Der Pirat und ich schweigen uns an. Hier, im Garten der Berliner Festspiele, den stickigen Veranstaltungsraum hinter uns, sind wir froh, nicht mehr reden zu müssen. Zwei Stunden lang haben wir zusammen auf einem Podium zum Thema Die Politik der Dreißigjährigen diskutiert. Ernüchtert habe ich meinen Eindruck von unserer Generation, den politisch Hilflosen, wiedergegeben: Weil wir nicht wissen, wie politisches Engagement heute funktionieren könnte, ziehen wir uns in unsere Lebenswelten, unsere Freundeskreise zurück, um uns dort unseren Karriereängsten und Facebook-Accounts zu widmen. Nur um uns insgeheim zu wünschen, dass uns dort irgendwer abholt. Die Welt sei zu komplex geworden, hatten mir junge Zuhörer resigniert bestätigt, Themen wie die Finanzkrise erscheinen zu groß, um sie anzugehen, gleichzeitig bleibt der Wunsch, nicht nur im kleinen, privaten Radius zu verharren, sondern etwas zu bewegen. Mutlos haben das Publikum und ich uns das Lamento über die eigene Politikferne hin- und hergereicht.

Und dann saß da Christopher, Fraktionsvorsitzender der Piraten, einer Partei, die aus ebendieser internetaffinen, politikfernen Generation geboren wurde. Könnte er vielleicht unser Hoffnungsträger sein, derjenige, der uns abholt und aus der politischen Apathie reißt? Oder ist er nur der Partei gewordene Beweis unseres kollektiven Schulterzuckens? Die Diskussion auf dem Podium hat auf diese Fragen keine Antworten geliefert. Zu scharf waren die Angriffe der Zuhörer auf die Piraten, zu chaotisch die Wortmeldungen, als dass eine wirkliche Diskussion hätte entstehen können.

Ein Gewitter braut sich zusammen, die ersten Blitze zucken am Himmel. Christopher und ich stoßen mit kühlem Bier an. Während er auf seinem Telefon eine SMS schreibt, klicke ich mich durch zu meinen Nachrichten, um meiner besten Freundin zu sagen, dass es später wird. Kurz lächeln wir einander an. Dann schauen wir hinunter auf unsere iPhones. Wir haben das gleiche Modell.

»Bringt es denn Spaß, jetzt so richtig Politiker zu sein?«, frage ich Christopher nach einer Weile. Mein Handy macht das komische saugende Geräusch, das es immer macht, wenn eine SMS versendet wird. Christopher nickt langsam. Abgeordneter zu sein sei aber auch viel Arbeit. Er klingt wie alle Leute in unserem Alter, die ihren ersten richtigen Job angetreten haben. Ich nicke verständnisvoll.

Die Grünen stehen für Umwelt, die CDU für Tradition – und ihr?

Christopher und ich sind fast gleich alt, Ende zwanzig. Wir sind uns nicht unsympathisch. Und die Welt, aus der wir kommen, scheint tatsächlich eine ähnliche zu sein. »Warum wähle ich dich eigentlich nicht?«, frage ich ihn. Auf einmal kommt es mir absurd vor, zwei Stunden lang auf einem Podium darüber zu klagen, wie unpolitisch wir alle sind, wenn ich doch einen Politiker aus den eigenen biografischen Reihen, noch dazu deren Chef, direkt vor mir sitzen habe. Wie kann es sein, dass er weder mich noch einen meiner Freunde mit seinem Engagement angesteckt hat?

Christopher legt sein Telefon weg. »Wir haben es geschafft, eine gemeinsam empfundene politische Unzufriedenheit zu bündeln und uns dafür wählen zu lassen«, hat er eben einer Frau aus dem Publikum auf die Frage geantwortet, was die Piratenpartei denn bislang eigentlich Großartiges geleistet habe. Auch mir hatte diese Leistung kurzzeitig imponiert. Aber sie allein ist noch kein Plan. Spätestens jetzt, da die Piraten gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, Wählerstimmen an sich zu binden – sollten sie da nicht endlich eine ernst zu nehmende Partei werden?

»Ihr braucht ein Manifest«, sage ich. Ein Programm, Inhalte für die Fragen, mit denen wir, die Jungen, uns so schwer tun, weil sie so schnell pathetisch klingen: Wie wollen wir leben? Was heißt Gesellschaft, was Gerechtigkeit? Welche Werte sind uns wichtig? Wenn über den Grünen Umwelt steht, über der SPD sozial, über der CDU Tradition, über der Linken links und über der FDP liberal, was wäre dann die Headline der Piraten? WLAN? Transparenz? Ratlose aller Länder, verkabelt euch?