ArgentinienWir wären gerne ihr

Dieser Kontinent steckt voller Möglichkeiten! Europa und seine Krise, von Argentinien aus betrachtet. von Gabriel Pasquini

Demonstranten in Buenos Aires, Mai 2002

Demonstranten in Buenos Aires, Mai 2002  |  © Fabian Gredillas/AFP/Getty Images

Man schrieb die neunziger Jahre, und wir Argentinier hatten gerade eine Inflation von 1923 Prozent überstanden, die die Hälfte der Bevölkerung in Armut stürzte. Aus Angst oder Unfähigkeit hatten wir dem Militär freie Hand gegeben, das entführt, gemordet und gefoltert hatte, in geheimen Konzentrationslagern. Wir waren am Ende, besiegt.

Gabriel Pasquini

ist ein argentinischer Journalist und Autor. Zuletzt erschien von ihm der Roman Padres de la Patria. Außerdem gibt er die digitale Zeitschrift El Puercoespín heraus.

Dann bot man uns an, noch einmal zu träumen. Die Regierung behauptete, unsere Währung, der Peso, sei dem Dollar ebenbürtig. Fertig. Wir würden zur Ersten Welt gehören. Na klar! Wir hatten es ja verdient! Wir flogen zum Einkaufen nach Paris und feierten Weihnachten in New York. Wir kauften Häuser mit Krediten, die es nie zuvor gegeben hatte, wir kauften unglaubliche Geräte zu minimalen Raten. In diesen Tagen warb ein Restaurant in der Hauptstadt damit, »das teuerste der Welt« zu sein.

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Die Fantasie wurde durch Kredite aus dem Ausland und den Verkauf staatlicher Unternehmen finanziert. Als beide Quellen zehn Jahre später versiegten, brach alles zusammen, und wir standen auf der Straße und forderten mit Gebrüll den Rücktritt der Politiker, die uns betrogen hatten, auf dass uns irgendjemand unsere Dollar zurückgebe – die wir natürlich nie wirklich besessen hatten.

In diesen unheilvollen Tagen, im Angesicht etlicher Krisen, gab es noch eine weitere, die tiefer ging: die Krise unserer Identität. Es sah aus, als sei unser Selbstbild zerstört worden, die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein, ein »europäisches« Land in Lateinamerika; der Glaube, nur aufgrund eines historischen und geografischen Unfalls hier, am unteren Ende der Weltkarte, gelandet zu sein.

Ich stamme aus einem Land, das von Europäern erfunden wurde. Sie haben die Ureinwohner vernichtet, um sie durch Millionen von Italienern, Spaniern und anderen Einwanderern vom Alten Kontinent zu ersetzen.

Ich stamme aus einem Land, in dem Nationen miteinander verschmolzen, das ihnen eine einzige Identität versprach; einem Land, in dem eine grausame Diktatur in den Jahren 1976 bis 1983 mit brutaler Ingenieurskunst versuchte, die Gesellschaft gewaltsam neu zu definieren. Einem Land, in dem alle sich als exilierte Europäer fühlen, rettungslos dazu verdammt, eine verwüstete Erde zu bewohnen.

Viele, die sich damit nicht abfinden wollten, brachen auf zu den Konsulaten und Flughäfen. Sie beharrten auf einer kollektiven Fantasie – und wurden zu Einwanderern in Europa.

Seit dem Staatsbankrott sind zehn Jahre vergangen. Für Argentinien waren es gedeihliche Jahre. Die Armut ist zurückgegangen, die Arbeitslosigkeit gesunken; die Produktion ist in chinesischem Ausmaß gestiegen, Löhne und Renten haben einen Wert erreicht, der das Wort verdient. Es gibt Probleme und Herausforderungen, die ignoriert werden, es gibt politische Streitereien, Geiz, Mittelmaß und einen Mangel an Visionen; und, natürlich, wir beschweren uns, jammern, rechnen mit dem Schlimmsten: Ich hab ja gleich gesagt, dass das nicht lange gut gehen würde, nein, mein Herr, es war wieder mal eine Illusion, hier wird jeden Moment alles in die Luft fliegen, so viel steht fest.

Alles in allem sind wir inzwischen, in vielerlei Hinsicht, ein fast normales Land – auch wenn uns das nicht gefällt und wir alles Mögliche tun, um es zu verhindern.

Leserkommentare
  1. 1. danke

    von ganzem herzen

  2. Ein wunderbarer Artikel.

  3. Auch wenn sich das jetzt ziemlich platt anhört...ich glaube Argentinien und eigentlich ganz Südamerika beweist gerade, wieviel besser linke Politik eigentlich funktioniert.

    Egal ob das jetzt Argentinien oder Brasilien sind (mitte-links Regierungen) oder auch Bolivien oder Venezuela (sozialistische Regierungen). Der Aufstieg und die Verbesserung der Lebensumstände breiter Bevölkerungsschichten kam erst als die Rechten weg waren.

    Südamerika ist meiner Meinung nach die Region, die am meisten Potential hat mittelfristig ein nachhaltiges und gerechteres Wirtschaftssystem aufzubauen.

    Was sie auf jeden Fall bewiesen haben, ist dass der Bruch mit den USA bisher NUR Vorteile gebracht hat.

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    Brasilien ist natürlich das herausragendste Beispiel - aber Venezuela..? nach allem, was nan hier so lesen kann, lebt das Land vorallem von seinen Erölexporten, deren zugrundeliegende Industrie wird aber kaputtgewirtschaftet, weil Gelder für unbegrenzte soziale & linke Projekte weltweit asugegeben wird
    >nur weil gerade viele Leute davon profitieren, ist nicht es wohl zweifelhaft, dass dieses Wirtschaften lange gut geht
    (Investitionsstau)

  4. 4. Ja...

    ...ganz guter Artikel, auch wenn ich mir mehr ökonomische Details gewünscht hätte, um die Situation in Argentinien und der EU besser vergleichen zu können.

    Das Ende befremdet mich ein bisschen, Verschwörer und Einigkeit usw. das passt nicht wirklich zum Artikelinhalt und warum wir einen übergroßen Bundesstaat brauchen, erklärt es auch nicht. Ein zusätzlicher Vergleich EU und Schweiz wäre sicher fruchtbarer...

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    • joG
    • 29. Juli 2012 19:46 Uhr

    ....und festem Glauben. Erinnerte mich ein wenig an Babylon. Aber an Argentinien muss ich oft im Zusammenhang mit der Krise von Euroland denken. Zu große sozialprogramme wären halb so schlimm, wenn man die Flexibilität der eigenen Währung nicht weggeworfen hätte. Die Argentinier haben das unsinnige Project abgebrochen.

    • joG
    • 29. Juli 2012 19:46 Uhr

    ....und festem Glauben. Erinnerte mich ein wenig an Babylon. Aber an Argentinien muss ich oft im Zusammenhang mit der Krise von Euroland denken. Zu große sozialprogramme wären halb so schlimm, wenn man die Flexibilität der eigenen Währung nicht weggeworfen hätte. Die Argentinier haben das unsinnige Project abgebrochen.

    Antwort auf "Ja..."
  5. Brasilien ist natürlich das herausragendste Beispiel - aber Venezuela..? nach allem, was nan hier so lesen kann, lebt das Land vorallem von seinen Erölexporten, deren zugrundeliegende Industrie wird aber kaputtgewirtschaftet, weil Gelder für unbegrenzte soziale & linke Projekte weltweit asugegeben wird
    >nur weil gerade viele Leute davon profitieren, ist nicht es wohl zweifelhaft, dass dieses Wirtschaften lange gut geht
    (Investitionsstau)

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    Sicherlich ist Venezuela wirtschaftlich nicht mit Brasilien zu vergleichen. Trotzdem hat es sich seit Chavez sehr gut entwickelt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Politik von Chavez finden Sie z.B. hier:

    http://zmag.de/artikel/die-entwicklung-der-volksoekonomie-in-venezuela

    Was viele nicht wissen, ist dass Venezuela ein basisdemokratisches Land ist mit einer hochmodernen Verfassung, nach der sich so mancher Europäer (Amerikaner sowieso) die Finger lecken würde...

    Meiner meinung nach ist der dort praktizierte moderne Sozialismus das beste Wirtschaftsystem für Venezuela. Das heisst nicht, dass diese Wirtschaftsordnung auch für Deutschland passen würde. Aber dort und heute ist es das richtige.

  6. ...und allen die sie schätzen.
    Ob Pablo Neruda als Schriftsteller oder Mercedes Sosa, die sich von der Weltbühne mit einem Auftritt in Europa verabschiedet hat, ich danke diesen Künstlerinnen und Künstlern und denen, die an sie erinnern.

    Tiefes Vertrauen zum Leben hinter die Barrikaden von grenzenlosem Hass und nackter Gewalt zu retten, das lenkt in guter lateinamerikanischer Tradition den Blick vom eigenen ach-so-grossen Elend zu einer Menschlichkeit, in der wir verbunden leben könnten, so denn wir nur wollten.

    Europa ist m.E. nicht in erster Linie ein Projekt von Zocker-Ökonomen und "historischen" Politikern, sondern zuerst eine komplexe Erfahrung eines vielgestaltigen Lebens- und Kulturraumes, der mit Krisen leben kann (WKI und WKII eingeschlossen). Wenn wir uns Europa von Finanzhaien und Neidpolitikern nehmen lassen, könnte ein Traum an uns vorübergegangen sein.

    DANKE an den Autor des Artikels, an die Übersetzerin und an die ZEIT-Redaktion.

  7. Sicherlich ist Venezuela wirtschaftlich nicht mit Brasilien zu vergleichen. Trotzdem hat es sich seit Chavez sehr gut entwickelt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Politik von Chavez finden Sie z.B. hier:

    http://zmag.de/artikel/die-entwicklung-der-volksoekonomie-in-venezuela

    Was viele nicht wissen, ist dass Venezuela ein basisdemokratisches Land ist mit einer hochmodernen Verfassung, nach der sich so mancher Europäer (Amerikaner sowieso) die Finger lecken würde...

    Meiner meinung nach ist der dort praktizierte moderne Sozialismus das beste Wirtschaftsystem für Venezuela. Das heisst nicht, dass diese Wirtschaftsordnung auch für Deutschland passen würde. Aber dort und heute ist es das richtige.

    Antwort auf "@3 also "
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    ...den Link. Was mir an V gefällt, die machen offenbar nicht nur rein auf ökonomischen Masterplan, indem die Menschen nur beliebige Manövriermasse sind, sondern haben auch viele kleinteilige Experimente und Projekte. Zumindest wirkt es von außen so, mal sehen was noch daraus wird.

    Ich kenne mich mit Venezuela nicht so gut aus; aber die promovierte Frau aus Venezuela, die ich kenne, regt sich jedes Mal, wenn sie daheim war, wieder darüber auf, dass die Korruption unvergleichlich hoch ist. Für alles muss man zahlen. Und die, die mit der Regierung gut stehen, haben Vorteile: Leute wird ihr Land weggenommen, weil es ein Naturschutzgebiet werden soll; dann wird das Land an die Regierungsnahen für wenig Geld verkauft, die schönsten Filetstücke sozusagen.
    Wie gesagt, das ist das, was ich von ihr gehört habe. Aber sie macht auf mich einen vertrauenserweckenden Eindruck.
    Basisdemokratisch hört sich gut an, aber ob das dann auch so gelebt wird, ist ja die dringendere Frage.

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