und Kohle.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Mal abgesehen..."
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    ...da möchte ich nicht wiedersprechen. Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, sorry!

    Aber ein kleines Detail noch. Ich glaube die Menschen wären etwas weiter, wenn sie nicht denken würde das Aktion XY nachteile für die Umwelt mit sich bringt, sondern in erste Linie für sich selbst. Denn Hand aufs Herz, wir bewegen aus egoistischen Motiven heraus wesentlich mehr, als aus altruistischen.

    Übertragen auf ihren einleitenden Satz also...
    "Ich sehe natürlich auch, dass der Ölboom nicht unbedingt ein Segen für Menschen ist."

    Außerdem, wenn man Umwelt sagt, impliziert das merkwürdigerweise irgendwie das die Menschen nur indirekt betroffen sind. Sie denken dann meisten das in erster Linie von irgendwelche Kröten, Vögelen, Fischen oder Baumbeständen geredet wird. Denn sie betrachten die Umwelt häufig als etwas sehr abstraktes, das quasi erst an der Stadtgrenze beginnt.

    MfG

  2. 10. Also...

    ...da möchte ich nicht wiedersprechen. Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, sorry!

    Aber ein kleines Detail noch. Ich glaube die Menschen wären etwas weiter, wenn sie nicht denken würde das Aktion XY nachteile für die Umwelt mit sich bringt, sondern in erste Linie für sich selbst. Denn Hand aufs Herz, wir bewegen aus egoistischen Motiven heraus wesentlich mehr, als aus altruistischen.

    Übertragen auf ihren einleitenden Satz also...
    "Ich sehe natürlich auch, dass der Ölboom nicht unbedingt ein Segen für Menschen ist."

    Außerdem, wenn man Umwelt sagt, impliziert das merkwürdigerweise irgendwie das die Menschen nur indirekt betroffen sind. Sie denken dann meisten das in erster Linie von irgendwelche Kröten, Vögelen, Fischen oder Baumbeständen geredet wird. Denn sie betrachten die Umwelt häufig als etwas sehr abstraktes, das quasi erst an der Stadtgrenze beginnt.

    MfG

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "........."
  3. der Ölförderung, z. B. -> http://www.skepticalscien...

  4. Das aus Somalia? Oder vielleicht das vom Balkan? Die Berge von Sarajevo sind ja bekannt für ihr Ölvorkommen. Mal von den Scharfschützen abgesehen, die in Europa niemanden interessiert haben...

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Eine gute Nachricht"
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    Afghanistan, Irak, Nigeria, ... mal überlegen.

    • Karl63
    • 30. Juli 2012 8:44 Uhr

    denn die Frage wie groß die tatsächlich vorhandenen Reserven an Erdöl tatsächlich sind, dazu gibt es - vorsichtig ausgedrückt - ziemlich widersprüchliche Aussagen. Fakt ist, der globale Verbrauch steigt weiterhin an und man muss kein Genie sein um zu erkennen: dies kann auf die Dauer nicht so weitergehen.
    Was Martin Klingst berichtet, erinnert ein wenig an den "Goldrausch" in der Vergangenheit. Die entscheidende Frage ist aber, was bleibt von der dortigen Landschaft übrig, wenn denn das Erdöl restlos ausgebeutet wurde. Erdöl enthält eine ganze Reihe von Bestandteilen, die für Mensch und Tier giftig und krebserregend sind. Wenn bei der Förderung derartiges ins Grundwasser gelangt, hat dies mit Sicherheit Folgen, die für Generationen gravierend sind.
    Es hat zwar direkt nichts mit dem Artikel zu tun, aber die Bilder der Dürre in den USA sprechen eine ganz eigene Sprache. Diese extreme Trockenheit in großen Gebieten kann durchaus eine direkte Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sein. Der Punkt ist, wenn wir da Gewissheit erhalten ist es eigentlich schon zu spät.
    Man kann diesen Artikel als Symbol dafür interpretieren, wie sehr die Förderung von Erdöl immer noch als Garant von Wohlstand und Prosperität steht. Die Zeit nach dem Öl hat aber längst begonnen.

    2 Leserempfehlungen
  5. "Großer" als die in Saudi Arabien beschrieben, die USA könnten nach der Erschließung nicht nur den Eigenbedarf decken sonder sie könnten sogar Öl exportieren.

    Wenn das Alles so stimmt dann sollte die USA eigentlich kein Interesse mehr daran haben die Golf Region zu destabilisieren. Wenn die Prognosen denn mal so stimmen.

    2 Leserempfehlungen
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    größer als die Saudiarabiens..

    Solche Aussagen entstehen, Wenn gerne mal Ressoucen mit förderbaren Reserven verglichen werden , oder wenn die Amerikaner genauso unreflektiert wie die Europäer halbinformierte Artikel verbreiten..

    Am gigantischsten sind ja laut solcher Aussagen gar nicht die Reserven im Eagle Ford Shale und im Bekken, sondern die der Green River formation.

    Nur.. Dort drinn ist gar kein Öl, sondern .. nein nicht mal schieferöl... , sondern Kerogen, eine Vorstufe zum Öl, dass in der Konsistenz an Braunkohle erinnert.

    Sicher auch das zu fördern wird überlegt. Mit sogenannten Insitu verfahren..

    dafür wird ein Kubikkilometer Gestein in eine Gefrierwand eingepackt, ein Kraftwerk mit 1,2 GW Leistung daneben gestellt, und der Würfel noch im Boden, elektrisch für 3 Jahre auf 300-350 Grad Celsius erhitzt... Dann !! hat man das Öl und kann es fördern..

    Soviel dazu.. Genaugenommen sind solche Verfahren, die verzweifelte Kunst, die letzten Krumen aus der Pfanne zu kratzten..

    Aufwachen. Peak Oil ist jetzt .. und ist es erst in 15 Jahren, ist es auch höchste Eisenbahn ernsthaft umzusteuern..

    • urr
    • 30. Juli 2012 10:52 Uhr

    das die Amerikaner eine neue Methode gefunden haben, "Ihr" Land auszubeuten.

  6. größer als die Saudiarabiens..

    Solche Aussagen entstehen, Wenn gerne mal Ressoucen mit förderbaren Reserven verglichen werden , oder wenn die Amerikaner genauso unreflektiert wie die Europäer halbinformierte Artikel verbreiten..

    Am gigantischsten sind ja laut solcher Aussagen gar nicht die Reserven im Eagle Ford Shale und im Bekken, sondern die der Green River formation.

    Nur.. Dort drinn ist gar kein Öl, sondern .. nein nicht mal schieferöl... , sondern Kerogen, eine Vorstufe zum Öl, dass in der Konsistenz an Braunkohle erinnert.

    Sicher auch das zu fördern wird überlegt. Mit sogenannten Insitu verfahren..

    dafür wird ein Kubikkilometer Gestein in eine Gefrierwand eingepackt, ein Kraftwerk mit 1,2 GW Leistung daneben gestellt, und der Würfel noch im Boden, elektrisch für 3 Jahre auf 300-350 Grad Celsius erhitzt... Dann !! hat man das Öl und kann es fördern..

    Soviel dazu.. Genaugenommen sind solche Verfahren, die verzweifelte Kunst, die letzten Krumen aus der Pfanne zu kratzten..

    Aufwachen. Peak Oil ist jetzt .. und ist es erst in 15 Jahren, ist es auch höchste Eisenbahn ernsthaft umzusteuern..

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