PortugalBitte auf die Blumen treten!

Ein Wanderweg der raueren Art: Der Trilho dos Pescadores führt durch die Klippengebirge und stürmischen Buchten in Portugals Südwesten. von Wolf Alexander Hanisch

Marvão in der Region Alentejo in Portugal

Marvão in der Region Alentejo in Portugal  |  © Luis Davilla/Cover/Getty Images

Hätte ich eine Schwimmbrille einpacken sollen? Sonnenöl? Eine schickere Badehose? Auf dem Hinflug fing ich plötzlich an, über meine Ausrüstung zu grübeln. Schuld daran war das Bordprogramm, das für Portugals Ferienregionen warb und die Costa Alentejana, mein Reiseziel, als lupenreines Badeparadies präsentierte. Ich dagegen saß im karierten Wanderhemd vor dem Monitor, und meine Füße steckten in Bergstiefeln. Irgendwann fragte ich mich, ob hier nicht ein Missverständnis vorlag.

Doch das war gestern. Heute stehe ich mit Rucksack und Teleskopstock im Wind der portugiesischen Südwestküste und fühle mich genau richtig. Zwar gibt es auch hier Sonnenschirme, Sandburgen und Luftmatratzen in Krokodilgestalt. Gerade habe ich das alles in Porto Covo gesehen. Aber es genügten wenige Schritte hinter die Bucht des Ferienorts, um zu begreifen, dass es darum gar nicht geht an der Costa Alentejana; um zu spüren, dass man dieser Landschaft mit Sonnenbaden und Strandvolleyball nicht gerecht werden kann. Hier stürzt sich Europa mit Todesverachtung in den Ozean und versteckt unter Felsabbrüchen lauter menschenleere Buchten. Ich schaue die Küstenlinie entlang nach Süden, bis dorthin, wo alles im feuchten blauen Licht des Meeres verschwimmt, und weiß: Da muss ich hin.

Anzeige

Zum Glück hat Rudolfo Müller mir den Weg geebnet. Aus dem Trampelpfad, der sich vor uns auf den Klippen in Richtung Süden schlängelt, hat er in den vergangenen Jahren eine offizielle Wanderroute gemacht. Sie heißt Trilho dos Pescadores, wurde im Mai eröffnet und führt rund 100 Kilometer weit von Porto Covo im Norden bis nach Arrifana im Süden. In den nächsten drei Tagen werden wir zu zweit darauf unterwegs sein. »Kaum ein Portugiese wollte mir glauben, dass unsere raue Atlantikküste viel mehr zum Wandern taugt als zum Baden«, sagt Rudolfo und richtet sich den von Silberfäden durchzogenen Pferdeschwanz. Der Schweizer mit portugiesischem Pass lebt seit fast 30 Jahren an der Küste des Alentejo und kennt jeden Schleichweg. Darum hat er neben dem »Fischerpfad« auch den Caminho Histórico entwickelt, eine ungleich längere Route, die parallel im hügeligen Landesinnern durch Korkeichenhaine und Weizenfelder verläuft und erst am Cabo São Vicente am äußersten Südwestzipfels Europas endet. Beide Wege zusammen nennt Rudolfo die Rota Vicentina. Als er erzählt, wie er zwei Jahre lang die Strecken festlegte, Wegrechte klärte und Zugänge schuf, klingt er wie ein Vater, der vom Gedeihen seiner Kinder spricht.

Der vielleicht schönste Unterschied zum Gehen im Hinterland ist der salzige Atlantikwind, der unentwegt in den Haaren wühlt, alles Schwere wegzuwehen und gegen die Fährnisse der Welt zu wappnen scheint. Er hört auch nicht auf, als der Weg ein Stück landeinwärts in das von Blumen blinkende Auf und Nieder der Dünen führt. Weiße Zistrosen, knallrot flammender Klatschmohn und wilde Artischocken schaukeln in der Brise, violette Natternköpfe und gelb glimmender Alant. »Irgendetwas blüht hier immer«, sagt Rudolfo, der noch das unscheinbarste Kraut benennen kann. Als er sieht, dass ich versuche, den vielen dottergelben Blüten auszuweichen, die zu mir herauflächeln, schüttelt er den Kopf. »Mittagsblumen«, erklärt er. »Die breiten sich überall aus und ruinieren die Biodiversität. Da trittst du besser drauf.«

Karte Portugal
Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Stunde um Stunde begegnet uns kein Mensch. Am Nachmittag treffen wir zwei Männer vor gigantischen Felsbrocken, die wie Bauklötze eines Riesenkindes 20 Meter unter einer Klippe liegen. Auf einem der Steine sind radkappengroße Abdrücke auszumachen. »Elefantenspuren«, erklärt einer der Männer und überreicht seine Visitenkarte: ein Paläontologe. Die Spuren sind im Sand versteinert und jetzt, nach 125000 Jahren, aus den Wänden herausgebrochen. Der Trilho dos Pescadores steckt voller solcher Fossilien.

Die Elefantenfüße lassen mich an meine Waden denken. Die fühlen sich nach vielen Kilometern Gehen im Sand auch dick an. Umso schöner ist der Anblick von Vila Nova de Milfontes, das plötzlich hinter einer Felsnase auftaucht. Das Dorf funkelt in der Abendsonne, als sei es aus weißen Schachteln zusammengebaut. Mittendrin liegt die Pension Casa do Adro, in der wir übernachten werden. Im Türrahmen steht schon die Besitzerin mit breitem Begrüßungslächeln: Dona Idália. Müde und sonnendurchglüht trete ich ein – und fühle mich augenblicklich wie in einem Tempel zur Huldigung der Großmütter dieser Erde. Alte Uhren, goldgerahmte Kinderfotos, Puttenreliefs und Spitzendecken geben acht, dass die Welt ihren Sinn behält. Auf einem Tisch neben einer altmodischen Chaiselongue stehen Liköre und Schälchen mit Nüssen. Hier ankommen und sich wie ein Enkel fühlen sind eins. Dona Idália streicht über ihre geblümte Schürze und lächelt madonnenhaft. Seit 1785 gehört ihrer Familie das Haus.

Die Casa do Adro gehört zu den Casas Brancas, einem Netzwerk von 40 kleinen Unterkünften und 20 Restaurants entlang der Rota Vicentina. In den »Weißen Häusern« haben Touristen noch nicht die Atmosphäre vertrieben, die sie suchen. Rudolfo, der engagierte Enthusiast, ist der Präsident des Verbunds. Er versucht den Pensionen ebenso aufzuhelfen wie dem Wandergedanken. Und er hat ja recht: Gemütlichere Stationen als die Häuser mit ihren jovialen Inhabern können sich Wanderer kaum wünschen. Manche Besitzer kümmern sich sogar um den Transport des Gepäcks von Casa zu Casa.

Von Milfontes nach Zambujeira sind es eigentlich zwei Etappen. Wir versuchen, die Strecke am folgenden Tag in einer zu schaffen. Die Landschaft macht es uns leicht – ein Szenenwechsel folgt auf den nächsten, die Zeit vergeht wie im Flug. Mal streifen wir durch hüfthohes Gras, das an die Serengeti erinnert, mal fühlen wir uns im sonnendurchsprenkelten Gestrüppschatten wie Amazonasforscher. Mal ragen orangefarben zerklüftete Felsen auf wie im Bryce Canyon, mal sinken unsere Stiefel in Sahara-artigen Sand. Irgendwann laufen wir sogar über das Spielfeld von Real Madrid. Der Trilho dos Pescadores führt am aggressiven Grün eines Rasenproduzenten vorbei, der auch das Estadio Santiago Bernabéu beliefert.

Leserkommentare
  1. Diese Region im Südwesten von Europa fristet sein touristisches Leben im Schatten der Algarve und von Lissabon. Mit solchen Berichten hebt sich nur der Mantel der Vergessenheit und hervor kommen Naturschönheiten wie die Costa Alentejana, Sternenhimmel und weite Landschaften in denen Olivenbäume, Korkeichen und Schirmkiefern ihre Punkte setzen.

  2. unter diesem begriff gibt es in der gegend von Zambujeira einige wunderschöne landsitze, die zum wandern, radfahren und entspannen einladen. fernab vom trubel mancher orte an der Algarve wird im Alentejo wohltuend sanfter tourismus betrieben. hier vereinigen sich ruhe, wind, meer, steilküsten und malerische buchten zu einem nachhaltigen urlaubserlebnis.
    es lohnt sich im internet zu stöbern. hier nur ein hinweis (falls erlaubt): http://www.touril.pt/

  3. Ich hoffe, der Autor liefert uns noch einige Fortsetzungen
    zu dieser wunderschoenen, ruhigen und stillen Region in
    Portugal.
    Bemerkenswert ist vor allem, die Region reicht von der West-
    kueste bis zu den Mittelgebirgshoehen von Marvao, also
    zur spanischen Region Estremadura.

    Fuer jeden Geschmack ist dort etwas zu finden, im Moment
    geht die Korkernte dem Ende zu, die Luft ist erfuellt von
    leichtem "Eiswaffelgeruch", die Zikaden geben so manches
    Konzert in der nachmittaglichen Hitze.
    Die Weite und Unberuehrtheit steckt an, laedt ein zur Ruhe
    und Beschaulichkeit, liebevoll gepflegte Gassen und ein buntes Farbspiel aus vielen Pflanzen.

    Im Norte AlenteJano ist Marvao ein lohnendes Ziel, weite
    Blicke in die Region, im Herbst laedt das bekannte Kastanienfest viele Menschen in dieses Bergdorf ein, das
    Gruen der Waelder und Korkeichen mischt sich mit dem Herbstfarbspiel der Kastanie.

    .......und oft liegt einfach das mediterane Ambiente spuer-
    bar in der Luft.
    .....und noch so vieles mehr zu entdecken: Weinroute, Evora, Estremoz, Elvas, Portalegre, Castelo de Vida,.....

    www.cm-marvao.pt
    www.visitalentejo.pt

    MfG vom Tajo!

  4. Hallo Zusammen,

    wir haben im Laufe diesen Sommers eine Reisedokumentation voller nützlicher Tipps über den Fischerpfad im Südwesten Portugals fertiggestellt. Falls sie einen Wanderurlaub im Südwesten Portugals planen, finden Sie einen kleinen Eindruck unter:

    http://www.youtube.com/wa...

    Mit freundlichen Grüßen,
    Johannes

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Portugal | Wandern | Reise | Natur | Tourismus | Europa | Landschaften
Service