Berlin im September 1937: Während der Nazi-Herrschaft hatte man die Promenade Unter den Linden für den Besuch des faschistischen Diktators Benito Mussolini geschmückt. © Keystone/Getty Images

Der deutsche Widerstand gegen das NS-Regime kannte viele Formen – und unterschiedlichste Motive: ob republikanische Solidarität oder Christenpflicht, ob Pazifismus, reine Menschlichkeit oder Vaterlandsliebe. Neben den Attentaten auf Hitler, die Elser und Stauffenberg wagten, gab es die Flugblätter und Handzettel der Roten Kapelle und der Weißen Rose, gab es die Predigten unbeugsamer Geistlicher, gab es die Arbeit des Kreisauer Kreises und manch anderer entschlossenen Runde, gab es die Kölner Edelweißpiraten und die Leipziger Meuten, gab es Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und Saboteure und die stillen Agitatoren der Freiheit.

Und es gab die direkte Hilfe für Verfolgte, wie sie Anton Schmid oder Oskar Schindler während des Holocausts geleistet haben und mit ihnen so viele andere, von denen etliche unbekannt geblieben sind. Sie versteckten Menschen, fälschten Papiere, kümmerten sich. Unter Lebensgefahr.

Doch nach 1945 wurde die Rettung verfolgter Juden nur unwillig als Widerstand anerkannt. Die meisten Helfer schwiegen. Erst 1958 begann der Westberliner Innensenator Joachim Lipschitz (SPD) damit, solche »unbesungenen Helden« zu ehren. Mehr als 1.500 Anträge gingen bis 1963 ein; doch nur 738 Frauen und Männer wurden geehrt und zum Teil mit einer kleinen finanziellen Zuwendung bedacht.

Zu denen, deren Antrag abgelehnt wurde, gehörte Hedwig Porschütz.

Warum? Hatte sie nicht auch geholfen und jüdische Menschen gerettet? War sie nicht verhaftet worden? Und dem Tod gerade noch entkommen?

Hedwig Völker, am 10. Juni 1900 in Berlin-Schöneberg geboren, stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Brauereiangestellter; er starb 1937. Ihre Mutter sollte sie später bei ihrer Hilfe für die Verfolgten unterstützen. Sie starb erst 1956. Nach der Schulentlassung 1914 ging Hedwig Völker auf eine Handelsschule und arbeitete anschließend als Stenotypistin, zunächst bei einer Fotozubehörfabrik in Berlin-Friedenau, später für die Barmer und die Lichterfelder Ersatzkasse.

Um 1926 heiratete sie den ein Jahr jüngeren Chauffeur Walter Porschütz, der zuvor auch als Kellner tätig war. Wir wissen nicht, wo das junge Ehepaar in dieser Zeit lebte. Während der Weltwirtschaftskrise offenbar arbeitslos geworden, begann Hedwig Porschütz als Prostituierte in jenem Milieu ihr Geld zu verdienen, das Alfred Döblin in seinem Roman Berlin Alexanderplatz so eindrucksvoll beschrieben hat.

1934 wurde sie wegen Erpressung zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Über ihr Leben in den dreißiger Jahren wissen wir wenig. Walter und Hedwig Porschütz wohnten in einer Anderthalb-Zimmer-Mansarde in der Alexanderstraße 5, unmittelbar gegenüber dem berüchtigten Berliner Polizeipräsidium.

Seit 1940 hatte Hedwig Porschütz engen Kontakt zu dem Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Als im Herbst 1941 die Deportation der Berliner Juden in die Vernichtungslager begann, entstand um Weidt und seine Werkstatt in der Rosenthaler Straße ein Netzwerk von Helferinnen und Helfern. Zu ihnen gehörte Porschütz. Obwohl als Vorbestrafte selbst gefährdet, war sie an vielen Hilfs- und Rettungsaktionen beteiligt. Ihr Mann blieb bis Kriegsende Soldat.

Seit Anfang 1943 arbeitete sie formell als Stenotypistin bei Otto Weidt und war mit diesem, wie die Zeugin jener Zeit, die jüdische Schriftstellerin Inge Deutschkron, berichtet, sehr vertraut. Sie kannte sich auf dem Schwarzmarkt bestens aus und brachte ihm Waren aller Art. Diese dienten nicht nur der Hilfe für verfolgte Menschen, sondern auch zur Bestechung von Beamten der Gestapo. Weidt war darauf angewiesen, wollte er die bei ihm beschäftigten Juden vor der Deportation schützen. Hedwig Porschütz blieb für Otto Weidt unersetzlich und die wichtigste Vertraute bei allen Schwarzmarktgeschäften.