Demonstranten in Buenos Aires, Mai 2002 © Fabian Gredillas/AFP/Getty Images

Man schrieb die neunziger Jahre, und wir Argentinier hatten gerade eine Inflation von 1923 Prozent überstanden, die die Hälfte der Bevölkerung in Armut stürzte. Aus Angst oder Unfähigkeit hatten wir dem Militär freie Hand gegeben, das entführt, gemordet und gefoltert hatte, in geheimen Konzentrationslagern. Wir waren am Ende, besiegt.

Dann bot man uns an, noch einmal zu träumen. Die Regierung behauptete, unsere Währung, der Peso, sei dem Dollar ebenbürtig. Fertig. Wir würden zur Ersten Welt gehören. Na klar! Wir hatten es ja verdient! Wir flogen zum Einkaufen nach Paris und feierten Weihnachten in New York. Wir kauften Häuser mit Krediten, die es nie zuvor gegeben hatte, wir kauften unglaubliche Geräte zu minimalen Raten. In diesen Tagen warb ein Restaurant in der Hauptstadt damit, »das teuerste der Welt« zu sein.

Die Fantasie wurde durch Kredite aus dem Ausland und den Verkauf staatlicher Unternehmen finanziert. Als beide Quellen zehn Jahre später versiegten, brach alles zusammen, und wir standen auf der Straße und forderten mit Gebrüll den Rücktritt der Politiker, die uns betrogen hatten, auf dass uns irgendjemand unsere Dollar zurückgebe – die wir natürlich nie wirklich besessen hatten.

In diesen unheilvollen Tagen, im Angesicht etlicher Krisen, gab es noch eine weitere, die tiefer ging: die Krise unserer Identität. Es sah aus, als sei unser Selbstbild zerstört worden, die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein, ein »europäisches« Land in Lateinamerika; der Glaube, nur aufgrund eines historischen und geografischen Unfalls hier, am unteren Ende der Weltkarte, gelandet zu sein.

Ich stamme aus einem Land, das von Europäern erfunden wurde. Sie haben die Ureinwohner vernichtet, um sie durch Millionen von Italienern, Spaniern und anderen Einwanderern vom Alten Kontinent zu ersetzen.

Ich stamme aus einem Land, in dem Nationen miteinander verschmolzen, das ihnen eine einzige Identität versprach; einem Land, in dem eine grausame Diktatur in den Jahren 1976 bis 1983 mit brutaler Ingenieurskunst versuchte, die Gesellschaft gewaltsam neu zu definieren. Einem Land, in dem alle sich als exilierte Europäer fühlen, rettungslos dazu verdammt, eine verwüstete Erde zu bewohnen.

Viele, die sich damit nicht abfinden wollten, brachen auf zu den Konsulaten und Flughäfen. Sie beharrten auf einer kollektiven Fantasie – und wurden zu Einwanderern in Europa.

Seit dem Staatsbankrott sind zehn Jahre vergangen. Für Argentinien waren es gedeihliche Jahre. Die Armut ist zurückgegangen, die Arbeitslosigkeit gesunken; die Produktion ist in chinesischem Ausmaß gestiegen, Löhne und Renten haben einen Wert erreicht, der das Wort verdient. Es gibt Probleme und Herausforderungen, die ignoriert werden, es gibt politische Streitereien, Geiz, Mittelmaß und einen Mangel an Visionen; und, natürlich, wir beschweren uns, jammern, rechnen mit dem Schlimmsten: Ich hab ja gleich gesagt, dass das nicht lange gut gehen würde, nein, mein Herr, es war wieder mal eine Illusion, hier wird jeden Moment alles in die Luft fliegen, so viel steht fest.

Alles in allem sind wir inzwischen, in vielerlei Hinsicht, ein fast normales Land – auch wenn uns das nicht gefällt und wir alles Mögliche tun, um es zu verhindern.